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Die Familie zur Zeit des Nationalsozialismus: Eine schwächer werdende Sozialisationsinstanz?

Hausarbeit 2011 21 Seiten

Pädagogik - Familienerziehung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Thematik und Fragestellung
1.2 Methodik und Vorgehensweise

2. Der Sozialisationsprozess
2.1 Sozialisation und Sozialisationsprozess: Begriffserklärung
2.2 Sozialisationsinstanzen zur Zeit des Nationalsozialismus
2.2.1 Familienideologie der Nationalsozialisten
2.2.2 Die Sozialisationsinstanz Familie im Spannungsfeld zwischen Schule, Religion und Hitlerjugend
2.2.3 Weitere Auswirkungen auf Sozialisationsinstanz Familie

3. Die NS-Bevölkerungspolitik als Träger der NS- Ideologie Familien- und bevölkerungspolitische Maßnahmen und deren Auswirkungen

4. Diskussion der Ergebnisse

5. Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

„Die nationalsozialistische Erziehung will das junge Geschlecht fähig machen, das Leben des deutschen Volkes, seinen Staat und seine Kultur und in diesem Rahmen sich selbst als Volksglied zu erhalten und zu steigern, damit das heraufkommende neue Europa in seinem großgermanischem Raum getragen und gesichert ist durch deutsche Menschen […].“ (Benze, 1943, S.5)

1.0 Einleitung

Gesellschaften sind soziale Systeme welche teilweise aus vielen Millionen handelnder Individuen bestehen und in der Regel trotzdem stabile Strukturen aufweisen. Diese stabilen Strukturen bzw. eine gesellschaftliche Ordnungen entstehen, wenn vor dem Hintergrund einer gemeinsamen Kultur ein Komplex von Institutionen und Organisationen dafür sorgt, dass die relative Vielfalt und die Besonderheiten des Einzelnen auf der untersten Ebene zu der notwendigen Einheit und Integration zusammengefügt werden (vgl. Tillmann 2008, S. 88). Dies bedeutet, dass die Mitglieder von Gesellschaften ihr Verhalten an vorgegebenen Erwartungen ausrichten, was ihrem Handeln einen kalkulierbaren Charakter verleiht. „[…] Dabei agieren Menschen jeweils nur mit einem Teil ihrer Bedürfnisse und Fähigkeiten (etwa am Arbeitsplatz), andere werden hingegen ausgeklammert, kommen aber dann in anderen Feldern zum Tragen (z.B. in der Familie)“ (ebd. 2008 S. 91). In entwickelten, arbeitsteiligen Gesellschaften ist der Handelnde somit in verschiedene gesellschaftliche Subsysteme eingebunden und gezwungen, eine ihm abverlangte Rolle/Verhalten einzunehmen. Demnach sind Rollen aus der Sicht des Individuums an normative Erwartungen anderer Gesellschaftmitglieder, bzw. an soziale Erwünschtheiten geknüpft, denen es zu entsprechen gilt (vgl. Parson 1968, S.55). Das Annehmen von gesellschaftlich erwünschten Verhaltensweisen geschieht dabei teilweise unbewusst, denn die Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen, kulturellen und materiellen Umwelt, vollzieht sich bereits bei Heranwachsenden und nahezu in allen Bereichen des täglichen Lebens. Durch diesen Entwicklungsprozess, welcher sich Bildlich gesprochen bereits durch die Einnahme der Muttermilch vollzieht, werden Strukturen und bestehende Systeme als gegeben angenommen, was dazu führt, dass diese als gegebene Ordnung angenommen werden. Als die für diesen Prozess (Sozialisation) wichtigsten Institutionen benennt Parson die Schule, die Familie und die sogenannte Peer-Group (vgl. Tillmann 2008, S. 90).

Die Ausführungen skizzieren, dass Sozialisation zweifelsohne ein wichtiges Element der Sozialstruktur der Menschen darstellt, welche ein Leben in der Gemeinschaft und mit einer Vielzahl von einzelnen Individuen erst ermöglicht. Gleichzeitig unterliegen Sozialisationsprozesse aber auch immer der Kritik manipulativ zu wirken (vgl. Freihalter 1973, S. 126). Es ist zu vermuten, dass Sozialisation als ein nicht weg zu denkendes Element menschlichen Zusammenlebens, beispielsweise durch regimeidealistische oder politische Ziele bewusst gesteuert und missbraucht werden kann.

Beispiele für gesamtgesellschaftliche Manipulationsversuche durch gezieltes politisches eingreifen finden sich in der Menschheitsgeschichte zu Hauf. Eines der herausragensten Beispiele für die versuchte Beeinflussung eines ganzen Volkes liefert die Zeit des Nationalsozialismus. Als im Mai 1945 das nationalsozialistische (NS) Deutschland zusammenbrach, war dies auch der Untergang einer Ideologie, deren Urheber über mehrere Jahre ein ganzes Volk zu indoktrinieren und infizierten versuchten (vgl. Klönne 2008, S. 7).

Die mörderischen Konsequenzen der nationalsozialistischen Politik konzentrierten sich vor allem auf die Kinder und Jugendlichen im Dritten Reich, dessen Anhänger im Verlaufe der Diktatur die Jugend als entscheidendes Potential für die Durchsetzung ihrer Ziele erkannten (vgl. Tenorth 1989, S. 135ff). Keine Menschengruppe wurde so entscheidend von den Wandlungen erfasst, welche die Nazi Diktatur im Leben ihrer Untertanen vornahm, wie die Kinder (vgl. Mann 2007, S. 21). Die Hitler Jugend (HJ) wurde für viele Millionen Mädchen und Jungen zu einer entscheidenden Sozialisationsinstanz neben Schule und Familie; für das NS-Regime war sie hingegen der Garant der Zukunft (vgl. Klönne 2008, S. 7). Nach Ende des Krieges standen nicht wenige vor einem Scherbenhaufen.

1.1 Thematik und Fragestellung

Die vorliegende Arbeit widmet sich thematisch der Darstellung von politischen Manipulationsversuchen der Sozialisationsprozesse im Dritten Reich. Da das aufgeworfene Themenfeld eine enorme Umfänglichkeit aufweist, ist es dem Schreiber im Rahmen dieser Arbeit jedoch nicht möglich alle damit zusammenhängenden Aspekte gebührlich zu würdigen.

Aus diesem Grund soll im Untenstehenden die Sozialisationsinstanz Familie und deren Rolle im Dritten Reich betrachtet werden. Diese stellt eine äußerst machtvolle Sozialisationsinstanz dar, in der beispielsweise ein Großteil der Frühsozialisation von Kindern stattfindet. Als intimer und schwer zu durchdringender Bereich, geriet die Familie bald in den Blickpunkt der Nationalsozialisten. Der Fokus der vorliegenden Arbeit richtet sich somit auf die Versuche des NS-Regimes, diese bedeutende Sozialisationsinstanz in ihrer sozialisatorischen Wirkung zu entkräften. Es wird erörtert werden, welche Auswirkungen die NS-Politik auf die Institution Familie und somit auf die innerfamiliären Sozialisationsprozesse hatte. Wurde die Familie bezüglich ihrer Sozialisationsmacht geschwächt oder gar ganz entkräftet?

1.2 Methodik und Vorgehensweise

Zum Zweck der Beantwortung der aufgeworfenen Fragestellung erfolgt eine überblicksartige Darstellung auf der Basis von Fachliteratur verschiedener Autoren, wobei kein Anspruch auf eine vollständige Darstellung besteht. Zur besseren Durchdringung einzelner Aspekte werden zudem auch einzelne autobiographische Dokumente hinzugezogen.

Zu Beginn der Arbeit ist es zunächst unumgänglich die Begrifflichkeiten Sozialisation und Sozialisationsinstanz definitorisch zu klären. Dabei konzentriert sich der Autor vorerst auf die aktuellen Erkenntnisse der Wissenschaft. Darauf folgend sollen die wichtigsten Sozialisationsinstanzen der NS-Zeit dargestellt werden. Es wird hier vor allem darum gehen, das „Kräfteverhältnis“ zwischen den noch zu benennenden Sozialisationsinstanzen darzustellen und einen Bezug zur Familie im Dritten Reich abzuleiten. Der Schreiber geht dabei von der These aus, dass die Nationalsozialisten gezielte politische Weichen stellten, um die bestehenden Strukturen zwischen den einzelnen Sozialisationsinstanzen hinsichtlich der vertretenen Ideologie zu beeinflussen. Deshalb werden im Anschluss auch die Auswirkungen der Bevölkerungspolitik des NS-Regimes und deren ideologische Intention dargestellt werden, um die damit verbunden Auswirkungen auf die Institution Familie abzuleiten. Auf Basis der bis dahin gewonnen Erkenntnisse, soll die zu Eingang gestellte Frage final diskutiert und erörtert werden.

2.0 Der Sozialisationsprozess

Der Begriff Sozialisation ist trotz seines alltäglichen Gebrauchs durchaus umstrittenen und wird innerhalb der Wissenschaften unterschiedlich ausgelegt. An der begrifflichen Differenzierung waren Wissenschaftsdisziplinen wie beispielsweise die Soziologie, die Erziehungswissenschaft sowie Psychologie beteiligt, was zu der Genese dieser verschiedener Verständnisse beigetragen hat (vgl. Nestvogel 2010, S. 166). Bevor auf die eigentliche Thematik der vorliegenden Arbeit eingegangen werden kann, muss deshalb erörtert werden, was im Folgenden unter dem Begriff des Sozialisationsprozesses verstanden werden soll.

2.1 Sozialisation und Sozialisationsprozess: Begriffserklärung

Der Begriff der „Sozialisation“ wurde im wissenschaftlichen Kontext zum ersten Mal 1896 vom amerikanischen Sozialphilosophen Edward A. Ross verwendet (vgl. Hurrelmann 2006, S. 11). Wie bereits angedeutet entstanden seit dieser Zeit viele und teilweise differente Definitionen des Sozialisationsbegriffs. Für die vorliegende Arbeit soll den Auslegungen von Siegfried Charlier (2001) und Klaus Hurrelmann (2006) gefolgt werden, die an dieser Stelle am treffendsten erscheinen, um sich dem vorliegenden Themenkomplex anzunähern.

Allgemein versteht Charlier unter „Sozialisation“ den lebenslangen Lernprozess des Menschen mit dem Ziel seiner Eingliederung in die Gemeinschaft (vgl. Charlier 2001, S.25).

Hurrelmann versteht unter Sozialisation einen Prozess, in dem sich der Mensch vor dem

Hintergrund seiner biologischen Grundgegebenheiten zu einer handlungsfähigen Persönlichkeit entwickelt. Dieser Prozess erstreckt sich nach Hurrelmann`s Auslegung ebenfalls über die gesamte Lebenszeit und präge je nach vorherrschenden Lebensbedingungen die Persönlichkeit (vgl. Hurrelmann 2006, S 15f.). Demnach passt sich der Mensch, als lernfähiges und umweltabhängiges Geschöpf an die Herausforderungen seiner Lebensverhältnisse an. Zudem kommt dem Sozialisationsprozess auch eine gesellschaftliche Rolle zu, denn er soll der nachwachsenden Generation kulturelle Werte und Normen vermitteln, um den Fortbestand einer Gesellschaft zu sichern (vgl. Charlier 2001, S.25f.). Sozialisation findet demnach immer und automatisch statt. Dies unterscheidet Sozialisation grundlegend von allen Formen der Erziehung, die planvoll gestaltet sind und immer eine Person oder Instanz unterstellen müssen, die die Intention der Erziehung inne hat und zielgerichtet und zweckbestimmt einen anderen Menschen verändern will.

Charlier unterteilt den Sozialisationsprozess in drei entscheidende Bereiche. In den ersten Lebensjahren findet die Sozialisation eines Kindes innerhalb der Familie statt. Die wichtigsten Bezugspersonen sind hier die Eltern und Geschwister. Das Kind erlernt durch die Konversation und Auseinandersetzung mit seinen Geschwistern, sowie durch die elterliche Erziehung erste, für sein Leben wichtige Verhaltensweisen und Normen. Diese Phase, welche als primäre Sozialisation bezeichnet wird, ist für die vorliegende Arbeit von dementsprechend hoher Relevanz.

Die als sekundäre Sozialisation bezeichnete Phase der Sozialisation setzt mit dem Eintritt in die ersten gesellschaftlichen Strukturen, abseits des Elternhauses, ein. Spätestens mit Beginn der Schulpflicht trifft der Heranwachsende auf neue Erziehungs- und Prägungsinstanzen, welche nachhaltigen Einfluss auf dessen Sozialisation nehmen. Ab dem Kindergarten wird das Individuum somit zusätzlich von Lehrern, Freunden, Peer-Group und Medien geprägt. Auch diese Sozialisationsphase ist ein Relevanzträger für die nachfolgenden Sachverhalte.

Die dritte Phase der Sozialisation nach Charlier soll nur der Vollständigkeit halber genannt werden, denn sie bezieht sich auf die Re-Sozialisation von aus der Gesellschaft ausgeschlossenen Gruppen, also zum Beispiel Kriminellen oder Drogensüchtigen (vgl. Charlier 2001, S. 26). Für diese Arbeit wär die tertiäre Sozialisation nur von Bedeutung, wenn im Anschluss an die Ausführungen noch die Entnazifizierung der deutschen Gesellschaft thematisiert werden würde. Dieser Aspekt soll jedoch im Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht weiter verfolgt werden.

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Details

Seiten
21
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656383178
ISBN (Buch)
9783656386483
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v210572
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,7
Schlagworte
familie zeit nationalsozialismus eine sozialisationsinstanz

Autor

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