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Die Theorie des Wertewandels nach Ronald Inglehart

Hausarbeit 2010 24 Seiten

Didaktik - Politik, politische Bildung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Normen, Werte, Wertewandel
2.1. Begriff „Norm“
2.2. Begriff „Wert“
2.3. Begriff „Wertewandel“

3. Die Theorie des Wertewandels nach Inglehart
3.1. Die Mangelhypothese
3.2. Die Sozialisationshypothese
3.3. Synthese

4. Materialismus vs. Postmaterialismus
4.1. Ursachen für das Aufkommen postmaterialistischer Werthaltungen
4.2. „Kultureller Umbruch“

5. Einfluss des Wertewandels auf die politische Partizipation
5.1. Politische Aktivität
5.2. Parteien und Wahlverhalten

6. Bewertung
6.1. Kritik an der Empirie
6.2. Kritik an der Mangelhypothese
6.3. Kritik an der Sozialisationshypothese
6.4. Steigender Wohlstand
6.5. Mangelnde Falsifizierbarkeit

7. Schluss

Anhang

1. Einleitung

Seit der Industrialisierung erfolgen in der westlichen Welt technologische, wissenschaftliche und kulturelle Veränderungen in rasender Geschwindigkeit.

Diese Entwicklung hat sich sehr stark auf das subjektive Weltbild der Bürger der westlichen Welt ausgewirkt.

In den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts kam es in postindustriellen Nationen zu einem regelrechten Ausbruch aus tradierten Werten und Verhaltensmustern (z.B. „Hippie-Bewegung“, „68er“, „No-War-Movement“, Demonstrationen für mehr Gleichberechtigung…).

Diese Veränderungen in der subjektiven Wertbeimessung haben weiterhin angehalten, wenn auch nicht in solch radikaler Form, und werden häufig als „Wertewandel“ bezeichnet.

Ein zentrales Anliegen dieser Arbeit ist es, die Erklärung dieser Entwicklung mit Hilfe der sehr populären und häufig zitierten „Theorie des Wertewandels“ nach Ronald Inglehart zu vermitteln, Ingleharts Unterscheidung zwischen „Materialisten“ und Postmaterialisten“ herauszuarbeiten und die Bedeutsamkeit für die Erklärung politischer Aktivitäten in westlichen, postindustriellen Nationen herauszustellen.

Dazu ist es zuerst erforderlich die Begriffe Normen, Werte und Wertewandel zu klären.

Darauffolgend wird konstatiert, dass sich tatsächlich ein Wertewandel vollzogen hat, ebenso werden Ingleharts Hypothesen zur Erklärung des selbigen vorgestellt.

Im Anschluss daran werden die Ursachen dieser Entwicklung aufgeführt und es wird erläutert, in welchen Bereichen es zu einem kulturellen Umbruch gekommen ist.

Fortgesetzt wird diese Arbeit mit dem Einfluss des Wertewandels auf die politische Partizipation.

Abschließend erfolgt eine kritische Bewertung.

2. Normen, Werte, Wertewandel

Grundlage dieser Arbeit stellen die Begriffe Normen, Werte und Wertewandel dar.

Im Folgenden werden verschiedene Definitionen und Vorstellungen in den Mittelpunkt gerückt.

2.1. Begriff „Norm“

Normen finden sich in allen Kulturkreisen und schaffen eine gewisse Sicherheit und Regelmäßigkeit im gesellschaftlichen Zusammenleben.

Bahrdt definiert den Begriff „Norm“ wie folgt:

„Normen sind allgemein geltende und in ihrer Allgemeinheit verständlich mitteilbare Vorschriften für menschliches Handeln, die sich direkt oder indirekt an weitverbreiteten Wertvorstellungen orientieren und diese in die Wirklichkeit umzusetzen beabsichtigen. Normen suchen menschliches Verhalten in Situationen festzulegen, in denen es nicht schon auf andere Weise festgelegt ist. Damit schaffen sie Erwartbarkeiten. Sie werden durch Sanktionen abgesichert.“ (Bahrdt 1990, S.49)

In dieser Definition wird sehr deutlich, dass Normen in Abhängigkeit von Wertvorstellungen existieren. Erfolgt ein Wertewandel muss dies Auswirkungen auf geltende Normen haben.

2.2. Begriff „Wert“

Bahrdt stellt den Bezug von Normen auf Werte heraus, wenn diese sich nicht alleine auf subjektive Wertvorstellungen beziehen, sondern auf Wertvorstellungen, die eine allgemeine Geltung in einem Kollektiv haben können. (vgl. Bahrdt 1990, S.49)

Durch diesen Zusammenhang allein lässt sich allerdings der Begriff „Wert“ nicht definieren.

Lautmann stellt bereits 1969 fest, dass die Bezeichnung sehr inkonsistent verwendet wird: In 400 soziologischen Fachpublikationen, die sich mit „Werten“ beschäftigen, finden ca. 160 unterschiedliche Definitionen Verwendung. (Stammen in Häberle 1982, S.176)

Insofern sollte eine zur weiteren Arbeit geeignete Definition festgelegt werden.

Kluckhohn definiert „Wert“ als

„[…] eine Auffassung von Wünschenswerten, die explizit oder implizit sowie für ein Individuum oder für eine Gruppe kennzeichnend ist und welche die Auswahl der zugänglichen Weisen, Mittel und Ziele des Handelns beeinflusst“ (Stammen in Häberle 1982, S.177)

Diese Definition gibt eine klare Richtung vor, ist aber dahingehend unbefriedigend, worin die genannte „Kennzeichnung“ besteht und in welcher Weise „Beeinflussungen“ erfolgen.

Eine geeignetere Begriffsbestimmung stammt von Pappi:

„Wert wird allg. verstanden, als Maßstab, der das Handeln lenkt, z.B. i.S. des Nutzens, den die einzelnen Handlungsalternativen versprechen, so dass man sich für die Handlungsalternative mit dem größten erwarteten Nutzen entscheiden kann. Wert wird enger verstanden als gesellschaftliche Wertorientierung, d.h. als dauerhafte Orientierung einer Person im Hinblick auf das sozial Erwünschte. Wertorientierungen sind von spontanen Wünschen und von Bedürfnissen zu unterscheiden […]. (Pappi in Nohlen 2001, S. 574)

In dieser Definition wird die Orientierung im Hinblick auf den eigenen Nutzen und das sozial Erwünschte herausgestellt. Diese Sichtweise von „Werten“ ist zur Erläuterung von Ingleharts Theorie von Bedeutung.

Die Abgrenzung von „Werten“ zu Wünschen und Bedürfnissen wird bei der Bewertung von Ingleharts Thesen kurz thematisiert.

2.3. Begriff „Wertewandel“

Grundlage für Ingleharts Thesen ist die Beobachtung eines sogenannten „Wertewandels“.

Stammen bezeichnet den „Wertewandel“ wie folgt:

„Der Begriff „Wertewandel“ soll […] verwandt werden: als eine wertfreie Bezeichnung für die Veränderung in der Priorität der anerkannten Werte bei einem Individuum oder in einer Gruppe […].“ (Stammen in Häberle 1982, S.178)

Eine ähnliche Definition stammt von Pappi:

„Wertewandel wird in den Sozialwissenschaften allg. als Wandel grundlegender gesellschaftlicher Wertorientierungen verstanden; damit erfasst er einen wichtigen Teilbereich des kulturellen Wandels.“ (Pappi in Nohlen 2001, S. 575)

Meulemann stellt heraus, dass Werte immer in Beziehung zu anderen Werten stehen und somit die Veränderung eines Wertes nicht ohne Folgen für die Veränderung eines anderen Wertes bleiben kann.

Weiterhin hält Meulemann fest, dass der Wert „Selbstbestimmung“ zunehmend an Bedeutung gewinnt. (vgl. Meulemann 1996, S.35)

Diese steigende Bedeutung von Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung und Steigerung der Lebensqualität beschreibt Inglehart in seiner Theorie des Wertewandels, welche ohne Zweifel zu den am häufigsten zitierten und kritisierten Theorien innerhalb der Sozialwissenschaften zählt: Klages spricht von einem regelrechten „Inglehart-Phänomen“. (Klages 1992, S.12)

3. Die Theorie des Wertewandels nach Inglehart

Inglehart formuliert 1970 die Hypothese, dass sich die Wertprioritäten in der westlichen Welt verschieben, nämlich von materialistischen hin zu postmaterialistischen Einstellungen.

Gruppenzugehörigkeit, Selbstverwirklichung und Lebensqualität treten in den Vordergrund.

Das Streben nach physischem Überleben und physischer Sicherheit verliert an Priorität, traditionelle politische, religiöse, moralische und soziale Normen verlieren an Bedeutung.

(vgl. Inglehart 1989, S. 90)

Als allgemeine (aber nicht alleinige) Ursache für den Wertewandel nennt Inglehart das wirtschaftliche Wachstum in der westlichen Welt: Dieses hat zu großem Wohlstand sowie großer ökonomischer und physischer Sicherheit geführt.

(vgl. Inglehart 1989, S. 90)

Inglehart stellt die Grundlage seiner Überlegungen wie folgt dar:

„Die Theorie des Wertewandels basiert auf zwei Schlüsselhypothesen:

1) Die Mangelhypothese: Die Prioritäten eines Menschen reflektieren sein sozio- ökonomisches Umfeld: Den größten subjektiven Wert misst man den Dingen zu, die relativ knapp sind.
2) Die Sozialisationshypothese: Wertprioritäten ergeben sich nicht unmittelbar aus dem sozio- ökonomischem Umfeld. Vielmehr kommt es zu einer erheblichen Zeitverschiebung, denn die grundlegenden Wertvorstellungen eines Menschen spiegeln weithin die Bedingungen wider, die in seiner Jugendzeit vorherrschend waren.“ (Inglehart 1989, S.92)

3.1. Die Mangelhypothese

Die Mangelhypothese basiert auf Maslows Bedürfnishierarchie (vgl. Inglehart 1989, S.174).

Abraham Maslow, ein Vertreter der Humanistischen Psychologie, unterscheidet zwischen zwei unterschiedlichen Formen der menschlichen Motivation, nämlich zwischen „Mangelmotivation“ und „Wachstumsmotivation“.

Die menschlichen Bedürfnisse sind in einer bestimmten Reihenfolge festgehalten, welche in der sogenannten „Bedürfnispyramide“ beschrieben sind.

Das Fundament dieser Hierarchie bilden die biologischen Grundbedürfnisse, wie z. B. die Bedürfnisse nach Nahrung, Wasser, Sauerstoff, Sexualität…

Darauf folgen die Bedürfnisse nach Sicherheit und Bindung sowie Selbstachtung, Zugehörigkeit und Liebe.

Auf höherer Ebene finden sich die sogenannten Wachstumsbedürfnisse: Das Streben nach Wissen (kognitive Bedürfnisse), das Streben nach Schönheit (ästhetische Bedürfnisse) und die Bedürfnisse nach Selbstverwirklichung und Transzendenz.

Die Befriedigung der Bedürfnisse erfolgt von „unten“ nach „oben“, d.h., dass der Mensch zuerst die physischen und psychischen Grundbedürfnisse befriedigen muss, bevor er sich den Wachstumsbedürfnissen widmen kann. (vgl. Zimbardo 1992, S.352)

Das wichtigste Bedürfnis laut Maslow ist die Selbstverwirklichung, welche allerdings sehr schwer zu beschreiben und zu erfassen ist, da es sich um einen Prozess und nicht um einen Zustand handelt. (vgl. Lefrancois 2006, S.290)

Die folgende Abbildung soll die hierarchische Ordnung zwischen Grund- und Metabedürfnissen (Mangel- und Wachstumsbedürfnisse) nochmals verdeutlichen.

Abb.1:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Maslow hält fest, dass es bestimmte Bedingungen gibt (u.a.: Meinungsfreiheit, Gerechtigkeit, Fairness, Ehrlichkeit, Ordnung in der Gruppe…), die unmittelbare Voraussetzung für die Befriedigung grundlegender Bedürfnisse sind. Diese Bedürfnisse werden verteidigt, weil ohne sie die Grundbefriedigung erschwert wird. (vgl. Maslow 1981, S.74)

Weiterhin konstatiert Maslow, dass das Leben auf einem höheren Bedürfnisniveau die Lebensqualität und die Gesundheit verbessert und zu tieferem Glück, Gelassenheit und Reichtum des inneren Lebens führt. (vgl. Maslow 1981, S.128)

Interessant erscheint, dass „alle, die in ihren höheren wie auch niedrigeren Bedürfnissen befriedigt wurden, die höheren mehr werten als die niedrigeren.“ (Maslow 1981, S.129)

Des Weiteren proklamiert der Humanpsychologe: „Die Beschäftigung mit den höheren Bedürfnissen und ihre Befriedigung führt zu größerer, stärkerer und wahrerer Individualität.“ (Maslow 1981, S.130)

Um die Wertprioritäten empirisch zu erfassen, benutzt Inglehart bei Umfragen einen Item-Katalog, welcher im Wesentlichen auf Maslows Bedürfnishierarchie basiert. (Inglehart reduziert Maslows Original und ordnet „Zugehörigkeit“ und „Achtung“ postmaterialistisch ein, Maslow als Grundbedürfnis)

Abb.2:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Weiterhin teilt Inglehart die Auffassung Maslows, dass die Bedürfnisse in der beschriebenen Hierarchie befriedigt werden müssen.

Inglehart geht davon aus, dass sich die Wertprioritäten durch eine Veränderung der befriedigten Bedürfnisse wandeln: durch die erfolgte Befriedigung „materieller“ Bedürfnisse, wie dem Streben nach physischem Überleben und Sicherheit, widmet sich der Mensch eher den Bedürfnissen nach Zugehörigkeit, Wertschätzung, intellektueller und ästhetischer Befriedigung und Selbstverwirklichung. (vgl. Inglehart 1989, S.93)

3.2. Die Sozialisationshypothese

Gemäß Inglehart ist die Persönlichkeitsstruktur eines Menschen im Wesentlichen ausgebildet ist, wenn er das Erwachsenenalter erreicht hat. (vgl. Inglehart 1989, S.93)

Insofern hat sich bis zu diesem Zeitpunkt ein individuelles Wertesystem entwickelt, welches relativ stabil ist. Die Herausbildung dieser Wertprioritäten erfolgt während Kindheit und Jugend, welche Inglehart als „formative Jahre“ bezeichnet.

Herrschen in diesen „formativen Jahren“ wirtschaftliche und physische Sicherheit vor, so bezeichnet Inglehart dies als „formative Sicherheit“, welche zu eher postmaterialistischen Wertorientierungen führt. (vgl. Inglehart 1989, S.209)

Maslow stützt Inglehart’s Sozialisationshypothese indirekt unter anderem dadurch, dass er der Befriedigung von Bedürfnissen in der Vergangenheit eine gewisse Toleranz bei Entbehrung derselben Bedürfnisse in der Zukunft einräumt:

„Es sind genau jene Individuen, bei denen ein bestimmtes Bedürfnis immer befriedigt wurde, die am besten gerüstet sind, die Frustration dieses Bedürfnisses in der Zukunft zu tolerieren. Darüber hinaus werden diejenigen, die in der Vergangenheit an Entbehrung gelitten haben, anders auf die aktuellen Befriedigungen reagieren als jemand, dem nie etwas versagt wurde.“ (Maslow 1981, S.65)

[...]

Details

Seiten
24
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656394044
Dateigröße
732 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v209491
Institution / Hochschule
Universität Passau
Note
1,7
Schlagworte
inglehart wertewandel werte individualisierung pluralisierung gesellschaftlicher wandel

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