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Die Darstellung des Nationalsozialismus im Geschichtsschulbuch, Schulbuchanalyse: DDR/BRD

Examensarbeit 2012 145 Seiten

Didaktik - Geschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Begründung der Untersuchungsmethodik
und Abgrenzung des Untersuchungsgegenstandes

2. Vergangenheitsbewältigung im geteilten Deutschland

3. Rahmenbedingungen der Schulbuchanalyse
3.1 Forschungsstand: Schulbuchanalysen zur Darstellung des NS
3.2 Das Geschichtsbuch als Quelle
3.3 Phasen der Schulbuchgestaltung nach 1948
3.3.1 In der Bundesrepublik
3.3.2 In der DDR
3.4 Der Nationalsozialismus im Lehrplan
3.4.1 Kurzer Abriss zur Lehrplangestaltung
3.4.2 Der Nationalsozialismus im westdeutschen Lehrplan
3.4.3 Der Nationalsozialismus im ostdeutschen Lehrplan
3.5 Untersuchungsgegenstände
3.5.1 Geschichte
3.5.2 Staatensystem und Weltpolitik
3.6 Hypothesen zur Schulbuchanalyse

4. Quantitative und qualitative Schulbuchanalyse
4.1 Kategorieneinteilungen
4.2 Quantitative Analyse
4.2.1 Darstellung der Auszählungsergebnisse
4.2.2 Zwischenfazit
4.3 Qualitative Analyse
4.3.1 Analyse der bestimmten Kategorien
4.3.2 Zwischenfazit

5. Gesamtfazit und Ausblick

6. Literaturverzeichnis

7. Erklärung zur Urheberschaft

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Fotographie des Frontcovers von Staatensystem und Weltpolitik

Abbildung 2: Fotographie des Frontcovers von Geschichte

Abbildung 3: eigenerstelltes Schaubild zum Vorgang der ArbeitS

Abbildung 4: eigenerstelltes Schaubild zu den Arbeitsschritten der Schulbuchanalyse

Abbildung 5: eigenerstelltes Diagramm zur Anteiligkeit der Thematik

Nationalsozialismus in Geschichte

Abbildung 6: eigenerstelltes Diagramm zur Anteiligkeit der Thematik

Nationalsozialismus in Staatensystem und Weltpolitik

Abbildung 7: eigenerstellte Statistik zur Umfangsanalyse der einzelnen

Kategorien in den jeweiligen Geschichtsschulbüchern

Abbildung 8: eigenerstellte Statistik zur Anteiligkeitsanalyse der einzelnen

Kategorien in den jeweiligen Geschichtsschulbüchern

Abbildung 9: eigenerstellte Übersicht über die Bildquellen der beiden Schulgeschichtsbücher

2. Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Die Thematisierung des Nationalsozialismus ist nach wie vor einer der wichtigsten Bestandteile der politischen Bildungsarbeit. Schülerinnen und Schülern soll sowohl das Ausmaß der NS-Verbrechen als auch die politische Verantwortung, die aus der nationalsozialistischen Vergangenheit resultiert, vor Augen geführt werden. Ziel ist es schließlich, demokratische und mündige Staatsbürger heranzuziehen.

Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus hat in den letzten vierzig Jahren nicht an Bedeutung verloren, wohl aber haben sich die politischen Absichten hinter ihr verändert. Nach dem Zusammenfall des NS-Regimes mussten beide deutschen Teilstaaten, die DDR und die Bundesrepublik, einen Weg finden, die NS-Vergangenheit aufzuarbeiten und aus ihrem Schatten zu treten. War die Vergangenheitsbewältigung anfangs noch in allen Besatzungszonen bzw. beiden deutschen Staaten hauptsächlich auf die Entfernung der alten Eliten ausgerichtet, so entwickelten sich die DDR und die Bundesrepublik gegen Ende der fünfziger Jahre in entgegengesetzte Richtungen. Während in der DDR eine Externalisierung der Vergangenheitsbewältigung[1][2] auf die BRD erfolgte, wurde die Kontinuitätsproblematik [3] zum Dauerdiskurs im westdeutschen Teilstaat. Beide nutzten die NS-Vergangenheit, um das jeweilige neue System im Kontext des Ost-West-Konflikts zu legitimieren.

Die Darstellung des Nationalsozialismus im Schulgeschichtsbuch ist ein vielschichtiges Forschungsfeld und ließe sich auf die unterschiedlichsten Kulturkreise und Bildungsgänge hin untersuchen. Aufgrund der politischen Bedeutung, die der Vergangenheitsbewältigung im Geschichtsunterricht des geteilten Deutschlands zukam, befasst sich diese Arbeit mit der Schulbuchanalyse eines DDR-und eines BRD-Geschichtsbuches[4].

Auch hier ergibt sich wiederum ein weites Feld. Der Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit im geteilten Deutschland verlief in mehreren Phasen und wurde stets von außen- sowie innenpolitischen Entwicklungen bestimmt.

Die sechziger Jahre standen insbesondere im Zeichen der deutsch-deutschen Auseinandersetzung. Zu keinem anderen Zeitpunkt wurde die Geschichte, besonders die NS-Vergangenheit, in solchem Maß als Legitimitätsgarant herangezogen. Hallstein-Doktrin und Mauerbau grenzten nicht nur die beiden deutschen Gesellschaften stärker voneinander ab, sondern spalteten auch das Geschichtsbewusstsein und die Vergangenheitsbewältigung im geteilten Deutschland.

Am Geschichtsunterricht, als primäre Vermittlungsinstanz von Geschichtsbewusstsein und Vergangenheitsbewältigung, ging diese Entwicklung selbstverständlich nicht vorüber. Schulgeschichtsbücher, als Zeugnisse des Geschichtsunterrichts, illustrieren die unterschiedlichen Strategien der Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Ost- und Westdeutschland.

Beide Geschichtslehrwerke, die im Folgenden analysiert werden, wurden im Jahr 1968 veröffentlicht. Obwohl nach der Kuba-Krise zunächst ein zögerlicher Weg der Entspannungspolitik eingeschlagen wurde, schien die Wiedervereinigung Deutschlands für alle Zeiten unerreichbar zu sein. Die beiden Autorenkollektive schrieben Geschichtsbucher für zwei völlig unterschiedliche Systeme, die sich zu diesem Zeitpunkt so deutlich wie nur möglich voneinander abgrenzen wollten.

Das Lehrwerk Geschichte 9 vom Verlag Volk und Wissen wird in dieser Arbeit hinsichtlich der Darstellung des Nationalsozialismus in der DDR untersucht. Staatensystem und Weltpolitik vom Klett Verlag repräsentiert das westdeutsche Gegenstück.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Frontcover Staatensystem und Weltpolitik

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2 Frontcover Geschichte 9

Bevor die beiden Schulbücher quantitativ und qualitativ analysiert werden, erfolgt zunächst die Begründung der Untersuchungsmethodik und die Abgrenzung des Untersuchungsgegenstandes. Anschließend wird die Vergangenheitsbewältigung in beiden deutschen Teilstaaten thematisiert und Hintergründe zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus bis zum Ende der sechziger Jahre aufgezeigt. Hierbei soll der Erarbeitungs- bzw. Erscheinungszeitraum der beiden Geschichtslehrwerke in seinen politischen und gesellschaftlichen Kontext eingebettet werden.

Anschließend werden die Rahmenbedingungen der Schulbuchanalyse abgesteckt. Es wird ein kurzer Überblick über den Forschungsstand zur Darstellung des Nationalsozialismus im Geschichtsschulbuch gegeben und die Bedeutung des Schulgeschichtsbuchs als Quelle aufgegriffen. Außerdem wird die Schulbuchgestaltung in Ost- und Westdeutschland nach 1948 thematisiert und die wesentlichen Inhalte der Lehrpläne für das Fach Geschichte skizziert. Auf dieser Kontextualisierung basierend, werden dann Hypothesen zur Darstellung des Nationalsozialismus in den jeweiligen Geschichtsbüchern gebildet.

In einem weiteren Schritt erfolgt die eigentliche Schulbuchanalyse der beiden Geschichtslehrwerke. Hierbei wird die Darstellung des Nationalsozialismus zunächst in die sieben Kategorien: Aufstieg, NS-Ideologie, Innenpolitik, Außenpolitik, NS-Terror, Widerstand und Zweiter Weltkrieg unterteilt. Anschließend wird die Darlegung der Ergebnisse der quantitativen Analyse dargelegt. Hierauf folgt die qualitative Schulbuchanalyse, welche sich ebenfalls auf die oben genannten Kategorien bezieht. Sowohl nach der quantitativen als auch nach der qualitativen Untersuchung wird ein Zwischenfazit gezogen. Abschließend erfolgt ein Gesamtfazit das die wesentlichen Erkenntnisse der Schulbuchanalyse resümiert und Bezug auf die zuvor aufgestellten Hypothesen nimmt.

Das Schaubild auf der folgenden Seite veranschaulicht die Arbeitsschritte dieser Untersuchung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.3 Übersicht zum Vorgang der Arbeit

1.2 Begründung der Untersuchungsmethodik und Abgrenzung des Untersuchungsgegenstandes

Ziel dieser Untersuchung ist es, die Darstellung des Nationalsozialismus im Geschichtsschulbuch der DDR und der BRD exemplarisch gegenüberzustellen. Die meisten Schulbuchanalysen, die sich mit diesem Thema befassten, wurden sehr allgemein gehalten und verglichen mehrere Ost- und Westgeschichtsbücher aus unterschiedlichen Jahrgängen, die teilweise sogar aus unterschiedlichen Epochen stammen (vgl. 3.1 Forschungsstand). Häufig wurde bei den westdeutschen Schulbüchern nur auf Gymnasialwerke Bezug genommen und kein Einblick in die Vermittlung der NS-Vergangenheit in den Bildungsbereichen der Real- und Hauptschule gegeben, obwohl die Mehrheit der Schüler in den sechziger und siebziger Jahren einen dieser Bildungsbereiche besucht hat. Um eine möglichst präzise Aussage zur Darstellung des Nationalsozialismus gegen Ende der sechziger Jahre machen zu können, wurde die nachfolgende Schulbuchanalyse auf zwei Lehrwerke beschränkt. Selbstverständlich ist hierbei darauf hinzuweisen, dass beide Schulbücher das Geschichtsbewusstsein von Schülerinnen und Schülern bis weit in die siebziger Jahre beeinflussten, da Schulbücher relativ lange in Benutzung waren und sind. Ihre Inhalte beruhen allerdings auf dem politischen und fachwissenschaftlichen Stand der sechziger Jahre, da die Herausgabe eines Schulbuchs eine gewisse Vorlaufzeit benötigt. Aus diesem Grund wird in Punkt 2 vordergründig auf die Vergangenheitsbewältigung bis zum Ende der sechziger Jahre eingegangen.

Während Geschichte 9 als einziges Geschichtslehrwerk für alle Mittelstufenklassen benutzt wurde und aufgrund des vereinheitlichten Schulsystems der DDR alle Schülerinnen und Schüler erreichte, kann für die bildungsföderalistische Bundesrepublik kein vergleichbar repräsentatives Geschichtslehrwerk gefunden werden. Um von einer möglichst großen Breitenwirkung ausgehen zu können, wurde deshalb das Lehrbuch Staatensystem und Weltpolitik ausgewählt, da es sowohl an Gymnasien als auch an Realschulen benutzt wurde. Da kein Hauptschulgeschichtsbuch aus demselben Zeitraum gefunden werden konnte, welches den Nationalsozialismus ausführlich genug thematisiert, um es mit dem DDR-Lehrwerk vergleichen zu können, wurde dieser Bildungsbereich nicht mit einbezogen. Ebenso wurde auf die Analyse eines Oberstufengeschichtsbuches verzichtet. Diese Entscheidung beruht auf mehreren Gründen:

- Zum einen soll die Schulbuchanalyse herausarbeiten wie der Nationalsozialismus dem Großteil der deutschen Jugendlichen in der Schule vermittelt wurde.
- Ein Mittelstufenlehrbuch für Gymnasien und Realschulen erreichte eine deutlich größere Schülergruppe, als ein Oberstufenlehrwerk.
- Außerdem hätte die Miteinbeziehung eines bundesdeutschen Oberstufenbuches erfordert, diesem ein ostdeutsches Gegenstück vergleichend gegenüberzustellen.
- An ein solches DDR-Oberstufengeschichtsbuch zu gelangen war nicht möglich. Zudem hätte die zusätzliche Analyse eines, bzw. zweier Oberstufengeschichtsbücher den Rahmen dieser Arbeit zu sehr ausgeweitet.

Die Untersuchung der Thematik in Geschichtslehrwerken aus Österreich wäre durchaus interessant gewesen. Dies hätte allerdings eine zusätzliche Kontextualisierung der Vergangenheitsbewältigung in Österreich erfordert, welche von den Entwicklungen in der Bundesrepublik und der DDR deutlich abwich. Ebenso interessant wäre ein Vergleich der bundesdeutschen Geschichtsbücher mit amerikanischen Lehrwerken gewesen, um herauszufinden, wie „amerikanisiert“ die Geschichtsdarstellung in der jungen BRD tatsächlich war. Beide Ansätze können in diesem Rahmen jedoch nicht fortgeführt werden.

Die nachfolgende Schulbuchanalyse versteht sich als Schulbuchvergleich, der zum einen auf quantitativer und zum anderen auf qualitativer Ebene stattfindet. Wie bereits erwähnt, hat sich die Autorin bewusst gegen die Form der Gruppenanalyse entschieden. Der Vergleich mehrerer Schulbücher auf vertikaler Ebene erschien zu unpräzise, um eine Aussage zum Geschichtsbild einer bestimmten Epoche, hier der sechziger Jahre, zu machen. Die horizontale Querschnittsmethode[5] hätte mehrere Bücher aus demselben Zeitraum erfordert. Da es in der DDR nur ein Geschichtslehrwerk gab, hätte der Schwerpunkt der Analysearbeit auf den westdeutschen Schulbüchern gelegen. Wie Peter Meyers in seinem Aufsatz zur methodischen Analyse historisch-politischer Schulbücher schreibt, ist die Fülle des Materials bei einer horizontalen Querschnittsanalyse schwer überschaubar und die einheitliche Kategorienfindung sehr schwierig.[6] Um eine Über- bzw. Unterrepräsentation der jeweiligen Schulbuchkategorie zu vermeiden, wurden im Vorfeld zahlreiche bundesdeutsche Geschichtsbücher[7], die Ende der sechziger Jahre erschienen sind, auf ihre Darstellung des Nationalsozialismus voruntersucht. Ausgewählt wurde Staatensystem und Weltpolitik, weil dieses Lehrwerk den Nationalsozialismus relativ ausführlich thematisiert und sich in gleiche Kategorien unterteilen lässt wie das DDR Gegenstück Geschichte 9. Außerdem wurde dieses Lehrwerk, wie bereits erwähnt, sowohl an Gymnasien als auch an Realschulen eingesetzt und war somit einem breiteren Schülerkreis zugänglich, als die unten aufgeführten Oberstufenwerke.

Die Kombination aus quantitativer und qualitativer Analyse soll eine größtmögliche Objektivität der Untersuchung ermöglichen. Die quantitative Analyse soll dem Leser zunächst einen Überblick über die unterschiedlichen thematischen Schwerpunkte beider Unterrichtswerke geben. Außerdem wird am Gesamtanteil des Themenbereichs Nationalsozialismus sichtbar, wie viel Raum diese Unterrichtseinheit im gesamten Schuljahr an ost- bzw. westdeutschen Schulen einnahm. Auf die Auszählung einzelner Wörter wurde verzichtet, da im Hinblick auf andere Schulbuchanalysen[8] auffiel, dass diese Auszählarbeit nur selten repräsentative Aussagen über das jeweilige Geschichtsbild machte. Wissenswert wäre diesbezüglich eventuell noch die quantitative Analyse verwendeter NS-Begriffe in beiden Geschichtsbüchern. Diese Auszählarbeit hatte den Umfang dieser Arbeit jedoch zu sehr ausgeweitet, weshalb letztendlich auf diese Analyse verzichtet wurde. Allerdings wurden die Bildquellen quantitativ analysiert, um das Bild-Textverhältnis in den jeweiligen Kategorien darzulegen.

Die qualitative Analyse beschäftigt sich dann mit besonderen Auffälligkeiten der beiden Schulbuchdarstellungen. Diesbezüglich ist unbedingt festzuhalten, dass eine rein objektive Interpretation der beiden Schulbuchinhalte nicht möglich sein kann. Das Weltwissen, die politische Einstellung und das fachliche Vorwissen des Autors sind subjektive Kriterien, die immer mit in die Schulbuchanalyse einfließen. Als solche sind auch die zahlreichen Anmerkungen, sowohl im Fließtext als auch in Fußnoten zu verstehen, die zu den vorgefundenen Ergebnissen gemacht wurden. Durch die Kombination von quantitativer und qualitativer Analyse soll die bestmögliche Schnittmenge aus objektiver Auszählarbeit und relativ subjektiver deskriptiv-analytischer Analysearbeit erzielt werden.

Dennoch ist festzuhalten, dass auch die quantitative Analyse nicht den Anspruch auf absolute Objektivität erheben kann. Problematisch ist in diesem Fall die Tatsache, dass der Themenbereich Nationalsozialismus in Geschichte 9 deutlich größer ist, als es in Staatensystem und Weltpolitik der Fall ist. Um dieser Problematik entgegenzuwirken, werden die Auszählergebnisse sowohl in der Anzahl der Wörter als auch in Prozentsätzen wiedergegeben. Ein weiteres Problem ist die Tatsache, dass es in beiden Schulbüchern zur Zuordnung bestimmter Inhalte in den Themenbereich Nationalsozialismus kam, die diesen kaum bzw. nicht direkt thematisieren. Da die Fließtexte der Lehrbücher oftmals Ausschweifungen beinhalten, die aber vom Rest des Textes nicht abtrennbar waren, kam es gelegentlich zu Hinzuzählungen, die nicht direkt mit dem Thema zu tun haben. Außerdem war es besonders schwer die Anfänge des Nationalsozialismus zu bestimmen. In beiden Fällen wurden Abschnitte aus dem vorherigen Kapitel zur Weimarer Republik hinzugezählt, falls diese den Aufstieg Hitlers thematisierten. Des Weiteren taten sich zahlreiche Grauzonen auf, die nicht eindeutig einer bestimmten Kategorie zugeteilt werden konnten. Vor allem der Bereich Widerstand im DDR-Buch erwies sich als eine solche Grauzone. Einige Inhalte, die der Überschrift nach dem Widerstand zuzuordnen sind, thematisierten in Wirklichkeit andere Themenbereiche, z.B. Außenpolitik. Überlappungen sind hier unvermeidbar und beeinflussen beide Bereiche der Schulbuchanalyse. Um einen direkten Vergleich zu ermöglichen, wurden nicht zwei separate Analysen vorgenommen, sondern beide Geschichtslehrwerke unter den jeweiligen Kategorien untersucht und gegenübergestellt.

Ziel dieser Arbeit ist es zu klären, in welchem Ausmaß die ausgewählten Geschichtslehrwerke tatsächlich im Dienste der Politik standen. Hierbei gilt es wesentliche Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten, herauszuarbeiten und die zuvor aufgestellten Hypothesen zu verifizieren bzw. zu widerlegen. Es geht vordergründig darum, die Widerspieglung gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen aufzuzeigen und die Vergangenheitsbewältigung in beiden deutschen Teilstaaten zu untersuchen. Die Arbeit zielt nicht darauf ab, die Geschichtsschulbücher auf ihre fachwissenschaftliche Vollständigkeit bzw. Richtigkeit zu überprüft, es sei denn, es handelt sich um eminente Auslassungen bzw. Wirklichkeitsverzerrungen, die auf die jeweilige Vergangenheitsbewältigung schließen lassen.

2. Vergangenheitsbewältigung im geteilten Deutschland

Unmittelbar nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes stand zunächst die Phase der politischen Säuberung und des Neuaufbaus in allen Besatzungszonen an. Dennoch entstand in beiden Nachfolgestaaten zunehmend die Notwendigkeit belastete Personen und Gruppen zu integrieren und den Deckmantel des Schweigens über die Verbrechen der NS-Vergangenheit zu legen. Vergangenheitsbewältigung fand erst auf der Basis der jeweils neugewonnen politischen Stabilität in Ost und West statt. Nun war bereits eine neue Generation „Unbelasteter“ herangewachsen, die zur systematischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit bereit war, diese teilweise sogar forderte. Doch auch diese „unbelastete Generation“ konnte für sich keine Position des neutralen Beobachters oder Schiedsrichters beanspruchen, da der Nationalsozialismus das zentrale Bezugsereignis für das Selbstverständnis aller Generationen der beiden deutschen Staaten war und es gewissermaßen bis heute ist.[9]

Erst zehn Jahre nach der Gründung beider deutscher Teilstaaten geriet die nationalsozialistische Vergangenheit in den Mittelpunkt des deutsch-deutschen Kräftemessens. Während sich die DDR selbst als antifaschistisches Staatswesen betrachtete, dem es gelungen war, die Grundlagen des Nationalsozialismus zu beseitigen, erschien die Bundesrepublik aus dieser Perspektive als „Staat der Mörder“. Jene wiederum figurierte die DDR als totalitäres System, das mit dem NS-Regime grundlegende Strukturen gemeinsam hatte, während sie selbst eine freiheitliche Demokratie aufbauen konnte. Zwischen den späten fünfziger Jahren bis hin zur allmählichen Annäherung beider Staaten, Ende der sechziger bis Anfang der siebziger Jahre, war die NS Vergangenheit das brisanteste Thema ihres Abgrenzungs- und Verflechtungsverhältnisses.[10]

Das Wechselverhältnis zwischen BRD und DDR durchlief während dieser Zeit mehrere Entwicklungsstufen. Teilweise entstanden ähnliche Vergangenheitsdiskurse, andererseits aber auch sehr unterschiedliche Diskussionskulturen, die jedoch immer aufeinander Bezug nahmen.[11]

Der Historiker Norbert Frei entwickelt ein Dreiphasenmodell zur Vergangenheitsbewältigung in den beiden deutschen Teilstaaten.

- Die erste Phase grenzt er in den Zeitraum 1945-1948/49 ein. Diese Phase, so Frei, sei zwar in allen Besatzungszonen von säuberungspolitischen Initiativen der Besatzungsmächte dominiert gewesen, Ost und West entwickelten sich aber schnell in verschiedene Richtungen. Während „bürokratische Säuberung“ im Westen vorgenommen wurde, erklärt Frei die Entnazifizierung in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) zur „instrumentalisierten politischen Säuberung“.
- Die zweite Phase, 1948/1949 bis Ende der Fünfziger, habe dann ein paralleles Phänomen der Bewältigung der frühen Bewältigung[12] hervorgebracht. Beide Staaten setzten nun auf Integration der zuvor ausgegrenzten Gruppen, da sie erkannt hatten, dass dies notwendig war um die breite Masse in das jeweilige neue Staatskonzept einzubinden. Dieses Phänomen wurde durch das Bedürfnis mit der NS-Vergangenheit abzuschließen verstärkt. Gesetze zur Entlastung der „kleineren NS-Täter“ stellten die Weichen zum Einbezug ehemaliger Nazis in die neue Gesellschaft.
- Die dritte Phase der Vergangenheitsbewältigung begann, nach Frei, Ende der fünfziger Jahre. Die mediale Erfassung der unbewältigten Vergangenheit zwang vor allem die Bundesrepublik eine Stellung zur eigenen Kontinuitätsproblematik einzunehmen. Die historisch-moralische Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit wurde in der BRD Ende der Sechziger besonders wichtig, während es in der DDR zur Erstarrung des antifaschistischen Geschichtserinnerungskonzepts kam.[13]

Beide deutschen Staaten mussten die Vergangenheit aufarbeiten, Schuldige, Mitläufer und Opfer des nationalsozialistischen Regimes definieren und sich als dessen Gegenkonzept öffentlich positionieren. In der DDR vollzog sich eine Verschiebung der Schuldzuweisung. Wurde vor der Staatsgründung noch von der Mitschuld des ganzen Volkes gesprochen und damit die Pflicht zur Haftung, insbesondere bezüglich der Reparationszahlungen an die UdSSR begründet, verlagerten sich die Akzente im neuen „antifaschistischen“ Staat. Kontinuitäten zum alten Reich sollte es nicht mehr geben. Durch oberflächliche politische Säuberung und gesellschaftliche Veränderung sagte man sich los von den Schatten der NS-Vergangenheit. Hierbei wurde nicht nur die Arbeiterklasse, sondern das gesamte Volk in die „antifaschistische Front“ eingereiht und von der Mittäter- in die Opferperspektive gerückt. Aus dem zuvor proklamierten „Irrweg der deutschen Nation“ wurde nun der „Irrweg der herrschenden Klasse“.[14]

Die Erinnerungskultur in der SBZ war anfänglich noch auf verschiedene Opfer- und Verfolgtengruppen ausgelegt. Erst mit der Staatsgründung der DDR erfolgte eine ganzheitliche Fokussierung auf parteipolitische Sonderinteressen der SED. Die zunächst von vielen verschiedenen politischen Lagern gehegte Hoffnung auf den antifaschistischen Neubeginn wurde zerschlagen. Nun begann die Neuordnung nach sowjetischem Muster.[15] Dies ließ die Dominanz der in die Sowjetunion emigrierten Führungskorps der KPD in der Politik der frühen DDR schnell offenkundig werden. Deren Elitebewusstsein und Gefühl der Überlegenheit berief sich ganz auf die Aussage, man habe nicht nur unter dem Nationalsozialismus gelitten, sondern diesen auch von Beginn an aktiv bekämpft. Die Funktionärkorps der KPD erklärten sich quasi zum Bestandteil der sowjetischen Militärmacht. Die Niederlage der KPD von 1933 und das Scheitern des Widerstandes in Deutschland wurden dann entsprechend umgedeutet.[16]

Ebenso entschieden nun kommunistische Kriterien über die Zuwendung von Fürsorgemaßnahmen. Gegenüber jüdischen Verbänden und Israel wurde eine Absage erteilt, mit dem Verweis auf die Diskontinuität der DDR zum NS-Regime und dem politisch-moralischen Nichtbetroffenseins am Holocaust. Die DDR sah in der Verpflichtung auf den Antifaschismus eine besondere Art der Wiedergutmachung.[17]

Die Geschichtswissenschaft wandte sich erst Anfang der sechziger Jahre der Erforschung der NS-Zeit zu. Bürgerliche Historiker, die noch bis in die fünfziger Jahre hinein lehrten wurden entfernt, von kommunistischer Seite gab es zunächst kaum Fachwissenschaftler. Die Neuinterpretation der Geschichte wurde folglich zur Parteisache erklärt. Forschung und Universitäten wurden neu strukturiert, wobei der Darstellung der NS-Zeit eine besondere ideologische Vorbereitung zuteilwurde. Jeder Abschnitt der NS-Vergangenheit sollte parallel zum „antifaschistischen Kampf“ stehen, um von Anfang an den Eindruck zweier Lager und Entwicklungsstränge zu vermitteln. Der Mythos des „verordneten Antifaschismus“ verhalf dazu, sich von der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus zu entziehen.[18]

Jürgen Danyel, stellvertretender Direktor des Zentrums für Zeitgeschichte in Potsdam, schreibt dem „verordneten Antifaschismus“ sogar die Funktion einer Ersatzreligion zu. Diese Ersatzreligion habe über eine immense emotionale Bindekraft verfügt, die eine stärkere Identifikation der Bürger mit dem Staat erreichte, als alle anderen Elemente der SED-Ideologie. Der „antifaschistische Totenkult“, sprich die gefallenen kommunistischen Widerständler, erinnern Danyel an eine Art „Auferstehung“ der toten Märtyrer in der Gesellschaft des Realsozialismus.[19] Den Antifaschismus sieht der Geschichtswissenschaftler Danyel als simplen Gesellschaftsvertrag, der die DDR als Vaterland aller Deutschen die den Faschismus hassen und in Frieden leben wollen, erscheinen soll. Die weitgehend abstrakte und entdifferenzierte Erinnerung nivelliert die Individualität der Widerständler ganz bewusst, denn die Gruppe, das Kollektiv, soll die Botschaft vermitteln und Identifikationsmöglichkeiten für möglichst viele DDR-Bürger geben.[20]

Der Antifaschismus war Gründungskonsens und Sühneleistung in einem. Er ermöglichte einen relativ spannungsfreien gesellschaftlichen Integrationsprozess ehemaliger NSDAP-Mitglieder. Die, auch in Ostdeutschland mehrheitsbildenden, Gruppe derjenigen, die den Nationalsozialismus toleriert und gestützt hatten, konnten somit ins neue Staatsystem einbezogen werden. Ihre Wiedergutmachungsleistung bestand an der Mitwirkung am sozialistischen Aufbau. Politisch-pragmatische Erwägungen siegten letztlich über die sozialistische Schlussstrichvariante, die eine radikale Säuberung aller Belasteter erfordert hätte. Als Schutzschild gegen die vermeintlichen imperialistischen Kriegspläne sollten möglichst viele Bürger in die neue Gesellschaft integriert werden. Auch deshalb war die Verschleierung bzw. Verallgemeinerung der Geschichte von Verfolgung und Widerstand so nützlich. Letztlich fungierte der Antifaschismus als Konsens über den Umgang mit der NS-Vergangenheit, der für die Mehrheit des ostdeutschen Volkes akzeptabel sein sollte.[21]

Die Bundesrepublik befand sich von Anfang an in einer anderen Ausgangssituation. Sie konnte ihrer Bevölkerung zu keinem Zeitpunkt glaubhaft die reine Opferrolle zusprechen oder behaupten, ihre Eliten aus dem Widerstand rekrutiert zu haben. Als größerer und wirtschaftlich bedeutenderer deutscher Teilstaat, stand sie weitaus häufiger im Schuld- und Kontinuitätsverdacht des Auslands. Hier konnte sich nur auf die Verwirklichung von Rechtsstaatlichkeit und freiheitlich-demokratischen Grundwerten berufen werden, um aus dem Schatten der Vergangenheit zu treten. Es galt immer das Eingeständnis, dass der Nationalsozialismus zur eigenen Geschichte gehöre und man deshalb „Sühne“ zu leisten habe. Bei allen Bemühungen der Relativierung war eine generelle Schuldabweisung zu keinem Zeitpunkt möglich.[22]

Die westdeutsche Historiographie begründete den Aufstieg des Nationalsozialismus mit der These, er sei Teil der totalitären Entwicklung in Europa seit der Französischen Revolution gewesen. Er sei aus der Krise des liberalen Denkens, dem Imperialismus, der Verrohung durch den Ersten Weltkrieg und dem Zerfall der christlich geprägten Ethik entstanden. Wichtige Impulse zur geschichtswissenschaftlichen Aufarbeitung des National-sozialismus gingen dabei vom Münchner Institut für Zeitgeschichte aus, das 1950 gegründet wurde. Warum sich das deutsche Volk auf solche bedenklichen Anschauungen einlassen konnte wurde damit begründet, dass falsche Hoffnungen in die Person Hitler gesetzt wurden und das Volk anschließend mit Propaganda und Terror gefügig gemacht wurde. Auch hier wurde die deutsche Bevölkerung eher selbst als Opfer, denn als Mittäter dargestellt. Eine wirkliche Schuld wurde ihm nur hinsichtlich der Machtübertragung an Hitler gegeben.[23]

Erst durch Ereignisse, wie die Schändung der Kölner Synagoge und die großen NS-Prozessen, trat der Nationalsozialismus als eine die Gegenwart berührende Problematik auf. Doch die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit blieb sehr verhalten und begrenzte sich größtenteils auf die Bereiche Medien und Politik, bis die Studentenbewegung Ende der sechziger Jahre radikal die Frage nach der „Schuld der Väter“ stellte.[24]

Eines bestimmte jedoch die Vergangenheitsbewältigung in beiden deutschen Staaten: Die Feindbilder des Kalten Krieges. Sie ermöglichten ihnen die eigene Belastung durch den Nationalsozialismus mit ihrer neuen Selbstdarstellung zu überdecken.[25]

Dennoch konnten beide Staaten nicht bei der Verurteilung und Abgrenzung stehen bleiben, sondern mussten erklären, wie es zum Aufstieg des Nationalsozialismus gekommen war und inwieweit Kontinuitätslinien zur Vergangenheit und Gegenwart bestanden.[26]

Der Grund für den Aufstieg Hitlers wurde in der Bundesrepublik vor allem in der Zerstörung des parlamentarischen Systems durch den Übergang zu den Präsidialkabinetten gesehen. Diese Weichenstellung ins Dritte Reich sollte mit der Wiedereinrichtung einer parlamentarischen Demokratie rückgängig bzw. wiedergutgemacht werden.[27] In der DDR hingegen wurde der Mythos vom „Irrweg einer Nation“ tradiert, der Hitler als Agenten des Monopolkapitals darstellte und den Nationalsozialismus zur Fehlentwicklung erklärte, die schon im Mittelalter ihren Ursprung genommen hatte. Ulbricht interpretierte den Nationalsozialismus demnach als „Zusammenfassung, Entwicklung und Vertiefung alles Reaktionären in der deutschen Geschichte“.[28]

Für die DDR gehörten die Inhalte und Konsequenzen des Nationalsozialismus kaum mehr zur Eigengeschichte. Durch den Systemwechsel wurde die NS-Vergangenheit unter der Kategorie des Faschismus universalisiert. Mit der BRD existierte ein Teilstaat, der für die Folgen des Nationalsozialismus haftbar gemacht werden und dessen demokratischer Lernprozess stets kritisch vor der Weltöffentlichkeit hinterfragt werden konnte. Die DDR konnte somit ihre eigene Vergangenheitsbewältigung relativ schnell für beendet erklären, während die BRD eine kontinuierliche Konfliktgeschichte erlebte.[29]

Die außenpolitische Verantwortung wurde ebenso vor dem Hintergrund des Ost-West-Konflikts aufgeteilt. Während die DDR Reparationszahlungen an die Sowjetunion leistete und vor allem an die Leiden der Menschen in Osteuropa erinnerte, schloss die Bundesrepublik mit den westeuropäischen Nachbarn und Israel Wiedergutmachungsabkommen und erklärte zunehmend den Holocaust zum Kern des NS-Verbrechens.[30]

In der DDR wurden die Juden allgemein als „Opfer des Faschismus“ subsumiert. Angesichts der Heroisierung des antifaschistischen Widerstandskampfes trat der Massenmord an den Juden in den Hintergrund.[31] Die rassenantisemitische Basis der Judenverfolgung wurde damit ausgeblendet. Mit der Unterscheidung zwischen aktiven (kommunistischen) Widerstandskämpfern und scheinbar passiven Opfern wurde das Schicksal der verfolgten Juden zusätzlich abgewertet. Aber auch in der Bundesrepublik konnte sich die Erinnerung an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus nur langsam im öffentlichen Bewusstsein durchsetzen. Zunächst standen die Kriegswitwen und –waisen, die Bombengeschädigten und die Vertriebenen im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Der frühe Entschluss zu Entschädigungszahlungen und Wiedergutmachung unter alliierter Federführung, mit der Absicht möglichst schnell die internationale Anerkennung zurückzuerlangen, darf nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass die Aufarbeitung des Holocausts erst wesentlich später begann.[32] Die politische Kalkulation hinter den Wiedergutmachungszahlungen lässt sich außerdem im Hinblick auf ihre Adressaten erkennen. Die Zahlungen gingen an Israel, nicht an Sinti und Roma, an die Sowjetunion oder an andere Ostblockstaaten. So verschieden die Darstellung des Widerstandes und der Verfolgtengruppen auch waren, beide deutschen Staaten beschränkten ihre Auswahl auf die kleinbürgerliche Vorstellungswelt. Ressentiments gegenüber gesellschaftlichen Rand- und Außenseitergruppen wurden von beiden Staaten beibehalten. Euthanasieopfer, die Verfolgung sogenannter „Asozialer“, Zeugen Jehovas, Homosexueller oder „Zigeuner“ waren in beiden Konzepten der Vergangenheitsbewältigung nicht enthalten.[33]

In der BRD wurde das national-moralische Gebot der „Sühne“ mit dem national-politisch Nützlichen verbunden. Die finanziellen Zuwendungen sollten außenpolitische Bescheidenheit, Großzügigkeit und Tugendhaftigkeit symbolisieren und außerdem beweisen, dass nur die Bundesrepublik als legitimer Nachfolger des deutschen Reiches gelten könne. Die DDR als Teil des kommunistischen Lagers wurde zum Nicht-Staat erklärt, da sie Wiedergutmachungszahlungen in dieser Größenordnung weder leisten konnte, noch wollte. Die Konzentration auf den Holocaust, als Kern des NS-Verbrechens hing eng mit dem Nato-Bündnis zusammen, welches die Vergangenheitsbewältigung der BRD erheblich bestimmte. Die Wiedergutmachungszahlungen verhalfen der Bundesrepublik nicht nur zu außenpolitischem Ansehen, sondern drängten die DDR zudem ins politische Abseits.[34]

Der israelische Historiker Moshe Zimmermann sieht das „Judenthema“ allerdings in beiden Geschichtsschreibungen unterrepräsentiert. Für beide deutschen Staaten sei der Holocaust kein essentieller Gegenstand gewesen. Aufmerksamkeit sei der Judenverfolgung nur gegeben worden, wenn sie politisch verwertbar war. Zimmermann kommt zu dem Ergebnis, dass der Holocaust für beide Systeme letztlich marginal oder gegenstandslos war. Während er die Subsumierung des jüdischen Widerstandes unter den allgemeinen Widerstand in der DDR-Geschichtsschreibung kritisiert, erhebt er ebenfalls Vorwürfe gegen die Darstellung der Juden in bundesdeutschen Geschichtsbüchern. Hier seien die Juden als eine Kategorie für sich aufgeführt, was sie vom Rest der deutschen Bevölkerung abgrenze und zu einem Randphänomen erscheinen ließe.[35] Moshe hebt die politische Bedeutung der Darstellung des Widerstandes in beiden Geschichtsschreibungen hervor. Entgegen dem „Judenthema“, sei dieses Thema existenziell für beide Staaten gewesen, um sich gegenseitig die Fortführung der NS-Diktatur vorzuwerfen. Während für die DDR der Faschismus in der BRD fortlebte, herrschte der Totalitarismus in der DDR für die BRD weiter.[36]

Auch Norbert Frei fügt seinem oben skizzierten Dreiphasenmodell der Vergangenheitsbewältigung eine ähnliche Grundhaltung in beiden deutschen Staaten hinzu. Er nennt sie: Antifaschismus versus Antitotalitarismus. Er stimmt mit Zimmermann in dem Punkt überein, dass die jeweiligen innenpolitischen Instrumentalisierungen sich zunehmend von den eigentlichen Fragen des Umgangs mit der NS-Vergangenheit ablösten. Diese Instrumentalisierungen richteten sich in der BRD hauptsächlich gegen die als linkstotalitär gebrandmarkten Kommunisten während die DDR in der Zelebrierung des von ihr verkörperten „anderen Deutschlands“ verharrte.[37]

Der Berliner Geschichtsprofessor Michael Lemke hat sich in einem Aufsatz sehr ausführlich mit der SED-Kampagnenpolitik gegen die Bundesregierung in den Jahren 1960-1968 beschäftigt. Er schreibt der ideologischen Westpolitik, die historisch in der antikapitalistischen Politik der Sowjetunion Lenins und Stalins wurzelte, habituelle Züge zu. Diese sollten als Instrument des „Klassenkampfes“ dienen und so die Volksmassen mobilisieren. Lemke bezeichnet den instrumentalisierten Antifaschismus und dessen Kampagnenpolitik als wesentliches Merkmal der kommunistischen Diktatur. Er weist mehrfach auf das Stabilisierungsziel der Westpolitik hin, welche in erster Linie die Legitimation des SED-Staates beabsichtigte und nur im zweiten Schritt die Denunzierung der BRD beabsichtigte.[38]

Nichtsdestotrotz betont Lemke die Bedeutung der Kampagnenpolitik auf die Vergangenheitsbewältigung in der Bundesrepublik. Die DDR-Weltpolitik erforderte ständige Reaktion auf die SED-Kampagnen seitens der Bundesrepublik. Besonders mit der Personifikation des Feindbildes auf Konrad Adenauer, der im Zuge der Wiederbewaffnungsdebatte als „Hitler von heute“ tituliert wurde, gelang es der SED-Kampagnenpolitik die Bundesrepublik unter nicht unerheblichen internationalen Rechtfertigungsdruck zu setzen.[39]

Diese Kampagnenpolitik nahm auch auf den westdeutschen Geschichtsunterricht Bezug. Das vom staatseigenen Verlag „Volk und Wissen“ herausgegebene Buch „Westdeutsche Schule im Gleichschritt, marsch“ thematisiert die Entwicklungen des Schulwesens nach 1945 in beiden Teilen Deutschlands. Der Grundtenor des Buches ist bereits nach wenigen Sätzen erkennbar: Während im Osten die „erfolgreiche demokratische Schulreform“ erfolgt sei, habe der Westen eine solche verhindert.[40] Im Kapitel „Lügen über den Zweiten Weltkrieg“ werden die bundesdeutschen Geschichtsbücher beschuldigt, den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg zu beschönigen. Vor allem wird die Darstellung der UdSSR kritisiert. Die Aufteilung Polens wird als Lüge beschrieben und der Angriff auf die Sowjetunion sei zum Präventivkrieg verfälscht worden.[41] Die Niederlage in der Sowjetunion würde nur auf den „General Winter“ geschoben, nicht auf die siegreichen Sowjettruppen.[42] Die Darstellung der Annexionen sei verharmlosend und verfolge die Absicht den Militarismus und Imperialismus in Westdeutschland zu rehabilitieren.[43] Im Wesentlichen aber wird die Hitler-Verherrlichung kritisiert. Verherrlichende Bildquellen und die Tradierung des Mythos der beseitigten Arbeitslosigkeit sollen dem Leser keinen Zweifel daran lassen, dass keine Vergangenheitsbewältigung im Westen stattgefunden hat.[44] Hierzu wurden Auszüge aus „Mein Kampf“ bewusst ausgewählt, um die Quellenlage der westdeutschen Lehrwerke in Frage zu stellen.[45] Des Weiteren unterstellt „Westdeutsche Schule im Gleichschritt, marsch“ den Westbüchern den Fokus bewusst auf die Beziehung zwischen Hitler und Stalin zu setzen, um die UdSSR zu diskreditieren.[46] Neben den Geschichtsschulbüchern werden außerdem „verrohende Filme“ aus Westdeutschland und vor allem alte Nazis in den Kultusministerien „entlarvt“[47]

Wenn die Kampagnen der Bundesrepublik auch nicht mit dem Aufwand vergleichbar waren, den die SED mit ihrem Westapparat betrieb, so versteifte sich die Bundesregierung ebenso auf eine Stoßrichtung, die die DDR innenpolitisch, wie außenpolitisch von der BRD abgrenzen sollte. Das Antifaschismuskonzept der BRD hieß Antitotalitarismus. Die Demokratie sollte gegen alle Bedrohungen von rechts und links geschützt werden. Diese Gleichsetzung suggerierte, dass die Demokratie nur diese zwei Feinde kennt. Das antitotalitäre=antikommunistische Volk nahm diese Theorie mit weitgehender Zustimmung auf. Das KPD Verbot 1951 löste keinen Volksaufstand aus und auch die RAF-Zerschlagung fand in der Bevölkerung hinreichende Fahndungshilfe. Der Oberstudienrat Rolf Gutte und der marxistische Publizist Freerk Huisken erklären, die Stoßrichtung gegen den Kommunismus habe den Bürgern viel eher eingeleuchtet als der Antitotalitarismus selbst. Seit Weimar seien sie an diese Feindschaft gewöhnt und hatten sie, laut den Autoren, mehrheitlich gebilligt. Dies habe die Grundvoraussetzung geschaffen, den Antitotalitarismus in der BRD als Titel der innenpolitischen Absicherung und Stabilisierung der Deutschen Demokratie und als Begründung für die Feindschaft gegen den anderen deutschen Staat zu nutzen.[48]

Trotz dieser Stoßrichtung konnte die Bundesrepublik den Diskurs zur unbewältigten Vergangenheit zu keinem Zeitpunkt überdecken. Die Beteiligung zahlreicher ehemaliger NS-Funktionseliten in den Wiederaufbau, bereitete nicht nur der SED-Kampagnenpolitik immer wieder neue Angriffsfläche, sondern ließ auch internationale Debatten über die unbewältigte Vergangenheit entstehen. Hieran rieb seit dem Ende der fünfziger Jahre der deutsch-deutsche Konflikt in besonderem Maße. Das Ausmaß der personellen Kontinuität belasteter Westpolitiker wurde immer deutlicher und die unbewältigte Vergangenheit wurde zum öffentlichen Diskurs.[49]

Aufgrund der bevorstehenden Verjährung der NS-Verbrechen begann dann die sogenannte juristische Welle. Unter diesem Aufklärungsdruck entstand eine Medialisierung der Kontinuitätsproblematik in Westdeutschland. Kinofilme wie Rosen für den Staatsanwalt 1959, Günther Grass‘ Blechtrommel und die Ausstellung zur ungesühnten Nazijustiz des West-Berliner Sozialistischen-Studentenbund-Mitglieds Reinhard Strecker thematisierten vor allem die Mittäterschaft der Deutschen. Konservative witterten den „Pankower Schatten“ hinter dieser Medialisierung. Tatsächlich nutzte die SED Kampagnenpolitik die „NS-Blutrichter“, um die bundesrepublikanische Justiz und Politik zu diskreditieren.[50]

Die antisemitische Welle vom Jahreswechsel 1959/1960 gab der Debatte zusätzlichen Zündstoff. In der Weihnachtsnacht 1959 fand die sogenannte „zweite Kristallnacht von Köln“ statt. Kölner Synagogen wurden mit Hakenkreuzen und antisemitischen Parolen beschmiert. Dieser Vorfall verursachte großes Aufsehen in der internationalen Presse. Die Bundesregierung unter Adenauer spielte den Fall allerdings herunter und sah in den Ausschreitungen lediglich „unpolitische Halbstarke“, die ihre Taten gedankenlos begangen hätten. Es kamen sogar Stimmen auf, die die Täter in den Reihen der SED vermuteten. Dies wurde, vor allem im Ausland, jedoch als Vertuschungstaktik gewertet. In der eigenen Bevölkerung stieß diese Theorie aber durchaus auf Zustimmung. Der selbstkritische Diskurs der Medien schien sich nicht auf die Meinung der Bevölkerungsmehrheit auszuwirken.[51]

Personen wie Konrad Adenauer und Theodor Heuss waren Verächter des nationalsozialistischen Regimes gewesen. Beide wurden während des Dritten Reiches politisch kalt gestellt. Dennoch sorgten sie als Bundespräsident bzw. Bundeskanzler dafür, dass die NS-Vergangenheit nicht überbetont wurde. Es hieß man müsse Nachsicht mit den Menschen haben, die sich in den Kriegswirren behaupten mussten. So wurde aus dem westdeutschen Diskurs der unbewältigten Vergangenheit eine Form der arbeitsteiligen Vergangenheitsbewältigung. Historiker, Politologen und Pädagogen sollten den „professionellen“ Teil der Vergangenheitsaufarbeitung leisten. Der Großteil der Bevölkerung jedoch leistete seinen Anteil am Wiederaufbau, der als Sühneleistung verstanden wurde. Das gemeine Volk sollte ein Recht darauf bekommen aus Hitlers Schatten zu treten und nichts mehr von Auschwitz hören zu müssen. Diese Arbeitsteilung führte zur Ritualisierung der Erinnerung an den Nationalsozialismus und seine Folgen durch Lehrpläne, Gedenkstätten und Gedenktage.[52]

Die westdeutsche Nachkriegsgeschichte war zwar durch das Wirtschaftswunder und Westintegration sehr positiv besetzt, Reeducation und erzwungene Entnazifizierung wurden allerdings als Anmaßung empfunden und stießen bei großen Teilen der Bevölkerung auf Abwehrhaltungen, Trotzreaktionen, Schweigen, Verharmlosung und teilweise sogar auf Leugnung. Letztlich musste die Entnazifizierung hastig über die Bühne gebracht werden, schließlich brauchten die Westmächte im Zuge des Kalten Krieges Verbündete und keine weiteren Feinde. Somit entstand auch hier ein Kompromiss zwischen Diskriminierung und Rehabilitierung der alten Nazis.[53]

Auch in Ostdeutschland gab es nach 1945 wieder antisemitische Strömungen. Anders als in der BRD gingen diese nicht von der Zivilbevölkerung, sondern von der SED-Spitze aus. Diese Form des Antisemitismus war jedoch wesentlich subtiler und geriet weniger in den öffentlichen Diskurs als die zweite Kristallnacht in Köln. Der Antagonismus zwischen den kommunistischen und den westlichen Staaten wirkte sich auch auf die Juden aus, die nach 1945 wieder in die SBZ zurückkehrten. Nach kommunistischem Verständnis lagen die Wurzeln des Nationalsozialismus im Kapitalismus. Die von vielen aus dem Exil zurückgekehrten Juden geforderten Wiedergutmachungszahlungen wurden als „verbrecherische Tätigkeiten der zionistischen Organisationen“ interpretiert, die gemeinsam mit „amerikanischen Agenten“ gegen die osteuropäischen Volksdemokratien arbeiteten.[54] Letztlich würden Kapitalisten an den Wiedergutmachungszahlungen profitieren. Juden werden in diesem Kontext unter dem Feindbild des westlichen Kapitalmonopols zugeteilt. Wieder erklärte sich ein deutscher Nationalismus, diesmal in kommunistischer Gestalt, das Feindbild mit der kapitalistischen, internationalen jüdischen Verschwörung.[55] Der amerikanische Historiker Jeffrey Herf erklärt, die tiefsitzenden antijüdischen Ressentiments seien als „Geheimwaffe“ im Kalten Krieges genutzt worden. Um nicht gegen das Grundkonzept des Antifaschismus zu verstoßen sei ein fiktiver Unterschied zwischen Antizionismus und Antisemitismus gemacht worden. Hierzu zieht Herf Alexander Abusch, Mitarbeiter des Zentralkomitees der SED, heran, der einen Unterschied zwischen den „werktätigen, fortschrittlichen Juden“ und dem „jüdischen Kapitalismus“ machte. Dieser Unterschied konnte erneut zur Abgrenzung von Westdeutschland genutzt werden. Rassenhass sei in der DDR als Verbrechen angesehen, verfolgt würde nur, wer dem westlichen Kapitalismus angehört. Die BRD hingegen hätte sich mit eben diesem zusammengetan. Paradoxerweise arbeiteten nach dieser Auffassung die ehemaligen Massenmörder mit den kapitalistischen Juden zusammen, um einen amerikanischen Krieg auf deutschem Boden vorzubereiten.[56]

Der Antisemitismus in Ostdeutschland hatte tatsächlich keine „rassenideologischen“ Hintergründe. Dennoch griff er auf nationalsozialistische Stigmata zurück, die die Juden als kapitalistische Ausbeuter Deutschlands darstellen. Viele Juden die in die SBZ bzw. DDR zurückkehrten hatten ihr Exil in Mexiko verbracht und Kontakte in den Westen gepflegt. Diese westliche Ausrichtung war es, die die antisemitische Welle in der SED-Spitze auslöste.

In der Bundesrepublik zogen die antisemitischen Vorfälle eine Erziehungsdebatte nach sich. Es galt eine historisch-politische Bildung an die nachfolgende Generation zu vermitteln, die die Aufarbeitung des Nationalsozialismus zu ihrem elementaren Inhalt machte. Die meisten Täter der Kristallnacht von Köln waren Jugendliche, weshalb die schulische Verantwortung ins Zentrum des Vergangenheitsdiskurses geriet. Antisemitismus wurde als etwas Ererbtes, von der belasteten Generation tradiertes verstanden. Dies sollte durch langwierige Erziehungsarbeit, vor allem im Geschichtsunterricht, überwunden werden.[57]

Diese Erziehungsdebatte entstand vor dem Hintergrund, den weltpolitischen Wettlauf gegen die DDR eventuell aufgrund der nicht bewältigten Vergangenheit zu verlieren. Dennoch gab es immer noch zahlreiche Vorbehalte gegenüber der verstärkten Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in der Schule, vor allem unter Eltern, Lehrern und konservativen Fachwissenschaftlern. Interessant ist, dass sich vor allem die Eltern der Mittel- bzw. Realschüler eine stärkere Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in der Schule wünschten, während Eltern aus dem Angestellten- und Arbeitermilieu dies weniger befürworteten. Dabei war gerade bei Kindern aus bildungsferneren Schichten deutlich weniger Wissen über das NS-Regime vorhanden.[58]

Besonders der Eichmannprozess im Dezember 1961 heizte die Debatte über die unbewältigte Vergangenheit weiter an. Bei einer Umfrage stimmte die Hälfte aller Befragten für die Aussage, es sei das Beste, wenn man die NS-Vergangenheit ruhen ließe und sich auf die Gegenwart und die Zukunft konzentriere. Die Westdeutschen waren tief gespalten zwischen öffentlicher Vergangenheitsbewältigung und möglichst schnellem Vergessen.[59]

Auch für die DDR stellte der Eichmannprozess einen wichtigen Einschnitt in ihre Westpolitik dar. Die personelle Kooperation zwischen Eichmann und dem Staatssekretär Hans Globke wurde herangezogen um die BRD zu delegitimieren und die eigene Isolation zu durchbrechen. Ebenso versuchte die BRD personelle Kontinuitäten in der DDR-Justiz und im SED-Zentralkomitee aufzudecken. Obwohl es diese Kontinuitäten zweifelsfrei gab, sind die tatsächlichen Dimensionen bis heute unbekannt und es gelang der BRD nicht, diese effektiv gegen die DDR einzusetzen. Auch der Versuch die Instrumentalisierung der Juden in der DDR zu politischen Zwecken öffentlich anzuprangern blieb weitgehend ungeachtet. Wesentlich effektiver war es aus Sicht der DDR-Führung, die eigene unbewältigten Vergangenheit auszublenden und stattdessen am starren Konfrontationskurs gegen die BRD, im Kontext des Kalten Krieges, festzuhalten.[60] Die SED-Spitze legitimierte ihr System im Wesentlichen durch die Diskreditierung der BRD.

Aber auch der bundesdeutsche Kanzler Konrad Adenauer lenkte von der antisemitischen Welle im März 1960 ab, indem er den amerikanischen Präsidenten Dwight D. Eisenhower über die drohenden Gefahren des Kommunismus unterrichtete, anstatt eine Erklärung zu den Vorfällen in der BRD abzugeben. Während die unbewältigte Vergangenheit zum Dauerthema in den Medien geworden war, hielt man von staatlicher Seite lieber an der antikommunistischen Immunisierung fest, als NS-Belastete aus den eigenen Reihen zu entlassen. Insbesondere bei jungen Intellektuellen wurde deshalb der Vorwurf der doppelten Moral laut.[61]

Diese antikommunistische Immunisierung schlug sich auch im Geschichtsunterricht nieder. Am 5. Juli 1962 verabschiedete die Kultusministerkonferenz die Richtlinien für die Behandlung des Totalitarismus im Unterricht. Mit diesem Erlass wurde der Lösungsansatz der Politik auch auf schulischer Ebene durchgesetzt: Offizielle Aufklärungsarbeit bezüglich des Nationalsozialismus, bei gleichzeitigem Parallelisieren mit dem Stalinismus. Die DDR galt als Erbe des NS-Regimes, ein Nationalsozialismus ohne Nazis.[62]

Im Laufe der sechziger Jahre relativierte sich die antikommunistische Haltung der BRD ein wenig. Die Konstruktion einer eigenen Identität stand nun im Vordergrund und politische Abwehr trat deutlich zurück. In der DDR vollzog sich eine genau entgegengesetzte Entwicklung. Mit dem wirtschaftlichen Erfolg Westdeutschlands nahmen die Abgrenzungsbemühungen der SED-Spitze immer weiter zu. Die DDR sollte zwar das bessere und vor allem politisch unbelastete Deutschland verkörpern, die selbstkritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus wurde jedoch auf einen sehr rudimentären Standard eingefroren.[63]

Neben den personellen Kontinuitäten in Politik und Justiz geriet auch die bundesdeutsche Großindustrie immer stärker in die Kritik. Die Nachfolger jener Konzernleiter die von der NS-Diktatur profitierten, allen voran die IG-Farben, galten als Symbol massenhafter Vergangenheitsverdrängung. Die Kontinuität in Industrie und Wirtschaft wurde zum Kernelement der intellektuellen Opposition, in der sich manche Affinitäten zur DDR-Konzeption der „monopolkapitalistischen Diktatur“ ergaben.[64]

Die Debatte über die unbewältigte Vergangenheit bekam zusätzlichen Zündstoff, als die 1964 gegründete NPD große Erfolge in den Landtagswahlen zwischen 1966 und 1968 feierte. Ihr Gesamtwählerpotential wurde etwa auf 15% geschätzt. Der Durchschnittswähler war männlich, selbständig oder in der Landwirtschaft tätig, über 50 und evangelisch. Auf den geringsten Anklang traf die NPD hingegen bei der städtischen Bevölkerung unter 21. Demnach ließen sich besonders diejenigen von den Zielen der NPD überzeugen, die selbst von der Vorstellungswelt des NS-Regimes geprägt worden waren. Detlef Siegfried sieht vor allem die Dauerthematisierung der NS-Vergangenheit als Grund für den Zulauf der NPD an. Die Leute seien es satt gewesen nicht aus dem Schatten der Vergangenheit heraustreten zu dürfen.[65] Interessant ist, dass auch 40% der Studenten bei einer Umfrage 1966, noch „etwas Gutes am Nationalsozialismus“ finden konnten und 51 Prozent sagten, dass nicht mehr von den Kriegsverbrechen geredet werden sollte. Erst mit dem Höhepunkt der Studentenbewegung 1968 veränderte sich diese Schlussstrichmentalität.[66]

Etwas zeitlich verschoben, Mitte der sechziger Jahre, nahm auch in der DDR die Auseinandersetzung mit den antisemitischen Aspekten des Nationalsozialismus zu, jedoch stets mit Blick auf die westdeutschen Verfehlungen und kaum auf die eigene Gesellschaft.[67] Trotz dieser einseitigen Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit, blieb der Antifaschismus das zentrale Bindungsglied zwischen SED-Spitze und den DDR-Bürgern, stellte es sie doch auf die Seite der Gerechten.

BRD und DDR grenzten sich in den fünfziger Jahren gleichermaßen vom Nationalsozialismus normativ ab und integrierten die früheren Anhänger in ihre Gesellschaften. In den sechziger Jahren führte die kritische Reflexion dieser Handhabungen zu einer Auseinanderentwicklung beider Staaten. Während die DDR die NS-Vergangenheit externalisierte und sie für ihre Westkampagnen nutze, fand in der BRD eine Internalisierung des Diskurses statt. Hier wurde der innere Umgang mit den NS-Verquickungen stärker thematisiert. Siegfried führt diese entgegengesetzten Entwicklungen allerdings nicht darauf zurück, dass es in der BRD mehr Nationalsozialisten in Führungsfunktionen gegeben hätten, sondern weil die Rolle der Öffentlichkeit in der BRD eine viel größere Bedeutung hatte als in der DDR. Dieser „Katalysator der kritischen Selbstfindung“ sei in der DDR ausgeblieben, da hier eine pluralistische Öffentlichkeit fehlte.[68]

Beide Teilstaaten nutzten den Nationalsozialismus als negatives Gegenkonzept, der das eigene System legitimierte und das jeweils andere diskreditierte, ob als Kontinuitäts- oder als Totalitarismustheorie. Für beide Staaten war die Geschichte, insbesondere die NS-Vergangenheit eine kostengünstige Ressource im Systemkonflikt mit hohem symbolischem Kapital. Während die Geschichte in der Bundesrepublik lediglich ein zusätzlicher Legitimitätsbonus zu den demokratischen Legitimationsinstanzen war, so kam ihr in der DDR die Funktion eines grundlegenden Herrschaftssicherungsinstruments zu.[69] Die Aufarbeitung des Nationalsozialismus in beiden Teilen Deutschlands war tief mit dem Ost-West Konflikt verwurzelt und fand vor allem in den beiden Bildungssystemen seinen Niederschlag. Denn beide Staaten wollten ihre Abgrenzung, sowohl vom NS-Regime, als auch vom jeweils anderen, in die nächste Generation implizieren.

[...]


[1] Obwohl die DDR die eigene Vergangenheitsbewältigung früh für beendet erklärte, unterhielt sie einen aufwändigen Kampagnenapparat, der die fehlgeschlagene Aufarbeitung in der BRD immer wieder öffentlich kritisierte.

[2] Kursiv hinterlegte Begriffe sind Eigenwörter bzw. Hervorhebungen.

Begriffe, Aussagen oder Titulierungen die in Anführungszeichen stehen, sind aus der jeweiligen Fachliteratur bzw. aus einem der beiden Lehrwerk entnommene Äußerungen.

[3] Hierbei handelt es sich um die personelle Kontinuität von Führungspersonen in Politik, Wirtschaft und Justiz.

[4] Um die ständige Wiederholung zu vermeiden, werden im folgenden die Bezeichnungen Geschichtsbuch, Schulbuch, Lehrwerk und BRD/DDR-Buch als Synonyme für die Begriffe Geschichtsschulbuch bzw. Schulgeschichtsbuch verwendet

[5] Zur Auswahl der Methodik der Schulbuchanalyse vgl., Meyers, Peter: Methoden zur Analyse historisch-politischer Schulbücher, in Schallenberger, E. Horst (Hg.): Studien zur Methodenproblematik wissenschaftlicher Schulbucharbeit, Kastellaun 1976, S. 47-73.

[6] Vgl., Ebd., S. 49.

[7] Unter anderem wurden folgende Lehrwerke voruntersucht: Herzfeld, Hans (Leiter Autorenkollektiv): Weltstaatensystem und Massendemokratie, Stuttgart 1967. (=Grundriss der Geschichte. Kletts Geschichtliches Unterrichtswerk für die Oberstufe der Höheren Schulen, Ausgabe A, Band 4), Altrichter, Helmut und Hermann Glaser: Vom Zeitalter des Imperialismus bis zur Gegenwart, Bamberg 1968. (= Geschichtliches Werden, Oberstufe, Bd. 4), Immisch, Joachim (Leiter Autorenkollektiv): Europa und die Welt. Das 20. Jahrhundert, Paderborn (u.a.) 1966. (= Zeiten und Menschen. Geschichtliches Unterrichtswerk Bd. 4), Hilgenberg, Heribert, Hugo Staudinger und Elmar Wagner: Von Napoleon III. bis zur Gegenwart, München 1969. (= Unsere Geschichte-Unsere Welt, Bd. 3), Herzfeld, Hans (Leiter Autorenkollektiv): Von 1850 bis zur Gegenwart, Stuttgart 1970. (= Grundriss der Geschichte. Kletts Geschichtliches Unterrichtswerk für die Oberstufe der Höheren Schulen, Ausgabe B, Bd. 3), Busch, Ernst und Andreas Hillgruber: Vom Beginn der Französischen Revolution 1789 bis zur Gegenwart. Zweiter Halbband. Von 1914 bis zur Gegenwart, Frankfurt am Main (u.a.) 1965. (= Grundzüge der Geschichte Bd. 6)

[8] Vor allem die von Ernst Uhe.

[9] Vgl., Bergmann, Werner, Rainer Erb und Albert Lichtblau: Einleitung. Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit im Vergleich. Österreich, die DDR und die Bundesrepublik Deutschland, in: Bergmann, Werner, Rainer Erb und Albert Lichtblau (Hg.): Schwieriges Erbe. Der Umgang mit Nationalsozialismus und Antisemitismus in Österreich, der DDR und der Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt am Main/New York 1995, S. 11.

[10] Vgl., Siegfried, Detlef: Zwischen Aufarbeitung und Schlussstrich. Der Umgang mit der NS-Vergangenheit in den beiden deutschen Staaten 1958 bis 1969, in: Schildt, Axel, Detlef Siegfried und Karl Christian Lammers (Hg.): Dynamische Zeiten. Die 60er Jahre in den beiden deutschen Gesellschaften, Hamburg 2000, S.77.

[11] Vgl., Ebd., S. 78.

[12] Unter der „Bewältigung der frühen Bewältigung“ versteht Frei die Wiedergutmachung der, in der ersten Phasen radikal durchgeführten, Entnazifizierung. Personengruppen die „nur“ Mittäter waren sollten fortan lieber integriert als ausgeschlossen werden, um das neue Staatssystem zu stärken.

[13] Vgl., Frei, Norbert: NS-Vergangenheit unter Ulbricht und Adenauer. Gesichtspunkte einer „vergleichenden Bewältigungsforschung“, in: Danyel, Jürgen (Hg.): Die geteilte Vergangenheit. Zum Umgang mit Nationalsozialismus und Widerstand in beiden deutschen Staaten, Berlin 1995, S. 126ff. (= Zeithistorische Studien, Bd. 4)

[14] Vgl., Blänsdorf, Agnes: Die Einordnung der NS-Zeit in das Bild der eigenen Geschichte. Österreich, die DDR und die Bundesrepublik Deutschland im Vergleich, in: Bergmann, Werner, Rainer Erb und Albert Lichtblau (Hg.): Schwieriges Erbe. Der Umgang mit Nationalsozialismus und Antisemitismus in Österreich, der DDR und der Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt am Main/New York 1995, S. 28.

[15] Vgl., Danyel, Jürgen: Die Opfer und Verfolgtenperspektive als Gründungskonsens? Zum Umgang mit der Widerstandstradition und der Schuldfrage in der DDR, in: Danyel, Jürgen (Hg.): Die geteilte Vergangenheit. Zum Umgang mit Nationalsozialismus und Widerstand in beiden deutschen Staaten, Berlin 1995, S. 31f. (=Zeithistorische Studien Bd. 4)

[16] Vgl., Ebd., 33.

[17] Vgl., Blänsdorf, Die Einordnung der NS-Zeit in das Bild der eigenen Geschichte, a.a.O., S. 29.

[18] Vgl., Ebd., S. 30ff.

[19] Vgl., Danyel, Die Opfer und Verfolgtenperspektive als Gründungskonsens?, a.a.O., S. 41.

[20] Vgl., Ebd., S. 37f.

[21] Vgl., Ebd., S. 42f.

[22] Vgl., Blänsdorf, Die Einordnung der NS-Zeit in das Bild der eigenen Geschichte, a.a.O., S. 32.

[23] Vgl., Ebd., 33f.

[24] Vgl., Ebd., 35.

[25] Vgl., Ebd., 20.

[26] Vgl., Ebd., 18.

[27] Vgl., Bergmann, Werner, Rainer Erb und Albert Lichtblau: Einleitung. Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit im Vergleich. Österreich, die DDR und die Bundesrepublik Deutschland, in: Bergmann, Werner, Rainer Erb und Albert Lichtblau (Hg.): Schwieriges Erbe. Der Umgang mit dem Nationalsozialismus und Antisemitismus in Österreich, der DDR und der Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt am Main 1995, S. 15.

[28] Vgl., Blänsdorf, Die Einordnung der NS-Zeit in das Bild der eigenen Geschichte, a.a.O., S. 27.

[29] Vgl.: Bergmann, Erb und Lichtblau, Einleitung. Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit im Vergleich, a.a.O., S. 15f.

[30] Vgl., Ebd., S. 16.

[31] Vgl., Timm, Angelika: Der politische und propagandistische Umgang mit der „Reichskristallnacht“ in der DDR, in: Danyel, Jürgen (Hg.): Die geteilte Vergangenheit. Zum Umgang mit Nationalsozialismus und Widerstand in beiden deutschen Staaten, Berlin 1995, S. 214f.

[32] Vgl., Bergmann, Erb und Lichtblau, Einleitung. Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit im Vergleich, a.a.O., S 14.

[33] Vgl., Danyel, Die Opfer und Verfolgtenperspektive als Gründungskonsens?, a.a.O., S. 34.

[34] Vgl., Gutte, Rolf und Freerk Huisken (Hg.): Alles bewältigt, nichts begriffen! Nationalsozialismus im Unterricht. Eine Kritik der antifaschistischen Erziehung, Berlin 1997, S. 33f.

[35] Vgl., Zimmermann, Moshe: Die Erinnerung an den Nationalsozialismus und Widerstand im Spannungsfeld deutscher Zweistaatlichkeit, in: Danyel, Jürgen (Hg.): Die geteilte Vergangenheit. Zum Umgang mit Nationalsozialismus und Widerstand in beiden deutschen Staaten, Berlin 1995, S. 134. (= Zeithistorische Studien, Bd. 4)

[36] Vgl., Ebd., S. 135.

[37] Vgl., Frei, NS-Vergangenheit unter Ulbricht und Adenauer, a.a.O., S. 130.

[38] Vgl., Lemke, Michael: Instrumentalisierter Antifaschismus und SED-Kampagnenpolitik im deutschen Sonderkonflikt 1960-1968, in: Danyel, Jürgen (Hg.): Die geteilte Vergangenheit. Zum Umgang mit Nationalsozialismus und Widerstand in beiden deutschen Staaten, Berlin 1995, S. 61f. (= Zeithistorische Studien, Bd. 4)

[39] Vgl., Ebd., S. 65.

[40] Vgl., Deutsches pädagogisches Zentralinstitut (Hg.): Westdeutsche Schule-im Gleichschritt, marsch. Dokumente und Berichte, Berlin 1960, S. 10f.

[41] Vgl., Ebd., S. 35.

[42] Vgl., Ebd., S. 36f.

[43] Vgl., Ebd., S. 38f.

[44] Vgl., Ebd., S. 40f.

[45] Vgl., Ebd., S. 42f.

[46] Vgl., Ebd., S. 43.

[47] Vgl., Ebd., S. 100ff.

[48] Vgl., Gutte und Huisken, Alles bewältigt, nichts begriffen! Nationalsozialismus im Unterricht, a.a.O., S. 31.

[49] Vgl., Siegfried, Zwischen Aufarbeitung und Schlussstrich, a.a.O., S. 78.

[50] Vgl., Ebd., S. 78ff.

[51] Vgl., Ebd., S. 81ff.

[52] Vgl., Benz, Wolfgang: Zum Umgang mit nationalsozialistischer Vergangenheit in der Bundesrepublik, in: Danyel, Jürgen (Hg.): Die geteilte Vergangenheit. Zum Umgang mit Nationalsozialismus und Widerstand in beiden deutschen Staaten, Berlin 1995, S. 52f. (=Zeithistorischen Studien, Bd. 4)

[53] Vgl., Ebd., S. 50.

[54] Vgl., Herf, Jeffrey: Zweierlei Erinnerung. Die NS-Vergangenheit im geteilten Deutschland, Berlin 1998, S. 153.

[55] Vgl., Ebd., S. 154.

[56] Vgl., Ebd., S. 165.

[57] Vgl., Siegfried, Zwischen Aufarbeitung und Schlussstrich, a.a.O., S. 84.

[58] Vgl., Ebd., S. 85f.

[59] Vgl., Ebd., S. 87f.

[60] Vgl., Ebd., S. 88ff.

[61] Vgl., Ebd., S. 91f.

[62] Vgl., Ebd., S. 92.

[63] Vgl., Ebd., S. 93.

[64] Vgl., Ebd., S. 97.

[65] Vgl., Ebd., S. 101f.

[66] Vgl., Ebd., S. 104f.

[67] Vgl., Ebd., S. 106.

[68] Vgl., Ebd., S. 110.

[69] Vgl., Wolfrum, Edgar: Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948-1990, Darmstadt 1999, S. 36.

Details

Seiten
145
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656382263
ISBN (Buch)
9783656382751
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v210290
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
13 Punkte
Schlagworte
darstellung nationalsozialismus geschichtsschulbuch schulbuchanalyse ddr/brd

Autor

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Titel: Die Darstellung des Nationalsozialismus im Geschichtsschulbuch, Schulbuchanalyse: DDR/BRD