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Edward Said und der Orientalismus

Welche Rolle spielt die Literatur in Bezug auf die Herausbildung des Orientalismus und seiner Bedeutung heute?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 20 Seiten

Kulturwissenschaften - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Orientalismus und seine Beziehung zur Literatur
2.1 Edward Said und seine Orientalismustheorie
2.2 François – René Chateaubriand und sein Orientbild
2.3 Alphonse Lamartine und sein Orientbild
2.4 Zwischenfazit

3. Kritik an Said

4. Ausblick auf die heutige Situation

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„ Für Edward Said ist der Orientalismus ein durch Wissenschaft, den Reisebericht und die fiktive Literatur elaborierter Diskurs, durch den sich Europa seiner politischen, sozialen, militärischen, wissenschaftlichen und kulturellen Überlegenheit über den Orient versichert, der als das grundsätzlich Fremde stilisiert wird.“[1]

Ausgehend von diesem Zitat möchte die Hausarbeit diese These prüfen, und weiter auf die Rolle und die Relevanz der Literatur in Bezug auf die Herausbildung und heutige Bedeutung des Orientalismus eingehen. Als Vertreter des Orientalismus wurde Edward W. Said mit seinem Werk „Orientalism[2] gewählt, da er die Orientalismusforschung salonfähig gemacht hat, aber er auch der erste war, der sich mit der Relation von Literatur und einer Herausbildung eines negativen Orientbildes durch letztere eingehend beschäftigte. Edward Said hat mit seinem Werk „Orientalism“ eine große Debatte losgetreten, was eine vielfältige und breit gefächerte Forschungsliteratur bietet. Insbesondere auf die Beziehung von Orientalismus und Literatur wird in zahlreichen Publikationen eingegangen.

Um das Entstehen des negativen Bildes des Orients in der Literatur, welches offensichtlich zur Entstehung des Orientalismus beigetragen hat zu verdeutlichen wurden zwei Beispiele aus der französischen Literatur gewählt. Erstens „Voyage en Orient“ von Alphonse de Lamartine[3] und zweitens „Itinéraire de Paris à Jerusalem“[4] von François - René Chateaubriand. Auf eine Zusammenfassung der Werke soll hinsichtlich des geringen Umfangs dieser Arbeit verzichtet werden und nur auf das von Lamartine und Chateaubriand gezeichnete Orientbild, im Hinblick auf die vorher aufgeführten Thesen von Said, eingegangen werden. Diese beiden Autoren wurden als Beispiele einerseits gewählt, da Orientalismus und Kolonialisierung eng verknüpft sind und somit die meisten Beispiele in der französischen und englischen Literatur zu finden sind, da diese Länder zu den größten Kolonialmächten gehörten. Andererseits greift auch Said diese beide Werke auf, da sie deutlich die sich bildende Dichotomie im Bezug auf den Orient aufzeigt und beide Autoren ein negativ konnotiertes Bild des Orients zeichnen.

Ausgehend von der Rolle der Literatur für die Entstehung des Orientalismus soll aber auch auf die Rolle des Lesers eingegangen werden und welche Vorgehensweise ein Leser befolgen muss um eine Vereinnahmung durch „fremdes“ Gedankengut zu entgehen. Hierbei soll auf das von Said entwickelte „contrapuntal reading“[5] eingegangen werden, was Said auch selbst als Lösungsansatz für die Orientalismusproblematik sieht und wieder einen direkten Bezug zur Literatur herstellt und eine Methodik vorstellt, wie wir als Leser mit der Literatur umgehen sollten. Diese Untersuchung soll zu einem kurzen Zwischenfazit führen und die bisherigen Untersuchungsergebnisse zusammenfassen um dann in einem nächsten Punkt kurz auf die Kritik an Said zu kommen mit dem Hauptaugenmerk auf Ibn Warraq und seiner Kritik an Said in: „Defending the West. A Critique of Edward Said's Orientalism“.[6]

Said legte einen Grundstein in der Debatte um den Orientalismus, die bis heute anhält und an Brisanz, gerade im Angesicht von Migrations- und Islamophobiedebatten, nichts verloren hat. Dazu soll kurz Iman Attia mit "Die westliche Kultur und ihr Anderes. Zur Dekonstruktion von Orientalismus und anti-muslimischem Rassismus“ und „Orient- und Islambilder. Interdisziplinäre Beiträge zu Orientalismus und antimuslimischem Rassismus.“[7] dienen. Des Weiteren soll betrachtet werden, inwiefern Literatur und Medien allgemein eine Rolle im Orientalismus heute spielen und ob die modernen Medien die Literatur in Bezug auf die Bildung des Orientalismus heute abgelöst hat.

Abschließend soll ein Fazit die Kernpunkte dieser Hausarbeit zusammenfassen und eine Beantwortung der Fragestellung beinhalten.

2. Der Orientalismus und seine Beziehung zur Literatur

2.1 Edward Said und seine Orientalismustheorie

Schon vor Edward Said's Werk „Orientalism“ gab es Veröffentlichungen zum Thema Orientalismuskritik.[8] Said beruft sich auch auf einige; wählt aber eine andere Herangehensweise an die Thematik: Said bezieht sich auch direkt auf die Rolle der Literatur und nicht nur auf die der Geschichte und geht dabei sogar so weit zu sagen, dass der europäische Imperialismus ohne den europäischen Roman gar nicht denkbar gewesen wäre.[9] Des Weiteren vereint Said die unterschiedlichen Ansätze aus verschiedensten Disziplinen wie Islamistik, Anthropologie, Linguistik, Soziologie etc. „zu einem interdisziplinären Fach“.[10] Nach Sardar ist jedoch der wichtigste Punkt, dass Said sich einerseits der Diskursanalyse nach Foucault bedient und andererseits einen Ansatz aus den Literaturwissenschaften benutzt wodurch er „orientalismuskritischen Kräften einen neuen strategischen Ort“ gibt.[11]

Im Folgenden sollen kurz die Hauptthesen Edward Said's aus seinem 1978 erschienenen „Orientalism“ aufgeführt werden. Seiner Meinung nach wird ein Bild des Orients erst von selbsternannten Experten erschaffen, da jeder der über den Orient schreibt oder über ihn forscht automatisch zum Orientalisten wird.[12] Für ihn bedeutet Orientalismus eine Auseinandersetzung mit dem Orient auf der Basis der besonderen Stellung des Orients in der westlichen Welt[13] und er sieht den Orientalismus als „a style of thought based upon an ontological and epistemological distinction made between „the Orient“and (most of the time) „the Occident“.[14] „Der „Orient“, wie er im „Westen“ in Kultur und Theorie konstruiert werde, gäbe es - so Said- nicht. Indem der „Orient“ kulturell als unzivilisiert, irrational, primitiv und minderwertig präsentiert werde, könnten die eigenen wirtschaftlichen und politischen Interessen im Zusammenhang mit der Kolonialisierung und dem Imperialismus als berechtigt legitimiert werden, mehr noch, sie würden als Segen für „die Anderen“ dargestellt.“[15] Obendrein sieht Said den Orientalismus als eine Art Archiv oder „Ideenfundus“[16], der es den Europäern ermöglichte das Verhalten der Orientalen zu erklären, sie auf bestimmte Merkmale zu reduzieren und erlaubt es den Europäern den Orientalen als ein „phenomenon possesing regular characteristics“ zu sehen.[17] Des Weiteren führt Said aus, dass es sich beim Orientalismus um westliche „public institutions“[18] handelt, die den Umgang und die Bilder, die vom Orient erzeugt werden, kontrollieren, erforschen und „Interpretationen autorisieren“ und somit zwingend auch für diese Bilder verantwortlich sind.[19] Seine Hauptthese, die sein ganzes Werk durchzieht besagt, dass die Texte über den Orient, also orientalistische Texte nicht nur zum Wissen über den Orient beitragen, sondern eine gewisse Realität schaffen und daraus wiederum eine Tradition entsteht auf die andere Orientalisten sich dann später berufen.[20]

Des Weiteren besteht der Orientalismus laut Said aus zwei verschiedenen Bereichen. Zum einen der akademische Bereich, in dem der Orient erforscht wird und das gesamte Wissen über den Orient systematisch verwaltet wird und zum anderen der imaginäre Bereich, „einem Ort der Mythen und Phantasien über den Orient“.[21] Unter diesen zweiten Bereich fällt offensichtlich auch die Literatur, die zur Schaffung der genannten Mythen und Phantasien wesentlich beiträgt und somit „alles andere als unschuldig und unbeteiligt an der Schaffung von Orientalismen“[22] ist. Der akademische Orientalismus und der imaginäre Orientalismus sind – laut Said- nicht zu trennen; das Wissen ist vom Imaginären durchzogen und sind gespickt von schon vorab gefassten Urteilen über den Orient. Außerdem durchziehen nach Said Strategien der Macht alle Beschreibungen des Orients. „Die Macht den anderen charakterisieren, repräsentieren und festschreiben zu können, ist mit politischer Macht, über ihn herrschen zu wollen, eng verbunden. So zeigt Said, inwieweit Europas Strategien des Erforschens und Repräsentieren des Orients letztendlich Strategien der Weltbeherrschung darstellen.“[23] Said beschreibt den Orient als „less a place than a topos“.[24] Kulturwissenschaftlich ist zwingend darauf hinzuweisen, dass es sich bei „Orientalism“ um ein Gründungswerk des „postcolonial turn“ handelt .[25]

[...]


[1] Die französische Literatur des 19. Jahrhunderts und der Orientalismus. Hg. von Michael Bernsen / Martin Neumann. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 2006, S. 1.

[2] Edward W. Said : Orientalism. London: Routledge & Kegan Paul 1978.

[3] Alphonse de Lamartine: Voyage en Orient, hg. von Sarga Moussa. Paris: Champion 2000.

[4] Chateaubriand, François – René de: Itinéraire de Paris à Jerusalem et de Jerusalem à Paris en allant

par la Grèce, et revenant par la Barbarie et l'Espagne, 3 Bd. Paris: Le Normant 1811.

[5] vgl. mit Edward W. Said: Culture and Imperialism. London: Vintage, 1993.

[6] Ibn Warraq: Defending the West. A Critique of Edward Said's Orientalism. New York: Promotheus Books, 2007.

[7] Iman Attia: Die „westliche Kultur“ und ihr Anderes. Zur Dekonstruktion von Orientalismus und antimuslimischem Rassismus. Bielefeld: Transcript Verlag 2009. / Orient- und Islambilder. Interdisziplinäre Beiträge zu Orientalismus und antimuslimischem Rassismus. Hg. von Iman Attia. Münster: Unrast Verlag 2007.

[8] Hier sollen der Vollständigkeit halber genannt werden: Maryam Jameelah, A.L. Tibawi, Anour Abdel-Malek, Hichem Djait, Marshall Hodgson und andere. Diese Theorien jedoch noch auszuführen lenkt jedoch von der Hauptthematik ab und würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Gut zusammengefasst wurden die entsprechenden Thesen von Ziauddin Sardar: Der fremde Orient. Geschichte eines Vorurteils. Berlin: Verlag Klaus Wagenbach, 2002, S. 87-100.

[9] Ziauddin Sardar: Der fremde Orient. Geschichte eines Vorurteils. Berlin: Verlag Klaus Wagenbach, 2002, S. 102. (im Folgenden zitiert als: Sardar, Fremder Orient)

[10] Sardar, Fremder Orient, S. 102.

[11] Sardar, Fremder Orient, S.102.

[12] Orientalische Sinnlichkeit und ornamentale Abstraktion. Flaubert und die Dichter um 1900. Hg. von Axel Dunker.

Marburg: Tectum Verlag 2010 (= Literatur - Kultur-Text: Kleine Schriften zur Literaturwissenschaft, Bd. 8), S. 17.

(im Folgenden zitiert als: Dunker, Orientalische Sinnlichkeit)

[13] Edward W. Said : Orientalism. London: Routledge & Kegan Paul 1978, S. 1. (im Folgenden zitiert als: Said, Orientalism)

[14] Said, Orientalism, S. 2.

[15] Die „westliche Kultur“ und ihr Anderes. Zur Dekonstruktion von Orientalismus und antimuslimischem Rassismus.

Hg. von Iman Attia. Bielefeld: Transcript Verlag 2009, S. 11. (im Folgenden zitiert als: Attia, Dekonstruktion)

[16] Sardar, Fremder Orient, S. 104.

[17] Said, Orientalism, S. 42.

[18] Aus welchen Institutionen genau sie sich zusammensetzen geht Said in Orientalism auf den Seiten 202-203 ein.

[19] Sardar, Fremder Orient, S. 104.

[20] Sardar, Fremder Orient, S. 104.

[21] vgl. Dunker, Orientalische Sinnlichkeit, S.18.

[22] vgl. Dunker, Orientalische Sinnlichkeit, S.18.

[23] Dunker, Orientalische Sinnlichkeit, S. 18.

[24] Said, Orientalism, S. 177.

[25] Doris Bachmann-Medick: Cultural turns. Neuorientierung in den Kulturwissenschaften. Zweite Auflage: Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 2007 (= Rowohlts Enzyklopädie, Bd. 55675), S. 188.

Details

Seiten
20
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656372165
ISBN (Buch)
9783656372318
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v209363
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Institut für neuere deutsche und europäische Literatur
Note
1,7
Schlagworte
edward said orientalismus welche rolle literatur bezug herausbildung bedeutung

Autor

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Titel: Edward Said und der Orientalismus