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Hypertextuelle Strukturmerkmale in Handschriften des Mittelalters

Seminararbeit 2009 13 Seiten

Buchwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Der Siegeszug des Hypertext: Eine Gegenwartsbetrachtung

2 Strukturelemente von Hypertexten in mittelalterlichen Hand- schriften
2.1 Der Begriff des Hypertexts
2.1.1 Nicht-Linearität als Strukturprinzip
2.1.2 Freiheit der Verweis-Auswahl und fehlende hierarchische Darstellbarkeit
2.1.3 Dynamik des Textes
2.1.4 Abgrenzung zum Begriff Hypermedia
2.1.5 Grenzfall: Intertextuelle Verweise
2.1.6 zwingendes Kriterium der Elektronizität?
2.1.7 Fazit: ein konzeptioneller Hypertextbegriff
2.2 Versuch des Nachweises von Strukturelementen von Hypertext in Handschriften des Mittelalters
2.2.1 Marginalien, Glossen und Illuminationen
2.2.2 Indizes und Meta-Texte
2.2.3 Intertextualität und nicht-lineares Lesen
2.2.4 Praxis des Gebrauchs und Veränderlichkeit

3 Fazit

4 Bibliographie

1 Der Siegeszug des Hypertext: Eine Gegenwarts- betrachtung

Derrick de Kerckhove spricht in seinem Essay „Text, Kontext, Hypertext„1 da- von, dass es drei Bewußtseinsstadien mit jeweils assoziierten Typen des Sprach- gebrauchs gebe: eines der mündlichen, eines der schriftlichen und eines des elektronischen Sprache. Die Schrift erfüllt gewisse Funktionen für die Kollekti- ve, die sich ihrer bedienen: Sie entlastet ihre Erinnerung und macht allgemein mehr Wissen in weniger Zeit verfügbar. Dadurch verändert sich auch das Be- wußtsein. Der Essay beruht im Wesentlichen auf der Annahme, dass auch die elektronische Revolution der (Schrift-)Sprache durch die Entwicklung moder- ner Computer und die Vernetzung über das Internet eine ähnliche Auswirkung haben wird.

Hier stellt sich die Frage, was genau diese Auswirkungen verursacht: Ist es tatsächlich die Elektronifizierung, oder ist es die neue strukturelle Anordnung von Textteilen, die sich aus der Verwendung von Informationskanälen wie dem World Wide Web ergibt? Sollte man künftig zu dem Schluss kommen, dass die unterstellte Änderung der Denkgewohnheiten darauf zurückzuführen ist, dass im Web der Hypertext2 dominiert, könnte man auf die Idee kommen, dass dessen Konzept gar nicht so neu ist wie der Aspekt der Elektronifizierung bzw. Digitalisierung. So lesen wir in der Wikipedia3:

Hypertextuelle Strukturen sind seit Jahrhunderten bekannt; die im Aufschreibesystem der Neuzeit ausdifferenzierten Erschließungshil- fen für lineare Texte wie Inhaltsverzeichnisse, Indizes, Querverweise und Fußnoten sowie jegliche Verweissysteme entsprechen funktio- nal einem Hypertext.4

Grundlegende These dieser Arbeit ist, dass wir darüber hinaus noch weitaus mehr Hypertexte in präelektronischer Zeit finden können. Das Ziel wird im Folgenden sein, zu überprüfen, ob insbesondere Handschriften des Mittelalters - als zentrale Form der Wissensverwaltung dieser Zeit - Strukturmerkmale von Hypertexten aufweisen.

2 Strukturelemente von Hypertexten in mittel- alterlichen Handschriften

Hierzu soll zunächst ein Hypertext-Begriff nachgewiesen und diskutiert werden. Es wird dabei auf medientheoretische Fundierung Wert gelegt, ebenso wie auf Kompatibilität zur gestellten Themafrage. Danach wird versucht, die erarbeiteten Elemente von Hypertexten in Bezug zu setzen zu Elementen, wie sie in mittelalterlichen Handschriften zu finden sind.

Zur Erarbeitung des Hypertextbegriffs wird vor allem medientheoretische Literatur herangezogen. Zur Diskussion der Frage, ob diese Elemente in mittelalterlichen Handschriften einen dem heutigen Hypertext analogen Gebrauchswert hatten, wird vor allem auf den Text Medieval Manuscripts, Hypertext and Reading. Visions of Digital Editions von Jonas Carlquist5 Bezug genommen. Zum weiteren Beleg dient u.a. Tatiana Nikolova-Houstons auf Byzanz bezogener Text Medieval manuscripts as hypertext6.

2.1 Der Begriff des Hypertexts

Wie erwähnt, soll zunächst der Hypertextbegriff definiert werden. Mögliche Probleme ergeben sich aus der elektronischen Sphäre, in der wir uns auf dem gegenwärtigen Entwicklungsstand bewegen, denn hier verschwimmen die Begriffe von Hypertext, Hypermedia, vernetzte Information etc. Es sollen daher zunächst genuine Eigenschaften des Hypertexts herausgearbeitet und abschließend eine Einschätzung vorgenommen werden, ob Elektronizität ein zwingendes Kriterium eines Hypertexts ist.

2.1.1 Nicht-Linearität als Strukturprinzip

Am Anfang der Begriffsgeschichte des Hypertexts steht Ted Nelsons Definition als „non sequential writing“7. Verknüpfungen („text chunks“) ermöglichen dem Leser, verschiedene Pfade („pathways“) der Lektüre zu wählen - und nicht mehr nur einen, linearen Weg durch den Text8. Im WWW (World Wide Web) ist dieses Strukturelement der Verknüpfungen durch Hyperlinks realisiert. Über die potentielle Realisierung in nicht-elektronischen Texten wird noch zu spre- chen sein. Zentral ist: Ein Hypertext folgt keinem linearen Rezeptionsplan sondern stellt ein „Medium der nicht-linearen Organisation von Informations- einheiten“9 dar, wie Roesler und Stiegler - allerdings bezogen auf computer- gestützten Hypertext - schreiben.

2.1.2 Freiheit der Verweis-Auswahl und fehlende hierarchische Dar- stellbarkeit

Durch die Organisation als „Sammlung miteinander verbundener Elemente“10 ergibt sich in der Rezeptionsituation des Lesers ein neuer Freiheitsgrad gegenüber linearen Texten.

[D]as durch Verknüpfungen entstandene Netz [läßt] dem Leser bei der Rezeption ein gewisses Maß an Wahlmöglichkeiten. Mit Wingert kann man feststellen, in Hypertexten werde „die lesergesteuerte Selektion zum Programm erhoben“ [...].11

Der Leser erhält somit die Möglichkeit, die Reihenfolge und die Auswahl des Gelesenen selbst festzulegen, trägt also teilweise auch selbst zu dem bei, was sich bei ihm als mentale Repräsentation „des Textes“ festsetzt. Im Diskurs be- stehen Differenzen bezüglich der Frage, ob der Leser somit zum Co-Autor wird oder ob er lediglich eine aktive Rolle in der Wissensorganisation einnimmt12.

Roesler und Stiegler verweisen auch darauf, dass derartige aktive Rollen bereits in gedruckten Texten vorkommen: Einerseits bei ‘offenen Texten’, andererseits bei den schon erwähnten Nachschlagewerken. Unter offenen Texten werden hier solche verstanden, bei denen die aktive Denkleistung des Lesers erst die verschiedenen Textfragmente verbindet13.

Eine weitere strukturelle Besonderheit ist, dass es „eine durch Links determinierte Struktur des Hypertextes [gibt], die kein Zentrum und keine festen Grenzen mehr kennt“14. Man könnte auch sagen: Hypertexte lassen sich nicht verlustfrei hierarchisch darstellen, es gibt keinen fixen Anfangs- oder Endpunkt und keine feste Hierarchie der Teile.

2.1.3 Dynamik des Textes

Eine Spezifik elektronischer Hypertexte stellt das Kriterium der Veränderbarkeit dar15. Einerseits sind Hypertexte im üblichen Gebrauch selten als fertig anzusehen, weil Autoren sie stets weiterwentwickeln. Ein bekanntes Beispiel ist die dynamische, freie Enzyklopädie Wikipedia16. Die Entwicklung zum sog. „Web 2.0“ hat hier nun aber auch neue Dimensionen der Veränderbarkeit veröffentlichter Texte (i.w.S.) durch den Rezipienten eröffnet:

Der Begriff „Web 2.0“ bezieht sich weniger auf spezifische Tech- nologien oder Innovationen, sondern primär auf eine veränderte Nutzung und Wahrnehmung des Internets. Die Benutzer erstellen, Diese Interaktivität ist allerdings eher Bestandteil der Web 2.0-Kultur als des Hypertexts an sich. Inwieweit mittelalterliche Texte der Veränderlichkeit durch den Leser unterworfen sind, wird in 2.2.4 zu besprechen sein.

2.1.4 Abgrenzung zum Begriff Hypermedia

Vom Hypertext in seiner strengen Form abzugrenzen ist der Begriff Hypermedia. Simanowski versteht18 darunter einen „Hypertext, der verschiedenen Medien beinhaltet“ und präzisiert: „Text, Bild, Ton, Film. [...] Hypertext und Hypermedia werden heute mitunter synonym verwendet.“

Hypermedia wird also als Sonderfall des Hypertexts betrachtet. Ob wir in mittelalterlichen Handschriften hypermediale Elemente ausmachen können, wird in 2.2.1 besprochen.

2.1.5 Grenzfall: Intertextuelle Verweise

Intertextuelle Verweise findet man - direkt oder indirekt - sicherlich in fast allen Bereichen der Literatur. Nicht zuletzt diese Arbeit verweist permanent zur Absicherung auf andere Arbeiten. Verweise auf andere Texte alleine kön- nen noch kein Merkmal eines Hypertextes sein - ansonsten würde der Begriff überstrapaziert, da es sich bei fast jedem Text um einen Hypertext handeln würde. Diese Tatsache erschwert im Umgang mit Texten die Kategorisierung, wenn wir uns dazu entschließen, die Elektronizität des Hypertextes nicht als Kriterium gelten zu lassen (vgl. 2.1.6). Ich schlage daher vor, intertextuel- le Verweise dann als Kriterium der Hypertextualität zu betrachten, wenn sie strukturgebend und notwendig sind und wenn der physische Zugriff auf Texte, auf die verwiesen wird, gegeben ist.

2.1.6 zwingendes Kriterium der Elektronizität?

Wie gezeigt wurde, bezieht sich die aktuelle Diskussion um Hypertexte stets auf elektronische Vertreter. Roesler und Stiegler schreiben:

Obwohl Hypertextualität insbesondere im Internet zum Strukturprinzip erhoben wird, sind hypertextuelle Organisationsformen prinzipiell auch in nicht-elektronischen Medien möglich.19

[...]


1 Vgl. de Kerckhove[2], S. 212.

2 Vgl. 2.1.

3 Die Zweifel an der Eignung der Wikipedia als Quelle sind bekannt. Trotzdem wird an dieser Stelle auf sie Bezug genommen, da man die in ihr verfassten Artikel durchaus als Primärquelle der Netzkultur verstehen kann. Dem Problem der Dynamisierung des Textes wurde durch Verwendung der Zitateverwaltung savedcite.com entgegengewirkt. Dies war insbesondere im Falle der Website von Nikolova-Houston[4]nicht sinnvoll, da die Zitateverwaltung zu wenige Zeichen erlaubt.

4 S. Wikipedia7.

5 Vgl.[1]. Im Folgenden zitiert als „Carlquist“.

6 Vgl.[4]und[4]. Im Folgenden zitiert als „Nikolova-Houston“.

7 Vgl.[5], S. 86.

8 Ebd.

9 Ebd. Hervorhebung im Original.

10 Ebd.

11 Ebd.

12 Vgl. ebd., S. 87. [13]Vgl. ebd.

14 Ebd.

15 Vgl. hierzu ebd., S. 89-91.

16 Vgl. http://www.wikipedia.org/. bearbeiten und verteilen Inhalte in quantitativ und qualitativ entscheidendem Maße selbst, unterstützt von Wikis, Blogs und Mikroblogs, Foto- und Videoportalen.[17]

17 Vgl.[8]

18 S.[6], S. 131.

19 Vgl.[5], S. 86.

Details

Seiten
13
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656388913
ISBN (Buch)
9783656389743
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v210596
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Buchwissenschaft
Note
Schlagworte
hypertext handschrift inkunabel mittelalter medientheorie medienvergleich

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