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Entwicklung eines heilpädagogischen Handlungskonzepts für junge Erwachsene im Wachkoma der Phase F

Musiktherapie als heilpädagogische Angebotsplanung

Hausarbeit 2012 55 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Entwicklung eines heilpädagogischen Handlungskonzepts für junge Erwachsene im Wachkoma der Phase F
1.1 Einleitung
1.2 Junge Erwachsene im Wachkoma der Phase F
1.2.1 Entstehung, Ursachen und Diagnose
1.2.2 Entwicklung und Prognose
1.2.3 Erschwerte (Lebens)Bedingungen für Patienten in Phase F
1.3 Begründung und Legitimität von heilpädagogischer Intervention
1.4 Geeignete interdisziplinäre und rehabilitative Maßnahmen
1.4.1 Das Affolter-Modell
1.4.2 Physiotherapie
1.4.3 Ergotherapie
1.4.4 Logopädie
1.4.5 Basale Stimulation in der Pflege
1.4.6 Kinästhetik
1.4.7 Musiktherapie
1.5 Ausblick

Literaturverzeichnis

2. Musiktherapie als heilpädagogische Angebotsplanung für junge Erwachsene im Wachkoma der Phase F
2.1 Einleitung
2.2 Musiktherapie
2.3 Musiktherapie zur Steigerung der Lebensqualität für junge Erwachsene im Wachkoma der Phase F
2.4 Angebotsplanung
2.4.1 Formulierung des Richtziels
2.4.2 Die Einheiten der Angebotsplanung
2.5 Ausführliche Darstellung einer exemplarischen Einheit
2.6 Fazit

Literaturverzeichnis

1. Entwicklung eines heilpädagogischen Handlungskonzepts für junge Erwachsene im Wachkoma der Phase F

1.1 Einleitung

Das Risiko lauert überall. Die Rede ist vom sogenannten Wachkoma. Sei es durch einen Unfall, eine Reanimation oder einem Schlaganfall, die Gefahr ins Wachkoma zu fallen, besteht für jeden in jedem Moment. In Deutschland erleiden jährlich etwa 100.000 Menschen ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, ca. 3.000 bis 4.000 Menschen verbleiben auf längere Dauer im Wachkoma.[1]

Ein bekannter Medienfall, ist das Lawinenunglück des niederländischen Prinzen Friso, der Anfang 2012 von einer Lawine verschüttet wurde. Durch lange Sauerstoffunterbrechung und Herzstillstand liegt er bis heute im Wachkoma.

Sich in die Lage eines Wachkomapatienten zu versetzen fällt vermutlich nicht nur mir sehr schwer. Auch aus diesem Grund habe ich mich dazu entschieden, eine Hausarbeit zu dem Thema Wachkoma zu schreiben. Zudem werde ich im fünften Semester meine Praxisphase in einem Wachkomahaus absolvieren. Da ich in diesem Bereich absolutes Neuland betreten werde, möchte ich mich durch diese Arbeit möglichst gut auf die anstehende Praxisphase vorbereiten. Im Mittelpunkt dieser Hausarbeit sollen die Entwicklung eines heilpädagogischen Handlungskonzepts sowie eine Angebotsplanung für junge Erwachsene im Wachkoma der Phase F stehen.

Zunächst werde ich unter medizinischer Betrachtung das Wachkoma erläutern, um so ein grundlegendes Verständnis zu erlangen. Dabei orientiere ich mich u.a. an der Entwicklung und Prognose von Wachkomapatienten und den damit verbundenen (Lebens)Bedingungen. Aufbauend darauf werde ich die heilpädagogische Intervention für Wachkomapatienten begründen. Im Anschluss daran werde ich unterschiedliche interdisziplinäre Handlungskonzepte aufzeigen, die als Therapieansatz für Wachkomapatienten von Bedeutung sind. Bevor ich zur Angebotsplanung im zweiten Teil der Hausarbeit komme, werde ich die Musiktherapie als Methode vorstellen.

Zudem möchte ich darauf hinweisen, dass in der folgenden Arbeit mit der Bezeichnung „Heilpädagogen“ immer die weibliche Form mit eingeschlossen ist. Im Übrigen gilt dies auch für die Bezeichnungen „Ergotherapeuten, pflegenden Fachkräften, Therapeuten, Heilerziehungspflegern, Kinästhetiktrainern, Musiktherapeuten sowie Bobath-Therapeuten oder Patienten bzw. Wachkomapatienten“. Außerdem werde ich die Bezeichnung „Patient bzw. Wachkomapatient“ anstatt Klient benutzen, da die Fachliteratur ebenfalls diese Bezeichnung gebraucht.

1.2 Junge Erwachsene im Wachkoma der Phase F

Unter der Bezeichnung „junge Erwachsene“ umfasse ich einen Personenkreis im Alter zwischen 18 und 27 Jahren. Die Bezeichnung wird in diesem Teil der Hausarbeit regelmäßig benutzt, jedoch ist anzumerken, dass sich die Therapieformen nicht von anderen Altersgruppen unterscheiden. Die Festlegung auf diese Altersbeschränkung habe ich lediglich nach meinem Interesse ausgewählt. Die Therapieformen sind für jede Altersgruppe identisch, dennoch verändert sich die Therapiegestaltung für die jeweiligen Altersgruppen.

1.2.1 Entstehung, Ursachen und Diagnose

Bei einem Wachkoma, das unter Medizinern auch als apallisches Syndrom bezeichnet wird, handelt es sich um eine der schwersten und komplexesten Schädigungen des Gehirns. Der Begriff „apallisches Syndrom“ wurde erstmals 1940 von E. Kretschmer beschrieben. Der Patient liegt wach da mit offenen Augen. Der Blick starrt geradeaus oder gleitet ohne Fixationspunkt hin und her. Auch der Versuch die Aufmerksamkeit hinzulenken gelingt nicht oder höchstens spurenweise […]. Trotz Wachsein ist der Patient unfähig zu sprechen, zu erkennen, sinnvolle Handlungsformen in erlernter Art durchzuführen.[2] Dies ist noch heute das weitverbreitetste Erscheinungsbild eines Wachkomapatienten. Nachdem das Interesse an diesem Krankheitsbild für fast drei Jahrzehnte verschwand, hat 1967 der österreichische Neurologe F. Gerstenbrand durch die Veröffentlichung seines Buches „Das traumatische apallische Syndrom“ dieses Krankheitsbild wieder zum Thema wissenschaftlicher Publikationen gemacht. Er wies bereits 1967 auf die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit einer konsequenten Rehabilitation und einer professionellen Betreuung der Wachkomapatienten hin,[3] die damals noch nicht der Professionalität, die wir heute kennen entsprach. Wenige Jahre später beschrieben die anglo-amerikanischen Autoren B. Jennett und F. Plum das apallische Syndrom und gaben diesem Krankheitsbild den Namen „vegetative state“ [vegetativer Zustand]. Dabei gingen sie aber nicht auf die mögliche Rückbildungsfähigkeit des Syndroms ein. Darüber hinaus schlugen sie für das Ausbleiben klinischer Besserung nach einem Monat den Begriff „persistent vegetative state“ (PVS) [anhaltender vegetativer Zustand] und für ein Ausbleiben klinischer Besserung nach einem Jahr den Begriff „permanent vegetative state“ (PVS) [dauerhafter vegetativer Zustand] vor.[4] Auf dieser Grundlage wurden 1994 in den USA die Ergebnisse der Multi Society Task Force on PVS veröffentlicht. Diese definiert die diagnostischen Kriterien eines Wachkomapatienten, worauf ich später noch genauer eingehen werde.

Ursache für das apallische Syndrom ist immer eine massive Schädel-Hirn-Verletzung beispielsweise infolge eines Unfalls, eines Schlaganfalls oder einer Gehirnhautentzündung. Betroffene wirken zwar wach, haben aber nach ärztlicher Sicht kein Bewusstsein. Grundsätzlich lassen sich zwei Ursachengruppen unterscheiden. Man unterscheidet zwischen traumatisch bedingtem Wachkoma und nicht traumatisch bedingtem Wachkoma. Das traumatisch bedingte Wachkoma entsteht in Folge einer massiven Gewalteinwirkung auf das Gehirn, speziell durch eine Schädigung der Gehirnrinde oder durch Zerstörung der Verbindungsbahnen zwischen Hirnrinde und Hirnstamm[5]. In vielen Fällen ist die Ursache auf einen Unfall zurückzuführen. Im Regelfall haben die Betroffenen bis zur Erkrankung am apallischen Syndrom die Biografie eines gesunden Menschen. Als Verursacher von nicht traumatisch bedingtem Wachkoma ist eine Vielzahl von Erkrankungen und auch exogenen Ursachen zu nennen. Alle jedoch haben eine längerfristige Sauerstoffunterversorgung oder Mangeldurchblutung des Gehirns, insbesondere der Gehirnrinde, zur Folge.[6] Prof. Dr. med. Andreas Zieger, Facharzt für Neurochirurgie, der sich viel mit der Thematik Wachkoma auseinandergesetzt hat, bringt die Schwere der Erkrankung auf den Punkt. Er besagt, Menschen im Wachkoma sind an Leib und Seele traumatisiert.[7]

Die Diagnose Wachkoma oder apallisches Syndrom ist nur schwer zu stellen. Es muss zwischen vielen wachkomaähnlichen Syndromen wie Koma, Narkose (künstliches Koma), Locked-in-Syndrom, Pseudokoma-formen wie akinetischer Mutismus und einigen Weiteren unterschieden werden.[8] Fehldiagnoseraten von bis zu 43% waren und sind heute noch keine Seltenheit.[9] Demnach bekommen viele Betroffene den Diagnosestempel „apallisch“ aufgedrückt. Die Diagnose wird von Medizinern gemäß den Kriterien der Multi Society Task Force on PVS gestellt. Zu den Kriterien gehören Verhaltenssymptome wie spontane Atmung, Erhalt der Herz-Kreislauf-Tätigkeit, kein Bedarf von lebenserhaltenden Apparaten, Dysregulation der vegetativen Funktionen z.B. erhöhter Blutdruck, erhöhte Herzfrequenz etc.. Zudem haben Betroffene im Wachkoma einen erschöpfungs- oder tageszeitlichen Schlaf-Wach-Rhythmus. Während den Wachzeiten sind die Augen geöffnet, wobei der Blick oft fixationslos bleibt. Außerdem sind bei Wachkomapatienten teils nur schwache Reaktionen auf Berührung oder Ansprache ersichtlich. Auch zielgerichtete Bewegungen oder absichtsvolle Versuche der Kontaktaufnahme sind von außen nicht erkennbar. Meistens ist der Schluckreflex erhalten und der Muskeltonus oft spastisch erhöht.[10] Die Diagnose des vegetativen Zustandes [also des Wachkomas] wird durch die mehrfache klinische Untersuchung und Verlaufsbeobachtung gestellt und ist durch keine apparative Methode beweisbar.[11] Diese mehrfachen Untersuchungen und Verlaufsbeobachtungen sind zur Vermeidung von Fehldiagnosen von erheblicher Bedeutung.

1.2.2 Entwicklung und Prognose

Das Wachkoma ist nicht zwingend ein bleibender Zustand, denn auch Wachkomapatienten entwickeln sich und können je nach Schwere der Schädigung des Gehirns weitgehend rehabilitiert werden.

Aber zunächst ab Beginn der Hirnschädigung: Erholt sich der Patient innerhalb von 2-3 Wochen nicht aus diesem Zustand der Bewusstlosigkeit d.h., beginnt er nicht zunehmend wacher zu werden, wieder zunehmendes Interesse an der Umgebung zu signalisieren und Aufforderungen zu befolgen, so kann aus dem akuten Koma schließlich ein Wachkoma entstehen. Es entstehen in der Folge zunehmend Primitivreflexe wie Saug- und Kaureflexe und enthemmte vegetative Symptome wie Speichelfluss, Temperaturschwankungen etc. treten in den Vordergrund. Zudem entwickelt der Wachkomapatient den typischen ermüdungsabhängigen Schlaf-Wach-Rhythmus, auch wenn er in den Wachphasen nicht wirklich wach ist, d.h. bei Bewusstsein ist. Zunehmend sind Beugestellungen der oberen Extremitäten und Beuge-Streckstellungen der unteren Extremitäten zu erkennen.[12] Diese Symptome entsprechen dem Erscheinungsbild eines Wachkomas, das bedeutet aber nicht, dass die Diagnosestellung hierdurch vereinfacht wird. In 80% der Fälle kommt es zu einer Remission (Rückbildung) des apallischen Syndroms, welche je nach Grad der Hirnverletzung unterschiedlich ausfallen kann. Beim traumatisch bedingten Wachkoma sind immer acht Remissionsstadien zu erkennen, welche ich in dem Rahmen dieser Hausarbeit nicht näher erläutern werde. Beim nicht traumatisch bedingten Wachkoma dagegen ist dieser klassische Ablauf oft weniger exakt nachzuvollziehen und Mischbilder aus verschiedenen Remissionsstadien sind wahrscheinlicher. Es ist einerseits zwischen der Rückbildung der Bewusstseinsstörung und andererseits der Rückbildung der Funktionsausfälle wie motorische Störungen, Sprach- und Sprechstörungen etc. zu unterscheiden.[13]

Die Rehabilitierungsphasen eines Wachkomapatienten sind ebenfalls von Bedeutung für die Entwicklung und den Verlauf eines apallischen Syndroms. Es wird zwischen sechs Phasen unterschieden. In Phase A findet die Akutbehandlung statt, sie erfolgt meist intensivmedizinisch. Der Patient liegt im Koma und es geht vorrangig um das Überleben der Verletzungen und um eine vitale Stabilisierung. In Phase B findet die Postakutbehandlung und/ oder, je nach Verletzungsgrad, eine Frührehabilitation statt. Der Patient in dieser Phase ist oftmals bewusstseinsgestört, verwirrt, unruhig, bewusstlos oder befinden sind im Wachkoma. In Phase C findet die Frühmobilisation statt und/ oder, je nach Verletzungsgrad, werden weiterführende Rehabilitationsmaßnahmen durchgeführt. Für nicht im Wachkoma liegende Patienten beschränkt sich das Hauptziel auf die Wiedergewinnung der Selbstständigkeit im Alltag.

Die Phase D beinhaltet die neurologische Rehabilitation, d.h. es werden Ziele wie Wiederherstellung der Erwerbsfähigkeit, Minderung krankheitsbedingter Behinderungen sowie psychosoziale Eingliederung durch umfassende rehabilitative Hilfen verfolgt. Die Phase D bezieht sich auf ambulante Nachsorge mit dem Ziel sozialer und beruflicher Wiedereingliederung. Die Phase F beinhaltet die Langzeitversorgung auf einer stationären Pflegestation oder wie in vielen Fällen die Pflege und Betreuung von zu Hause. Sich in Phase F befindende Patienten liegen weiterhin im Wachkoma. Hauptziel dieser Phase ist die Vermeidung von sekundären und tertiären Schäden und die Erfassung von Remissions- oder Verschlechterungstendenzen.[14] Jedoch kann die Rückbildung auch zu enormen Verbesserungen führen, sodass der Patient in eine andere Wohnform wechseln kann. In der Regel bleibt der Betroffene aber weiterhin schwerst pflegebedürftig.

1.2.3 Erschwerte (Lebens)Bedingungen für Patienten in Phase F

Alles ändert sich von jetzt auf gleich. In den meisten Fällen haben die Betroffenen vor der Erkrankung eine gesunde Biografie. Natürlich hadern die Betroffenen mit ihrem Schicksal, falls sie aus dem Wachkoma erwachen und wenn sie realisieren was ihnen widerfahren ist. Denn alles ist ab nun anders.

Bei meinem Literaturstudium zum Thema ist mir besonders die nahe Verbindung zum Thema „Tod“ aufgefallen. Immer wieder wird über die Kriterien von Leben und Tod diskutiert. Dies mag auch an der Einstellung der Ärzte liegen, denn fast die Hälfte amerikanischer Ärzte bezeichnet die „vegetative state“-Patienten, also die Wachkomapatienten als „beinahe tot“.[15] Aus den wenigen Erfahrungsberichten in der wissenschaftlichen Literatur kann aber geschlussfolgert werden, dass komatöse Menschen unbewusst die Außenwelt wahrnehmen.[16] Somit steht für mich auch nicht die Thematik „Tod“ zur Debatte, denn wie bereits erwähnt, bewältigt ein Wachkomapatient alle lebenserhaltenden vitalen Funktionen völlig selbstständig und ist nicht auf lebenserhaltende Apparate angewiesen. Dennoch ist der bisherige Alltag nicht wiederherzustellen.

Junge Erwachsene beginnen im Regelfall gerade damit ihr Lebensziel zu verwirklichen. Dabei stehen häufig Dinge wie Familienplanung oder Hausbau im Vordergrund, bei anderen ist gerade die berufliche Laufbahn und Karriere besonders bedeutend. Das Wachkoma sorgt, gerade in Phase F, für eine enorme Veränderung der bisherigen Zukunftsplanung.

Aus meinen wenigen theoretischen Vorerfahrungen weiß ich, dass sich das gesamte soziale Umfeld ändern kann. Anfangs ist es für Angehörige und Freunde zunächst ein enormer Schock die Nachricht eines schweren Verkehrsunfalls, einem Operationszwischenfall oder einer „missglückten“ Reanimation übermittelt zu bekommen. In den meisten Fällen bleiben die Angehörigen, anders als viele Freunde, dem Wachkomapatienten erhalten. Oft distanzieren sich Freunde nach einiger Zeit. Anfangs kommen sie regelmäßig, doch bleibt eine Verbesserung des Krankheitszustandes aus, nimmt der Kontakt nach und nach ab. Ferner bestehen aber gute Einflussmöglichkeiten auf die soziale Perspektive, beispielsweise durch häusliche Reintegration, durch Langzeitversorgung mit pflegerischen und therapeutischen Hilfen, durch Integration in eine Wohngruppe und durch Teilhabe am familiären und gesellschaftlichen Leben des Betroffenen mittels Bereitstellung von Mobilitätshilfen wie z.B. durch einen Rollstuhl.[17] Zwar sorgt dies auch nicht unbedingt für den Erhalt von Freundschaften, doch dem Betroffenen kann so ein Stück seines Lebens zurückgegeben werden.

Wie ich zu Beginn dieses Unterkapitels erwähnt habe, hadern die Patienten mit ihrem Schicksal, falls sie erwachen sollten und ihre Situation langsam begreifen. In diesem Fall kommt es nicht selten vor, dass die Betroffenen ihrer Umwelt aggressiv begegnen. Fries, Lössl und Wagenhäuser beschreiben, dass das Ausleben der Wut durch Streit, Aggressivität oder Impulsivität auch ein Vorgang der Krankheitsbewältigung sein kann.[18] Wobei ich die Aggressivität eher auf die Verzweiflung über das vorangegangene, verlorene Leben zurückführe. Gerade bei jungen Erwachsenen, die aus dem Wachkoma erwachen, stelle ich mir ihr Verhalten als besonders reizbar vor, denn oft sind sie es, wie oben bereits erwähnt, die ihre Lebensplanung durch das apallische Syndrom neu aufbauen müssen.

Zurück zu dem Alltag von jungen Erwachsenen, die sich in der Betreuungsphase F befinden: Die jetzigen Lebensbedingungen sind bestimmt von komplexer Vollzeitbetreuung- und pflege, den unterschiedlichsten Therapiebehandlungen und je nach Wohnform von Besuchen der Angehörigen und gegebenenfalls von Freunden. Vielleicht finden in diesem Alltag gelegentlich noch freizeitpädagogische oder heilpädagogische Angebote statt. Diese Lebensform ist nicht mehr mit dem Alltag, den der Betroffene vor der Erkrankung hatte, zu vergleichen. All seinen Interessen, die bei jungen Erwachsenen oftmals übermäßig ausgeprägt sind, kann der Wachkomapatient nun nicht mehr nachkommen.

[...]


[1] vgl. Geremek, 2009, 35

[2] Steinbach/ Donis, 2004, 4

[3] vgl. Steinbach/ Donis, 2004, 5

[4] vgl. Steinbach/ Donis, 2004, 5

[5] vgl. Steinbach/ Donis, 2004, 9

[6] vgl. Steinbach/ Donis, 2004, 9

[7] von Zieger (2006; zit. nach Zieger, 2011, 4)

[8] von Zieger (2005, zit. nach Zieger, 2011, 5)

[9] Geremek, 2009, 56

[10] vgl. Zieger, 2011, 5 f.

[11] Klein, 2000, 63

[12] vgl. Steinbach/ Donis, 2004, 16

[13] vgl. Steinbach/ Donis, 2004, 20

[14] vgl. Zieger, 2011, 11

[15] von Payne u.a. (1996; zit. nach Zieger, 2011, 15)

[16] Hannich/ Dierkes (1996; zit. nach Zieger, 2011, 5)

[17] vgl. Zieger, 2011, 14

[18] vgl. Fries/ Lössl/ Wagenhäuser, 2007, 35

Details

Seiten
55
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656374466
ISBN (Buch)
9783656375814
Dateigröße
581 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v209276
Institution / Hochschule
Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen
Note
Schlagworte
entwicklung handlungskonzepts erwachsene wachkoma phase musiktherapie angebotsplanung

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Titel: Entwicklung eines heilpädagogischen Handlungskonzepts für junge Erwachsene im Wachkoma der Phase F