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Beratung im Gesundheitswesen. Entwicklungsstand und Handlungsbedarf.

Die Beratung von pflegebedürftigen alten Menschen durch Pflegefachpersonen in der stationären und ambulanten Altenhilfe

Fachbuch 2013 34 Seiten

Pflegemanagement / Sozialmanagement

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung und Zielsetzung

2 Themenhintergrund zur pflegerischen Beratung
2.1 Gesundheitspolitische Relevanz
2.2 Rechtliche Relevanz
2.3 Berufspolitische Relevanz

3 Begriffsbildung und Begriffsverwendung
3.1 Pflegeberatung: Problembeschreibung und Annäherung
3.2 Versuch einer Begriffbestimmung
3.3 Patienten- und Familienedukation

4 Beratung und Gesundheitsförderung im Pflegealltag

5 Wissensmanagement und Beratungskompetenz

6 Zusammenfassung und Ausblick

Literatur

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung und Zielsetzung

Beratung wird in unterschiedlichen Handlungsfeldern des Gesundheitswesens von Angehörigen unterschiedlicher Professionen vorgenommen. Auch im Handlungsfeld der professionellen Pflege wird Beratung aufgrund der Neudefinition von pflegerischen Aufgaben, der Berufsordnung und gesetzlicher Vorgaben zunehmend als originäre Aufgabe pflegerischen Handelns wahrgenommen und rückt damit in das Bewusstsein von Pflegefachpersonen (LPR Berlin – Brandenburg 2009; Kuckeland et al. 2008). Inzwischen finden sich vermehrt Publikationen, die sich konzeptionell mit der pflegefachlichen Beratung verschiedener Patientengruppen befassen. Insbesondere für chronisch Kranke wie Diabeteskranke, für onkologische Patienten oder für Patienten in Rehabilitationsmaßnahmen (BAG Prävention 2009). Die Beratung von pflegebedürftigen alten Menschen und deren Angehörigen findet jedoch in Veröffentlichungen zumeist nur im Zusammenhang mit rechtlichen Erläuterungen Berücksichtigung (MDK Bayern u. FH Deggendorf 2011). Das ist sicherlich auch darin begründet, dass die gegenwärtige Diskussion der gesundheitlichen und pflegerischen Versorgung alter Menschen immer noch primär unter finanzpolitischen Gesichtspunkten geführt wird und die medizinische und gesundheitliche Versorgung durch die kurative Medizin dominiert ist (Naegele u. Schaeffler 2009). Alte Menschen mit vorherrschend multipler Pathologie werden daher nicht ausreichend in ihrer komplexen Bedarfslage gesehen und Gesundheitsförderung, Prävention und Rehabilitation werden zu wenig in Betracht gezogen (ebenda; Horn et al. 2011). Dabei zeigen empirische Untersuchungen, dass Gesundheitsförderung und Beratung auch bei Menschen mit Pflegebedarf effektiv sein können (Brause et al. 2010; Schaeffer u. Büscher 2009; Kuhlmey u. Schaeffer 2008). Als pflegebedürftig gelten Personen, die infolge einer Erkrankung oder aus anderen, auch altersbedingten, gesundheitlichen Problemen heraus der fachlichen pflegerischen Unterstützung bedürfen (vgl. Wingenfeld 2003). Nach dem Pflegeversicherungsgesetz (PflegeVG) gilt als pflegebedürftig, wer wegen einer körperlichen, geistigen oder seelischen Erkrankung im Ablauf des täglichen Lebens, jedoch für voraussichtlich mindestens sechs Monate in erheblichem oder höherem Maße der Hilfe bedarf (Klie 2010). Der Pflegebedarf entspricht den jeweiligen pflegerischen Interventionen, die geeignet sind, die Problemlage zu bewältigen (Wingenfeld 2003, S. 339). Um Bewältigungsstrategien zu entwickeln, bedarf es unterstützender Beratung durch Fachpersonen. Pflegebedürftige alte Menschen werden professionell in erster Linie durch die Berufsgruppen der Pflegepersonen versorgt. Pflegefachpersonen nehmen aufgrund ihrer Präsenz und ihrer Aufgabenstellung in besonderem Maße die Bedarfe und Bedürfnisse der Klienten wahr und sind daher in der Lage, eine angemessene Versorgung sicher zu stellen und Beratungsaufgaben zu übernehmen. Sie sind aufgrund ihrer Ausbildung und ihres beruflichen Selbstverständnisses befähigt, die Gesamtversorgung zu beurteilen, Strategien zu entwickeln und durchzuführen, den weiteren Akteuren der Versorgungskette beratend zur Seite zu stehen und die Koordination der Hilfsangebote zu übernehmen (Deutscher Pflegerat 2012; DBfK Bundesverband 2011; Landespflegerat Berlin-Brandenburg 2009). Pflegepersonen im Kontext dieser Arbeit sind alle beruflich Pflegenden ungeachtet ihrer formalen Qualifikation. Pflegefachpersonen hingegen sind Pflegende, die eine Pflegeausbildung abgeschlossen haben und berechtigt sind, den Pflegeberuf eigenverantwortlich auszuüben. Das sind in Deutschland Altenpfleger/-innen, Gesundheits- und Krankenpfleger/-innen und Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger/-innen. In anderen europäischen und außereuropäischen Ländern ist eine andere Zuordnung möglich (DBfK Bundesverband 2012).

Ziel dieser Arbeit ist, Beratung im Kontext dieser wenig beschriebenen Zielgruppe der pflegebedürftigen alten Menschen zu betrachten und mögliche besondere Merkmale zu eruieren. Im berufspolitischen Sinn und pflegerischen Auftrag soll die Bedeutung der Beratung durch Pflegefachkräfte bei dieser Zielgruppe herausgearbeitet werden. Dabei sollen vorhandenen Angebote und erkennbare weitere Bedarfe erfasst und ein möglicher Auftrag an Pflegewissenschaft und Pflegebildung formuliert werden.

Im ersten Teil werden die gesundheitliche Relevanz unter dem Aspekt der demografischen Entwicklung und der anwachsenden Zahl pflegebedürftiger alter Menschen betrachtet. Der Auftrag zur Pflegeberatung ergibt sich aus den rechtlichen Bedingungen, die im Anschluss behandelt werden. Die Bedeutung von Beratung für den Fachbereich Pflege schließt diesen Teil ab.

Im zweiten Teil wird beschrieben, was Beratung in der Pflege sein kann und welche Grundhaltung Pflegepersonen im Beratungsbereich einnehmen müssen. Es wird der Versuch unternommen, den Begriff „Beratung“ für die Pflegeberufe zu spezifizieren und eine Definition abzuleiten. Dabei wird der Wechsel vom Begriff der „Pflegeberatung“ zu der Begriffbestimmung „Gesundheitsberatung in der Pflege“ vorgenommen. Eine kurze Skizierung der Patienten- und Familienedukation sowie die Beschreibung des Anforderungsprofils an professionelle Gesundheitsberatung schließen diesen Teil ab.

Der dritte Teil beschreibt anhand von verschiedenen Untersuchungen / Befragungen von Pflegefachpersonen, welche Haltung Pflegepersonen der Gesundheitsberatung und Prävention bei pflegebedürftigen alten Menschen entgegen bringen, und wie die fachliche Umsetzung gestaltet wird.

Der vierte Teil skizziert kurz die Bildungsbedarfe im Zusammenhang mit professioneller Beratung auf der Grundlage der vorangegangen Auswertungen der Befragungen und formuliert einen Auftrag an zukünftige Wissenschafts- und Bildungsmaßnahmen für Pflegeberufe.

2 Themenhintergrund zur pflegerischen Beratung

2.1 Gesundheitspolitische Relevanz

Die demografische Entwicklung in Deutschland wird zu einem deutlichen Anstieg von alten Menschen in der Bevölkerung führen. Der medizinische Fortschritt führt zu einer Hochaltrigkeit, die oft mit multipler Pathologie und entsprechendem Pflege- und Betreuungsbedarf einhergeht und eine Versorgung durch professionelle Pflegeeinrichtungen bedingt (Beske 2011). Pflegeeinrichtungen im Kontext dieser Arbeit sind ambulante, teilstationäre und stationäre Einrichtungen, die sich auf die Pflege und Versorgung von Menschen spezialisiert haben, die aus häufig altersbedingten gesundheitlichen Gründen und wegen eines nicht ausreichenden oder fehlenden persönlichen Versorgungsnetzes auf die Hilfe durch beruflich Pflegende bzw. Pflegedienste angewiesen sind (Kämmer 2008). Pflegeeinrichtungen bieten im Rahmen des Versorgungsvertrages (Sozialgesetzbuch XI) primär Regelleistungen der Grundversorgung, Hauswirtschaft, Pflege und Wohnen an (ebenda; SGB XI 2011). Nach der Pflegestatistik 2009 zur Situation der Pflegebedürftigkeit in Deutschland (Statistisches Bundesamt 2011) sind 83,2% der Pflegebedürftigen über 65 Jahre alt, etwa zwei Drittel der Pflegebedürftigen sind über 75 Jahre. Der Anteil der pflegebedürftigen Bewohner in Pflegeheimen ist von 1999 bis 2009 um 27,5% gestiegen (ebenda). Nach den Ergebnissen der Vorausberechnung der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder (2010) wird die Zahl von 2,25 Mio. Pflegebedürftigen im Jahr 2007 auf 2,65 Mio. im Jahr 2015 steigen und im Jahr 2020 ist mit etwa 2,90 Mio. pflegebedürftigen Menschen zu rechnen (ebenda). Für das Jahr 2050 prognostiziert der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR) eine Zahl von 4,35 Mio. Pflegebedürftigen (SVR 2009; SVR in: Kuhlmey 2009). Kuhlmey, selbst Mitglied des SVR, weißt ausdrücklich darauf hin, dass durch ein stärkeres Engagement zur Prävention und Gesundheitsförderung im Alter für die Zielgruppe mehr Lebensqualität erreicht werden könnte und gute Beratung einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der Nutzerposition leisten kann (ebenda, S. 430). Bereits 2003 legt das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung (dip) eine Analyse zur Wirksamkeit von Pflegeprävention vor. Die Autoren referieren 20 internationale Arbeiten zur präventiven Pflege und zeigen im Ergebnis, dass es durch fachliche Beratung in multiprofessionellen Teams zu einer Verzögerung der Pflegebedürftigkeit gekommen ist (Deutsches Institut für angewandte Pflegeforschung 2003). Selbst wenn die Morbiditätskompressionsthese (Kuhlmeyer 2006; Walter et al. 2006) zutrifft, wonach die Menschen in einem besseren Gesundheitszustand älter werden und sich die Phase von Krankheit und Pflegebedürftigkeit verkürzt, wird dennoch mit der gesellschaftlichen Alterung gleichzeitig der Bedarf an professioneller Gesundheitsberatung auch durch Angehörige der Pflegeberufe zunehmen, um den Gesundheitszustand zu stabilisieren und die Pflegeabhängigkeit bzw. deren Fortschreiten herauszuzögern (Beske 2011). Die Veränderungen und neuen Anforderungen im Gesundheitswesen bestimmen die gesundheitspolitischen Debatten der letzten Jahre und haben zu politischen Grundsätzen geführt, die verdeutlichen, dass Pflegeberufe zusehends gefordert sind, Aufgaben im Bereich von Beratung wahrzunehmen. Die wesentlichen gesundheitspolitischen Grundsätze

- Ambulant vor stationär
- Prävention und Rehabilitation vor Pflege
- Patientenorientierung und Stärkung der Patientenrechte

berühren Kernbereiche pflegerischen Handelns. Die einzelnen Bereiche können im Rahmen dieser Arbeit nicht ausführlich dargestellt werden, jedoch sollen einige Punkte exemplarisch genannt werden. Beratung durch Pflegefachpersonen kann den Verbleib in der Häuslichkeit unterstützen, z. B. bei Maßnahmen der Wohnraumanpassung oder zur Auswahl von Hilfsmitteln insbesondere zur Entlastung pflegender Angehöriger. Für die Zielgruppe der pflegebedürftigen alten Menschen kommen insbesondere Möglichkeiten der tertiären Prävention zum Tragen, die sich auf Unterstützungsleistungen bei bereits eingetretener Erkrankung bzw. bei Pflegebedarf beziehen sowie Aufklärung und Beratung zur Bewältigung der Gesundheitssituation beinhalten (vgl. Hüper u. Hellige 2009). Der Grundsatz der Stärkung von Patientenrechten hat den Autoren zufolge zu einem „Paradigmenwechsel von der paternalistischen zur partnerschaftlichen Beziehungsgestaltung“ geführt (ebenda, S. 26) und folgt dem ethischen Grundgedanken von Autonomie, Verantwortung und Selbstbestimmung der Patienten (ebenda). Der informierte Patient trägt nach Schäfer und Abt-Zegelin (2009) deutlich zur Versorgungssicherheit bei, kann seinen Alltag und seine Selbstpflege besser gestalten und mit krankheitsbedingten Beschwerden besser umgehen (ebenda).

2.2 Rechtliche Relevanz

Im Kontext des Pflegeversicherungsgesetzes wird der Beratung durch Pflegefachpersonen ein eigener Bezugsrahmen gegeben, indem Beratung als dezidierte pflegerische Aufgabe formuliert worden ist. Müller-Mundt et al. (2000) stellen positiv fest, dass durch die gesetzlichen Bestimmungen Impulse dahingehend gesetzt werden, dass den Pflegeberufen hier in pflegefachlichen Fragen eine eigenständige Beratungskompetenz zugestanden wird und ein Beratungsauftrag der Leistungserbringer zur Pflegeberatung formuliert wird (ebenda, S. 42). Gemäß § 7 SGB XI (Sozialgesetzbuch XI) besteht für die Pflegekassen eine Pflicht zur umfassenden Aufklärung und Beratung der Versicherten und deren Angehörige. Dies sieht insbesondere die Information und Beratung zu den eigenen Leistungen und denen anderer Träger vor. Hinzu kommt die Beratung über präventive Fragen und Aspekte der Gesundheitsförderung. Darüber hinaus umfasst diese Beratung ein individuelles Fallmanagement. Dieser Begriff ist im Gesetz nicht näher definiert. Die Erfüllung erfolgt zunehmend durch von den Pflegekassen angestellte Pflegefachpersonen. Die Erfassung des Hilfebedarfs bezieht sich nicht nur auf Pflege, sondern bezieht auch andere Versorgungs- und Betreuungsleistungen mit ein (Hell 2011). Im Pflege-Neuausrichtungs-Gesetz (PNG) ist vorgesehen, dass alternativ zu den Beratungsbesuchen durch die Pflegekasse Beratungsgutscheine ausgestellt werden können, die bei von den Kassen vorgeschlagenen Beratungsstellen eingelöst werden können (Pflege-Neuausrichtungs-Gesetz 2012).

Aus § 37 (3) und (4) ergibt sich ein weiterer Beratungsauftrag. Wird die Pflege ausschließlich durch private Pflegepersonen sichergestellt, muss der Pflegebedürftige einen Beratungsbesuch in seiner häuslichen Umgebung zulassen und sogar selbst abrufen. Zugelassene ambulante Pflegeeinrichtungen führen diese Beratungen durch, um die Qualität der pflegerischen Versorgung zu sichten und den Pflegepersonen praktische pflegefachliche Unterstützung zukommen zu lassen. Zugelassene Pflegeeinrichtungen haben den Auftrag, unterstützend und informativ tätig zu werden. Was darunter zu verstehen ist, wird jedoch mit Ausnahme des Bezugs auf spezielle Krankheitsbilder und des sich daraus möglicherweise ergebenden Hilfebedarf nicht näher spezifiziert (Hell 2011). Vielfach wird der Beratungsbesuch eher als Kontrolle gesehen (Schiron 2007) und die Pflegefachpersonen sehen sich der Schwierigkeit ausgesetzt, zwischen der kontrollierenden und begutachtenden Funktion und einer unabhängig und vertrauensbasierten Beratung zu jonglieren (Bamler u. Werner 2012). Für alle Akteure scheint diese Doppelfunktion hinderlich (ebenda, S. 14).

In § 45 SGB XI fordert der Gesetzgeber, dass neben den regulären Pflegekursen für pflegende Angehörige auch Schulungen in der häuslichen Umgebung stattfinden sollen. Dadurch sollen die Handlungskompetenz der privaten Pflegeperson gestärkt und die emotionale Belastung verringert werden.

Die beschriebenen Beratungsangebote sind verpflichtend. Sie können überwiegend als Informationsvermittlung verstanden werden. Die §§ 37 und 45 SGB XI können professionell und konstruktiv vermittelt einen niedrigschwelligen Einstieg in ein Beratungsgeschehen bieten (Schiron 2007).

Das Pflege-Weiterentwicklungs-Gesetz sieht im § 92c SGB XI vor, dass die Kranken- und Pflegekassen zur wohnortnahen Beratung sowie zur Versorgung und Betreuung von Pflegebedürftigen Pflegestützpunkte einrichten, sofern die oberste Landesbehörde das bestimmt. Dabei ist auf bereits vorhandene vernetzte Beratungsstrukturen zurück zu greifen (Hell 2011). Die Aufgaben der Pflegestützpunkte gehen über die bisherige Pflegeberatung hinaus. Sie sollen

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Details

Seiten
34
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656378334
ISBN (Buch)
9783656379676
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v210212
Note
Schlagworte
beratung gesundheitswesen entwicklungsstand handlungsbedarf dargestellt beispiel menschen pflegefachpersonen altenhilfe

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