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Die Wertethematik in Johann Wolfgang von Goethes "Die Leiden des jungen Werthers"

Ästhetische und ökonomische Werte, Wertekonflikte und Werthers Wertvorstellungen im sozialgeschichtlichen Kontext

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 29 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Ästhetische Wertvorstellungen
2.1 Der neue moralisch-ästhetische Wert des Werthers
2.2 Werthers ästhetische Werte
2.2.1 Gefühl und Herz als wertbestimmende ästhetische Faktoren
2.2.2 Der Wert und die Abwertung des Buchstabens

3 Werthers Wertekonflikte im sozialgeschichtlichen Kontext
3.1 Werthers Verweigerung der funktionalen Eingliederung
3.1.1 Werthers Verweigerung systemeigener Leitwerte
3.1.2 Das funktionsdifferenzierte Verhalten des Ministers und des Grafens
3.2 Ökonomie und ökonomische Lebenskonzepte
3.2.1 Werther über den Wert der Arbeit und seine Anti-Ökonomie
3.2.2 Wertvolle Gesellschaftsmitglieder und die bürgerliche Beziehungsökonomie
3.3 Der (Un)Wert der Freiheit
3.3.1 Einschränkung und Entgrenzung
3.3.2 Der Freitod als Ausdruck von und Weg zur Freiheit

4 Werthers lebenswerte Gegenentwürfe zur Moderne
4.1 Idealisierung der kindlichen Lebensführung
4.2 Das Glück der einfachen Leute und des primitiven Lebens

5 Der besondere Wert Lottes
5.1 Lotte als liebesökonomisches Gut
5.2 Lotte als wertsteigernde Instanz
5.2.1 Werthers dingliche Fetischisierungen
5.2.2 Die Erhöhung von Werthers Selbstwert
5.2.3 Ideeller, materieller und symbolischer Wert der Geburtstagspräsente
5.3 Werthers libidinöser Wertewandel und der Wert der Freundschaft

6 Schlussbetrachtung

7 Literaturverzeichnis

8 Anhang

1 Einleitung

Schon der Titel Die Leiden des jungen Werther weist auf die herausragende Rolle der Werte- thematik innerhalb des Romans hin. ‚Werther‘ ist ein sogenannter ‚telling name‘, der den Komparativ des Adjektivs ‚wert‘ beinhaltet. Auch der Name von Werthers Gegenpart gibt einen Hinweis auf dessen Wertvorstellungen: Die Endung des Vornamens ‚Albert‘ erinnert an das Substantiv ‚Wert‘1, während der Anfang das Adjektiv ‚albern‘ andeutet. Die Kombination der beiden hergeleiteten Wörter lässt vermuten, dass Albert ‚alberne Werte‘ vertritt. Dieser Interpretation folgend sind Alberts Wertvorstellungen, im Gegensatz zu Werthers, als Nega- tivbeispiele anzusehen. Inwiefern dies zutrifft, wird im Rahmen dieser Arbeit thematisiert.

Auch die Titelseite des zweiten Teils in der zweiten Romanauflage von 1775 verweist auf die Bedeutung der Wertethematik: Sie zeigt einen Mann, der auf einen Grabstein den Namen des Titelhelden eingraviert. Dabei ist bezeichnend, dass er nur ‚Wert‘ geschrieben hat (siehe Anhang, Abb.1). Womöglich ist auch Goethes nachträgliches Streichen des Genitiv-s am Namen des Protagonisten, das im Titel der Erstauflage von 1774 noch vorhanden war,2 ein versteckter Hinweis auf den Stellenwert der Wertethematik.

Der Deckname ‚Wahlheim‘, mit dem der kleine Orte aus Gründen der Diskretion geheim gehalten wird, ist ebenso ein ‚telling name‘. Erstens betont dieser, dass sich die Handlung an jedem beliebigen Ort abspielen kann. Zweitens wird hier auf die Dichotomie hingewiesen, die sich wie ein roter Faden durch die gesamte Handlung des Romans zieht: Werther wird in vielerlei Hinsicht vor eine Wahl gestellt, die klassischerweise zwischen zwei Möglichkeiten besteht und ihn in diverse Wertekonflikte verwickelt.

Da der Wertbegriff recht diffus ist, lassen sich verschiedene Anliegen unterbringen. Zunächst widmet sich die Arbeit den ästhetischen Wertvorstellungen, die einerseits anhand der Gestal- tung des Romans und andererseits durch Werther zum Ausdruck kommen. Anschließend ste- hen Werthers Wertkonflikte in Bezug auf die zeitgenössischen gesellschaftlichen Verhältnisse im Vordergrund. Bezug genommen wird hier auf die Luhmann’sche Systemtheorie und auf Werthers und Alberts gegensätzliche Ökonomien. Ebenso wird die unterschiedliche Bewer- tung des Wertes der individuellen Freiheit herausgestellt. Das nächste Kapitel beschäftigt sich mit Werthers Auffassungen von einem lebenswerten Leben. Zuletzt folgt die Untersuchung von Lottes Wert und ihrer Auswirkung auf Werthers Wertvorstellungen.

2 Ästhetische Wertvorstellungen

2.1 Der neue moralisch-ästhetische Wert des Werthers

Ohne Zweifel ist der Werther schon aufgrund seiner poetischen Qualität von hohem Wert. Vor Erscheinen des Romans war das Lesepublikum an erbauende und belehrende Lektüre gewöhnt, bei der Moral und Ästhetik stets Hand in Hand gegangen sind. So darf bei Lessing, Rousseau und Richardson die moralisch verwerfliche Figur in ästhetischer Hinsicht nicht interessant sein. Ist dies doch der Fall, so muss der ästhetische Reiz des Guten diese überragen, sodass die Rezipienten die positiven Werte übernehmen.3

Mit dem Werther wird erstmals Literatur präsentiert, bei der ein distanziertes Korrektiv zur Bewertung von moralisch fragwürdigen Handlungen fehlt. Zudem ist der Roman im Gegensatz zu dem polyperspektivischen Briefroman des 18. Jahrhunderts monologisch gestaltet.4 Abgesehen von dem Vorwort und den um Sachlichkeit bemühten Anmerkungen des Herausgebers wird ausschließlich aus Werthers Perspektive berichtet. Dabei weist das Vorwort sogar noch explizit darauf hin, dass Werther Bewunderung und Liebe gebührt (197).5

Im Mittelpunkt der zeitgenössischen Rezeption steht, dass das moralisch verwerfliche Verhal- ten des Protagonisten als Ägelungen im Sinne von schön“6 dargestellt ist. Kritikpunkt der Auf- klärer ist, dass weder eine rezeptionssteuernde Leseanleitung noch interessantere, ästhetischere Charaktere vorhanden sind, die einer Nachahmung der Handlung entgegenwirken könnten.7 Dabei scheint nicht beachtet worden zu sein, dass Goethe zu Werther erzähltechnisch auf Dis- tanz gegangen ist. So wirkt sein Tod wenig ästhetisch: Ähber dem rechten Auge hatte er sich durch den Kopf geschossen, das Gehirn war herausgetrieben“ (298). Ferner dient Wilhelm als Korrektiv, indem er Werther Ratschläge erteilt, wie zum Beispiel in der Gesandtschaft zu ar- beiten (242). Auch Ironie wird zur Distanzschaffung verwendet. So ist die Gasthausszene, in der sich Werther mit den Patriarchen vergleicht, gewollt komisch (vgl. S. 15).

Goethe bedauert, dass der ästhetische Teil seines Werkes in den Hintergrund gerückt ist: ÄEi- gentlich ward nur der Inhalt, der Stoff beachtet“.8 Er kritisiert, dass die Handlung Ägemäß der Meinung der Leute einen didaktischen Zweck haben müsse. Sie billigt nicht, sie tadelt nicht, sondern sie entwickelt die Gesinnungen und Handlungen in ihrer Folge und dadurch erleuchtet und belehrt sie.“9 Der Werther enthält zwar keine explizite, jedoch eine implizite Belehrung (vgl. S. 23).

Auch Lessing kritisiert Goethes Autonomie der Ästhetik, die sich keiner Moral verpflichtet fühlt. Im Hinblick auf den ‚Werther-Effekt‘ äußert er nicht zu Unrecht Bedenken, dass die Leser Ädie poetische Schönheit […] für eine moralische nehmen und glauben, dass Der gut gewesen sein müsse, der unsere Theilnehmung so stark beschäftiget“. So bat er Goethe um eine Schlussrede, Äwie Werther zu so einem abenteuerlichen Charakter gekommen; wie ein andrer Jüngling, dem die Natur eine ähnliche Anlage gegeben, sich dafür zu bewahren ha- be.“10

Diese fehlende Kongruenz von Ästhetik und Moral zeigt einen Wandel an: Das Kunstsystem wird autonom und spiegelt so die fortschreitende Ausdifferenzierung der Gesellschaft wider:

Der Werther bezeichnet genau diese Übergangsstelle, einen säkularen Schnitt in der Funktionsgeschichte der Dichtung, die Entstehung der Poesie, die sich vom Funktionsprimat der Unterstützung von Problemlösungen ablöst und zum Funktionsprimat der Reflexion ungelöster Probleme wechselt.11

In dem System der Kunst wird somit nicht mehr nach den Kriterien der Moral entschieden, sondern nach dem Code ästhetisch oder unästhetisch. Auch Werther wird mit der zunehmenden Funktionalisierung und den systemeigenen Leitwerten konfrontiert (vgl. S. 7).

2.2 Werthers ästhetische Werte

2.2.1 Gefühl und Herz als wertbestimmende Faktoren

Während Goethe mit der aufklärerischen Regelpoetik bricht, so vertritt auch Werther, wenn auch nicht gleichermaßen produktiv wie Goethe, die ästhetischen Vorstellungen des Sturm und Drangs. Dabei verschreibt er sich vor allem der naturgetreuen Nachahmung.12 Schon in seinem ersten Brief bringt er seinen Unmut über Einschränkungen und seine ästhetische Ma- xime der Regelfreiheit und Natürlichkeit zum Ausdruck. Er empfindet die Stadt, die sich mit Gesetzen, Normen und Ordnung seiner Freiheitsliebe entgegenstellt, als Äunangenehm“ (198). Stattdessen fühlt er sich im Garten des verstorbenen Grafen wohl, welcher die Älieblichsten Täler“ (198) bildet, die von Äschönster Mannigfaltigkeit“ sind. Die Hervorhebung der ab- wechslungsreichen Gestaltung weist auf die von Werther hochgeschätzte Individualität hin. Es erfreut ihn, dass der Garten Äeinfach“ angelegt ist und, dass ein Äfühlendes Herz den Plan be- zeichnet“ (198) hat. Dem Äwissenschaftliche[n] Gärtner“ bzw. dem rationalen Individuum wird so schon zu Beginn der emotionale, sich frei entfaltende Mensch gegenübergestellt.

Werther stellt nicht nur theoretische Reflexionen an, sondern stellt als Maler, Zeichner und Verfasser der Briefe eine schöpferische Figur dar.13 Der Tradition des Sturm und Drangs folgend spricht er der Natur einen hohen Wert zu: ÄSie allein ist unendlich reich, und sie allein bildet den großen Künstler“ (205). Seinen Kunstbegriff definiert er durch die Ablehnung von Regeln, da Äalle Regel, man rede was man wolle, das wahre Gefühl von Natur und den wahren Ausdruck derselben zerstören!“ (205) Regeln sind für Werther wertlos, da sie die Natürlichkeit zerstören. Höhnisch merkt er an, man könne Äzum Vorteile der Regeln viel sagen, ungefähr was man zum Lobe der bürgerlichen Gesellschaft sagen kann“ (205).

Die regelgesteuerte Einengung des Gefühls verhindert eine freie Entfaltung des ÄStrom des Genies“ (205). So berichtet er über den Fürsten: ÄUnd der Fürst fühlt in der Kunst, und würde noch stärker fühlen, wenn er nicht durch das garstige, wissenschaftliche Wesen, und durch die gewöhnliche Terminologie eingeschränkt wäre“ (260). Aus diesem Grund belächelt Werther auch herablassend den jungen V., der auf dem Boden aufklärerischer Kunsttheorien steht:

[Er] kramte viel Wissens aus, von Batteux bis zu Wood, von de Piles zu Winkelmann, und versicherte mich, er habe Sulzers Theorie den ersten Teil ganz durchgelesen, und besitze ein Manuskript von Heynen über das Studium der Antike. Ich ließ das gut sein. (202)

Werther berichtet, dass er eine Äwohlgeordnete sehr interessante Zeichnung verfertigt“ habe, indem er die Natur auf sein Blatt übertrug, Äohne das mindeste von dem meinen hinzuzutun“ (205). Seinem ästhetischen Grundsatz folgend wird die Natur in Reinform nachgeahmt, denn von der ÄSprache der Natur findet er sein Wesen am treffendsten vertreten.“14

2.2.2 Der Wert und die Abwertung des Buchstabens

Der Sprache der Natur ist die Sprache der funktionalisierten Gesellschaft gegenübergestellt, mit welcher Werther in der Gesandtschaft konfrontiert wird (vgl. S. 7). Werther findet sich ebenfalls in einen Konflikt mit der Sprache verwickelt, als er versucht, Lottes rührende Rede über ihre Mutter wiederzugeben: ÄO Wilhelm! Wer kann wiederholen was sie sagte, wie kann der kalte tote Buchstabe diese himmlische Blüte des Geistes darstellen!“ (244). Er beklagt die Unzulänglichkeit der abstrahierenden Sprache, die den lebendigen Ausdruck einengt.15

Goethe schreibt im September 1787, dass in seinen Werken Äkein Buchstabe drin [sei], der nicht gelebt, empfunden, genossen, gelitten oder sogar gedacht wäre“.16 Chaouli bezweifelt, dass Äman einen Buchstaben leben, empfinden, genießen“ kann.17 Jedoch bestätigt er die Aus- sagekraft von Buchstaben, indem er auf das runde, leere ÄO“ (244) hinweist, das Werther an- statt eines krächzenden Äach“ seufzend von sich gibt.18 Zudem sollte Goethes Beschränkung auf Buchstaben nicht zu eng gesehen werden, sondern auf einzelne Wörter erweitert werden. Die Lösung des Dilemmas der ausdrucksarmen, Ätoten“ Buchstaben ist die künstlerische Dar- stellung: ÄJe künstlerischer der Roman ist, desto überzeugender sind die Buchstaben“.19 Dem- zufolge wirkt die starke Bildlichkeit des Werthers, der auch als ‚Malerroman‘ charakterisiert wird, einer Leblosigkeit entgegen.20 Als Beispiele sind hier die Beschreibung des Brunnens oder die Szene der brotschneidenden Lotte anzuführen. Auch die Verwendung von synästheti- scher Metaphorik, wie Äsüße[r] Frühlingsmorgen“ (198), dient dazu, den Ätoten Buchstaben“ Leben einzuhauchen. Die Abwertung des Buchstabens beschäftigt auch andere Literaten des 18. Jahrhunderts. So schreibt Schlegel in seinem Essay Über Lessing: Ähberhaupt war unbegrenzte Verachtung des Buchstabens ein Hauptzug in Lessings Charakter“.21

3 Werthers Wertekonflikte im sozialgeschichtlichen Kontext

Für Luhmann stellt der tiefgreifende Wandel der Gesellschaftsorganisation um 1800 den Äent- scheidenden Zug der Moderne“ dar.22 Zwar ist die Gesellschaft noch ständisch organisiert, jedoch findet zunehmend eine funktionale Differenzierung in soziale Systeme mit eigenen Regeln und Zielen statt, wie z.B. Recht, Wirtschaft und Politik. Mit dieser organisatorischen Umbildung gehen ein Wertewandel und eine Veränderung der Individualität einher. In vormo- dernen Gesellschaften ist die Individualität des Einzelnen durch soziale Inklusion gegeben, indem jeder Änur einem Subsystem der Gesellschaft“, nämlich seiner Schicht oder seinem Stand, angehört.23 Im Rahmen der Ausdifferenzierung besteht das menschliche Miteinander zunehmend auf ökonomischer Basis. Der Zugang zu den Teilsystemen vollzieht sich immer weniger vom Stand, sodass Individuen sich vielfältiger in die Gesellschaft einbeziehen kön- nen.24 Der Wert des Menschen ist folglich weniger von seiner Herkunft abhängig, sondern von seiner funktionalen Leistung und seinem Verstand. Laut Luhmann erfolgen die Bildung von Individualität und gesellschaftlicher Partizipation in zwei Schritten:

Indem sich das Individuum in der Entwicklungsphase seiner Individualität durch eine strikte Exklusionshaltung vor Fremdbestimmung schützt, bereitet es sich darauf vor, im zweiten Schritt als bereits individualisiertes Individuum Inklusionsschritte in verschiedene gesellschaftliche Teilsysteme zu unternehmen.25

Werther bleibt jedoch bei dem ersten Schritt, der Exklusion, stehen. Sein individueller Totali- tätsanspruch und das Absolutsetzen der Äfreien und allseitigen Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit“26 stehen seiner gesellschaftlichen Integration im Weg. Als Stürmer und Drän- ger orientiert er sich an seinem Innenleben, Ädas im Bild des ‚Herzens‘ zum zeitgenössischen Schlagwort und Maßstab für den Wert eines Menschen wird“.27 Diesem Prinzip, das das Herz zum menschlichen Wertindikator erhebt, widerspricht die leistungsabhängige Bewertung des Menschen. Während Wissen sich jeder aneignen kann, stellt die Betonung des Herzens eine Chance zur Emanzipation dar, da jedes Herz unaustauschbar und individuell ist:28

Auch schätzt er [Anm. d. Verf.: der Fürst] meinen Verstand und meine Talente mehr als dies Herz, das doch mein einziger Stolz ist, [...]. Ach, was ich weiß, kann jeder wissen - mein Herz hab ich allein. (259)

Im Mittelpunkt von Werthers Konflikten mit seiner Umwelt steht immer wieder sein Streben nach Individualität und Selbstverwirklichung. Für diese Werte muss Werther jedoch den Preis der Äinneren Einsamkeit“ zahlen, denn, wie die folgenden Darstellungen zeigen, teilen die meisten anderen Menschen seine allseits orientierte Freiheitsliebe nicht.29

3.1 Werthers Verweigerung der funktionalen Eingliederung

Jedes System konstituiert sich durch spezifische Kommunikationsprozesse, indem ein binärer Code es von der Umwelt abgrenzt. So wird in den Medien zwischen Information und Nichtin- formation und im Rechtssystem zwischen Recht und Unrecht entschieden. Folglich verfügt jedes System über eigene Leitwerte, nach denen Entscheidungen getroffen werden.30 Dabei müssen die sich zwischen den Systemen hin und her bewegenden Individuen neuen Anforde- rungen stellen. Da beispielsweise das Wirtschaftssystem mit ästhetischen Werten kaum etwas anfangen kann, ist es notwendig, dass sie den Kommunikationscode des Systems einhalten, indem sie gerade tätig sind.31 Laux, Professor für Theologische Anthropologie und Werteori- entierung, bezeichnet die individuelle Reihung von Werten in konkreten Handlungssituationen als Ursache von Wertkonflikten: ÄIn der Wirtschaft gewichten wir anders als in der Familie und wieder anders im Sportverein.“32 Mit dieser kontextspezifischen Reihung von Werten bzw. dem Einhalten von Kommunikationscodes kann und will sich Werther nicht anfreunden.

3.1.1 Werthers Ablehnung systemeigener Leitwerte

Zu Werthers Tätigkeit als Gesandtschaftssekretär gehört das Verfassen politisch-juristischer Texte. Jedoch setzt er hier Werte absolut, die zwar für ihn wichtig, aber irrelevant für das System sind, indem er agiert. Die Relevanz einer Nachricht wird im Mediensystem in Abhängigkeit von dem Wert der Information bestimmt, die dementsprechend sachlich sein soll. Werther sind jedoch Einschränkungen jeder Art, in der Kunst sowie im Beruf, zuwider. Stattdessen folgt er seiner leichthin geäußerten Arbeitsmaxime: ÄWie‘s steht so steht‘s.“ (248) So versucht er seine Exklusionshaltung aufrechtzuerhalten, um Äals Mensch, als Individuum und nicht als sozialer Rollen- oder Funktionsträger wahrgenommen zu werden“.33

Werther soll die Gepflogenheiten der juristischen Amtssprache einhalten, aber dennoch verwendet er die für seine gefühlsgeladene Sprache typischen Inversionen. Dieser ästhetische Schreibstil, welcher eher dem System der Kunst angehört, wird vom Gesandten kritisiert: ÄKein Und, kein Bindwörtchen sonst darf außenbleiben, und von allen Inversionen die mir manchmal entfahren, ist er ein Todfeind. Wenn man seinen Period nicht nach der hergebrachten Melodie heraborgelt; so versteht er gar nichts drinne.“ (248)

[...]


1 Vgl. Hörisch, Jochen: Der Wert der Werte. Überlegungen im Ausgang von Goethes Werther. In: Erfolg und Werte. Hg. v. Annette Kehnel. Frankfurt/ Main: Frankfurter Allgemeine Buch 2012. S. 179-192. S. 181.

2 Vgl. Klinkert, Thomas: Epistemologische Fiktionen. Zur Interferenz von Literatur und Wissenschaft seit der Aufklärung. Berlin: De Gruyter 2010. S. 112.

3 Vgl. Klinkert 2010, S. 115.

4 Vgl. Klinkert 2010, S. 113 f.

5 Im Folgenden wird hier zitiert nach: Goethe, Johann Wolfgang von: Die Leiden des jungen Werther. In: Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens. Münchner Ausgabe. Hg. v. Gerhard Sauder. Band 1.2. München: Carl Hanser Verlag 1987.

6 Wegmann, Thomas: Tauschverhältnisse. Zur Ökonomie des Literarischen und zum Ökonomischen in der Literatur von Gellert bis Goethe. Würzburg: Königshausen und Neumann 2002. S. 96 u. S. 127.

7 Vgl. Wegmann 2002, S. 127.

8 Goethe, Johann Wolfgang von: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. In: Goethes Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. Band 10. Hg. v. Erich Trunz. Hamburg: Christian Wegener 1960. S. 590.

9 Ebd., S. 590.

10 Lessing in einem Brief vom 26.10.1774 (zit. n. Wegmann 2002, S. 127).

11 Eibl, Karl: Die Entstehung der Poesie. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1995. S. 134.

12 Vgl. Seele, Katrin: Goethes poetische Poetik. Über die Bedeutung der Dichtkunst in den Leiden des jungen Werther im Torquato Tasso und in Wilhelm Meisters Lehrjahren. Würzburg: Königshausen und Neumann 2004. S. 57.

13 Vgl. Seele 2004, S. 53.

14 Ebd., S. 54.

15 Vgl. Chaouli, Michel: Das Laboratorium der Poesie. Chemie und Poetik bei Friedrich Schlegel. Paderborn: Schöningh 2004. S. 150.

16 Goethe in einem Brief vom 22. September 1787 (zit. n. Chaouli 2004, S. 150).

17 Vgl. Chaouli 2004, S. 150.

18 Vgl. Chaouli 2004, S. 150.

19 Ebd., S. 150.

20 Vgl. Aurnhammer, Achim: Maler Werther. Zur Bedeutung der bildenden Kunst in Goethes Roman. In: Literaturwissenschaftliches Jahrbuch 36 (1995). S. 83-104. S. 100.

21 Zit. n. Chaouli 2004, S. 149.

22 Kemper, Dirk: Goethe und die Individualitätsproblematik der Moderne. Paderborn: Wilhelm Fink Verlag 2004.

S. 155.

23 Vgl. Kemper 2004, S. 75.

24 Vgl. Kemper 2004, S. 76.

25 Kemper 2004, S. 81.

26 Lukacs, Georg: Die Leiden des jungen Werther. Goethe und seine Zeit. In: Goethes Werther. Hg. v. Hans Peter Herrmann. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1994. S. 39-75. S. 45.

27 Wegmann 2002, S. 103.

28 Vgl. ebd., S. 103.

29 Vgl. Könecke, Rainer: Stundenblätter Goethes Die Leiden des jungen Werther und die Literatur des Sturm und Drang. Stuttgart: Klett 1989. S. 72.

30 Vgl. Kemper 2004, S. 76.

31 Vgl. Nünning, Ansgar (Hg.): Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. 4. aktual. u. erweit. Aufl. Stuttgart:

J. B. Metzler 2008. S. 702f.

32 Laux, Bernhard: Auf der Suche nach Orientierung. Wertesituation, Wertekommunikation, Wertelernen. Eröff- nungsvortrag zum Projekt ÄEine wertelose Gesellschaft ist wertlos“ am 15.2.2008 im Katholisch-Sozialen Institut in Bad Honnef. http://www.treffpunkt-ethik.de/Dokumente_Werteprojekt.html?file=tl_files/1_tpe/pics/pages/ KSI_Werteprojekt/Laux_Werte_KSI_Text.pdf (21. August 2012). S. 6f.

33 Kemper 2004, S. 79.

34 Plumpe, Gerhard: Kein Mitleid mit Werther. In: Systemtheorie und Hermeneutik. Hg. v. Henk de Berg u. Matthias Prangel. Tübingen, Basel: Francke 1997. S. 215-232. S. 223.

35 Plumpe 1997. S. 223.

Details

Seiten
29
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656385967
ISBN (Buch)
9783656386254
Dateigröße
797 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v210689
Institution / Hochschule
Universität Mannheim – Neuere Germanistik II
Note
1,7
Schlagworte
wertethematik johann wolfgang goethes leiden werthers ästhetische werte wertekonflikte wertvorstellungen kontext

Autor

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Titel: Die Wertethematik in Johann Wolfgang von Goethes "Die Leiden des jungen Werthers"