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Die Grenzen und ihre Überschreitungen in den Werken Yoko Tawadas

Hausarbeit 2008 17 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Japanologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Übergang vom Zeichen- zum Schriftsystem: Transkription
2.1 Japanische Schrift- bzw. Sprachsysteme
2.2 Übergänge innerhalb der Systeme in Yoko Tawadas Werken

3 Übergang von einer Sprache in die andere: Übersetzung
3.1 Die Unmöglichkeit einer perfekten Übersetzung
3.2 Tawadas eigene Äußerungen und Meinungen zum Übersetzen

4 Übergang von einer Kultur in die andere: Interkulturalität

5 Übergänge innerhalb der behandelten Grenzüberschreitungen

6 Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Für viele Menschen ist die Überschreitung einer Grenze, sei es eine ländliche, sprachliche oder kulturelle, immer mit Problemen und Überwindung verbunden. Für die Autorin Yoko Tawada, die japanischer Herkunft ist, scheinen diese Probleme etwas alltägliches geworden zu sein, seit sie in Deutschland lebt. In ihren Werken beschäftigt sie sich fast ausschließlich mit dem Leben in einem fremden Land, mit einer fremden Sprache und einer fremden Kultur. Welche Probleme treten dabei auf und welche Lösungen findet sie dafür? Kann es überhaupt zu Übergängen in japanischer und deutscher Sprache und Kultur kommen und wie werden diese gemacht? Diese und andere Fragen sollen in dieser Arbeit untersucht werden.

Dazu soll zunächst in Punkt 2, der Übergang von Zeichen- in Schriftsysteme, die sogenannte Transkription behandelt werden. Erst einmal werden dazu die japanischen Schrift- bzw. Sprachsysteme vorgestellt und näher erläutert. Danach soll nach Übergängen von diesen komplexen Systemen in das deutsche Sprachsystem in Tawadas Werken gesucht werden. Außer diesen Systemübergängen werden nachfolgend auch noch andere Zeichen, die experimentell übersetzt werden können, mit in Betracht gezogen.

Im nachfolgenden, inhaltlichen Punkt 3, soll die zweite „Grenz-überschreitung“ ausgearbeitet werden: der Übergang von einer Sprache in eine andere, die Übersetzung. Zuerst soll hier die Unmöglichkeit einer perfekten Übersetzung anhand von Beispielen in Yoko Tawadas Werken dargestellt werden. Um die Beweise zu stützen, sollen danach noch eigene Meinungen und Äußerungen der Autorin, zur Untersuchung herangezogen werden.

Der vierte Punkt soll dann eine Überschreitung zeigen, in welche die ersten beiden auch mit hinein zählen, den Übergang von einer Kultur in eine andere: die Interkulturalität. Hier soll präsentiert werden, wie Yoko Tawada das Aufeinandertreffen von zwei Kulturen in ihren Werken darbietet. Vor allem Transkription und Übersetzung dienen hier als Ausgangspunkt des Aufeinandertreffens.

Schließlich sollen im letzten inhaltlichen Punkt noch einige Übergänge innerhalb der bereits vorgeführten Grenzüberschreitungen dargestellt werden. Außerdem spielen hier auch noch die ländlichen Grenzen in Verbindung mit den drei Übergängen, auf die der Schwerpunkt gelegt wurde, eine Rolle.

Bei allen Untersuchungen soll natürlich vor allem der deutsch- japanische Übergang betrachtet werden. Als Hauptquelle werden demnach Ausschnitte aus den Werken der Autorin genutzt werden und als Sekundärliteratur sollen hauptsächlich Aufsätze aus Büchern und Zeitschriften dienen, in denen sich die Schriftsteller mit Yoko Tawada beschäftigt haben.

2 Übergang vom Zeichen- zum Schriftsystem: Transkription

2.1 Japanische Schrift- bzw. Sprachsysteme

Yoko Tawada gibt an manchen Stellen ihrer Werke einen Überblick über die japanische Schriftkultur. Diese sollen nun zusammengefasst und dann näher erklärt werden, um die Übergänge von der deutschen in die japanische Schrift bzw. Sprache besser zu verstehen.

„In der japanischen Sprache werden zwei Schriftsysteme miteinander vermischt: die chinesische Bilderschrift des Ideogramms und die Silbenschrift [...].“[1] An einer anderen Stelle wiederspricht sie sich allerdings folgendermaßen selbst: „Man schreibt Japanisch, indem man drei Schriftsysteme (Kanji, Katakana und Hiragana) gleichzeitig in Anspruch nimmt und die Katakana- Zeichen werden fast ausschließlich für Fremdwörter benutzt.“[2] Was es damit auf sich hat und ob Yoko Tawada möglicherweise ein Fehler unterlaufen ist, soll nun erläutert werden.

Eigentlich gibt es sogar vier Schriftsysteme, wenn man das System der Romanisierung (Romaji) noch dazu nimmt. Dieses dient aber ausschließlich der Transkription der japanischen in die lateinische Schrift und hat somit nichts mit den anderen drei Systemen zu tun, in denen nur Zeichen verwendet werden.

Der Unterschied zwischen den zwei Silbenschriftsystemen Hiraganga und Katakana ist vor allem, dass erstere von Frauen entwickelt wurde und runde, geschwungene Formen hat. Die zweite hingegen wurde zur gleichen Zeit von Männern entwickelt hat und geradlinige, eckige Formen.

Schließlich gibt es noch die Ideogrammschrift Kanji, die aus chinesischen Buchstaben besteht. Es kommt hier zu einer phonetischen Transkription.[3]

Yoko Tawada hat ihren Lesern also keine falschen Angaben vermittelt, im ersten Zitat trennt sie lediglich Silbenschriftsysteme und Ideogrammzeichen voneinander ab und konkretisiert die Silbenschriftsysteme dann im zweiten Zitat näher. Wie Tawada mit der Übersetzung dieser komplexen Systeme in ihren Werken umgeht und welche Probleme dabei auftreten, soll im nächsten Abschnitt nun erläutert werden.

2.2 Übergänge innerhalb der Systeme in Yoko Tawadas Werken

„Wo es um den Übergang zwischen den Sprach- und Zeichensystemen geht, zitiert Twada gelegentlich [...] das metempsychotische Konzept des Geistes [...].“[4] Dieser schwebt frei und vollführt also einen Akt einer Seelenwanderung, indem er nach körperlich- sinnlicher Manifestation sucht und da auftaucht, wo er nicht erwartet wird.[5]

Ein deutliches Beispiel dafür ist Tawadas kurze Erzählung „E- Mail für japanische Gespenster“, wo es um „Geister der technischen Medienwelt“[6] und die „Orientierungsversuche in der sprachlich- kulturellen Fremde“[7] geht, welche die eigene (schrift)kulturelle Herkunft der Autorin bzw. der Erzählerin durch Programmfehler zum Ausdruck bringen und sie dabei wieder an ihre eigentliche Identität erinnern.[8] Diese Form der Seelenwanderung bzw. Inkarnation lässt sich auch autobiographisch nachweisen, da Tawada diese Methapher öfters benutzte. Einmal drückte sie damit das Gefühl aus, als ihr das Japanische fremd geworden war und ihr das Deutsche immernoch fremd blieb[9]: „als (ob) das Japanisch, das sie einst beherrscht hatte, einmal gestorben und in einem anderen Körper wiedergeboren wäre.“[10] Ihre eigene Muttersprache wurde ihr also zuerst fremd und später auf eine andere Weise doch wieder vertraut. Dieses spezielle Gefühl hat Tawada somit möglicherweise in „E- Mail für japanische Gespenster“ explizit verarbeitet. Das Problem mit den „technischen Geistern“ greift sie auch in der Erzählung „Der Apfel und die Nase“ auf.

In dem japanischen Roman „Die Alphabetswunde“ von Tawada geht es um eine Übersetzerin, die einen Text ins Japanische übersetzen soll. Dabei tauchen Probleme durch die unterschiedliche Syntax und Satzzeichen im Deutschen auf. „Die Übersetzerin bleibt für immer im Bereich ‚dazwischen’.[11] “ Hier wird erstmals die Unmöglichkeit der Transkription deutlich, welche von einer Übertragung aus einer Sprache in eine andere abverlangt wird.

Die Erzählung „Das Tor des Übersetzers oder Celan liest Japanisch“ beginnt Tawada mit dem Satz „Es gibt Menschen, die behaupten, dass ‚gute’ Literatur eigentlich unübersetzbar sei.“[12] In der darauffolgenden Erzählung beweist sie dem Leser anhand Paul Celans Gedichten jedoch, dass es Ausnahmen gibt. In seinen Gedichten spielt das Radikal „Tor“ aus dem Japanischen eine große Rolle. Immer wieder gibt es an bestimmten Stellen Ideogramme, die dieses Radikal in sich tragen. Sie haben dadurch alle auf semantischer Ebene etwas mit dem Radikal zu tun. Es gibt also Gemeinsamkeiten zwischen der Bedeutung des Radikals und der des Zeichens.[13] Tawada erklärt dieses Phänomen am Ende der Erzählung folgendermaßen:

Das Radikal „Tor“ ist das sichtbare Element in dieser Übersetzung, das zeigt,

warum sie als Literatur wirksam ist. Die Übersetzung ist nicht Abbild des

Originals, sondern in ihr bekommt eine Bedeutung des Originals einen neuen

Körper (in diesem Fall nicht einen Klangkörper, sondern einen Schriftkörper).

Eine weitere Besonderheit bei Paul Celan, beschreibt Tawada in „Rabbi Löw und 27 Punkte“ (Physiognomie der Interpunktion bei Paul Celan). Hier untersucht sie die äußere Erscheinung von Celans Gedichten, vor allem die Punkte, die zwei Strophen voneinander trennen und die Auslassungsstriche. Ihre Ergebnisse sind sehr verblüffend: sie findet heraus, dass diese Punkte und Striche wirklich eine Bedeutung haben könnten und mit dem Inhalt des Gedichtes in Verbindung stehen. Es ergeben sich zum Beispiel aus der Sichtweise der Anzahl der Punkte Buchstaben. In diesem Fall ist es z.B. die „13“, aus der sich ein „B“ ergibt, wenn man beide Zahlen zusammenschiebt[14]. Sie deckt auch noch weitere Bedeutungen bzw. Rätsel der Zeichen in den Gedichten auf und es erscheint wirklich so, als ob Celan diese Zeichensetzung gewollt hatte. Ob das allerdings ein Zufall ist, genauso wie sein Name, der eigentlich ein Anagramm von seinem rumänischen Namen Ancel ist[15] und „Zähl an!“ bedeutet[16], lässt sich nicht beweisen, da man Celan dazu schon selbst befragen müsste. Es handelt sich hier also um eine Art konkrete Poesie, nur mit Punkten und Strichen, anstatt mit Buchstaben, Silben oder Wörtern. Auf jeden Fall könnte man das Gedicht dort einordnen, da an dieser Stelle mit der Dichtung experimentiert wird.

[...]


[1] vgl. Yoko Tawada, Verwandlungen, Tübinger Poetik- Vorlesung, Tübingen, Konkursbuch Verlag 1998, S. 27 (Reader)

[2] Yoko Tawada, Sprachpolizei und Spielpolyglotte, Tübingen, Konkursbuch Verlag, 2007, S. 97 (Reader)

[3] siehe http://www.hp-gramatke.de/nihongo/index.htm

[4] Monika Schmitz- Emans, Metamorphose und Metempsychose. Zwei konkurrierende Modelle von Verwandlung im Spiegel der Gegenwartsliteratur, in: Arcadia, Bd. 40, Heft 2, De Gruyter Verlag, Berlin, 2005, S. 411

[5] vgl. ebd.

[6] ebd.

[7] Monika, Schmitz- Emans, Autobiographie als Transkription und Verwandlung, Yoko Tawada in

den Spuren Kafkas, in Grenzen der Identität und Fiktionalität, Breuer Ulrich / Beatrice Sandberg (Hrsg.), München, 2006, S. 145

[8] vgl. Monika Schmitz- Emans, Metamorphose und Metempsychose. Zwei konkurrierende Modelle von Verwandlung im Spiegel der Gegenwartsliteratur, in: Arcadia, Bd. 40, Heft 2, De Gruyter Verlag, Berlin, 2005, S. 411

[9] vgl. Miho Matsunaga, Die Dimension der Übersetzung in Werken von Yoko Tawada, in: Wiesinger, Peter (Hrsg.), Zeitenwende – Die Germanistik auf dem Weg vom 20. ins 21. Jh. Akten des X. Internationalen Germanistenkongresses Wien 2000, Bd.7, Bern, 2002, S. 329

[10] Miho Matsunaga, Die Dimension der Übersetzung in Werken von Yoko Tawada, in: Wiesinger, Peter (Hrsg.), Zeitenwende – Die Germanistik auf dem Weg vom 20. ins 21. Jh. Akten des X. Internationalen Germanistenkongresses Wien 2000, Bd.7, Bern, 2002, S. 329 (wird zitiert)

[11] ebd., S. 333

[12] Yoko Tawada, Talisman, Tübingen, Konkursbuch Verlag, 1996, S. 121 (Reader)

[13] vgl. ebd., S. 122 /123

[14] siehe Yoko Tawada, Sprachpolizei und Spielpolyglotte, Tübingen, Konkursbuch Verlag, 2007, S. 38- 44 (Reader)

[15] vgl. http://www.lehrer-online.de/682094.php

[16] siehe Yoko Tawada, Sprachpolizei und Spielpolyglotte, Tübingen, Konkursbuch Verlag, 2007, S. 39 (Reader)

Details

Seiten
17
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656379461
ISBN (Buch)
9783656381044
Dateigröße
385 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v210171
Institution / Hochschule
Universität Erfurt
Note
2,3
Schlagworte
grenzen überschreitungen schrift sprache kultur werken yoko tawadas

Autor

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Titel: Die Grenzen und ihre Überschreitungen in den Werken Yoko Tawadas