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Bericht eines Schulpraktikums an einer berufsbildenden Schule (BBS) im Fachbereich Wirtschaft und Verwaltung

Planung, Bericht und Analyse

Praktikumsbericht / -arbeit 2012 63 Seiten

Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Rahmenbedingungen
2.1 Die Schule
2.2 Die Beruflichen Gymnasien

3 Die Unterrichtsplanung für die 1./2.-Stunde am 04.10.2012 von 8.00 – 9.30 Uhr
3.1 Bedingungsfeldfaktoren
3.1.1 Schülerbezogene Faktoren
3.1.2 Lehrerbezogene Faktoren
3.2 Entscheidungsfeldfaktoren
3.2.1 Stellung der Lektion im Unterricht
3.3 Inhalts- und Zielentscheidungen
3.3.1 Sachanalyse
3.3.2 Stoffauswahl/ Inhaltsentscheidungen
3.3.3 Groblernziel
3.3.4 Feinlernziele Die Schüler
3.4 Methodische Entscheidungen
3.4.1 Stoffanordnung
3.4.2 Methodik
3.4.3 Aktionsformen
3.4.4 Sozialformen
3.4.5 Medien
3.4.6 Lehr- und Lernzielkontrolle
3.5 Tabellarische Verlaufsplanung
3.6 Kritische Stellungnahme zur Durchführung des Unterrichtsversuchs

4 Theorie-Praxis-Diskussion zum Thema Lehrerkooperation
4.1 Begründung des Untersuchungsgegenstandes
4.2 Definition von Lehrerkooperation
4.3 Formen von Lehrerkooperation
4.3 Praktische Umsetzung von Lehrerkooperation an der BBS XYZ
4.4 Schlussbetrachtung

5 Abschließende Stellungnahme zum Unterrichtspraktikum

Literaturverzeichnis

Anlagenverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

„Der Praxisschock war so hart, dass ich mir sicher war, diesen Beruf nicht weiter ausüben zu können“[1]

Dieses Zitat aus dem Artikel „An meiner Freundlichkeit wäre ich beinahe gescheitert…“ (2006) von Jörg Siewert macht deutlich, dass der sogenannte „Praxisschock“ manchmal so groß sein kann, dass sich eine Lehrkraft außer Stande fühlt, ihren Beruf wirklich ausüben zu können, ohne dies vorher gemerkt zu haben. Zur Vermeidung dieses häufig beim Übergang von Universität und Schule entstehenden Problems eignen sich Schulpraktika in besonderem Maße. Für Wilhelm Topsch, Professor für Theorie und Praxis der Primarstufe an der Universität Oldenburg, sind Praktika daher „ein unerlässlicher Bestandteil aller Lehramtsstudiengänge“[2] . In der Bundesrepublik Deutschland sind sie deshalb in den Rahmenlehrplänen der Lehramtsstudiengänge fest verankert. Die Aufgabe dieser so genannten „Schulpraktischen Studien“ ist es, die Studentinnen und Studenten[3] in ihr späteres Berufsfeld einzuführen. Während des Schulalltags können sie lernen, die Berufsrealität richtig einzuschätzen. Weiterhin können sie – zumindest in den Grundzügen - Kompetenzen für zukünftige Anforderungen und spezifischen Situationen des Berufsfeldes aufbauen. Ziel ist es, am Ende des Praktikums einen Gesamtüberblick über den Beruf und das Berufsfeld Schule zu erlangen. Die Studierenden sollten deshalb ihren Interessenschwerpunkt nicht ausschließlich auf den Bereich „Unterricht“ beschränken, da das Berufsfeld sehr viel komplexer ist. Sie sollten auch die nicht lehrenden Aktivitäten von Lehrern beobachten (Konferenzen, Elternabende, Feiern etc.) und die bestehende (oder fehlende) Vernetzung der Schule mit der Wirtschaft, dem Stadtteil, der Gemeinde oder der Region analysieren. Zusammenfassend kann das Schulpraktikum dazu dienen, sich selbst in seiner Rolle als Lehrer wahrzunehmen, sich der richtigen Berufswahl zu vergewissern sowie durch die Theorie-Praxis-Verschränkung neue Perspektiven für das weitere Studium zu eröffnen.[4]

Im Rahmen des Moduls „Schulpraktische Studien“ habe ich mein zweites verpflichtendes Schulpraktikum absolviert. Dieses führte ich vom 10.09. bis 12.10.2012 an der berufsbildenden Schule (BBS) XYZ im Fachbereich Wirtschaft und Verwaltung durch. Bereits während meines ersten Schulpraktikums im Frühjahr 2010 an der BBS I in XY konnte ich viele wertvolle Erfahrungen sammeln. Am Ende fühlte ich mich in meiner Berufswahl bestätigt. Im Laufe des weiteren Studiums habe ich jedoch festgestellt, dass auch eine wissenschaftliche Karriere für mich von Interesse sein könnte. Das zweite Praktikum sollte mir daher auch dazu dienen, festzustellen, in welche Richtung mein beruflicher Werdegang gehen soll.

Da ich an der BBS in XY hauptsächlich in sehr leistungsstarken Klassen hospitiert und unterrichtet habe, richtete ich meine Aufmerksamkeit während meines Praktikums an der BBS XYZ hauptsächlich auf leistungsschwächere Klassen. Der Umgang mit den Schülern aus diesen Klassen erachtete ich im Vorfeld des Praktikums als eine persönliche Herausforderung, der ich mich gerne stellen wollte. Desweiteren verfolgte ich mit dem Praktikum das Ziel, meine Kompetenzen im Bereich der Methodik und Didaktik weiter auszubauen. Dies war mir leider während meines ersten Schulpraktikums aufgrund des überwiegenden Unterrichts in Form eines Frontalunterrichts nur bedingt möglich.

In der folgenden Arbeit soll zunächst eine allgemeine Beschreibung der BBS XYZ erfolgen. Anschließend werden die beruflichen Gymnasien näher beschrieben, da ich dort hauptsächlich hospitiert habe und einige Unterrichtsversuche durchführte. Einen dieser Unterrichtsversuche werde ich im Anschluss darstellen, theoretisch erläutern und reflektieren. Weiterhin werde ich mich im Rahmen einer Theorie-Praxis-Diskussion mit dem Thema der Lehrerkooperation sowohl theoretisch als auch mit meinen hierzu gewonnenen Erfahrungen während meines Praktikums auseinandersetzen. Den Abschluss bildet eine persönliche Reflexion des gesamten Schulpraktikums.

2 Rahmenbedingungen

2.1 Die Schule

Die Berufsbildenden Schulen in XYZ sind das westliche Kompetenzzentrum im Landkreis Harburg für die Ausbildungen in den Bereichen Agrarwirtschaft, Bautechnik, Holztechnik, Informatik/Medien, Körperpflege, Metalltechnik, Gesundheit, Hauswirtschaft, Pflege, Sozialpädagogik sowie Wirtschaft und Verwaltung. Die Schulen sind fest in die wirtschaftliche, soziale und bildungspolitische Struktur der Region eingebunden.[5] Mit einem Team von ca. 115 Lehrkräften und ihren 1.600 Schülern in insgesamt 81 Klassen und Kursen bildet die BBS XYZ daher eine wichtige Plattform für Aus- und Weiterbildung sowie für beruflich relevante Zusatzqualifikationen.[6]

Die Schule ist aufgeteilt in ein Haupt- und drei Nebengebäude und bietet den Schülern eine Vielzahl von Schulformen und Fachbereichen. Das Bildungsangebot umfasst die Fachschule, das berufliche Gymnasium, die Berufseinstiegsschule, die ein- und zweijährige Berufsfachschule sowie die schulische Berufsausbildung in acht staatlich anerkannten Ausbildungsberufen. Die Berufsausbildung in der Schule ist sowohl in Teil- als auch in Vollzeit möglich. In Teilzeit-Klassen kommen die Schüler an ein bis zwei Tagen in der Woche zur Berufsschule, während die Schüler in Vollzeit-Klassen fünf Tage in der Woche die Schule besuchen.[7]

Die BBS XYZ zeichnet sich gemäß der Schulverfassung dadurch aus, viel Wert auf eine fundierte fachliche Ausbildung, die Vertiefung der allgemeinen Bildung und die Persönlichkeitsentwicklung zu legen. Daher werden an den Schulen regelmäßig Projekte durchgeführt und es gibt ein vielfältiges Sportkurs-Programm. Die zahlreichen Schülerfirmen, die im Rahmen von Wirtschafts-Live-Projekten entstanden sind, werden im Unterricht sowohl theoretisch als auch praktisch von den Lehrkräften tatkräftig unterstützt. Weiterhin haben die Schüler im Rahmen des Projektes „Schüler helfen Schüler“ die Möglichkeit, von den Schülern der Sekundarstufe II unter der Leitung eines Fachlehrers, eine Förderung in Mathematik zu erhalten. Den Schülern stehen außerdem eine sehr gut ausgestattete Bibliothek, eine multimediale Lerninseln mit Internetanschluss sowie ein von Sozialpädagogen betreuter Trainingsraum[8] zur Verfügung.[9]

Nachdem ich nun ausführlich meine Praktikumsschule im Allgemeinen vorgestellt habe, soll nun das berufliche Gymnasium näher beschrieben werden, indem ich überwiegend hospitiert und den Großteil meiner Unterrichtsversuche durchgeführt habe.

2.2 Die Beruflichen Gymnasien

In den Beruflichen Gymnasien haben die Schüler im Rahmen eines praxisnahen Unterrichts die Möglichkeit, sich in der Schule intensiv mit einer Fachrichtung zu befassen, um später im Rahmen einer Ausbildung oder eines Studiums bereits über grundlegende Fachkenntnisse zu verfügen. Voraussetzung für die Aufnahme ist der erweiterte Sekundarabschluss I.

Insgesamt umfasst die gymnasiale Oberstufe drei Jahre. Diese gliedert sich in eine einjährige Einführungsphase (Jahrgang 11) und eine zweijährige Qualifikationsphase (Jahrgänge 12 und 13). Nach der 11. Klasse findet die Versetzung in die Qualifikationsphase statt. Dort werden sowohl Fächer mit grundlegenden Anforderungen als auch mit erhöhten Anforderungen unterrichtet.[10] Die Qualifikationsphase schließt mit der Abiturprüfung ab, mit der die Schüler, bei erfolgreichem Bestehen, die Allgemeine Hochschulreife (Abitur) erwerben.

Die Beruflichen Gymnasien an der BBS XYZ umfassen insgesamt drei verschiedene Fachrichtungen: Gesundheit, Soziales und Wirtschaft. Die einzelnen Profilfächer sind:

- je nach gewählter Fachrichtung: Gesundheit/Pflege, Pädagogik/Psychologie oder Betriebswirtschaftslehre mit Rechnungswesen und Controlling (BRC) sowie
- Praxis, Informationsverarbeitung (IV) sowie Volkswirtschaft (VW) im Beruflichen Gymnasium Wirtschaft bzw. Betriebs- und Volkswirtschaft (BVW) im Beruflichen Gymnasium Gesundheit und Soziales.[11]

An der BBS XYZ ist derzeit der 11. Jahrgang sechszügig und der 12. und 13. Jahrgang jeweils fünfzügig. Insgesamt gibt es somit sechzehn Klassen in dem Fachgymnasium. Die sogenannten Profilfächer werden i. d. R. sowohl mit grundlegenden Anforderungen als auch mit erhöhten Anforderungen angeboten.

Ich habe einige meiner Unterrichtsversuche in dem Profilfach Praxis der 13. Jahrgangsstufe absolviert, welches in engem Verbund mit dem Fach BRC unterrichtet wird. Im Folgenden werde ich einen dieser Unterrichtsversuche näher beschreiben und kritisch reflektieren.

3 Die Unterrichtsplanung für die 1./2.-Stunde am 04.10.2012 von 8.00 – 9.30 Uhr

3.1 Bedingungsfeldfaktoren

3.1.1 Schülerbezogene Faktoren

An dem Praxis-Kurs der 13. Jahrgangsstufe nehmen 11 Schülerinnen und 13 Schüler teil.[12] Die meisten Schüler haben eine Versetzung in die gymnasiale Oberstufe erhalten, allerdings gibt es auch einige, die über einen erweiterten Sekundarabschluss I verfügen. Die Schüler werden in dieser Kurszusammensetzung bereits seit Beginn der 12. Klasse zusammen unterrichtet und kennen sich untereinander bereits dementsprechend gut.

Die Schüler sind in Bezug auf die Altersstruktur als auch hinsichtlich des Leistungsniveaus als recht homogen zu beschreiben. Es fällt jedoch auf, dass die Schülerinnen im Gegensatz zu den Schülern sich in Lehrer-Schüler-Gesprächen vermehrt zurückhalten. Dennoch nehmen sie interessiert am Unterricht teil. Anzumerken ist diesbezüglich jedoch, dass sich die Lehrer-Schüler-Gespräche während der Hospitation meist auf das Vergleichen von Aufgaben beschränkten. Die Schüler erarbeiten sich die Inhalte überwiegend selbstständig in Form von Einzel- oder Gruppenarbeit. Das „Leitbild einer Nachhaltigen Entwicklung“ wurde bereits in Klassenstufe 12 behandelt und wird daher als bekannt vorausgesetzt.

Tim[13] ist der Außenseiter der Klasse und bedarf daher bei Gruppenarbeiten besonderer Aufmerksamkeit. Malte hat bereits in der Realschule am „Planspiel Börse“ der Sparkassen teilgenommen. Für diese Unterrichtseinheit ist dies insofern gewinnbringend, da er bereits die Vorgehensweise des Planspiels kennt und Erfahrungen in der Auswahl von Aktien hat. Welche Kenntnisse und Erfahrungen er jedoch mit der nachhaltigen Geldanlage hat, ist nicht bekannt. Es wird davon ausgegangen, dass er seine Erfahrungen in den Unterricht einbringen wird.

Insgesamt kann festgestellt werden, dass es sich mit dem Kurs gut arbeiten lässt, da alle Schüler sehr motiviert sind. Die Lehrkraft führt dies darauf zurück, dass die Schüler aufgrund des kurzen Schuljahres bereits ihre Aufmerksamkeit auf die nahende Abiturprüfung gerichtet haben und sich dadurch der Bedeutung ihres letzten Schuljahres bewusst geworden sind.

3.1.2 Lehrerbezogene Faktoren

Während meines Studiums habe ich bereits erste Erfahrungen im Unterrichten sammeln können. Neben eigenen Unterrichtsversuchen in meinem ersten Schulpraktikum, habe ich bereits mehrere Tutorien im Fachbereich Deutsch und im College gegeben sowie ehrenamtlich im Rahmen des Projektes „Fit für die Bewerbung“ Hauptschüler auf ihre bevorstehende Bewerbung vorbereitet.

Im Fachgymnasium habe ich bereits während meines ersten Schulpraktikums unterrichtet. Da ich jedoch an einem allgemeinbildenden Gymnasium mein Abitur gemacht habe, sind mir die dortigen Arbeitsweisen teilweise immer noch unbekannt.

Der Kurs wird von einer engagierten, sehr erfahrenen Lehrerin unterrichtet. Vor meinem Unterrichtsversuch habe ich in diesem Kurs dreimal hospitiert. Die Schüler kenne ich daher noch nicht sehr gut. Die Schüler kennen mich ebenfalls nur durch eine kurze Vorstellung zu Beginn der Hospitation in ihrem Kurs.

Mit dem Themenbereich „Nachhaltige Geldanlagen“ habe ich mich bereits im Rahmen meines Studiums im Modul „Masterforum I“ intensiv auseinandergesetzt. In diesem Modul konzipierte ich gemeinsam mit einigen Kommilitonen eine Unterrichtseinheit zum Thema „Aktienfonds – eine nachhaltige Geldanlage?“. Sie richtet sich an Auszubildende zum Bankkaufmann, wurde jedoch bisher nicht in der Praxis umgesetzt. Im Rahmen meines Unterrichtsversuchs werde ich daher diese Unterrichtseinheit an das Themengebiet und die Lernvoraussetzungen des Kurses anpassen. Die praktische Umsetzung sowie die anschließende Reflexion soll mir dazu dienen, Verbesserungsmöglichkeiten zu identifizieren, um entsprechende Optimierungsvorschläge erarbeiten zu können.

3.2 Entscheidungsfeldfaktoren

3.2.1 Stellung der Lektion im Unterricht

Der Praxis-Kurs findet zeitgleich mit zwei Parallelkursen der 13. Jahrgangsstufe des Beruflichen Gymnasiums Fachbereich Wirtschaft statt und ist aufgrund intensiver Lehrerkooperation hinsichtlich der Unterrichtsgestaltung mit diesen identisch.[14] Er umfasst zwei Wochenstunden, die in Form einer Doppelstunde unterrichtet werden.

Entsprechend der Rahmenrichtlinien für das Fach Praxis im Fachgymnasium ist im ersten Halbjahr das Lerngebiet 5a „Komplexe Problemstellungen lösen“ zu unterrichten. In diesem sollen die Schüler „komplexe berufliche Problemstellungen mithilfe fachspezifischer Methoden“[15] analysieren. In diesem Rahmen haben sich die Lehrkräfte der Praxis-Kurse des 13. Jahrgangs zu Beginn des Schuljahres gemeinsam dazu entschlossen, am „Planspiel Börse“ der Sparkassen teilzunehmen. In diesem Planspiel erhält jedes Team ein Depot mit einem virtuellen Startkapital von 50.000 EUR, welches es in dem Zeitraum vom 01.10. bis 11.12.2012 durch eine geschickte und kluge Anlagestrategie zu vermehren gilt.[16] Der Themenbereich „Geldanlagen“ kann als berufliche Problemstellung im weitesten Sinne verstanden werden, da einige Schüler in ihrer späteren kaufmännischen Tätigkeit ebenfalls Finanzentscheidungen treffen werden. Der in den Rahmenrichtlinien geforderte enge Bezug zu dem Unterrichtsfach BRC besteht hinsichtlich der Kennziffern des Finanzcontrollings.[17] „ Zusätzlich lernen die Teilnehmer etwas über die Notwendigkeit von nachhaltigen Geldanlagen, machen sich mit der sozialen Marktwirtschaft vertraut und beschäftigen sich auf spielerische Art und Weise mit den Grundlagen der Wirtschaftsordnung.“ [18]

Die Gestaltung der Makrosequenz zum Thema „Geldanlagen“ kann Tabelle 1 entnommen werden. Die Unterrichtsstunden, die ich in diesem Kurs geleitet habe, sind hervorgehoben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Makrosequenz zum Thema „Geldanlagen“

Aus der tabellarischen Übersicht der Makrosequenz kann entnommen werden, dass die Schüler des Kurses zunächst von zwei Mitarbeitern der Sparkasse XYZ in das Wertpapiergeschäft und das „Planspiel Börse“ – dem Schwerpunkt dieser Makrosequenz – eingeführt wurden. In diesem Planspiel kommt dem nachhaltigen Wirtschaften eine zentrale Bedeutung zu. Die Aktienportfolios der Schüler werden nicht nur hinsichtlich ihrer Rendite, sondern ebenfalls bezüglich ihrer Nachhaltigkeit bewertet.[19]

Da in der Einführung in das „Planspiel Börse“ nur wenige Hinweise dazu gegeben wurden, was eine nachhaltige Geldanlage auszeichnet, entschied ich mich im Rahmen dieser Makrosequenz zwei Doppelstunden à 90 Minuten zum Thema „Nachhaltige Aktien – eine gewinnbringende Geldanlage?“ in Form eines Rollenspiels zu unterrichten. Die hier vorgestellte Doppelstunde ist die erste dieser Sequenz. In ihr werden die Schüler in das Thema eingeführt, erarbeiten gemeinsam Kriterien der Aktienauswahl und erstellen schließlich in Gruppen (sie haben dabei die Rolle eines Bankberaters) für einen fiktiven Kunden einen Kriterienkatalog und ein entsprechendes Aktienportfolio. In der Folgestunde wird die Erstellung der Portfolios beendet und diese dem Kunden (Lehrkraft) im Rahmen eines Beratungsgesprächs vorgestellt. Zum Abschluss der Unterrichtseinheit diskutieren die Schüler über die Vor- und Nachteile nachhaltiger Geldanlagen und ihr weiteres Vorgehen hinsichtlich ihrer eigenen Portfoliogestaltung im „Planspiel Börse“. Im weiteren Verlauf der Makrosequenz führen die Schüler im Rahmen des Planspiels Aktienkäufe und –verkäufe durch, dokumentieren bzw. reflektieren diese und erstellen abschließend eine Abschlussarbeit und –präsentation.

3.3 Inhalts- und Zielentscheidungen

3.3.1 Sachanalyse

Das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung berücksichtigt neben der Erhaltung von Umwelt und Ressourcen auch ökonomische und soziale Ziele bei der Entwicklung der Gesellschaft. Diese drei Dimensionen – die ökologische, ökonomische sowie soziale – werden daher auch als das „Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit“ bezeichnet.[20] In der Forschung wird darüber hinaus seit mehreren Jahren über eine vierte, kulturelle Dimension diskutiert.[21] Demnach soll sich jede kulturelle Identität einer nachhaltigen Entwicklung verpflichten, ohne dabei ihre Besonderheiten und Einzigartigkeit (kulturelle Diversität) aufzugeben.[22]

Die Förderung einer nachhaltigen Entwicklung ist nicht nur auf politischer Ebene möglich, sondern jeder Einzelne kann mit seinen Investitionsentscheidungen für Finanzprodukte und Investitionsmöglichkeiten einen erheblichen Beitrag leisten. Konzentrieren sich Anleger nur auf die finanzwirtschaftlichen Dimensionen – Rentabilität, Sicherheit und Liquidität –, verpassen sie die Gelegenheit, sich für Ziele wie der Reduzierung von Treibhaus-Emissionen oder der Verhinderung von ausbeuterischer Kinderarbeit einzusetzen. Denn nicht nur der Einkauf von nachhaltigen Produkten kann Unternehmen zu einem ökologisch und sozial verantwortlicheren Handeln zwingen, sondern auch die Art der Geldanlage. Bei einer nachhaltigen Geldanlage werden daher auch ökologische, soziale und ethische Aspekte in die Anlageentscheidung mit einbezogen. Die Einbeziehung der Mittelverwendung stellt also den entscheidenden Unterschied zu konventionellen Produkten dar.[23]

Aktien haben auf dem Markt für nachhaltige Geldanlagen eine besondere Bedeutung: Jede Aktie ist ein Wertpapier, das dem Anteilseigner ein Mitgliedsrecht an einer Aktiengesellschaft und einen bestimmten Anteil am Grundkapital beurkundet. Zudem verbrieft sie i. d. R. ein Anrecht auf Dividende bei Gewinnausschüttung, ein Bezugsrecht bei Kapitalerhöhungen sowie ein Stimmrecht in der Hauptversammlung.[24] „Aktien sind [daher] nicht nur ein Instrument der Geldanlage, sondern auch ein Instrument der Mitbestimmung in Unternehmen und der Gestaltung von wirtschaftlichen Aktivitäten.“[25] Nachhaltige Aktien sind jedoch keine spezielle Anlagegruppe, die an der Börse separat gehandelt wird.[26] Eine allgemein gültige Definition dessen, was unter ethischen, ökologischen und sozialen Auswahlkriterien für die Geldanlage zu verstehen ist, existiert ebenfalls nicht.[27] Es gibt allerdings unterschiedliche Verfahren, um die passende Aktiengesellschaft für nachhaltig-orientierte Investitionsvorhaben auszuwählen. Sofern sich Anleger ihr Portfolio selbst zusammenstellen, gehen sie i. d. R. nach einem der drei nachfolgenden Auswahlverfahren vor (siehe Abbildung 1):[28]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Auswahlformen. Eigene Darstellung in Anlehnung an Werner 2009, S. 47.

Negativauswahl

Bei diesem Auswahlverfahren werden Investitionen in Unternehmen, die in umweltschädlichen Branchen aktiv sind, Menschenrechte missachten oder in anderen ethisch und sozial fragwürdigen Branchen tätig sind, unabhängig von den Renditeerwartungen von vornherein ausgeschlossen.[29] Zu den häufigsten Negativkriterien gehören „die Produktion von Rüstungsgütern, Alkohol oder Tabak, Zusammenarbeit mit der Atomindustrie oder Herstellung atomarer Brennstoffe, Gentechnik, Tierversuche, Glücksspiel, Chlorchemie und Menschenrechtsverletzungen.“[30]

Positivauswahl

Eine zweite Möglichkeit ist die Verwendung von Positivkriterien. Dabei werden gezielt diejenigen Unternehmen ausgewählt, die sich durch besonders ökologisches, soziales oder ethisches Engagement auszeichnen.[31] Typische Positivkriterien sind zum Beispiel „ Anwendung und Entwicklung Erneuerbarer Energien, Entwicklung von Technologien zur Verringerung beziehungsweise Beseitigung von Schadstoffbelastung, Lärm oder zur Reinhaltung der Luft, effizientere Nutzung von Ressourcen und Energie, ökologische Produktgestaltung, Mitarbeiterbeteiligungen und Einhaltung internationalen Arbeitsschutzbestimmungen sowie die Nachhaltigkeitsberichterstattung des Unternehmens.“[32]

Vergleichsansatz

Weiterhin besteht die Möglichkeit nach dem „best-in-class-Ansatz“ vorzugehen, bei dem das Kapital zwar durchaus in Unternehmen, die konventionelle Produkte herstellen, fließen kann, dies jedoch im Vergleich zu ihren Konkurrenten auf umweltfreundlichere und sozialere Weise tun.[33]

In der praktischen Anwendung kommt es häufig zu einer Kombination aus allen drei Auswahlverfahren. Der Vorteil hierbei ist, dass fragwürdige Wirtschaftsbereiche aus dem Anlageuniversum ausgeschlossen werden und bei den verbleibenden Bereichen trotzdem ein Nachhaltigkeitswettbewerb initiiert wird.[34]

Die klassische Portfoliotheorie lässt vermuten, dass das eingeschränkte Anlageuniversum nachhaltiger Aktienportfolios zwangsläufig zu einer geringeren Rendite sowie zu einer geringeren Streuung und damit zu einem höheren Risiko führt. Diese Tatsache war daraufhin Gegenstand zahlreicher Untersuchungen mit unterschiedlichen Ergebnissen, die sich jedoch auf folgenden gemeinsamen Nenner bringen lassen: Nachhaltiges Investment bringt nicht zwangsweise eine Zusatzrendite mit sich, schadet der Rendite einer Anlage aber auch nicht.[35]

3.3.2 Stoffauswahl/ Inhaltsentscheidungen

Trotz weltweiter Bemühungen öffnet sich die Schere zwischen Arm und Reich weiter. Millionen von Menschen leiden täglich Hunger, haben keinen ausreichenden Zugang zu Bildung und menschenwürdigen Arbeitsplätzen. Gleichzeitig werden die Rohstoffe immer knapper, der Ölpreis steigt und Naturkatastrophen nehmen zu.[36] Das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung wurde angesichts dieser Herausforderungen 1992 durch die Vereinten Nationen zur Grundlage für internationale, nationale sowie lokale politische Strategien.[37] Eine nachhaltige Entwicklung kann jedoch nicht nur durch die Politik, sondern ebenso durch das Verhalten der Zivilbevölkerung gefördert werden. Dem Leitbild eines „nachhaltigen Konsums“ wird daher in der Agenda 21 sogar ein eigenes Kapitel gewidmet.[38] Eine Möglichkeit ist dabei die Investition in „nachhaltige Geldanlagen“. Daher ist die Auseinandersetzung mit dieser Thematik im Rahmen der Unterrichtseinheit „Nachhaltige Aktien – eine gewinnbringende Geldanlage?“ für die Schüler von allgemeiner Bedeutung. Sie spielt aber auch für die Teilnahme am „Planspiel Börse“ eine große Rolle, da ihre Depots dort auch hinsichtlich ihrer Nachhaltigkeit bewertet und platziert werden.

„Nachhaltige Geldanlagen“ ist jedoch ein sehr komplexes Thema: Geld kann bei einer nachhaltigen Bank (z.B. GLS) in Form eines Sparbriefs, Sparkontos oder als Festgeld angelegt werden. Alternativ gibt es bei jeder Bank die Möglichkeit in zahlreiche nachhaltige Anlageformen zu investieren, z.B. in Aktien, Investmentfonds, Zertifikate, geschlossene Fonds, Anleihen, Genussscheine, Lebensversicherungen oder Rentenpapiere.[39] Aufgrund dieser Vielzahl an Anlageformen ist es sinnvoll, sich exemplarisch mit einer Anlageform intensiver auseinanderzusetzen. In meiner Unterrichtseinheit habe ich mich für die Anlageform Aktien entschieden, da die Schüler im „Planspiel Börse“ ebenfalls mit realen Aktien zu realen Kursen handeln.[40] In der ersten Doppelstunde (1. Teil) liegt der Fokus jedoch nicht auf der Gestaltung und Beurteilung nachhaltiger Aktienportfolios, sondern auf den verschiedenen Auswahlverfahren und der begründeten Kriterienauswahl. Bezüglich der Auswahlverfahren wird sich aus Vereinfachungsgründen auf die Auseinandersetzung mit der Negativ- und Positivauswahl beschränkt, der Vergleichsansatz wird lediglich als dritte Möglichkeit der Aktienauswahl erwähnt. Dadurch ergeben sich auch für die Arbeit der Schüler im „Planspiel Börse“ Synergieeffekte, da sie die erarbeiteten Kenntnisse sowie Ergebnisse direkt bei der Gestaltung ihrer eigenen Portfolios einsetzen können. Für die Wahl der Anlageform Aktien spricht zudem, dass sich die Schüler bereits im Vorfeld im Unterrichtsfach BRC intensiv mit Aktiengesellschaften und der Bilanzanalyse dieser beschäftigt haben.

3.3.3 Groblernziel

Die Schüler kennen Kriterien der Negativ- und Positivauswahl und wenden diese kundenspezifisch an.

3.3.4 Feinlernziele

Die Schüler …

FLZ 1 … können sich kritisch mit dem Verhalten von Fondsmanagern auseinandersetzen, indem sie hierzu begründet Stellung nehmen.

FLZ 2 … kennen Auswahlkriterien für die Gestaltung eines Aktienportfolios, indem sie diese aus den Informationen der Texte ableiten.

FLZ 3 … können die Auswahlkriterien entsprechend der Negativ- und Positivauswahl differenzieren, indem sie diese auf der Metaplanwand entsprechend zuordnen.

FLZ 4 … können ihre kundenspezifische Kritierienauswahl argumentativ begründen, indem sie die Präferenzen des Kunden analysieren und einen entsprechenden Kriterienkatalog entwickeln.

FLZ 5 … können ihr Vorgehen sach- und fachgerecht begründen, indem sie ihren Arbeits- und Lernprozess darstellen, veranschaulichen und kritisch reflektieren.

3.4 Methodische Entscheidungen

3.4.1 Stoffanordnung

Die Stoffanordnung ist von der Idee geprägt, dass die Schüler durch die Diskussion zum Verhalten von Fondmanagern und unterschiedlichen Anlageverhaltensweisen zunächst induktiv die zentrale Problemstellung der Unterrichtseinheit erkennen. Im Anschluss werden das Thema der Unterrichtseinheit und das der Stunde durch die Lehrkraft bekannt gegeben und erläutert. Es folgt in Einzelarbeit die selbstständige Erarbeitung von Auswahlkriterien für die Gestaltung eines Aktienportfolios auf der Basis verschiedener Texte zum Thema nachhaltige Geldanlagen bzw. Banken. Anschließend tauschen sich die Schüler in arbeitsgleichen Gruppen über die herausgearbeiteten Kriterien aus und notieren diese auf Metaplankarten. In Form eines Mind-Maps werden diese dann im Schüler-Lehrer-Gespräch entsprechend der Auswahlverfahren Negativ- und Positivauswahl sowie den Dimensionen der Nachhaltigkeit strukturiert. Die Lehrkraft führt die Schüler daraufhin in das Rollenspiel „Bank-Szenario“ ein. In diesem erarbeiten die Schüler in Gruppenarbeit in der Rolle von Bankberatern einen kundenspezifischen Kriterienkatalog und beginnen im Anschluss mit der Gestaltung eines kriterienbasierten Aktienportfolios. Zum Abschluss der Unterrichtsstunde findet eine Arbeitssitzung statt, in der die einzelnen Gruppen ihr bisheriges und geplantes Vorgehen schildern und begründen. Die Lehrkraft beendet die Arbeitssitzung mit einem Ausblick auf die kommende Stunde, schließt die Sitzung und verabschiedet sich.

3.4.2 Methodik

Zu Beginn des Unterrichts begrüße ich die Schüler, stelle mich vor und bitte die Schüler um das Aufstellen eines Namensschildes. Anschließend zeige ich kommentarlos den Trailer zum Film „Lets make money“ von Erwin Wagenhofer. In diesem werden die Auswirkungen von Anlageentscheidungen auf unterschiedliche Akteure der Gesellschaft (Investoren, Unternehmer, Einwohner unterschiedlicher Nationalitäten sowie Politiker) angedeutet. Im Trailer wird deutlich, dass diese oft unterschiedliche Interessen haben und welche gesellschaftlichen Auswirkungen der Kauf von Anlageprodukten daher haben kann. Die Schüler setzen sich mit diesem Interessenkonflikt in der darauf folgenden Diskussion auseinander, die auf Basis kontroverser Filmzitate geführt wird. In der Diskussion arbeiten die Schüler eigenständig die zentrale Problemstellung der Unterrichtseinheit heraus: Anlageentscheidungen können negative Auswirkungen auf die Interessen einzelner Akteure haben. Dieses induktive Vorgehen wurde gewählt, weil es für den privaten und beruflichen Alltag der Schüler von großer Bedeutung ist, eigenständig Problemstellungen zu erkennen. Es wird daher bewusst von einem „klassischen“ Einstieg mit Themenbekanntgabe abgewichen. Gleichzeitig soll dadurch bei den Schülern eine gewisse Spannung und eine erhöhte Aufmerksamkeit geweckt werden. Der Film bietet darüber hinaus den Schülern die Möglichkeit, einen emotionalen Zugang zur Problemstellung zu bekommen. Die eigene Betroffenheit der Schüler wird durch die provokanten Zitate in der Diskussion verstärkt, in der sie zwangsläufig ihr eigenes Anlageverhalten hinterfragen müssen. Einen solchen emotionalen bzw. persönlichen Zugang zur Problemstellung wird für diese Unterrichtseinheit als besonders wichtig erachtet, da die Lernmotivation über zwei Doppelstunden aufrechterhalten werden muss. Weiterhin unterstützen die Filmzitate die Schüler, in der Erarbeitungsphase die relevanten Negativkriterien zu verstehen und zu benennen, da durch die ausgewählten Zitate bereits erste Negativkriterien sichtbar werden (z.B. die Unterstützung von Korruption oder Kriegsgütern).

Aus den o.g. Gründen wird das konkrete Thema der Unterrichtseinheit sowie der –stunde erst im Anschluss an die Diskussion vorgestellt. Dabei wird auf die von den Schülern herausgearbeitete Problemstellung Bezug genommen und der Zusammenhang zum „Planspiel Börse“ hergestellt. Die enge Verknüpfung zum „Planspiel Börse“ wird als wichtig erachtet, um den Schülern die Relevanz des Themas zu verdeutlichen und gleichzeitig einen aktuellen Bezug zu ihrer Lebenswelt herzustellen.

In der ersten Erarbeitungsphase entwickeln die Schüler zunächst in Einzel-, später in Gruppenarbeit, die Auswahlkriterien zur Gestaltung eines Aktienportfolios. Grundlage bildet eine Textsammlung mit sechs verschiedenen Texten zu nachhaltigen Geldanlagen bzw. Banken.[41] Jeweils vier Schüler beschäftigen sich mit einem der Texte, die ihnen Anregungen für mögliche Kriterien geben sollen. Diese Form der Erarbeitung bietet den Schülern einen einfachen Einstieg in die Thematik. Gleichzeitig werden sie ein weiteres Mal mit der zentralen Problemstellung konfrontiert, dass einige gesellschaftliche Interessen sich nicht mit ökonomischen decken. Die Auseinandersetzung findet jedoch diesmal durch die Textinformationen auf Grundlage einer breiteren Wissensbasis statt. Die Erarbeitung der Auswahlkriterien mithilfe der Textsammlung ermöglicht somit eine intensiviere Beschäftigung mit der Problemstellung. Bei der Auswahl der Texte wurde darauf geachtet, dass verschiedene Bereiche betrachtet werden. Dadurch kann mithilfe der gegebenen Informationen ein breites Spektrum an Kriterien abgedeckt werden. Alternativ hätte sich auch eine Internetrecherche angeboten. Es ist jedoch unklar, über welche Fähigkeiten die Schüler hinsichtlich der geforderten Methodenkompetenz verfügen. Außerdem besteht im Vergleich zur Textsammlung die Gefahr, dass die Schüler direkt nach den Auswahlkriterien suchen. Damit umgehen sie die kognitive Herausforderung, diese selbstständig ableitet zu müssen. Weiterhin wird befürchtet, dass im Internet nur sehr wenig zu den Hintergründen für die einzelnen Auswahlkriterien recherchiert werden würde, sodass die Wissensbasis der Schüler letztendlich nicht hinreichend vergrößert wird. Nicht zu vernachlässigen ist zudem der erhebliche Zeitaufwand, der ggf. mit einer unstrukturierten Internetrecherche verbunden ist.

Die in der Gruppenarbeit auf Metaplankarten festgehaltenen Kriterien werden schließlich in der Phase der Ergebnissicherung I von den jeweiligen Gruppenleitern präsentiert. Nachdem in einem Lehrer-Schüler-Gespräch die wesentlichen Merkmale der verschiedenen Auswahlverfahren erarbeitet wurden, werden die Ergebnisse mithilfe der Technik „Mindmapping“ entsprechend geclustert. Durch dieses Vorgehen erhalten die Schüler die notwendigen Hintergrundinformationen zu den Begriffen aus den anderen Gruppen und können diese direkt mit den unterschiedlichen Auswahlverfahren in Verbindung bringen. Das Mind-Map ist für die Clusterung der Begriffe besonders geeignet, da sich sowohl die Unterscheidung der Auswahlverfahren, als auch eine Zuordnung zu den Dimensionen der Nachhaltigkeit darstellen lässt.[42] Aus Sicht der konstruktiven Didaktik spricht für diese Technik, dass alle Schüler am Lernprozess partizipieren können. Nach den Erkenntnissen der Gehirnforschung erleichtern Mind-Maps zudem das Denken, denn sie entsprechen in ihrer Form dem radialen Denken, so Tony Buzan, der Begründer der Mind-Map Methode.[43] „Laut Buzan sind dies assoziative Denkprozesse, die von einem Mittelpunkt ausgehen oder von einem Mittelpunkt aus miteinander verbunden sind.“[44] Mind-Maps erleichtern somit die Strukturierung der unterschiedlichen Auswahlkriterien im Gehirn.

Mit den erworbenen Grundkenntnissen in der Auswahl von Aktien, können die Schüler in der Erarbeitungsphase II das Rollenspiel durchführen. Das Rollenspiel ist ein Verfahren, bei dem eine spielerische Auseinandersetzung mit Konflikt- und Entscheidungssituationen des gesellschaftlichen Lebens in Form einer Simulation stattfindet.[45] Der Lehrer teilt die Schüler zunächst in vier Gruppen ein, die wiederum je einer fiktiven Bank zugeordnet werden. In den vier Gruppen erstellen die Schüler in der Rolle von Bankberatern einen kundenspezifischen Kriterienkatalog und stellen anhand dessen ein Aktienportfolio zusammen. Der fiktive Kunde hat sich an jede der vier Banken gewendet, um einen Vorschlag zur Gestaltung eines Aktienportfolios zu erhalten. Den einzelnen Bankberatern stehen jedoch unterschiedliche Informationen über den Kunden und seine Bedürfnisse zur Verfügung. Die Bandbreite der Informationen reicht von der Beschreibung eines „risikoscheuen Umweltaktivisten“ bis zum „risikofreudigen Hedonisten“.[46] Als Methode wurde bewusst das Rollenspiel gewählt, da es den Schülern ermöglicht, ihr eigenes Handeln besser zu verstehen und sich auch in das Denken, Fühlen und Handeln anderer Personen hineinzuversetzen.[47] Während des Rollenspiels machen die Schüler ihre ersten eigenen Erfahrungen mit dem zuvor diskutierten Interessenkonflikt, da sie als Bankberater direkt mit der entwickelten Problemstellung konfrontiert werden. Das Rollenspiel bietet den Schülern darüber hinaus die Möglichkeit, selbstständig zu arbeiten. Ein selbstständiges Arbeiten ist für diese Lerngruppe besonders wichtig, weil sie in dem „Planspiel Börse“ ebenfalls ohne die Hilfe des Lehrers Aktiengesellschaften analysieren und für ihr Portfolio auswählen müssen. Bei der Gestaltung des Rollenspiels wurde darauf geachtet, dass nicht nur „grüne Aktienfonds“ gestaltet werden, sondern die gesamte Bandbreite von konventionellen bis stark nachhaltig ausgerichteten Produkten abgedeckt wird. Im Kundengespräch der 2. Doppelstunde erhalten die Schüler dadurch die Möglichkeit, sich mit verschiedenen Anlagealternativen auseinanderzusetzen.[48] Das Rollenspiel bietet den Schülern zudem einen engen Bezug zu ihrer Lebenswelt: Sie selbst verfügen i.d.R. schon über Erspartes zu Investitionszwecken und haben einen Bankberater. Durch den Lebensweltbezug beschäftigen sich die Schüler mit einem für sie relevanten Lerngegenstand, wodurch zusätzlich Motivation für die Auseinandersetzung mit der Problemstellung aufgebaut werden kann.

Eine vorläufige Ergebnissicherung des Rollenspiels findet in der Ergebnissicherungsphase II in Form einer Arbeitssitzung statt. In dieser stellen die Schüler begründet ihr bisheriges und zukünftiges Vorgehen dar und tauschen sich hierüber untereinander aus. Die Form der Arbeitssitzung habe ich gewählt, da sie die Schüler auf ihr späteres Berufsleben vorbereitet. Insbesondere bei Projektarbeiten finden derartige „Teamsitzungen“ in Unternehmen regelmäßig statt. Außerdem können sich die Schüler in diesem Rahmen über ihre bisherigen Erkenntnisse austauschen. Diese können ggf. den Arbeitsprozess anderer Gruppen unterstützen. Die Lehrkraft erhält zudem eine Rückmeldung über den aktuellen Stand und auftretende Probleme.

3.4.3 Aktionsformen

Als Aktionsformen werden das Unterrichtsgespräch, das selbstständige Arbeiten der Schüler, der Schülervortrag sowie der Lehrervortrag gewählt.

Das Unterrichtsgespräch dient in der vorliegenden Stunde sowohl der Hinführung zur zentralen Problemstellung sowie der Ergebnissicherung. Dabei handelt es sich um ein gelenktes, freies Unterrichtsgespräch, dessen Ziel es ist, gemeinsam Inhalte zu erarbeiten. Die Lehrkraft legt dabei das Gesprächsziel fest und versucht mittels geschickter Fragen und Impulse die Lernenden dahin zu führen, das angestrebte Ergebnis selbstständig zu finden. Es wird daher auch als fragend-entwickelndes Unterrichtsgespräch bezeichnet.[49] Im Unterrichtsgespräch sollten die Schüler jedoch auch die Möglichkeit erhalten, untereinander zu diskutieren, ohne dass die Lehrkraft das Gespräch regelmäßig unterbindet. Allerdings darf die Lehrkraft in das Gespräch eingreifen, sofern dies nicht zielführend ist. Diese Aktionsform wurde gewählt, da sie das selbstständige Arbeiten der Schüler fördert. Nach lerntheoretischen Erkenntnissen können Inhalte, die selbstständig erarbeitet werden, besser abgespeichert werden. Gleichzeitig ist das Unterrichtsgespräch eine gute Gelegenheit, die einzelnen Schüler besser kennen zu lernen. Für die Erarbeitungsphase I und II eignet sich diese Aktionsform besonders gut, da sie den Austausch zwischen den einzelnen Gruppen ermöglicht: So erhalten die Schüler beispielsweise in der Ergebnissicherungsphase II Einblicke in die Informationen der anderen Texte.

[...]


[1] Siewert 2006, S. 15.

[2] Topsch 2004, S. 12.

[3] Im weiteren Verlauf dieses Berichts wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit ausschließlich die männliche Form genannt, die weibliche wird dabei jedoch stets mitgedacht.

[4] Vgl. Topsch 2004, S. 12 und 15-17.

[5] Vgl. BBS XYZ i.d.N. 2012, S. 1.

[6] Vgl. ebd. und BBS XYZ i.d.N. o.J, o.S.

[7] Vgl. BBS XYZ i.d.N. 2012, S. 1 und BBS XYZ i.d.N. o.J, o.S.

[8] Für nähere Informationen zum Trainingsraumkonzept eignet sich besonders das Buch Bründel, Heidrun; Simon, Erika (2007): Die Trainingsraum-Methode. Unterrichtsstörungen – klare Regeln, klare Konsequenzen. 2. Aufl. Weinheim und Basel, Beltz Verlag.

[9] Vgl. BBS XYZ i.d.N. 2012, S. 1 und BBS XYZ i.d.N. o.J, o.S.

[10] Die Einteilung in Fächer mit grundlegenden Anforderungen und in Fächer mit erhöhten Anforderungen entspricht überwiegend den ehemaligen Grund- und Leistungskursen.

[11] Vgl. BBS XYZ i.d.N. 2010, S. 1f.

[12] Siehe hierzu auch Anlage I: Sitzplan des BRC-/Praxis-Kurses des 13. Jahrgangs.

[13] Alle Namen in dieser Arbeit wurden geändert.

[14] Für nähere Informationen zu dieser Kooperation siehe Kapitel 4.3 Praktische Umsetzung von Lehrerkooperation an der BBS XYZ.

[15] Niedersächsisches Kultusministerium 2009, S. 9.

[16] Vgl. Deutscher Sparkassen Verlag GmbH 2012, S. 2.

[17] Siehe hierzu Niedersächsisches Kultusministerium 2009, S. 2 und Niedersächsisches Kultusministerium 2006, S. 38.

[18] Deutscher Sparkassen Verlag GmbH 2012, S. 2.

[19] Vgl. Heitze 2012, S. 3.

[20] Vgl. Tiemeyer/ Wilbers 2006, S. 11.

[21] Siehe hierzu auch Stoltenberg/ Michelsen 1999 sowie Michelsen 2008.

[22] Vgl. Stoltenberg / Michelsen 1999, S. 47 f.

[23] Werner 2009, S. 7, 36 ff.

[24] Vgl. ebd., S. 130.

[25] Gabriel 2007, S. 101.

[26] Vgl. Werner 2009, S. 133.

[27] Vgl. ebd., S. 45.

[28] Vgl. ebd., S. 46.

[29] Vgl. Werner 2009, S. 46.

[30] Ebd.

[31] Vgl. ebd., S. 47.

[32] Ebd.

[33] Vgl. ebd., S. 48.

[34] Vgl. Gabriel 2007, S. 86 f.

[35] Vgl. Rosen 2009, S. 87.

[36] Vgl. Ulshöfer/ Bonnet 2009, S. 9.

[37] Vgl. Herzog/ Künzli 2007, S. 281.

[38] Siehe hierzu Vereinte Nationen 1992, S. 18-22.

[39] Vgl. Rotthaus 2009, S. 3.

[40] Vgl. Deutscher Sparkassen Verlag GmbH 2012, S. 2.

[41] Siehe hierzu Anlage III: Kommentiertes Textportfolio.

[42] Siehe hierzu Anlage IV: Metaplan-Skizze.

[43] Vgl. Reich 2003, S. 3 und 12.

[44] Ebd., S. 3.

[45] Vgl. Kaiser; Kaminski 1999, S. 157.

[46] Siehe hierzu Anlage VI: Arbeitsblatt „Bank-Szenario“.

[47] Vgl. Meyer 2005, S. 358.

[48] Anmerkung: In der Diskussion mit dem Kunden in der 2. Doppelstunde erfahren die Schüler schließlich in der Präsentationsphase, wie sich die verschiedenen Präferenzen des Kunden auf die Gestaltung des Aktienportfolios und zugleich auf den Interessenkonflikt zwischen den Akteuren auswirken. Dies wird dadurch erreicht, dass ihnen nicht nur eine Lösung präsentiert wird (beispielsweise ein stark nachhaltig ausgerichtetes Aktienportfolio), sondern Portfolios mit unterschiedlichen Ausrichtungen vorgestellt werden. Die Lernenden erhalten dadurch die Möglichkeit, sich mit verschiedenen Alternativen auseinanderzusetzen. Dieses Vorgehen wurde gewählt, um ihnen bewusst zu machen, dass auch Problemlösungen kontrovers sein können.

[49] Vgl. Jank/ Meyer 2000, S. 52.

Details

Seiten
63
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656375982
ISBN (Buch)
9783656377863
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v209631
Institution / Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg – Wirtschaftpädagogik/Didaktik der Wirtschaftslehre
Note
1,0
Schlagworte
Praktikum Schule Berufsschule BBS Wirtschaft Verwaltung Unterricht Unterrichtsstunde Reflexion Theorie Praxis Diskussion Rahmenbedingungen Schüler Lehrer Lehrkraft Schulpraktikum Schulische Praxisstudien Bericht Praktikumsbericht Interview Arbeitsblatt

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Titel: Bericht eines Schulpraktikums an einer berufsbildenden Schule (BBS) im Fachbereich Wirtschaft und Verwaltung