Lade Inhalt...

Die Rolle der Figur 'Stultitia' in Erasmus von Rotterdams 'Das Lob der Torheit'

Hausarbeit 2010 16 Seiten

Niederlandistik (Literatur, Sprache, Kultur)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entstehungsgeschichte und Allgemeines zum Werk

3. Die Masken Stultitias

4. Das Leben als Schauspiel

5. Geschlechterspezifische Eigenschaften der Torheit

6. Merkmale der Satire im „Lob der Torheit“

7. Die Unvergänglichkeit des Werkes

8. Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur

1. Einleitung

„Wenn die Torheit die Torheit preist, kobolzt Torheit über Torheit, so dass bald nicht mehr klar ist, wo Ja zu Nein wird.“[1] Dieser Satz von Cornelius Augustijn beschreibt sehr gut das Verwirrspiel das Erasmus von Rotterdam in seinem Werk mit seinen Lesern betreibt. Durch die Personifikation der Torheit als eine Figur, die eine Rede über die Torheit, also sich selber hält, erfindet er Stultitia, eine Figur, die es bisher in der Literaturgeschichte nicht gab. Doch seine Erfindung war nicht nur eine geniale Idee, obwohl sie Erasmus von Rotterdam als eine Art Geistesblitz erschienen sein soll. Er brauchte sie auch unbedingt für sich selbst, als Schutz vor Zeitgenossen, die vor seiner Kritik Angst hatten, die er durch Stultitia preisgeben konnte. Denn die Torheit „lobt“ nicht nur ihre Eigenschaften, sie stellt sie anhand von vielen Beispielen – von Kaufleuten bis zu Mönchen dar. Doch welche Rolle spielt nun Erasmus von Rotterdams Figur Stultitia bei diesem Schauspiel? Sie ist die eigentliche Protagonistin des Werkes und daher sollte ihr eine größere Bedeutung beigemessen werden. Diese soll in der vorliegenden Arbeit behandelt werden. Um Torheit als Eigenschaft und Torheit als Figur dabei nicht zu verwechseln, sollen sie unterschiedlich benannt werden, wie das bereits schon getan wurde. Wenn also auf die Personifikation der Torheit verwiesen wird, soll sie „Stultitia“ genannt werden. Ist die Torheit als Eigenschaft der Menschen gemeint, so soll sie normal „die Torheit“ genannt werden.

Um die Rolle Stultitias also herauszuarbeiten, sollen in den einzelnen Gliederungspunkten verschiedene Eigenschaften und Beispiele aus dem Werk allgemein und an einzelnen Stellen analysiert werden. Zunächst soll der erste Punkt aber dazu dienen die Entstehungsgeschichte und allgemeine Sachverhalte des Werkes darzustellen, um einen Überblick zu erhalten. Dabei werden die Geschichte, der Titel, Techniken, Einteilung und Kapitelübersichten des Buches dargelegt.

Im zweiten Punkt werden die Masken Stultitias analysiert. Dazu sollen verschiedene Möglichkeiten der Maskendarstellung gezeigt werden. In Punkt 3 soll ein Beispiel präsentiert werden, um die Maskierung Stultitias im „Leben als Schauspiel“ zu veranschaulichen. Im vierten Punkt soll weiterhin auf wesentliche geschlechterspezifische Eigenschaften der Torheit eingegangen werden, um ihre Rolle als Frau und allgemein die Rolle der Frauen zu verdeutlichen. Im vorletzten Punkt soll die Rolle im Bezug auf die Merkmale der Gattung erklärt werden. Inwiefern ist Stultitia ein Auslöser für die Kennzeichen der Satire? Schließlich soll der letzte Punkt zeigen, welche Wirkung die Figur Torheit auf die Unvergänglichkeit des Werkes hatte.

2. Entstehungsgeschichte und Allgemeines zum Werk

Den Einfall zum „Lob der Torheit“ hatte Erasmus von Rotterdam 1509, als er sich auf der Heimreise von Italien befand. Er dachte dabei an seinen Freund Thomas More, dessen Name „More“ ihn an das lateinische Wort „Moria“, was für „Torheit“ steht, erinnerte. Dieses Wort passte eigentlich wenig zum Wesen und Charakter Mores. Das Landhaus dieses Freundes in Bucklersbury war das Ziel von Erasmus von Rotterdams Reise. Er soll sein Werk dort nach seiner Ankunft ohne Bücher und mit Nierenschmerzen niedergeschrieben haben. Doch die einzelnen Biographien sind sich nicht mal darüber einig, wie viele Tage – mal sind es 3, mal 7 – er dazu gebraucht habe.[2]

Die zwei Hauptthesen, die sich durch den gesamten Text ziehen, lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:

Der (lateinische) Titel „Laus stultitae“ ist von Erasmus von Rotterdam höchstwahrscheinlich absichtlich als Doppeldeutigkeit beschrieben. Das Genitivattribut „laus“ hängt hier von dem Substantiv „stultia“ ab (bzw. hängt im deutschen Titel „das Lob“ von „der Torheit“ ab) und kann dem Substantiv als Subjekt oder Objekt zugeordnet werden. „Denn sie, die Torheit – stultia -, ist nicht nur die einzig Redende (gen[tivus] subiectivus), sondern auch das einzige Thema (gen[itivus] obiectivus) ihrer Rede.“[3] Auch die andere Variante des Titels, die wie bereits erwähnt, auf Erasmus von Rotterdams Freund Thomas Morus verweist, „Encomium moriae“, weist diese Eigenschaften auf („Encomium“ bedeutet im Lateinischen „Loblied und „moria“ im Griechischen „Torheit“; im Lateinischen bedeutet „morio“ „Tor“). Schon der Titel zeigt also die Art der Disposition des Werkes: Undefinierbarkeit, Unbestimmbarkeit, Unangreifbarkeit[4].

Erasmus von Rotterdam benutzt viele lateinische und griechische Namen von Gottheiten und genauso viele Redewendungen. Er verpackt allgemeine Lebensphilosophien in Satire und daraus wird die Form des ironischen Enkomions, auf die später noch näher eingegangen werden soll. Seine philosophischen Verfahren zeigen sich nicht nur in seinen Gedankengängen, die auch andere Philosophen anhand der Menschheit ausführten, er benutzt beispielsweise auch ihre Technik der Argumentation in entsprechender Verpackung. Zum Beispiel einen Syllogismus im dritten Teil des Buches: alle Menschen sind Toren, Christus wurde eine Mensch, also wurde Christus zu einem Toren[5].

Das Werk lässt sich in drei Abschnitte gliedern, die von allen Forschern, die sich damit beschäftigten, immer wieder als Einteilung aufgegriffen werden. So teilt zum Beispiel Ralf Grüttemeier die Kapitel, die erst im 18. Jahrhundert hinzugefügt wurden folgendermaßen ein: Der erste Teil reicht von Kapitel 1 bis 47, darin „lobt Stultitia sich im Hinblick auf das Affektive selbst“. Der zweite Teil geht weiter von Kapitel 48 bis 60 und ist die „Satire gegen zeitgenössische Missstände“. Schließlich können die letzten acht Kapitel als „Lob der ‚christlichen Narrheit‘“ angesehen werden.[6]

Im ersten Teil werden Beispiele für allgemeine Grundsätze im Leben der Menschen aufgeworfen, um zu beweisen, wie wichtig die Torheit als Grundlage dabei ist. Stultitia lobt daher ihr gefühlsbetontes Dasein in der Seele der Narren in jeder Lebenslage. Dabei wirkt sie fast eingebildet und spricht auch ein wenig gekünstelt. An dieser Stelle hätte also auch die Bezeichnung des „affektierten Selbst“ gepasst. Sie stellt so z.B. ihre Verdienste für die Menschheit vor. Sie soll das Leben lebendig und alle Menschen glücklich machen. Ihre Dienerinnen Eigenliebe, Schmeichelei, Vergesslichkeit, Arbeitsscheu, Sinnenlust, Unvernunft und Genusssucht helfen ihr bei dieser Aufgabe[7].

Teil 2 gibt dem Leser Einblick in einige Ständeklassen aus Erasmus von Rotterdams Zeit, deren stereotypisch törichte Eigenschafen durch Stultitia veranschaulicht werden: Kaufleute, Grammatiker, Dichter, Rhetoren, Schriftsteller, Rechtsgelehrte, Philosophen, Theologen, Christen, Religiöse, Mönche, Fürsten, die Großen des Hofes, Päpste, Kardinäle und Bischöfe. Schließlich geht es im dritten Teil explizit um das närrische Christentum, dessen Repräsentanten Stultitias Meinung nach zurück zum Urchristentum geführt werden sollten.

Barbara Könneker nutzt die Kapiteleinteilung, um Stultitias Art der Masken zu beschreiben bzw. sie dahinter zu entlarven. Dabei können die Übergänge nur durch den Inhalt des Textes eingeteilt werden. Diese Masken sollen nun näher erläutert werden.

3. Die Masken Stultitias

Stultitia erzählt am Anfang, woher sie kommt, wer ihre Eltern waren und welche Erziehung sie genoss. Sie erscheint also unmaskiert und gibt die „wahre“ Gestalt der Torheit - jedenfalls die Figur, die von Erasmus von Rotterdam auf diese Weise personifiziert wird - preis. Ist ihre Herkunftsgeschichte vielleicht schon eine Maske? Unverkennbar wird im Laufe des Textes, dass sie auf jeden Fall während ihrer Rede verschiedene Masken aufsetzt und sie vor ihrem Publikum möglichst heimlich austauscht. In den Sekundärliteraturen werden diese Masken unterschiedlich definiert.

So beschreibt Roland H. Bainton den Maskenwechsel, den Stultitia so geschickt wie ein Taschenspieler vollzieht und den Leser glauben lassen will, dass sie noch dieselbe Rolle spiele[8]: „Sieht er sie als einen Trunkenbold, da ist sie plötzlich ein Weiser, und wenn er ihrer Weisheit Glauben schenkt, dann wird sie geschwind zu einem Satyr oder Trunkenbold.“[9] Während die Figuren „Trunkenbold“ und „Weiser“ wenigstens als Begriffe selbst eindeutig und beim näheren Hinsehen auch im Kontext sinnvoll erscheinen, ist der Zusammenhang zu der Figur des „Satyrs“ nicht sofort zu erkennen. Laut Duden ist es ein „Waldgeist und Begleiter des Dionysos in der griechischen Sage mit menschlichem Körper, tierischen Ohren, Schwanz, Hörnern und Hufen“[10]. Die figurative Darstellung wäre damit geklärt, aber inwiefern ergibt sich eine Verknüpfung als Maske? Der Duden verschweigt eine weitere Bedeutung: die des „sinnlich- lüsternen Menschen“[11]. Diese wäre bei Stultitia an manchen Stellen auch denkbar, wird aber sofort wieder durch Argumente ihrerseits widerlegt. Obwohl die Verleitung des Satirebegriffes von „Satyr“ und der Gattung des „Satyrspiels“ zwar als falsch gilt und nur die Auffassung der Sache (der Satire) beeinflusste[12], wäre an dieser Stelle im Text doch ein möglicher Bezug zu sehen. Das Satyrspiel ist eine Form des antiken griechischen Dramas mit komischen bis derben, parodistischen Elementen, bei dem die Mitglieder eines Chors als Satyrn auftraten[13]. Erasmus von Rotterdam präsentiert Stultitia auch auf einer Bühne und lässt sie ähnliche Elemente wie die des griechischen Dramas verwenden. Außerdem lässt er sie vom Leben als Schauspiel sprechen, was im nächsten Punkt noch weiter erläutert werden soll. Allerdings gibt es keinen Chor, der sich als Satyrn verkleidet. Vom „Satyr“ zur „Satire“ ist der Zusammenhang in Literalsinn und Bedeutung der Begriffe an dieser Stelle des Textes eventuell trotzdem nicht ganz so weit gefehlt, da Stultitia auf jeden Fall Mittel der Komik und Parodie verwendet.

[...]


[1] Cornelis Augustijn, Erasmus von Rotterdam: Leben, Werk, Wirkung, München, Beck Verlag, 1986, S.55

[2] vgl. John Hunziga, Erasmus: eine Biographie, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt- Taschenbuch- Verlag, 1993, S. 89/90 und Stefan Zweig, Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam, 2. Auflage, Frankfurt am Main, S.Fischer Verlag, 1982, S. 62

[3] Uwe Schulz, Erasmus von Rotterdam, der Fürst der Humanisten: ein biographisches Lesebuch, München, Dt. Taschenbuch- Verlag, 1998, S. 75

[4] vgl. Walter Nigg, Erasmus von Rotterdam: Christliche Humanität, Ostfildern, 1983, S. 56

[5] vgl. Lynda Gregorian Christian, The Metamorphoses of Erasmus’ “Folly”, in: Journal of the History of Ideas, Vol. 32, No. 2 (Apr. – Jun., 1971), S. 293

[6] vgl. Ralf Grüttemeier, Intentionis laus: Über Nutzen und Grenzen von Intentionalität anhand von Eramus‘ Lob der Torheit, in: Neophilologus 80, 1996, S. 346

[7] Desiderius, Erasmus, Das Lob der Torheit, 1985, S. 29

[8] vgl. Roland H. Bainton, Erasmus: Reformer zwischen den Fronten, Göttingen, Vandenbeck & Ruprecht Verlag, 1972, S. 92

[9] ebd., S. 92

[10] Duden, 24. völlig neu bearbeitete und erweiterte Aufl., Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG Mannheim 2006, S. 878

[11] vgl. Duden - Das Fremdwörterbuch, 9. Aufl. Mannheim 2007 [CD-ROM]

[12] Müller, Jan- Dirk (Hrsg.), Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, Berlin (u.a.), 2003, S. 356

[13] vgl. Das Große Brockhaus in zwei Bänden, © 2004 Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus

Details

Seiten
16
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656379454
ISBN (Buch)
9783656380856
Dateigröße
379 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v210173
Institution / Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,7
Schlagworte
rolle figur stultitia erasmus rotterdams torheit

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Rolle der Figur 'Stultitia' in Erasmus von Rotterdams 'Das Lob der Torheit'