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Natur bei Nietzsche und in der deutschen Romantik

Hausarbeit 2012 24 Seiten

Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I Erster Teil: die Naturkonzeptionen der Romantik
1. Überblick über die Naturkonzeptionen der Romantik
2. Leitende Motive der romantischen Naturbetrachtung

II Die Naturkonzeptionen Friedrich Nietzsches
1. Die Geburt der Tragödie als Systemversuch über Mensch, Kunst und Naturwahrheit
2. Morgenröte als zelebrierte Systemlosigkeit, Ironie, Radikal-Aufklärung
3. Die Fröhliche Wissenschaft als zentrales Werk

III Vergleich
1. Offene Widersprüche, explizite Polemik
2. Entkräftungsversuch und Möglichkeit einer nicht-metaphysischen Lesart der Romantik
3. Erste Annäherung: Genius, Kunst, Erkenntnis des Einsamen
4. Zweite Annäherung: Natur, Geschichte, Mythos
5. Dritte Annäherung: das Leben
6. Philosophische Konstanten: von Herder und Goethe über die Romantik bis Nietzsche

Literaturverzeichnis
Primärquellen:
Sekundärquellen:

Einleitung

In der nachfolgenden Arbeit wird es mein Vorhaben sein, einen Vergleich zu ziehen zwischen Nietzsche und der deutschen Romantik, und zwar in einer besonderen, für beide zentralen Hinsicht – der Natur. Unter „Natur“ kann man freilich vieles verstehen, sei es die Welt, das Universum, die Gesamtheit der Dinge, die Wirklichkeit überhaupt, oder aber nur das Lebendige, vielleicht auch nur die „Natürlichkeit“ als das eigentliche, ursprüngliche Wesen der Dinge. Im Folgenden soll ein umfassender Begriff der „Natur“ verwendet werden, der einzig dem riesigen Bedeutungsfeld gerecht werden kann, auf das man immer stößt, wenn man sich ebenso bei Nietzsche wie bei den Romantikern damit befassen will. Es wird sich dabei eine Viererbeziehung herausstellen, die in beide Denksysteme einbegriffen ist, nämlich die Beziehung Mensch-Leben-Natur-Geschichte. Ich werde argumentieren, dass die wesentlichen Bezugspunkte zwischen diesen vier Elementen und vor allem die Rolle, die sie in der gesamten jeweiligen Naturkonzeption innehaben, in beiden Fällen eine erstaunlich Ähnliche ist. Ich werde argumentieren, dass in beiden Fällen Natur als Geschichte begriffen wird, als lebendige, nicht festgelegte, ewig umstürzende und neuschöpfende Dynamik; dass in beiden Fällen das menschliche Leben Ausdruck dieses Lebendig-Dynamischen ist und Teilhabe daran; dass in beiden Fällen der Mensch, isoliert, außerhalb von Natur und Leben stehend, weder mit spekulativer Vernunft, noch mit empirischer Wissenschaft dieses Verhältnis durchschauen kann, dass er in ewigen Irrtümern herumtappt und gerade in seinen Irrtümern der Lebensprozess geheim seine Zwecke durchsetzt; dass in beiden Fällen im Anschluss daran das Bild eines Erkennenden auftaucht, welcher all dies einsieht, aber nicht daran verzweifelt, sondern bewusst das Leben, mitsamt seiner Täuschungen und Irrtümer fortsetzt; dass in beiden Fällen schließlich dieser ganze Vorgang als ästhetisch lustvolles Spiel begriffen wird und die Forderung an den Menschen aufkommt, sein Leben mit diesem Spiel zu durchdringen.

Nun stellt sich bei allen behandelten Denkern aber die Frage nach ihrer philosophischen Interpretation: sie stellt sich bei meiner Untersuchung der Romantik, weil ich (was ich zu ihrem Verständnis für wesentlich halte) eben auch Auszüge nicht ihrer Theorie, sondern ihrer Kunst, vor allem Gedichte heranziehen werde. Ich werde dabei nicht nach der jeweiligen Aussage der einzelnen Gedichte suchen, was tatsächlich jedes Mal eine zusätzliche Interpretation nötig machte, ich werde nach Motiven und Figuren suchen, die wiederkehren und deshalb als repräsentativ angesehen werden können. Die Frage stellt sich nun aber auch bei jeder Behandlung Nietzsches, wie auch Volker Gerhardt betont: „Deshalb ist es jeder Leser selbst, der bei und mit Nietzsche etwas erkennen will; also muss und will ihn schließlich jeder auslegen, so gut er es eben versteht“ (Gerhardt, S.64). Nietzsches aphoristischer Stil, der ständig in alle Richtung geht, auch immer wieder kleine Selbstwidersprüchlichkeiten aufweist,[1] welche aber wohl teilweise auch Ausdrücke der zahlreichen Wandlungen seines Denkens sind, schafft diese Offenheit. Trotz allem plädiert Gerhardt für eine „systematische Interpretation“ (S.65), welche seine wichtigsten und klarsten Aussagen in einem System ordnen würde, aus dem nur das teilweise „Artistische und Vagabundierende seines Denkens“ (ebd.) als unbrauchbar herausfiele. Ich aber halte es für zu schwierig, Nietzsche in ein System zu ordnen und werde dies gerade in einer Hausarbeit auch nicht wagen. Für mich werden Aussagen eine Rolle spielen, die wiederkehren, hinter denen sich Denkmotive zeigen, deren Entwicklung über die Werke hinweg sich grob nachverfolgen und die sich grob schematisch erfassen lassen. Für den Aphorismus wird also dasselbe gelten wie für das Gedicht. Gerade um die Wandlung in Nietzsches Denken zu berücksichtigen, habe ich drei Werke ausgewählt, die für die jeweilige Phase sehr anschaulich sind: die Geburt der Tragödie, die Morgenröte und die Fröhliche Wissenschaft. Für die Romantik ziehe ich Safranskis Romantik-Eine deutsche Affäre als Sekundärwerk und einige ausgewählte Primärtexte heran.

I Erster Teil: die Naturkonzeptionen der Romantik

In diesem ersten Teil wird es mir darum gehen, auf Grundlage von Safranski, aber auch auf Grundlage einiger ausgewählter Primärtexte, einen Überblick über die leitenden Gedanken der Romantik in Bezug auf die Natur und das menschliche Verhältnis zu ihr zu verschaffen. Ich werde mich aber auch wirklich auf leitende Gedanken beschränken müssen, eine umfassende literaturhistorische Darstellung würde hier natürlich den Rahmen sprengen – und wäre darüber hinaus den Thesen dieser Arbeit sogar auch wenig dienlich. Gemeint sind deshalb nicht isolierte Aussagen gewisser Dichter und Denker dieser Epoche, sondern wiederkehrende Motive, die ich auf Grundlage der Texte versuchen werde, herauszuarbeiten, gerade weil sie, wie zu sehen sein wird, den Kern romantischen Denkens bilden. Man wird sich also frei nach Safranskis Aussage im Vorwort seines Buches richten, die lautet: „Die Romantik ist eine Epoche. Das Romantische ist eine Geisteshaltung, die nicht auf eine Epoche beschränkt ist.“ (Safranski, S.12)

1. Überblick über die Naturkonzeptionen der Romantik

Rüdiger Safranski setzt an den Anfang der romantischen Bewegung die Französische Revolution, welche zunächst einmal dem deutschen Idealismus befeuert[2], als Erkenntnis nämlich, die Welt, die man über lange Zeiten als gottgegeben ansah, könne allein mit der Kraft des Geistes als Akt seiner Freiheit, umgestaltet werden. Hier haben wir schon einige wichtige Einsichten, die auch für die Romantik eine große Rolle spielen werden, nämlich erstens die einer schöpferischen Kraft des Geistes, die nichts aufhalten kann, zweitens die der Nicht-Festgelegtheit der Geschichte, drittens die, dass statische, absolute Ausdeutungen von Weltverhältnissen, wie etwa die, dass die politischen ebenso wie die natürlichen Verhältnisse der Welt von Gott vorgegeben seien, wie sie sind, und ewig so sein werden und sollen, scheitern. Gerade diese Einsichten markieren auch die Wende von der idealistischen zur romantischen Rezeption der Revolution in Deutschland. Als nämlich deren hoffnungsvolle Phasen zu Ende sind und die Terrorherrschaft der Jakobiner beginnt – und sich plötzlich zeigt, wie grausam und unterdrückerisch etwas werden kann, dass man (idealistisch) als Sieg der Vernunft bezeichnet hatte, wird klar, dass man sich die Welt wieder illegitim ausgedeutet hatte, nicht mehr religiös, sondern eben aufklärerisch positivistisch, im Sinne eines progressiven Sieges der Vernunft und Freiheit über die Unvernunft und Unfreiheit. Nach Safranski nahm man gerade die „tumultuarischen und terroristischen Folgen […] als Zeichen […], dass die Geschichte der planenden Vernunft aus dem Ruder läuft und eher unsere dunkle Natur als unseren hellen Verstand zum Zuge kommen lässt. Das alles erschüttert das Vertrauen in ein aufgeklärtes Denken, das […] unfähig ist, die Tiefe des Lebens uns seine Nachtseiten zu erfassen“ (Safranski S.53). An diesem Punkt, also an der Gegenüberstellung einer vernünftigen Einsehbarkeit und Planbarkeit von Welt, Geschichte Leben mit dunklen, chaotischen, dynamischen, nicht einsehbaren, Prinzipien, die ihnen in Wirklichkeit innwohnen, setzt nun das ganze romantische Denken an.

Die Frühromantik ist geprägt von Denkern wie Friedrich Schlegel, Ludwig Tieck und Novalis und zeigt bereits die unterschiedlichsten Motive. Getragen von einem Siegeszug der Erzählliteratur um die Jahrhundertwende und einer neuen, umfassenden Lust am Romanhaften und Geheimnisvollen erfindet man dort einige der zentralen Begriffe der ganzen Romantik, nämlich das „Romantisieren“, die „progressive Universalpoesie“ und die „romantische Ironie“. Was sich dahinter verbirgt, am Anfang wohl kaum mehr als ein kindliches Gefallen am „Geheimnisvollen und Wunderbaren“ oder die staunende Faszination vor der „Wundermacht des Schicksals“ (S.54), entwickelt ziemlich schnell weitreichende philosophische Implikationen. Die Lust am Geheimnis ist gleichzeitig die am nicht vernünftig Erklärbaren, die am Schicksalhaften gleichzeitig die am nicht Vorhersehbaren. Man entwickelt die Idee einer dunklen, chaotischen, dynamischen Natur, deren ebenso dunkle Prozesse und Äußerungen die Vernunft nicht erkennen kann, die Idee von Schicksalsmächten, deren ewiges Spiel das Einzelne Dasein nur ist, die Einzelnes aufsteigen und wieder abstürzen lassen, wie sie wollen, vor denen jeder scheinbar absolute Wert relativ wird, der heute zwar gilt, morgen aber wieder umgestürzt werden kann. Die Natur, die Welt, das Leben, alles ist bloß ein Spiel unbekannter Spieler mit unbekanntem Ziel.[3] Die Idee des Romantisierens knüpft direkt hieran an: man kann die Dinge mit poetischer Bedeutsamkeit aufladen, indem man sich genau dies bewusst macht. Alle Lebensprozesse und Tätigkeiten, so banal sie im Alltag erscheinen, sind bedeutsam, wenn sie als Teil eben dieses Weltspiels begriffen werden. Alle unbewussten, automatisierten, gefühllosen, offenbar auf Nutzen ausgerichteten Geschäfte der arbeitsteiligen Welt (welche die ganze Existenz des Menschen bestimmen) müssen mit Poesie durchdrungen werden, denn wenn man die Geheimnisse, die höheren Bedeutsamkeiten in ihnen sucht und findet, kann man sie damit entautomatisieren, man erlangt ein tieferes Gefühl seines Daseins, der bloße Nutzen verschwindet. Denn wenn man auch die Urheber und den Zweck des Spiels nicht kennt, es hat zumindest ästhetische Bedeutsamkeiten: es ist ein sich selbst bildendes Kunstwerk und reicht sich als solches völlig aus.[4] Wichtig ist aber auch, das Romantisieren und die Universalpoesie nicht bloß als Suche nach Geheimnissen, nach versteckten Bedeutungen zu sehen, sondern als aktiven, schöpferischen Prozess – eben, wie ich ausführte, noch gefärbt durch den idealistischen Zeitgeist –, mit dem man sich als Genie selbst zum Akteur des Spiels machen kann4. Die Schöpfungen der poetischen Phantasie führen quasi die Schöpfungen der Naturkräfte fort und beides wird als „schönes Chaos“ (Schlegel bei Safranski, S. 61) empfunden. Gründe und Zwecke muss es nicht geben. Die romantische Ironie entstammt schließlich ähnlichen Denkmotiven. Gemeint ist eine Ironie, die nicht bloß das Gegenteilige des Ausgesagten meint, sondern eine, die eine festgelegte Aussage überhaupt unmöglich macht, jede Äußerung im Schweben hält vor einem Meer möglicher Äußerungen – und die somit der einzige adäquate Umgang ist mit einer, wie ausgeführt, nicht Festgelegten, dynamischen Naturwirklichkeit, denn, wie auch Safranski den Gedanken darstellt: „Jede bestimmte Aussage bedeutet angesichts des Überkomplexen der Welt eine Komplexitätsreduzierung“ (S.63). Treffend ist auch das Schlegel-Zitat, das er anfügt: „Ironie ist klares Bewusstsein der ewigen Agilität, des unendlich vollen Chaos“ (Schlegel bei S., S.63).

Neben diesen betont spielerischen, chaotischen, phantastischen tauchen aber auch weitaus ernstere, auch religiösere Motive in der Frühromantik auf, die vor allem Denkern wie Novalis und Schleiermacher zuzuordnen sind. Ersterer macht zum Beispiel aus der Natur eine Geliebte, zu der der Mensch ursprünglich in einem innigen Verhältnis steht. Keine „herzlose Analytik“ würde die Wirklichkeit deshalb zu fassen bekommen, nur eine „Erotik des Naturumgangs“ (S.116), kein Blick auf äußere, vom Erkennenden abgetrennte Verhältnisse, sondern einen Blick nach innen, auf das Universum in ihm selbst, mit dem er verbunden ist, das er selbst ist[5]. Die „dunklen, zugleich triebhaften und schöpferischen“ Kräfte (S.117), die er dort findet, sind gleichzeitig die Prinzipien der Natur wie des menschlichen Daseins. Auch von großer Wichtigkeit ist das Motiv der Mütterlichkeit, was Naturbetrachtung betrifft: Novalis interessiert sich für die unterirdische Welt jenseits des Tageslichts, die Tiefe der Erde, die die Tiefe der Seele versinnbildlicht. Dort findet der Mensch sich im Schoß der Welt, spürt seinen Ursprung[6]. Auch die Nacht hat eine solche Funktion: sie bietet sinnliche Ruhe vom Tag – metaphorisch vor dem hellen, nüchternen Leben in der Vorstellung – und lockt mit Wiedervereinigung, Ewigkeit, Selbstgefühl.6 „Die Nacht wäre dann das, worin wir zurückkehren, eine Wiedergeburt, aber auch eine Zurück-Geburt. Das Entsprungene kehrt in seinen Ursprung zurück. Deshalb die wollüstigen Bilder des Eingehens in die Geliebte, die zugleich die Mutter ist“ (S.122). Diese Nachtmystik ist allerdings nicht unbedingt bloßer Lebensunwille und Todessehnsucht: die Sinnlichkeit der Nacht wird als Rausch empfunden und damit wäre die Nacht nicht das Ende des Lebens, sondern vielleicht gerade gesteigertes Leben.[7] Schon bei Novalis bekommt diese Naturbetrachtung auch religiöse Konnotationen: das Christentum wird als Ausdruck ebendieser Nacht- und Todesmystik empfunden, da es die Angst vor dem Tod nimmt, den Tod sogar zelebriert; ebenso der antike Polytheismus, wie auch die „Gespenster“ (Novalis bei S., S.127) der modernen Ideologien seien ein krampfhaftes Klammern an den Tag, weil sie den Gedanken der Nacht nicht ertragen können.[8] Auch die Wissenschaft wäre dann nur eine Ersatzreligion, die in ihrem hohlen Streben danach, die Natur als einen Mechanismus progressiv zu erklären, in Wirklichkeit den „heiligen Sinn“ zerstört, den einzigen Zugang zu ihr.[9] Schleiermacher führt nun die romantische Religion fort und knüpft dabei teilweise an die Gedanken Novalis‘ an. Er seinerseits geht von einer religiösen Anlage im Menschen aus, die nichts anderes ist, als der „Sinn und Geschmack fürs Unendliche“ (Schleiermacher bei S., S.141); religiöse Erfahrung ist dann die Erfahrung der Unendlichkeit des Universums. Wie Novalis geht es auch Schleiermacher betont um Vereinigung, um „Aufhebung der Subjekt-Objekt-Beziehung“ (S.142): „Das Gefühl entdeckt in der Natur Subjektqualitäten und verschmilzt mit ihr“. Diese Subjektverschmelzung mit der Natur, dieses Aufgehen und Verschwinden in ihrer Unermesslichkeit bietet dem Menschen nicht weniger als die „Teilhabe am Göttlichen“ (S.143). Da dieses Göttliche aber nichts anderes ist als das ewige Leben „hier und jetzt“ (ebd.), und dieses wiederum nichts anderes als das Universum, die Natur, sind wir also im Kern des romantischen Pantheismus angelangt: woran wir teilhaben können und sollen, ist das Leben, nicht als individuelles Leben, sondern als das ewige Lebensprinzip des Universums.[10] Dass Schleiermacher diesen ganzen Vorgang als passiv darstellt, als Selbstaufgabe an die Natur, und dass er unsere Abhängigkeit vom Universum betont, darf deshalb nicht falsch verstanden werden, etwa als blinder Determinismus: die Natur ist (wie schon Schlegels Weltspiel) ein freies, dynamisches, schöpferisches Prinzip; damit ist auch die Subjektverschmelzung mit der Natur als „Teilhabe am Göttlichen“ nichts anderes als Ausdruck und Fortführung der Freiheit des Naturprozesses und damit die höchstmögliche menschliche Freiheit überhaupt.[11]

Was nun Hölderlin, dessen literaturhistorische Zugehörigkeit umstritten ist – der aber bei Safranski eine wichtige Rolle für die Romantik spielt und der nun einmal, wie ich auch noch teilweise zeigen werde, Motive verwendet, die wesentlich romantisch sind – zu der Entwicklung dieser Gedankenwelt beiträgt, sind vor allem mythologische und geschichtliche Momente. Ihm ist es etwa mit der antiken Götterwelt weitaus ernster als noch Schlegel, dem sie nur Sinnbild des ursprünglichen schöpferischen Chaos der menschlichen Natur war – für ihn gibt es wirklich einen Götterhimmel in der Natur, oder eher eine Geisterwelt: eine verborgene Welt aus Geistern der Natur, der Situationen, auch der zwischenmenschlichen Konstellationen, deren der antike Polytheismus der erste Ausdruck war, die schwächer geworden ist und die es wiederzufinden gilt.[12] Das alles ist, wie Safranski begründet, wesentlich durch einen Zeitgeist geprägt, der neues Interesse an vergangenen Mythologien findet, als an frühen Erfahrungen der Menschheit mit dem Überweltlichen, Unendlichen, oder eben wie bei Hölderlin, mit der Geisterwelt in der Natur.[13] Der neue Wert, der solchen Mythologien als Zeugnissen aus diversen Epochen – und aus christlicher Sicht sowieso überkommenen heidnischen Verblendungen – dadurch zukommt, erzeugt notwendig ein neues Geschichtsbewusstsein: es gilt jetzt, sich nicht mehr allzu behaglich in der Gegenwart, in deren Wertewelt und Weltdeutung einzurichten, denn man hat das Gefühl, „in einem ungeheuren Zeitstrom zu treiben, der von weither kommt und ins Unbestimmte hinausführt. Die Dinge schwanken, es lässt sich kein ruhiger Beobachtungspunkt im Außerhalb finden, man ist Geschichte und wird von ihr mitbewegt“ (S.158). Hier ist man Schlegel sehr nahe, der ebenfalls in der Tiefe und Wandelbarkeit der Geschichte einen Ausdruck des offenen, chaotischen, schönen Weltspiels sah, nur dass es einem, wie gesagt ernster ist. So empfindet Hölderlin die Mächte der Natur und Geschichte „tatsächlich als göttlich und numinos“ (S.164). Es wird sich noch als sehr wichtig erweisen, die große Bedeutung klar herauszustellen, die gerade die Verbindung von Natur und Geschichte für das romantische Denken hat.

Die Naturkonzeptionen der späteren Romantik eines Eichendorff, Hoffmann und auch Heine dürfen nicht isoliert vom bereits Genannten betrachtet werden. Inwiefern sie durch die Fortführung und Pointierung sämtlicher Motive der älteren Romantik vielleicht sogar als „Resümee-Romantiker“ bezeichnet werden können, werde ich noch versuchen, anhand einer kleinen Untersuchung der Eichendorffschen und Heineschen Lyrik zu verdeutlichen. Doch zuerst wieder zu ihren Naturkonzeptionen nach Safranski. Erst einmal ist herauszustellen, wie viel mehr diese spätere Romantik an der Aufklärung und deren Folgen leidet als die Frühere. Man hat den Eindruck, in einer Zeit zu sein, wo alles gleichgemacht wird, in der Politik und Gesellschaft wie auch in der Ästhetik und Formsprache der Dinge, wie sich zum Beispiel im Städtebau geometrische Prinzipien durchsetzen, weite Räume geschaffen werden, die gleichzeitig eng erscheinen, weil sie leer sind.[14] Daraus entwickelt sich ein tief sitzendes Motiv der Angst vor der Leere, welche gleichzeitig leerer Raum, Sinnleere, Bedeutungsleere, das Nichts ist, der man gerade durch die Öffnung der Formen, die Gleichmachung und Geometrie, implizit auch Vernunft, Wissenschaft, Entwirrung, Entzauberung, Ausleuchtung der Welt zusteuert und der man Vorstellungen von ursprünglicher, schöner, gehaltvoller Verworrenheit, Dunkelheit und Schiefheit entgegensetzt.14 Analog zur Angst vor der Leere ist die Angst vor der Langeweile, so wie analog die Langweiligkeit der Existenz als die Leere der Existenz empfunden wird. Hier gilt es wieder, zum Schaffenden zu werden, die sich entleerende Wirklichkeit zu romantisieren, ihre Bedeutsamkeiten mit Phantasie wiederherzustellen, was wiederum das Vorhaben der Frühromantik aufgreift und sogar weiterführt. Romantisieren heißt nicht mehr nur, die Dinge vor den Hintergrund eines Spiels von Geschick und Geschichte zu setzten und sie im Rahmen des Spiels bedeutsam zu machen – denn man fürchtet ja bereits, dass durch die Entzauberung von Natur und Geschichte auch diese Bedeutsamkeit im Verschwinden ist, oder zumindest kaum mehr sichtbar ist – es geht nun auch darum, sich des Irrealis zu bedienen, des fantastischen „Als ob“, nicht um sich tatsächlich eine andere Wirklichkeit vorzugaukeln, sondern just um Möglichkeiten zu evozieren, um die weltanschaulich zunehmend festgelegte und gedeutete Wirklichkeit damit zu relativieren und neue Bedeutsamkeiten zu schaffen.[15] Sieht man dies in Verbindung zur Frühromantik, hat es faszinierende Implikationen: die ewig schöpferische, nicht festgelegte Natur würde zahllose Möglichkeiten hervorbringen, die man mit Phantasie erdenken kann – und da die Wirklichkeit im Hier und Jetzt nur eine davon ist, kann man gerade durch die fiktive Nennung anderer Möglichkeiten die Tiefe und Dynamik von Natur und Geschichte vollendet zum Ausdruck bringen.

[...]


[1] Die Aphorismen 50 und 543 aus der Morgenröte etwa scheinen mit seinem sonstigen Denken in einem starken Kontrast zu stehen

[2] Vgl. Safranski, S.32ff

[3] S.a. ebd. S.57

[4] Vgl. ebd. S.61

[5] Vgl. ebd. S.116f

[6] Vgl. ebd. S.120ff

[7] Vgl. ebd. S.121 u., S.122

[8] Vgl. ebd. S. 123 o., S.127f

[9] Vgl. ebd. S.128f

[10] Vgl. ebd. S.142 u., S.143

[11] Vgl. ebd. S.147f

[12] Vgl. ebd. S.166f

[13] Vgl. ebd. S.156ff

[14] Vgl. ebd. S.202f

[15] Vgl. ebd. S.208f

Details

Seiten
24
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656378716
ISBN (Buch)
9783656381181
Dateigröße
640 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v209928
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Philosophie
Note
1.0
Schlagworte
Friedrich Nietzsche Romantik Natur Mensch Geschichte Genie Fröhliche Wissenschaft Geburt der Tragödie Morgenröte Safranski Schlegel Novalis Schleiermacher Eichendorff Heine

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Titel: Natur bei Nietzsche und in der deutschen Romantik