Lade Inhalt...

Kulturelle Identität der Frauen in Ost- und Westdeutschland

„Ossi, Wessi, Wossi…“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 22 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Einordnung und Definition des Begriffs Kulturelle Identität

3. Zwei Lebensstile zwischen Ost und West – Eine Frauenperspektive

4. Interview mit zwei Zeitzeugen
4.1. Warum ein narratives Interview?
4.2. Vorbereitung der Interviews
4.3. Durchführung des Interviews mit einer Ostdeutschen
4.4. Durchführung des Interviews mit einer Westdeutschen

5. Vergleich der beiden Interviews – Bilanzierungsphase

6. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den kulturellen Unterschieden zwischen Ost- und Westdeutschland in Bezug auf die kulturelle Identität. Da die zwei Teile Deutschlands fast ein halbes Jahrhundert getrennt waren, gibt es ein sehr breites Feld, welches in sehr vielen Bereichen untersucht werden kann. Aus diesem Grund wird sich diese Arbeit nur auf eine Zielgruppe konzentrieren. Es werden verschiedene Perspektiven von Frauen aus Ost- und Westdeutschland dargestellt und anhand ihrer alltäglichen Lebensstile, die Unterschiede herausgestellt.

Ziel dieser Arbeit ist es, sich mit den Identitätsveränderungen der deutschen auseinanderzusetzen und den kulturellen Wandel vor der Wiedervereinigung zu untersuchen. Dabei sollen auch die „Vergleichsprozesse und die Wahrnehmung der deutsch-deutschen Situation analysiert“ (Haeger, 1998: 294) werden.

Im Laufe dieser Arbeit sollen verschiedene Problematiken, die durch die Trennung Deutschlands entstanden sind, aus der Perspektive von Frauen betrachtet werden. Zunächst soll der veränderte Alltag und die dadurch neu entstandenen Probleme im Leben der Frauen dargestellt werden. Dadurch, dass die beiden Teile Deutschlands von unterschiedlichen Mächten beeinflusst wurden, haben sich dementsprechend auch die Wertorientierungen der Menschen geändert und kulturell angepasst.

Die Arbeit stützt sich dabei auf zahlreiche Quellen und Studien, die sich mit dem Thema der Trennung von Deutschland beschäftigt haben. Zusätzlich werden verschiedene Interviews, die mit ost- und westdeutschen geführt wurden, angeschaut.

Um Informationen aus erster Hand zu erfahren, wird eine Feldforschung mit zwei Zeitzeugen aus Ost- und Westdeutschland durchgeführt. Es handelt sich dabei um eine volkskundliche Methode, um Daten zu erfassen und auszuwerten. Hierzu wird ein narratives Interview verwendet, das von Fritz Schütze in die Sozialforschung eingeführt wurde (Glinka, 2009).

Dieses Thema wurde ausgewählt, da es kulturwissenschaftlich und volkskundlich relevant ist und es sehr interessante Einblicke in die alltäglichen Probleme und Klischees zwischen Ost- und Westdeutschland hervorbringt. Dabei bietet es die Möglichkeit, sich näher mit einer volkskundlichen Methode auseinanderzusetzen, indem ein narratives Interview mit zwei Zeitzeugen aus den beiden Teilen von Deutschland durchgeführt wird.

„Man muss eine eigene Identität aufbauen, man muss sie verteidigen gegen unsachliche Angriffe...“

(Haeger 1998: 112)

2. Einordnung und Definition des Begriffs Kulturelle Identität

Um zu verstehen, was sich bei der kulturellen Identität der Menschen in diesem Zeitraum verändert hat, muss der Begriff „Kulturelle Identität“ im Vorfeld erklärt und definiert werden. Somit werden die Grundvorrausetzungen zum Verstehen dieser Arbeit geschaffen.

Die politisch unterschiedliche Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland (BRD) und der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) führten über die Jahre auch zu teilweise völlig unterschiedlichen kulturellen Identitäten. Kulturelle Identität ist ein Zugehörigkeitsgefühl eines Einzelnen zu einer bestimmten Gruppe, Gesellschaft, Nation, Sprache, o.ä. Die Entwicklung erfolgt über mehrere Generationen, ist meist in einem bestimmten territorialen Raum und der Prozess unterliegt einer ständigen Veränderung. Kurz umschrieben könnte man es als das Weltbild jedes Einzelnen in Bezug auf Gewohnheiten, Fähigkeiten und Werte beschreiben. (Makarova, 2008: 52)

Die unterschiedlichen Systeme und politischen Führungsstile der beiden Teile Deutschlands führten unweigerlich über einen langen Zeitraum zu verschiedenen Entwicklungen der kulturellen Identität. Die Identität der Bevölkerung in der DDR war geprägt durch Sozialismus, somit auch einer sozialistischen Politik und Planwirtschaft. Das Land wurde also extrem von der damaligen Sowjetunion beeinflusst. In der BRD war die kulturelle Identität der Bevölkerung geprägt durch die Demokratie, des deutschen Grundgesetzes und der Marktwirtschaft. Die Einflüsse der westlichen Länder, besonders der USA, waren eindeutig erkennbar.

Wie im oberen, aus einem Interview entnommenen Zitat, zeigt sich, dass es sehr wichtig ist, die eigene Identität nicht nur aufzubauen, sondern sie auch zu verteidigen. Zudem ist es wichtig, andere Identitäten anzuerkennen und zu respektieren. Die Unterscheidung zwischen dem Eigenen und dem Fremden sollte aber stets beachtet werden.

Durch diese klare Trennung von Deutschland, entstehen neue Begriffe die vor der Teilung nicht im Wortschatz vorhanden waren. Begriffe wie „Ossi“ und „Wessi“ sind inzwischen jedem bekannt und bezeichnen auf eine etwas ketzerische Art die Ost- und Westbürger. Sogar beide Begriffe in einem sind möglich, „wer aus dem Westen kommt und länger als drei Jahre hier ist, ist ein Wossi“. (Haeger, 1998: 103)

„Worin besteht der Unterschied zwischen einer Ostfrau und einer Westfrau, wenn sie abends nach Hause kommen? Die Frau aus dem Osten hat links an der Hand ein Kind, rechts eine Einkaufstasche, hinter sich einen harten Arbeitstag und vor sich den Haushalt. Die Westfrau hat links ein Hündchen, rechts das Handtäschchen, hinter sich einen schönen Tag mit Einkaufsbummel und Cafébesuch und nun eine aufregende Nacht vor sich.“

(Eifler 1999: S. 144)

3. Zwei Lebensstile zwischen Ost und West – Eine Frauenperspektive

Bevor die unterschiedlichen Lebensstile zwischen Ost- und Westdeutschland dargestellt werden, müssen die geschichtlichen Hintergründe erklärt werden, warum in der Arbeit über zwei verschiedene Lebensstile diskutiert wird, obwohl es sich um ein Land handelt. Eine der Konsequenzen nach dem zweiten Weltkrieg war es, dass Deutschland zwischen den Siegermächten aufgeteilt wurde. Die westlichen Bundesländer wurden von den USA geprägt, während die damalige Sowjetunion seine Wirkung auf die östlichen Länder ausgeübt hat. Dadurch hat sich die Wertorientierung und Lebenseinstellung von ganz Deutschland rasant verändert.

Dies hat sich auch sehr auf die Frauen und ihre Rolle als Mutter ausgewirkt. In der Sowjetunion wurde ein sehr großer Wert auf die Familiengründung gelegt, jedoch auch auf die gleichzeitige Erwerbstätigkeit der Frauen bzw. Mütter. Dies hat sich dann auch auf die östlichen Bundesländer übertragen und so wurde „die lebenslange Erwerbstätigkeit in der DDR für den übergroßen Teil von Frauen eine selbstverständliche Grundannahme ihrer Lebensvorstellungen“ (Eifler 1998: 147). Vor allem eine Anstellung in der Industrie wurde sehr hoch angesehen, „weil sie den Erwerb solcher positiver Eigenschaften wie Disziplin, Unterordnung und Organisationsfähigkeit befördern sollte“ (Eifler 1998: 147). Im Osten sollten die Menschen also durch Arbeit erzogen werden und somit etwas Positives für die ganze Gesellschaft leisten. Eine Frau, die sich nur um ihre Familie kümmerte und die Hausarbeit erledigte – so wie es im Westen zu dieser Zeit üblich war – wurde als Rückständig angesehen und bekam nicht die gleiche Anerkennung wie berufsstätige Frauen. Dies ist auch anhand von statistischen Daten nachvollziehbar. So waren in der ehemaligen DDR in den 60er Jahren ca. 70-80% der Frauen voll erwerbstätig, wo hingegen nur ca. 30% der Frauen im Westen eine feste Anstellung in einem Unternehmen hatten (Eifler 1998: 147). Die Regierung der DDR bezeichnete sich selbst als sehr Kinder- und Familienfreundlich und führte einige sozialpolitische Maßnahmen ein, die das Leben für Mutter erleichterten. So gab es verschiedene Vergünstigungen, Sonderurlaube und eine Arbeitsplatzgarantie für Schwangere und junge Mütter. Sogar eine Freistellung beim Arbeitgeber war politisch unterstützt, wenn Kinder krank wurden (Eifler 1998: 148). Dies Unterstreicht auch das 1966 verabschiedete Familiengesetztbuch in Paragraph §10:

„Beide Ehegatten tragen ihren Anteil bei der Erziehung und Pflege der Kinder und der Führung des Haushalts. Die Beziehungen der Ehegatten zueinander sind so zu gestalten, dass die Frau ihre berufliche und gesellschaftliche Tätigkeit mit der Mutterschaft vereinbaren kann.“ (Familiengesetzbuch der Deutschen Demokratischen Republik, 1966)

Trotz dieser vielen Vorteile, die von der Politik des Landes vorgegeben wurden, gab es dennoch eine Vielzahl von Problemen, die damit verbunden waren. So wurden Frauen, trotz der Gleichberechtigungspolitik, in höheren und mittleren beruflichen Positionen oft nicht gefördert und erhielten sogar bis zu 25% weniger Gehalt (Eifler 1998: 148).

Auch bei den Müttern gab es sehr gravierende Unterschiede. So bekamen die Frauen in Ostdeutschland deutlich früher Kinder als im Westen. Dazu kamen die bereits erwähnten beruflichen Tätigkeiten, die oft gleichzeitig ausgeführt wurden. Durch die sozialpolitische Unterstützung war die Geburt eines Kindes jedoch keine große Veränderung in ihrem Leben. Dadurch, dass die Kinder sehr früh in eine Kinderbetreuung gegeben wurden, waren die Mütter meist sehr schnell wieder arbeiten gegangen. Die Kindergrippen waren sehr gut organisiert und ausgestattet, jedoch wurden die Inhalte und der Tagesablauf der Kinder vom Staat vorgegeben und sehr stark beeinflusst. Die Mütter mussten sich also nicht primär um die Erziehung kümmern, sondern konnten sich fast ausschließlich auf ihre Arbeit konzentrieren und überließen größtenteils dem Staat die Erziehung. Die Kinder waren es also gewohnt, dass ihre Mutter früh morgens zur Arbeit ging und oft spät abends erst wieder zurückgekommen ist.

Dementsprechend früh wurde in der DDR auch geheiratet. Es war üblich, dass die Frauen zwischen 20 und 25 Jahren geheiratet haben. In diesem Alter bekamen sie auch meist ihre Kinder. Eheschließungen und Geburten bei einem Alter der Frau über 30 Jahre waren sehr unüblich, was auf den sowjetischen Einfluss zurückzuführen ist. Auch hier unterstützte der Staat. Junge Ehen wurden z.B. mit Haushaltseinrichtungen und zinslosen Krediten „belohnt“, wodurch ihnen eine gute Perspektive für die Zukunft gegeben wurde. Durch diese stressige Doppelfunktion als erziehende Mutter und Vollzeiterwerbstätige, gilt eine DDR-Bürgerin immer noch als die „moderne Frau von heute“ – auch im Westen. Die Ehe in Ostdeutschland wurde allerdings als weniger Bedeutsam angesehen, als im Westen. So war die Anzahl der unehelichen Kinder im Westen relativ gering, bei ca. 12,9%. Im Osten hingegen war es mit

[...]

Details

Seiten
22
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656408666
ISBN (Buch)
9783656408864
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v210644
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,3
Schlagworte
kulturelle identität frauen west ossi wessi wossi…

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Kulturelle Identität der Frauen in Ost- und Westdeutschland