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Die Darstellung des Schauers und des Wiedergängermotivs in der Ballade „Der Graue“ von Annette von Droste-Hülshoff

Bachelorarbeit 2013 33 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

I.) Einleitung

II.) Eine formale Analyse der Ballade „Der Graue“

III.) Eine stilistische Analyse der Ballade „Der Graue“

IV.) Eine sprachliche Analyse der Ballade „Der Graue“

V.) Die Betrachtung der Vokale

VI.) Die Betrachtung des Erzählers

VII.) Die Dramaturgie der Ballade

VIII.) Das Wiedergängermotiv

IX.) Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

I.) Einleitung

In der Forschung findet die Ballade „Der Graue“ kaum Beachtung, trotzdem stellt sie den Höhepunkt der drostschen totenmagischen Balladen dar.[1] „Der Graue“, deren Entstehung in das Jahr 1840 fällt, soll mit dieser Arbeit mehr ins Zentrum der literarischen Untersuchungen der drostschen Balladen gerückt werden.

Die Ballade wurde erstmals in dem Buch „Das malerische und romantische Westphalen“, 1841 veröffentlicht. Das Jahrhundert der Entstehung und Veröffentlichung der Ballade ist geprägt von gewaltigen Veränderungen. Begonnen haben sie mit der Französischen Revolution.[2] Aus dem rasanten industriellen Fortschritt, der Forschung und Entwicklung entstehen Zukunfts- und Verlustängste. Die Bibel kann nun nicht mehr als allgemeingültige Interpretation der Welt gelten, weil sie der Forschung entgegensteht. Das Individuum ist von der Kirche entlassen worden und sieht sich nunmehr einer sozialen Isolation ausgesetzt.[3] Durch die neue Auseinandersetzung mit der Welt und der veränderten Weltanschauung stellen sich Fragen nach den Folgen und der moralischen Bewertung[4], was den Nährboden für schaurige Erzählungen, Gedichte, Romane und Balladen bietet.

Bevor ich mein Augenmerk auf den drostschen Wiedergänger in „Der Graue“ lenke, möchte ich verschiedene Betrachtungen beziehungsweise Analysen mit Blick auf die Darstellung des Schauers vornehmen. Begründet liegt diese Vorgehensweise im Balladenbegriff selbst. Goethe betrachtete die Ballade als das Ur-Ei, in dem sich alle drei Gattungen

wiederfinden ließen[5]. Daher gibt es bei dieser Sichtweise auf die Mittel

Überschneidungen der einzelnen Gattungen. Es lassen sich

verschiedenste formale, stilistische und sprachliche Mittel finden, deren Aufzählung zwar möglich ist, aber einer balladengerechten Analyse widersprechen. Daher sind die verschiedenen Mittel in größere Kontexte eingearbeitet worden, um die verschiedenen Betrachtungsweisen zu verdeutlichen und eine Aufzählung der einzelnen Mittel zu vermeiden. Dies begründet auch die Einteilung des Inhaltes der Analyse in große Komplexe ohne Unterkapitel.

Im Mittelpunkt der Analysen steht vor allem die provozierte Stimmung der Ballade, die einen Wechsel zwischen angespannter und entspannter Stimmung evoziert. Dies geschieht vorrangig durch das Ansprechen der Sinneswahrnehmungen des Sehens, des Hörens und des Fühlens. Zentral ist in der Untersuchung, mit welchen Mitteln Annette von Droste-

Hülshoff den Schauer etabliert. Da eine Schauergeschichte nicht vorrangig von dem Plot lebt, sondern die Empfindungen existenziell sind[6], lege ich besonderen Wert auf die Betrachtung der sprachlichen Mittel, wie der Farbadjektive und der wortbildenden Onomatopoetika.

Ein einzelner Abschnitt wird dem Erzähler gewidmet, der seine Begründung in der Epik findet. In diesem Kapitel wird die wesentliche Rolle des Erzählers für das Evozieren des Schauers nachgewiesen. Das Kapitel „Die Dramaturgie der Ballade“ findet seine Daseinsberechtigung in der Gattung des Dramas und zeigt, dass Anette von Droste-Hülshoff den Höhepunkt der Ballade an das Ende verlegt. Beide Kapitel sind exemplarisch für Goethes’ Balladentheorie.

Ein weiteres Kapitel wird der Untersuchung der Vokale gewidmet, indem ich nachweise, dass die Setzung der Vokale und damit gleichzeitig die Wahl der Worte nicht zufällig geschehen und somit wesentlich zum Schauerempfinden des Rezipienten beitragen. Dieses Kapitel ist gesondert gestellt worden, obwohl eine Einordnung in die sprachlichen Mittel sinnvoll wäre, um die selbstständige Erarbeitung herauszustellen.

Der Schauer, bildlich gesprochen, stellt den Hintergrund dar, vor dem der Wiedergänger scheinbar aus dem Nichts auftaucht und neun Strophen lang sein Unwesen treibt. Es wird im VIII. Abschnitt gezeigt, dass der Wiedergänger physische und psychische Züge aufweist und somit den Protagonisten ermahnt. Er stellt ein Schutzschild dar, hinter dem sich das lyrische Ich verstecken und durch den seine Kritik ausgesprochen werden kann. Dieser Abschnitt befasst sich darüber hinaus mit der Entstehung des Wiedergängers, seiner religiösen und schließlich seiner funktionalen Bedeutung in der Ballade.

In der Zusammenfassung möchte ich eine Interpretation- beziehungsweise Interpretationsansätze anbieten, die die Darstellung des Schauers und des Wiedergängermotivs in der Ballade zur Zeit der Autorin erläutern, und darlegen, welche abschließende Kritik damit verbunden ist.

II.) Eine formale Analyse der Ballade „der Graue“

„Der Graue“ ist eine vierhebige jambische Ballade in 25 Strophen à acht Verse. Das verwandte Reimschema ist der Kreuzreim a-b-a-b-c-d-c-d. Annette von Droste-Hülshoff versucht diesem Kreuzreimschema konsequent zu folgen, was nicht immer gelingt. Gleich in der ersten Strophe fällt der unreine Reim auf: Burg/wodurch [7]. Weitere Belege für die Verwendung des unreinen Reims sind:

Müh’/Landpartie [8], glüh/Landpartie [9], quillt/füllt [10], tire/Tür [11], Gestöhn/geschehn [12], Strick/zurück [13].

Die Reime zu/Ivanhoe [14] und Ivanhoe/Ruh [15] erscheinen uns heute als unreine Reime, jedoch zeigt der Reim „das End-u in der Aussprache des Namens Ivanhoe“[16].

In Strophe 4, Vers 29 und 31 und in Strophe 14, Vers 110 und 112, lässt sich der identische Reim finden:

„Sah dann er zu den Fenstern auf, […] So zog er wohl die Schultern auf, […]“

und

„Wie eine Boa dehnt’ er sich, […] Dann rüstet er zum Schlafe sich.“

Neben dem identischen Reim, dem unreinen Reim und dem Kreuzreim nutzt Annette von Droste-Hülshoff den Schüttelreim: ihn/hin [17].

Dem Rezipienten wird eine Ballade präsentiert, die, auf den ersten Blick, konsequent einer starren Reimstruktur folgt; bei genauer Betrachtung jedoch wird diese durch die Verwendung der verschiedenen Arten von Reimen, die sich dem Kreuzreim unterordnen, aufgebrochen.

Demnach lässt sich eine Skala der genutzten Reimschemata nachweisen. An erster Position steht der Kreuzreim, gefolgt vom unreinen Reim, dann folgen der identische Reim und der Schüttelreim, und letztendlich wird die Reimstruktur in der zweiten Strophe, Vers 14 und 16: Näh’/papier gänzlich vernachlässigt.

Kämmerer interpretiert die Vorgehensweise wie folgt:

„[...] die Sprache Annettens spiegelt das Zusammen von konventionellem und echter Verlautung des Dämonischen in den Strophenbauten. Wir empfinden oft, daß das komplizierte Reimschema sich nicht von innen heraus ergibt, daß es von außen auferlegter Zwang ist, der nach der platten Auffassung bürgerlicher Kreise notwendig zum Dichten gehört. Wir fühlen dann, daß wir in einer Zeit stehen, in der das Reimen Dichtung und Gesellschaftsspiel zugleich war. Die Strophen als Ganzes sind meist abgeschlossene Gebilde, aber das Verhältnis ihrer Teileinheiten untereinander entspricht nicht dem architektonischen Aufbau des Reimschemas. Die Sprache bewegt sich [...] nicht der inneren Logik des Strophenbaus entsprechend. Dennoch haben diese Strophen oft große Bedeutung.

Sie sind dann wie das feste und breite Gefäß, in dem die Sprache wogt und wallt; die kunstvollen Reimverschlingungen geben dem geheimnisvollen

Zusammen der Erscheinung Stützpunkte des Klanges, wo magische Umwelt schöpferisch verlautet wird.“ [18]

III.) Eine stilistische Analyse der Ballade „Der Graue“

Wie anfangs beschrieben, ist das Metrum ein vierhebiger Jambus gepaart mit auftretenden Enjambements, die genutzt werden, um das Reimschema und das Metrum aufrechtzuerhalten. Prägnant ist, dass in jeder Strophe auf das Enjambement zurückgegriffen wird. Gleich zu Beginn der Ballade taucht ein Enjambement auf:

„Mit Schart’ und Fensterlein, wodurch […] Der Doppelhaken einst gelugt; […]“ [19]

Die häufige Nutzung der Enjambements und die unterschiedlichen Reimschemata sorgen einerseits dafür, dass der Rezipient für den Text interessiert wird. Gleichzeitig drücken sich darin auch die Schwierigkeiten Annette von Droste-Hülshoffs aus, die Erzählung in eine Ballade zu formen. Durch die formale Strenge wird dem Rezipienten eine wohlgeformte Ballade präsentiert, die durch und durch Brüche aufweist, mit denen sowohl Unruhe als auch Anspannung erzeugt werden.

Ein weiteres stilistisches Mittel sind wortbildende Onomatopoetika. Diese stellen die Sinnlichkeit der Situation und den Aufbau der Spannung dar: unter anderem rauschen [20], knarren [21], schrillen [22], klirren [23], summen [24], dröhnen [25] und heulen [26]. Gleichzeitig substantiviert die Autorin wortbildende Onomatopoetika : Seufzer [27], Geknarr [28] und Geschnarr [29], was dazu führt, dass der Rezipient nun nicht mehr, wie bei einem Verb, den Eindruck hat, dass

es eine vorübergehende Tätigkeit beziehungsweise ein vorübergehendes Geräusch sei, sondern dass es wie ein zeitloses, nicht enden wollendes Geräusch wirkt. Optisch wirken diese substantivierten wortbildenden Onomatopoetika stärker und größer durch die Majuskeln.

IV.) Eine sprachliche Analyse der Ballade „Der Graue“

Bevor das Wiedergängermotiv in die Ballade eingeführt wird, nutzt Annette von Droste-Hülshoff verschiedene sprachliche Mittel, um den Schauer und die Angst beim Leser zu provozieren, damit dann der Fokus auf das Auftreten des Wiedergängers gelegt werden kann.

Widersprüche und Spannungen werden auch durch die Wahl der Worte und deren Zugehörigkeit zu bestimmten Wortfeldern erzeugt.

Annette von Droste-Hülshoff bedient sich verschiedener Wortfelder, die Substantive aus den Bereichen Burg, Natur, Industrie, Mensch, Unbewusstheit und Kriegsmittel enthalten. Für das Wortfeld Burg finden sich unter anderem die Beispiele:

Burg [30], Stein [31], Turm [32], Ziegeldach [33], Wappenschild [34], Bette [35], Zimmer [36], Kamin [37].

Beispiele für das Wortfeld Natur sind unter anderem:

Walde [38], Teiche [39], Sturm [40], Land [41], Luft [42].

[...]


[1] Vgl.: Weißert, Gottfried: Ballade. Stuttgart 1993². Seite 32.

[2] Vgl.: Schwerdt, Wolfgang: Vampire, Wiedergänger und Untote. Auf der Spur der lebenden Toten. Berlin 2011. Seite 100.

[3] Vgl.: Freund, Winfried: Die deutsche Ballade. Theorie, Analysen, Didaktik. Paderborn 1978.

Seite 81-82.

[4] Vgl.: Schwerdt, Wolfgang: Vampire, Wiedergänger und Untote. Auf der Spur der lebenden Toten. Berlin 2011. Seite 101.

[5] Vgl.: Weißert, Gottfried: Ballade. Stuttgart 1993². Seite 4-5.

[6] Vgl.: Lovecraft, Howard Phillips: Die Literatur der Angst. Zur Geschichte der Phantastik. Frankfurt am Main 1995. Seite 13.

[7] Strophe 1, Vers 1 und 3.

[8] Strophe 6, Vers 46 und 48.

[9] Strophe 8, Vers 61 und 63.

[10] Strophe 15, Vers 118 und 120.

[11] Strophe 17, Vers 133 und 135.

[12] Strophe 20, Vers 154 und 156.

[14] Strophe 9, Vers 70 und 72.

[15] Strophe 10, Vers 78 und 80.

[16] Plachta, Bodo/Woesler, Winfried: Annette von Droste-Hülshoff – Sämtliche Werke in

zwei Bänden. Leipzig 2004. Band I. Seite 716.

[18] Kaemmerer, Heinrich: Zu den Balladen der Droste. In: Dichtung und Volkstum. 1935 (36). Seite 235.

[19] Strophe 1, Vers 3 und 4.

[20] Strophe 1, Vers 5.

[21] Strophe 1, Vers 6.

[22] Strophe 2, Vers 13.

[23] Strophe 12, Vers 92.

[24] Strophe 14, Vers 109.

[25] Strophe 18, Vers 137.

[26] Strophe 10, Vers 74.

[27] Strophe 4, Vers 32.

[28] Strophe 11, Vers 85.

[29] Strophe 11, Vers 87.

[30] Strophe 1, Vers 1.

[31] Strophe 18, Vers 142.

[32] Strophe 1, Vers 8.

[33] Strophe 2, Vers 10.

[34] Strophe 2, Vers 15.

[35] Strophe 10, Vers 77.

[36] Strophe 18, Vers 141.

[37] Strophe 5, Vers 34.

[38] Strophe 1, Vers 1.

[39] Strophe 1, Vers 5.

[40] Strophe 1, Vers 6.

[41] Strophe 3, Vers 20.

[42] Ebd.

Details

Seiten
33
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656376514
ISBN (Buch)
9783656377177
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v209727
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,3
Schlagworte
annette von droste-hülshoff wiedergängermotiv der graue ballade

Autor

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