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Sozialpädagogische Fanarbeit im deutschen Fußball

Rahmenbedingungen und Konzepte der deutschen Fanprojekte

Bachelorarbeit 2012 65 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Zusammenfassung des Jahresberichtes Fußball 2010/11 (ZIS)

2. Zielgruppen sozialpädagogischer Fanarbeit
2.1 Der normale Fan/ Normalo
2.2. Die Kuttenfans
2.3. Hooligans
2.3.1. Hooligans-Ursprünge und Begriffsdefinition
2.3.2. Hooligans in Deutschland-Zahlen und Fakten
2.3.3. Hooliganismus-Eine neue Gewaltkultur erreicht die deutschen 18 und europäischen Stadien
2.4. Die Ultras
2.4.1. Anfänge der Ultrakultur in Deutschland
2.4.2. Ultras in Deutschland- Gruppengrößen und Organisationsstrukturen
2.4.3. Ultras-Ideologien, Werte und Feindbilder
2.4.4. Ultras-Politik und Symbole

3. Jugendliche Fußballfans als Subkultur

4. Sozialpädagogische Fanprojektarbeit im deutschen Fußball
4.1. F anproj ekte-B egriffsde finition
4.2. Die Entstehungsgeschichte der deutschen Fanprojekte
4.3. Die Entwicklungsgeschichte des NKSS als konzeptionelle Grundlage Sozialpädagogischer Fanarbeit in Deutschland
4.4. Fanprojektarbeit in Deutschland- Zielsetzungen, Aufgaben und 43 T ätigkeitsb ereiche
4.5. Fanprojektarbeit in Deutschland- Rechtliche, personelle, materielle und finanzielle Rahmenbedingungen
4.5.1. Rechtliche Grundlagen
4.5.2. Personelle Rahmenbedingungen
4.5.3. Materielle Rahmenbedingungen
4.5.4. Finanzielle Rahmenbedingungen

5. 20 Jahre Fanprojektarbeit in Deutschland-Eine Bilanz

6. Fanprojektarbeit in Deutschland- Fazit und Perspektive

Literatur-und Quellenverzeichnis

Einleitung

Auch aufgrund der aktuellen Geschehnisse ist das Verhalten der Fußballfans in der Bundesrepublik Deutschland (BRD) in den letzten Jahren wieder verstärkt in den öffentlichen und medialen Fokus gerückt. Angesichts von Spielunterbrechungen oder Abbrüchen in Folge des Einsatzes von Wurfgeschossen oder illegaler Pyrotechnik (etwa beim Relegationsspiel zwischen Hertha BSC Berlin gegen Fortuna Düsseldorf am 15.05.2012), gewalttätigen Auseinandersetzungen unter den Fans, Schmähgesängen, beleidigenden oder rassistischen Choreographien der Fangruppen und nicht zuletzt dem notwendig gewordenen, äußerst kostspieligen wöchentlichen Einsatz hunderter Polizeibeamter im Rahmen der Bundesligaspiele wird der Kultur der Fußballfans vielerorts mit Argwohn begegnet. Dazu beigetragen hat sicherlich auch die Berichterstattung der Massenmedien, welche sich bisweilen äußerst plakativ, polemisch und vor allem sachlich undifferenziert gestaltet. Die Berichterstattung innerhalb der deutschen Medienlandschaft wie auch der Führungsriege des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) strotzt diesbezüglich nicht selten vor Klischees, Stereotypen und Halbwahrheiten. Auf Seiten der Funktionäre und Politiker werden aktuell einige durchaus kontroverse Maßnahmen diskutiert, um der Gewaltproblematik in deutschen Fußballstadien Herr zu werden, darunter auch die Abschaffung der Stehplätze in deutschen Stadien.

Vielfach werden ganze Fangruppierungen unter Generalverdacht gestellt. Von ,Verbrechern‘ und ,Chaoten‘ ist die Rede, welche das Massenereignis Fußball als willkommene Bühne für Krawall und Provokation ausnutzen würden. Der Tenor der öffentlichen Berichterstattung seitens der Funktionäre, Politiker und Massenmedien ist, derartiges Verhalten sei der Fußballkultur in Deutschland unwürdig und keinesfalls zu tolerieren. Dies wirft jedoch unmittelbar die Frage auf, durch wen oder was sich eine gleichermaßen gewachsene wie dynamische Kultur auszuzeichnen hat. Fraglos ist Gewalt gegen friedfertige gegnerische Fans, Spieler oder Schiedsrichter scharf zu verurteilen und natürlich kein Fundament für die Erhaltung des Fußballsports in Deutschland als Massenereignis und ,Volksreligion‘. Jedoch ist diesbezüglich eine differenziertere Wahrnehmung aller Beteiligten vonnöten. Welche Emotionen dürfen im Fußballstadion ausgelebt werden? Wo verschwimmt die Grenze zwischen hochemotionalem „Ultra“-Fan (siehe Punkt 2.4.), der oft unter erheblichem Einsatz von Freizeit und Geld sein Team unterstützt und gewaltsuchenden „Hooligan“(siehe Punkt 2.3), welcher den Fußball für die Auslebung seiner Gewaltgelüste benutzt? Welche Rolle spielt die teils repressive Vorgehensweise der Polizei bei der Bekämpfung des Gewaltproblems in deutschen Stadien?

Um diese Fragen beantworten und einen möglichst weitreichenden Einblick in die vielschichtigen Lebenswelten der innerdeutschen Fankulturen gewähren zu können, wird anhand von Fachliteratur versucht, die relevanten Begrifflichkeiten und Ausprägungen des ,Fan-Seins‘ zu definieren, das Selbstverständnis der verschiedenen Fangruppen aufzuzeigen und anhand von Beispielen darzulegen. Konkret widmet sich die vorliegende Bachelorarbeit dem Thema: „Sozialpädagogische Fanarbeit im deutschen Fußball - Unter welchen Rahmenbedingungen und mit welchen Zielgruppen und Konzepten arbeiten die deutschen Fanprojekte?“. Primär soll aufgezeigt werden, durch welche Formen sozialpädagogischer Intervention versucht wird, den eingangs erwähnten Problemsituationen im deutschen Fußball entgegenzuwirken. Die vorliegende Arbeit hat also zum Ziel, die Tätigkeit der deutschen Fanprojekte in ihrer Gesamtheit zu erfassen und vorzustellen sowie die zugrunde liegende pädagogische Methodik und Konzeption der Fanprojektarbeit nachvollziehbar zu machen. Zu diesem Zweck wird die Entstehungsgeschichte der deutschen Fanprojekte nachgezeichnet, um ihre historische Entwicklung zu verdeutlichen. Als ein wesentlicher inhaltlicher Schwerpunkt dieser Arbeit sollen insbesondere die Konzepte und Handlungsentwürfe der Fanprojekte, wie auch deren zugrunde liegenden strukturellen Rahmenbedingungen dargestellt werden. Ferner liegt ebenso ein besonderes Augenmerk auf den Organisationsstrukturen und finanziellen Gegebenheiten, unter denen Fanarbeit im deutschen Fußball zum gegenwärtigen Zeitpunkt stattfindet.

Um die Bedeutung der inhaltlichen Konzeption und Methodik der Fanprojekte anhand der divergenten Zielgruppen sozialpädagogischer Fanarbeit nachvollziehbar zu machen und damit zugleich einen Überblick auf die Vielfältigkeit des beruflichen Klientel gewährleisten zu können, werden zunächst die die jeweiligen Fan-Kategorien ausführlich porträtiert. In diesem Zusammenhang wird ein besonderer Schwerpunkt auf die Beschreibung der historischen Entwicklung der deutschen Fanszene seit Gründung der deutschen Bundesliga im Jahr 1963 gelegt. In der Darstellung der einzelnen Fankulturen werden insbesondere deren spezifische Charakteristika, Wert-und Normvorstellungen, Motive und Mitgliederstärken aufgeführt. Besagte Zielgruppen unterteilen sich grob in die Unterkategorien der ,normalen‘ Fans („Normalos“, siehe Punkt 2.1.), der „Kuttenfans“(siehe Punkt 2.2.), der „Hooligans“ sowie der „Ultras“. Freilich ist bereits an dieser Stelle anzumerken, dass sich die Grenzen zwischen diesen Unterkategorien oftmals fließend gestalten und eine klare und absolute Unterscheidung daher bisweilen nur bedingt möglich erscheint. Aus diesem Grund wird die vorliegende Bachelorarbeit auch zum Ziel haben, sowohl die Unterschiede als auch die Gemeinsamkeiten dieser verschiedenartigen Fankategorien herauszuarbeiten und die Ergebnisse in den Kontext der sozialpädagogischen Fanarbeit zu stellen. Dahingehend soll bei der Bearbeitung dieser Thematik und zur Veranschaulichung der Notwendigkeit sozialpädagogischer Intervention weiterhin der Versuch unternommen werden, die Kultur der Fußballfans - ungeachtet ihrer exakten Bezeichnung - unter soziologischen und gesellschaftlichen Gesichtspunkten darzustellen, um die Interaktionen der Fans innerhalb ihrer Subkultur nachvollziehbar zu machen. Abschließend soll anhand all dieser gesammelten Informationen ein Ausblick in die Zukunft sozialpädagogischer Fanprojektarbeit geworfen - sowie ein Fazit zur konzeptionellen und inhaltlichen Debatte über die Relevanz dieses Arbeitsfeldes gezogen - werden. Zur Veranschaulichung der zugrunde liegenden Problemlage anhand empirisch gewonnener Daten wird die vorliegende Arbeit mit der Zusammenfassung des „Jahresberichtes Fußball 2010/11“ der „Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze“ (ZIS) des „Landesamtes für Zentrale Polizeiliche Dienste“ (LZPD) begonnen.

1. Zusammenfassung des Jahresberichtes Fußball 2010/11 (ZIS)

In diesem Abschnitt sollen die wesentlichen Erkenntnisse des Jahresberichts Fußball 2010/11 der „zentralen Informationsstelle Sporteinsätze“ (ZIS) in komprimierter Form wiedergegeben werden. Sämtliche aufgeführten Daten basieren auf der Analyse besagten Berichtes, welcher auf der Internetseite des LZPD Nordrhein-Westfalen (LZPD NRW 2012) einzusehen ist.

Laut dem Jahresbericht Fußball 2010/11 der ZIS bewegen sich gewalttätige Ausschreitungen durch Fußballfans seit ca. 12 Jahren (Saison 1999/2000) auf einem zwar saisonal schwankenden, dabei jedoch konstant hohen Niveau. Grundsätzlich stellt sich der Vergleich der Kennzahlen in den Bereichen Freiheitsentziehungen, Strafverfahren und geleisteten Arbeitsstunden der Polizei zum Vorjahr leicht rückläufig dar, allerdings „[...] lag die Anzahl der an den Standorten beider Bundesligen in der Saison 2010/11 eingeleiteten Strafverfahren um knapp 40 sowie der geleisteten Arbeitsstunden um knapp 30 Prozent über dem Durchschnitt der letzten zwölf Jahre.“ (ZIS, Jahresbericht 2010/11, S.3).

Dabei entfiel der Großteil dieser Verfahren (47, 2%) auf anlasstypische Gewaltdelikte wie Körperverletzung, Widerstand, Landfriedensbruch oder Sachbeschädigung (vgl. ebd., S.10).

Die häufigsten Tatorte dieser Delikte waren zu über 50% in und um die Stadien angesiedelt, für die Polizei „[...] ein eindeutiges Indiz dafür, dass die Fußball-Gewalttäter die „Bühne“ und die Nähe des Stadions für ihre Aktivitäten benötigen.“ (ebd., S.13) Demgegenüber steht allerdings der weiterhin andauernde Trend, dass einige gewaltbereite Fans in Absprache zueinander Orte abseits des Stadions für ihre Konflikte zu verabreden pflegen und diese mitunter auch losgelöst vom Spieltag austragen.

Grundsätzlich unterteilt die deutsche Polizei die Fans in die Kategorien A, B und C. (Vgl. ebd., S. 5ff.) Während Kategorie A den „friedlichen Fan“ (ebd., S. 5) bezeichnet, sind die ,Problemfans‘ als priorisierte Zielgruppe von polizeilichen Gegenmaßnahmen und sozialpädagogischer Intervention durch die Fanprojekte in die Kategorien B und C zusammengefasst. Der Fan der Kategorie B wird als grundsätzlich „gewaltbereit/gewaltgeneigt“ (ebd., S. 5) eingestuft, während der viel zitierte Kategorie C- Fan als „Gewalt suchendender“ (ebd., S. 5) Fan oder auch als Hooligan klassifiziert wird. In Deutschland wurden auf Grundlage des Jahresberichts 2010/11 im Rahmen von Fußballspielen (1. und 2. Bundesliga, DFB-Pokal, UEFA-Club-Wettbewerbe sowie sonstiger Wettbewerbe und Länderspiele) von Seiten der Polizei 5.818 Strafverfahren eingeleitet und 6.061 freiheitsentziehende Maßnahmen durchgeführt. Darüber hinaus wurde ein neuer Höchststand (846 Personen, davon 243 Polizeibeamte) im Bereich der bei Fußballspielen verletzten Personen verzeichnet. Insgesamt verfielen in der Saison 2010/11 1.562.242 Arbeitsstunden der Polizeien von Bund und Ländern auf den Einsatz bei Fußballspielen (vgl. ebd. 3ff.).

Die geschätzten Angaben der Polizeibehörden über das gewaltbereite Potenzial der deutschen Fanszenen der Vereine von Bundes-bis Regionalliga liegt bei etwa 14.900 Personen im Bundesgebiet und damit ebenfalls seit Jahren auf einem konstanten Niveau. Allerdings ist diesbezüglich ein Anstieg der Gesamtzahl der Fankategorien B und C um ca. 3.500 Personen im Vergleich zur Saison 2007/08 auf nunmehr 9.685 (davon 7.240 Kategorie B und 2.445 Kategorie C) Personen in den beiden Bundesligen zu verzeichnen. (Vgl. ebd., S.7)

Die Fans der Kategorien B und C stellen somit eindeutig nur einen Bruchteil der Stadionbesucher dar, schließlich wurden die Spiele der beiden Profiligen in der Saison 2010/11 von insgesamt ca. 17,4 Millionen Zuschauern besucht. Auf der Grundlage von insgesamt 36 Teams in den beiden Bundesligen liegt der rechnerische Durchschnitt von Fans der Kategorien B und C pro Verein der 1. oder 2. Bundesliga somit bei lediglich 269 Personen. Ein, gemessen an den Anhängerzahlen der Vereine, (durchschnittliche Zuschauerzahl 1. Bundesliga: ca. 42.100) verschwindend geringer Wert.

Eine wesentliche - wenn nicht sogar aktuell die- Zielgruppe sozialpädagogischer Fanarbeit im deutschen Fußball sind die Ultras (vgl. ebd., 5ff.). Die überwiegende Mehrheit von Mitgliedern derartiger Gruppierungen wird seitens der Polizei zwar als friedfertige Fans der Kategorie A eingestuft, allerdings fallen einige Ultragruppierungen, dem vorliegenden Jahresbericht der ZIS zufolge, seit Jahren wiederholt durch das in Deutschland illegale Abbrennen pyrotechnischer Gegenstände (,Bengalos‘) in den Stadien auf, um „[...] ihre besondere Verbundenheit zum Verein zu dokumentieren und eine “südländische” Atmosphäre in den Stadien zu erzeugen.“ (ebd., S.5) Auch berichtet die Polizei von einer zu beobachtenden Zunahme der Gewaltbereitschaft unter den Ultras (vgl. ebd., S.6).

Auf das Wesentliche zusammengefasst lässt sich anhand dieses Berichtes konstatieren, dass die friedlichen Fans in den deutschen Bundesligastadien eine mehr als deutliche Überzahl stellen. Dessen ungeachtet bedarf es weiterhin einer intensiven Beobachtung und Betreuung von Teilen der Fanszene, um die Sicherheit der friedlichen Fans zu gewährleisten und der immer noch vorhandenen Gewaltproblematik im deutschen Fußball entgegen zu wirken.

An genau dieser Stelle hat die sozialpädagogische Intervention durch die Fanprojekte anzusetzen. In Einklang mit dem 1993 verabschiedeten „Nationalen Konzept Sport und Sicherheit“ (NKSS) unterteilen sich die Maßnahmen dieses Konzeptes in repressive ordnungspolitische Maßnahmen sowie Strategien zur Gewaltprävention, für welche die Fanprojekte der Vereine verantwortlich zeichnen (vgl. Pilz 2006b, S.235ff.).

Wie in nachfolgenden Abschnitten ersichtlich wird, ist die Gewaltproblematik im deutschen Fußball kein neues Phänomen, vielmehr hat sich insbesondere die Struktur der Gewalt und die Fanszene als solche im historischen Verlauf teils erheblich verändert. Da zum Verständnis der im NKSS vereinbarten Strategien und Maßnahmen zur Gewaltprävention durchaus profunde Sachkenntnisse über die Vielschichtigkeit der innerdeutschen Fanszene nötig erscheinen, wird sich die vorliegenden Arbeit zunächst mit der möglichst ausführlichen Darstellung der einzelnen Fankulturen und- typen als Zielgruppen sozialpädagogischer Intervention durch die Fanprojekte widmen.

2. Zielgruppen sozialpädagogischer Fanarbeit- Begriffsdefinitionen

Nachfolgender Abschnitt soll die relevanten Zielgruppen der Fanprojektarbeit in der BRD vorstellen. Dies erscheint sinnvoll, da sich die verschiedenartigen Adressaten sozialpädagogischer Intervention durch ihr Auftreten, ihre Handlungen sowie ihr generelles Selbstverständnis teils erheblich voneinander unterscheiden und sich darüber hinaus oft auch bewusst und vehement von Vertretern anderer Fankategorien abgrenzen. Aufgrund der Komplexität und Sensibilität des Arbeitsfeldes der Fanprojektarbeit kommt einer möglichst präzisen Beschreibung der Zielgruppen eine hohe Bedeutung zu. Ziel soll es sein, die Lebenswelten dieser meist jungen Menschen darzustellen und erfahrbar zu machen, die spezifischen Merkmale und Verhaltensweisen der verschiedenen Fankulturen aufzuzeigen und auf Basis dieser Darstellungen die Bedeutung sozialpädagogischen Handelns im Kontext des Fußballs in Deutschland darzulegen. Nicht behandelt werden soll in vorliegender Arbeit die Entstehungsgeschichte des deutschen Fußballs vor Gründung der Bundesliga im Jahr 1963, da diese hinsichtlich der Fragestellung und Thematik der vorliegenden Arbeit nicht zielführend erscheint.

Die Fanprojektarbeit unterliegt einem historischen Wandel, da sich seit der Gründung der deutschen Fanprojekte in den 1980er Jahren Art und Ausprägung der Fankulturen und besonders die Mehrheitsverhältnisse innerhalb selbiger zum Teil stark veränderten. (siehe Punkt 4.2.) Als primäre Zielgruppen der Fanprojektarbeit sind grundsätzlich die Kuttenfans, die Hooligans sowie die Ultras zu nennen. Strukturell wird dabei der Schwerpunkt auf der Vorstellung der Ultras liegen, da sich diese Fankultur seit etwa 20 Jahren gleichermaßen durch ihr enormes Wachstum wie auch durch eine dynamische Entwicklung auszeichnet und die Hooligankultur dagegen im Grunde aus den gleichen Gründen seit Jahren eher rückläufig ist: „Die Ultrakultur, die die Hooligankultur als ein Auslaufmodell zunehmend verdrängt hat f...]“ (ebd., S.66). Ultras sind mittlerweile ein Massenphänomen, aktuell stark in den Medien präsent und gelten in Expertenkreisen als die „absolut attraktivste jugendliche Subkultur in Deutschland.“ (Gabriel 2012).

In der Darstellung der unterschiedlichen Fangruppen wird chronologisch vorgegangen, da die deutschen Fanszenen stets einem dynamischen Wandel unterlagen und sich neuartige Fankulturen im Grunde immer selbst aus vormals etablierten Fanszenen heraus entwickelten. Pilz umschreibt diesen Werdegang als den Wandel vom „[...] begeisterten Anhänger über den Kuttenfan zum Hooligan und Ultra.“ (Pilz 2006, S.52). An dieses Schema angelehnt, wird der nachfolgende Abschnitt daher mit einer chronologischen Beschreibung der Entwicklung der Fankultur in Deutschland begonnen. Den Anfang macht dabei der Versuch einer Definition und Vorstellung des ,normalen‘ Fußballfans. Anschließend werden in chronologischer Reihenfolge die Kuttenfans, danach die Hooligans und abschließend die Ultras vorgestellt.

2.1. Der normale Fan/ Normalo

Zuvorderst ist in diesem Kontext anzumerken, dass eine genaue Definition des Begriffs ,normaler Fan‘ wohl außerordentlich schwer zu erstellen ist. Zu unterschiedlich gestaltet sich das individuelle ,Fan-Dasein‘ in seiner Intensität, Ausprägung und Individualität. Heitmeyer und Peter unternehmen den Versuch, die Fanszenen auszudifferenzieren und unterteilen die Fans in drei Kategorien: den „konsumorientierten Fan“, den „fußballzentrierten Fan“ sowie den „erlebnisorientierten Fan“ (Heitmeyer/Peter, 1992, S.32). Heitmeyer/Peter schreiben diesbezüglich: „Da nicht von einer homogenen Fußballfan-Szene auszugehen ist, stellt sich die Frage nach den unterschiedlichen Motiven. Wir unterscheiden eher konsumorientierte, fußballzentrierte oder erlebnisorientierte Motive, um Identitätsbestrebungen, Fußball und sozialen Alltag über das Erleben von Spannungssituationen miteinander zu verbinden.“ (ebd., S.31). Zwar verwenden andere Forscher (siehe auch Pilz 2005, S.1) in neueren Studien die gleichen oder ähnliche Begrifflichkeiten, allerdings verweist etwa Pilz stärker auf die Dynamik innerhalb dieser Fankategorien, bspw. die Schnittpunkte zwischen fußballzentrierten und trotzdem erlebnisorientierten Fans in der heutigen Zeit (siehe dazu auch Punkt 2.4.). Grundsätzlich erscheint es im Einzelfall oftmals schwierig, Fans einer dieser Kategorien eindeutig zuzuordnen.

Der Normalo oder konsumorientierte Fan betrachtet den Fußball laut Heitmeyer/Peter (vgl. 1992, S.32) pragmatisch. Zwar kommt für ihn dem Fußballspiel eine hohe emotionale Bedeutung zu, oberstes Kriterium ist allerdings die Leistung der Spieler. Konsumorientierte Fans sehen in dem Fußballspiel also primär ein relativ austauschbares Event, das ihnen zur Unterhaltung dient. Für sie ist der Besuch eines Fußballspiels also eine optionale Freizeitgestaltung und nicht der Mittelpunkt ihres Lebens. Dazu Heitmeyer/Peter: „Für die konsumorientierten Fans steht das Erleben von Spannungssituationen, die von anderen dargeboten werden, im engen Zusammenhang mit Leistungsgesichtspunkten, während die soziale Relevanz weitgehend unbedeutend ist.“ (ebd., S.33). Aus diesem Grund besuchen Fans dieser Kategorie eher Spiele gegen besonders interessante Gegner und verfolgen das Spiel zumeist auf eher teureren Tribünenplätzen. Normalos sind in aller Regel nicht in Fan-Clubs organisiert und kommen oftmals alleine oder in wechselnder Begleitung ins Stadion. (Vgl. Weigelt 2004, S.30) Auch stehen sie meist „[...] nicht fanatisch hinter dem Verein, sie wollen, dass der Bessere gewinnt.“(ebd. S.30). Von Kuttenfans oder Ultras werden sie aus diesem Grund häufig nicht als wirkliche Fans akzeptiert und teilweise sogar offen angefeindet. Gleichermaßen lehnen die Normalos Kutten - oder Ultrafans aufgrund deren fanatischer Einstellung zum Fußball ab, oft sind diese sogar der Grund für die seltenen Stadionbesuche der Normalos. (Vgl. ebd., S. 30) Laut Heitmeyer/Peter spielt für Normalos die soziale Anerkennungsrelevanz im Stadion eine eher untergeordnete Rolle, Bestätigung und Akzeptanz holen sich diese Fans primär in anderen sozialen Bereichen (vgl. Heitmeyer/Peter 1992, S. 32). Pilz führt die Entstehung der Normalos auf die fortschreitende „[...] Professionalisierung des Fußballsports [...]“ (Pilz 2006, S.52) zurück. Diese begann mit Gründung der westdeutschen Bundesliga im Jahr 1963 und schloss ab im Jahr 1974, in welchem die Gehaltsobergrenzen der Spieler aufgehoben wurden (vgl. Gabler 2010, S.21). Bedingt durch diese Entwicklung bildeten sich also laut Pilz erst diese stark konsumorientierten Fans aus der Anhängerschaft heraus.: Die Beziehungen zwischen den Spielern und Zuschauern und damit auch das Verhalten und die Begeisterung der Zuschauer veränderten sich in dem Maß, wie sich die Vereine und der Spielbetrieb fortentwickelten. Waren ursprünglich die Spieler für die Zuschauer noch „greifbare Repräsentantendie mit der Stadt oder dem Ortsteil, dessen Verein sie angehörten, verbunden und verwurzelt waren, und wurden entsprechend diese Spielertypen oft als lokale Helden der Arbeiterklasse gefeiert, so hat mit der Professionalisierung des Fußballsports ein neuer Spielertypus Einzug gehalten: Der von den Medien mit geformte „Star“, für den die Treue zum Verein nur noch so lange gilt, wie der Verein erfolgreich ist.“ (Pilz 2006, S. 52).

Eine immer strikter werdende Trennung zwischen Zuschauer und Spieler war die Folge, die Spieler selbst wurden infolge dieser Entwicklung von den Medien und Vereinen als Stars hochstilisiert und zunehmend idealisiert (vgl. Gabler 2010, S.22). Der in früheren Zeiten (auch) aufgrund der lokalen Verbundenheit der Spieler quasi selbstverständliche Kontakt zwischen Zuschauern und Spielern wich im Verlauf der Zeit immer mehr einer bewusst gewählten Distanz der Spieler zu den Zuschauern (vgl. Pilz 2006, S. 52). Diesbezüglich führt auch Gabler in seinem Buch „Die Ultras“ ein Zitat von Lindner auf: „[...] der lokalorientierte Spitzenspieler früherer Zeiten war der Held seiner Gemeinde, der mobile Spitzenspieler unserer Tage ist der von den Medien geformte Star.“ (Lindner 1983, S. 64 zitiert nach Gabler 2010, S.21f.). Waren die Lebenswelten beider Gruppen vormals aufgrund der simultan zum Fußballerdasein ausgeübten Berufstätigkeit der Spieler noch relativ ähnlich, entwickelte sich infolge der Einführung des Berufsfußballs und den kontinuierlich steigenden Gehältern der Spieler eine stetig wachsende Distanz zwischen beiden Fraktionen (vgl. Gabler 2010, S.21). Aus dieser zunehmenden Distanz und dem allgemeinen „[...] Showcharakter des professionellen Fußballsport [...]“ (Pilz, 2006 S.52) resultierend entwickelten viele Fans laut Pilz eine grundsätzlich andere Einstellung zu selbigem und reagierten darüber hinaus zudem mit einer gestiegenen Erwartungshaltung an die Spieler. Für Pilz gründet die weitere Ausdifferenzierung der Fans in Normalos und Kuttenfans gleichermaßen in besagter Kommerzialisierung des Fußballs: „Der Showcharakter des Profifußballs bringt einerseits einen Zuschauertyp hervor, der mehr und mehr zum wählerischen Konsumenten wird [...] Andererseits bringt er aber auch die fußballzentrierten (Kutten-)Fans hervor, für die der Verein ihr Leben, der Erfolg des Vereins alles ist“. (ebd., S.52f.). Weiterhin verweist er in diesem Zusammenhang auch auf Hortleder: „Heute [...] herrscht zwischen Publikum und Spieler ein Verhältnis voller emotionaler Spannung, einer Emotion, bei der die Pole Verehrung und Verachtung dicht beieinander liegen [...]. Man ist bereit, ihn begeistert zu feiern, wenn er gut ist, um ihn ebenso schnell zu verfluchen, wenn er versagt.“ (Hortleder 1974, S.68 zitiert nach Pilz 2006, S.52)

Gabler verweist hinsichtlich besagter Ausdifferenzierung in der Fanszene zudem auf die Umstrukturierung der Stadien als Reaktion auf den zu diesem Zeitpunkt allgemeinen gesellschaftlichen Wandel. Der gestiegene Wohlstand der Bevölkerung wie auch der Zugewinn an Freizeit führte bei Teilen der Besucherschaft zu dem Wunsch nach mehr Komfort im Stadion. Daraus resultierend wurden die Stadien in Sitzplatzbereiche (Tribünen) und Stehplatzbereiche (Kurven) eingeteilt, wobei sich erstgenannte Kartenkategorie freilich deutlich kostspieliger gestaltete. (Vgl. Gabler 2010 S.22f.) Diese Preispolitik hatte zur Folge, „[...] dass sich die hinsichtlich des Komforts anspruchsvolleren und finanziell besser gestellten Zuschauer auf die Tribüne begaben, während sich die weniger zahlungskräftigen, oftmals jugendlichen Besucher in den Kurven wiederfanden.“ (ebd. S.23).

Das aufgrund seiner Jugendlichkeit hinsichtlich des Supports deutlich aktivere Publikum konzentrierte sich also ab diesem Zeitpunkt in den Blöcken hinter den Toren. In diesen Kurven „[...] entstanden in der Folge eigene Ausdrucks-, Kommunikations-und Interaktionsformen: Eine neuartige Fankultur war entstanden.“ (ebd., S.23). Bis zur heutigen Zeit hat sich besagtes Verteilungsschema bewahrt, auch heutzutage befinden sich die Stimmungszentren der Stadien in der Regel in den Stehplatzblöcken hinter den Toren. Gabler macht zudem darauf aufmerksam, dass durch die Unterteilung der Stadien von Seiten der Vereine ab diesem Zeitpunkt begrifflich in Fans und Zuschauer differenziert wurde. Während die Fans für die Stimmung im Stadion verantwortlich zeichnen und sich dieser Aufgabe zumeist auch verpflichtet fühlen, werden die Zuschauer als willkommene, zahlungskräftige ,Fußballkonsumenten‘ seither in besonderem Maße von den Vereinen umworben. (Vgl. ebd., S.23)

Ein konsumorientierter Fan erfüllt somit aus rein wirtschaftlicher Betrachtungsweise für den Verein gewissermaßen das Idealprofil eines Fans, da er für das ,Event‘ Fußball schlicht deutlich mehr zu zahlen bereit ist als die Fans in den Kurven. Allerdings tragen Fans dieser Kategorie nur äußerst spärlich zur Stimmung innerhalb der Stadien bei, der aktive Part des Supports ist somit in erster Linie den weniger zahlungskräftigen, dafür ungleich fanatischeren und emotional stärker involvierten Fans wie den Kuttenfans oder den Ultras (im Folgenden auch zusammengefasst als „Kurvenfans“) in den Kurven vorbehalten. Aus dieser Ambivalenz ergibt sich auf Vereinsseite zwangsläufig ein gewisses Spannungsfeld. Schließlich gilt es einerseits, über den Kartenverkauf kontinuierlich Gelder zu generieren, parallel dazu jedoch die treuen Fans in den Kurven nicht zu vergraulen. Die positiven, die Mannschaft unterstützenden Effekte des Supports gar nicht weiter betont, ist der lautstarke und vielfach durch Gesänge und Choreographien begleitete Support der Kurvenfans und dessen direktes Erleben wahrscheinlich schlichtweg auch ein nicht zu unterschätzender Beweggrund für die eher konsumorientierten Fans, das Stadion zu besuchen. Folglich tragen die Kurvenfans in gewisser Weise unmittelbar und wahrscheinlich größtenteils auch ungewollt mit zur Kommerzialisierung und „Eventisierung“ (Pilz/Wölki 2006) des Fußballs bei, da ihr Wirken im Stadion einen nicht zu unterschätzenden Teilaspekt des ,Gesamtevents‘ Stadionbesuch ausmachen dürfte.

2.2. Die Kuttenfans

„Die 70er und die 80er Jahre waren durch die Fanclubs und ihre damaligen Hauptprotagonisten, die sogenannten „Kuttenfans“ geprägt. Durch die Einführung des Vollprofitums in Deutschland mit dem Start der Bundesliga 1963 verstärkte sich die Trennung von Spieler und Zuschauer in einem immer augenfälligeren Maße. Die neuen „Stars “ auf dem Feld wurden von nun an von den „Fans in den Kurven “ angefeuert und bejubelt. “ (Gabriel 2004, S. 45ff.)

Als Kuttenfans oder auch „Kutten“ werden die Mitglieder einer in den 1970er und 1980er Jahren stark verbreiteten Fanszene bezeichnet, deren Erkennungsmerkmal in erster Linie ihr charakteristisches, zur Schau getragenes Kleidungsstück, ihre „Kutte“: eine Jeansjacke, bestückt mit diversen Aufnähern und Wimpeln, welche die eigene Vereinszugehörigkeit und gleichermaßen auch die unter den Fangruppen kultivierten Freund -und Feindschaften ausdrücken sollen. Weitere Erkennungszeichen der Kuttenfans sind in der Regel allerlei Vereinsmerchandise, von meist mehreren um die Handgelenke gebundenen Schals über Mützen und Trikots bis hin zu Fahnen. (Vgl. Gabler 2010, S.23) Kuttenfans können gewissermaßen als ,Gegenentwurf' zum konsumorientierten Fan oder auch als „[...] traditionelle Fußballfans [...]“ (Weigelt 2004, S.31) angesehen werden. Wie im vorangegangenen Abschnitt erläutert, entwickelte sich diese Fankultur ebenso wie die der Normalos aus der Periode der Professionalisierung des deutschen Fußballs in den 1970er Jahren heraus (vgl. Pilz 2006, S.52f.). Heitmeyer/Peter klassifizieren die Kutten als fußballzentrierte Fans, die sich zuvorderst durch ihre absolute Treue zu ,ihrem' Verein auszeichnen. Für sie steht nicht primär der Leistungsgedanke im Vordergrund, sondern vielmehr der Zusammenhalt und das ,Wir-Gefühl'. Sie schreiben diesbezüglich: „Für fußballzentrierte Fans steht das Erleben von Spannungssituationen auch in engem Zusammenhang mit den sportlichen Darbietungen, ist aber nicht ausschließlich leistungsfixiert, sondern die fast absolute Treue, selbst bei sportlichen Misserfolg, zählt.“( Heitmeyer/Peter 1992, S. 33).

Im Gegensatz zum konsumorientierten Fan ist der Fußball als solcher für den fußballzentrierten Fan keine austauschbare Freizeitbeschäftigung, sondern vielmehr ein zentraler Bestandteil des sozialen Lebens. Dazu Pilz (2006 S. 53): „Durch die Teilhabe am Erfolg der eigenen Mannschaft lässt sich die eigene missliche Lebenslage erträglicher gestalten. Am Sieg der Mannschaft kann man sich aufrichten, werden Notlagen erträglicher, lassen sich eigene Misserfolgserlebnisse kompensieren, was eben aber auch umgekehrt gilt.“. Die soziale Anerkennungsrelevanz des Fußballs ist hoch, die eigene Kurve/das Stadion ist das wichtigste Präsentationsfeld. Darüber hinaus orientieren sich Kuttenfans im Gegensatz zu Normalos/konsumorientierten Fans stark zu Gruppengefügen, häufig ist eine Mitgliedschaft in Fanclubs und/oder -cliquen. Im Stadion sind die Kuttenfans grundsätzlich in ihrem Stehplatzblock, ihrer Kurve anzutreffen, die das eigene Territorium symbolisiert. (Vgl. Heitmeyer/Peter 1992, S. 32) Charakteristisch für Kuttenfans ist die gelebte Identifikation mit dem Verein ihrer Wahl. Augenscheinlich wird diese -neben der intensiven Zuschaustellung der Vereinsfarben- insbesondere auch durch die stetigen Gesänge und Sprechchöre im Stadion: „Fußballzentrierte Fans sorgen mit ihren Gesängen und Sprechchören für die typische Atmosphäre in den Stadien, sie sind es auch, die selbst bei einem hoffnungslosen Rückstand ihre Mannschaft bis zum Schlusspfiff lauthals unterstützen. Der Verein, die Mannschaft wird zum zentralen Lebensinhalt.“ (Pilz 2006, S.53).

Die Identifikation mit dem Verein geht dabei so weit, dass die Ehre des Vereins und der Mannschaft unter Umständen auch mit Gewalt verteidigt wird. Aufgrund der starken Identifikation der Kutten mit ihrem Verein stehen sie gegnerischen Mannschaften und Fans in der Regel feindselig gegenüber. „Kuttenfans gehen ins Stadion, um ihre Mannschaft gewinnen zu sehen, sie stehen leidenschaftlich und bedingungslos hinter ihrer Mannschaft und kämpfen für die Ehre ihrer Mannschaft. Die gegnerische Mannschaft wie auch deren Anhänger werden automatisch zu Gegnern, ja oft auch Feinden, die es unter allen Umständen zu besiegen gilt. Um die Ehre der eigenen Mannschaft zu verteidigen, werden auch Auseinandersetzungen mit Vertretern des gegnerischen Vereins, mit dem Schiedsrichter und vor allem gegnerischen Fans gesucht. “ (ebd., S.53).

Die Anwendung körperlicher Gewalt spielt(e) demzufolge unter den Kuttenfans eine durchaus relevante Rolle, allerdings dient diese laut Gabler nicht wie etwa bei den Hooligans als Selbstzweck, sondern ist in der Regel vordergründig als Reaktion auf Niederlagen und Spott des Gegners anzusehen und steht demzufolge in direktem und engem Zusammenhang mit dem Sport (vgl. Gabler 2010, S.24). Wie einleitend erwähnt, prägten die Kuttenfans besonders in den 1970er und 1980er Jahren das Bild der deutschen Fankurven. Zwar finden sich bis heute in vielen Stadien noch ,Veteranen‘ dieser Fangruppen wieder, allerdings wurden die Kutten in einigen Fanszenen mehr und mehr durch andere Fankulturen verdrängt und stellen in der aktuellen, insbesondere von Ultras geprägten, deutschen Fanszene eher eine Minderheit dar. (Vgl. Brenner, 2009, S.64) Dazu ebenfalls Bremer (2003, S.90): „Die ,Kutte‘ ist ein Relikt vergangener Tage und heute nur noch selten zu finden.“. Hinsichtlich der emotionalen Verbundenheit mit dem Verein sowie dem aktiven Support im Stadion lassen sich durchaus Parallelen zwischen den Kuttenfans und den heutzutage die deutsche Fanszene dominierenden Ultras feststellen. Allerdings unterscheiden sich beide Fankategorien besonders in Grad und Art der Organisation. Während die Kuttenfans in der Regel als Clique oder fester Fanclub die Spiele besuchten und sich die Aktivitäten dieser Gruppen zumeist auch einzig auf den Besuch der Spiele beschränkten, zeichnen sich die Ultragruppen heutiger Tage insbesondere auch durch ihr vergleichsweise hohes Maß an Organisation und gruppeninterner Aktivitäten außerhalb des Spieltages aus. (Vgl. Gabler 2010, S.21)

Das ,Vermächtnis‘ der Kuttenfans und kuttendominierten Fanclubs ist gewissermaßen die Einführung von Fahnen, Schals, Gesängen und anderen spezifischen Fanritualen in den Kurven, durch welche sie den bis heute gültigen Grundstock an fankulturellen Verhaltensweisen in deutschen Stadien herausbildeten (vgl. Gabriel 2004, S. 179). Würdigt man jenes ,Vermächtnis‘ der Kuttenfans, muss diesen, Gabler zufolge, jedoch auch zeitgleich die Verschärfung des Gewaltproblems im deutschen Fußballsport sowie darüber hinaus auch - zumindest in Teilen- die Teilhabe oder Duldung von offen zur Schau getragenem Rassismus und Rechtsextremismus in den Stadien angelastet werden. Durch dieses in den 1980er Jahren vorherrschende Klima in den Stadien kam es zu einer Manifestierung des Fußballs als Sport der Arbeiterklasse, da Angehörige der Mittel-und Oberschicht den Stadien wohl auch aus obig erwähnten Gründen fernblieben (vgl. Gabler, 2010, S. 24f.). Zwar klassifiziert Gabler die Kuttenfans als prinzipiell unpolitisch, betont allerdings ihren Anteil an dieser Entwicklung: „Die „Kuttenfans “ galten zwar als unpolitisch, jedoch etablierten sich vielerorts, unter anderem auch durch gezielte Mitgliederwerbung neonazistischer Gruppierungen, Fanszenen mit rechtsextremen Tendenzen.“ (ebd., S.25).

Das Klima aus Gewaltbereitschaft und rechtsextremen Gedankengut, gepaart mit dem immer stärker werdenden öffentlichen und medialen Interesse am Fanverhalten, bereitete gewissermaßen den Nährboden für die weitere Ausdifferenzierung der deutschen Fanszene und die Abkopplung vieler Kutten hin zu einer neuartigen Fankultur, den Hooligans. Dazu Weigelt (2004, S.32): „Die Folge war, dass sich die Fan-Szene spaltete. Ein Teil löste sich von gewalttätigen Ausbrüchen und blieb als treuer Anhänger in den Fan-Clubs organisiert [...]. Der andere Teil der unangepassten Jugendlichen brach aus dem organisierten Fanleben aus und schloss sich anderen Straßenbewegungen an (z.B. den Skinheads oder Punks). Die Gewalttätigkeit wurde beibehalten, aber man löste sich von den Kutten und ging lieber unauffällig ins Stadion. Die Hooligans waren geboren.“. Zwar wurde das Problem des Rechtsextremismus infolge gezielter sozialpädagogischer Intervention in den Folgejahren zu großen Teilen aus den deutschen Bundesligastadien ,vertrieben‘, allerdings gehen das Bundesamt für Verfassungsschutz und die ZIS auf Basis des ZIS Jahresberichtes 2006/07 übereinstimmend davon aus, dass in der Fanszene des Fußballsports nach wie vor zwischen 5 und 10 Prozent der Fans der rechtsextremen Szene/Subkultur zuzuordnen sind.(Vgl. Pilz u.a. 2009, S.169)

2.3. Hooligans

„Hooliganismus ist eine männliche Form zivilen Ungehorsams, eine nichtpolitische Rebellion gegen die sinnlose Autorität des Alltags, ein Versuch, die von montags bis freitags aufgezwungene Rolle abzustoßen, aus dem langweiligen, abstumpfenden Spießerdasein auszubrechen-wenigstens für ein paar Stunden.“ (Farin 2002, S. 191)

In diesem Abschnitt soll nun die nächste zahlenmäßig relevante Fankategorie vorgestellt werden, die Hooligans. Zunächst wird der Versuch einer Begriffsdefinition und Herkunftserklärung des Namens unternommen, anschließend sollen die historische Entstehung sowie Art und Ausprägung dieser Fankategorie im deutschen Raum aufgezeigt werden. Zudem soll auch der Versuch unternommen werden, die dem Hooliganismus zugrunde liegende Ideologie darzulegen sowie eine mögliche politische Konnotation dieser Subkultur aufzuzeigen.

2.3.1. Hooligans-Ursprünge und Begriffsdefinition

Über den genauen Ursprung des Wortes Hooligan gibt es keine vollends gesicherten Angaben. Dem Schriftsteller Ralf Ek zufolge wurde besagter Begriff zum ersten Mal im Jahr 1898 in einer englischen Tageszeitung im Zusammenhang mit Alkohol und exzessiver Gewaltanwendung auf öffentlichen Plätzen benutzt. Generell wird davon ausgegangen, dass sich der Begriff des Hooligans aus dem Englischen ableitet und so viel bedeutet wie „Raufbold“, „Schlägertyp“ oder „Rabauke“. Andere Quellen berichten, der Begriff würde sich etymologisch aus dem slawischen Sprachraum herleiten. Aus England, dem Mutterland des Fußballs, wurde auch zum ersten Mal über gewalttätige Auseinandersetzungen während der Spiele berichtet. So wurde bereits im Jahr 1963 seitens der englischen Medien im Rahmen des Spiels zwischen dem FC Everton und seinen katholischen Anhängern und den protestantischen Fans des Clubs Glasgow Rangers das erste Mal von einer „Schlacht“ unter Fans gesprochen (Vgl. Weigelt 2004, S. 13, 25ff.) Aufgrund dessen erscheint es wahrscheinlich, den Ursprung des Hooliganbegriffes dem englischen Sprachraum zuzuordnen. Charakteristisch für die Fankultur der Hooligans ist die Anwendung körperlicher Gewalt im Rahmen von Fußballveranstaltungen. Aufgrund ebendieser starken Gewaltaffinität werden Hooligans seitens der Polizei ausnahmslos als gewaltsuchende Fans der Kategorie C eingestuft (siehe dazu auch Punkt 1).

In dem Zeitraum zwischen 1980 und 1992 erlebte die Hooligankultur ihren größten Aufschwung. Zwar gab es seit Beginn der Fußballgeschichte immer schon Krawalle und körperliche Auseinandersetzungen während der Spiele, diese wurden allerdings erst seit etwa 1966 unter dem Begriff des Hooliganismus subsumiert. (Vgl. Weigelt 2004, S.25) Wenn in der Folge vom deutschen und europäischen „Hooliganismus“ (Farin 2002, S.191) gesprochen wird, bezieht sich diese Beschreibung primär auf die Epoche zwischen 1980 und den frühen 1990er Jahren. Die Fankategorie der Hooligans entwickelte sich in Deutschland aus der im letzten Abschnitt beschriebenen Spaltung der Fanszene in den 1980er Jahren heraus, infolge derer sich einige Fans von den zu diesem Zeitpunkt die deutschen Fankurven beherrschenden Kuttenfans lossagten und sich fortan stark an den Hooligangruppen im englischen Fußball orientierten. Aufgrund dieser Orientierung wurde auch die Bezeichnung Hooligan von den deutschen Fans schlichtweg adaptiert. (Vgl. Gabler 2010, S.25)

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Details

Seiten
65
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656430506
ISBN (Buch)
9783656441472
Dateigröße
799 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v209953
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Note
1,0
Schlagworte
sozialpädagogische fanarbeit fußball rahmenbedingungen konzepte fanprojekte

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Titel: Sozialpädagogische Fanarbeit im deutschen Fußball