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Zusammenhang zwischen formaler Bildung und wirtschaftlichem Fortschritt in Schwellenländern

Eine Analyse am Fallbeispiel Indien

Hausarbeit 2013 22 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Südasien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Theoretische Verortung
a. Zur Beziehung zwischen Bildung und wirtschaftlichem Fortschritt
b. Untersuchungsindikatoren
i. Human Development Index
ii. Gender-related Development Index
iii. Gender Inequality Index

III. Analyse am Fallbeispiel Indien
a. Human Development Index
b. Gender-related Development Index
c. Gender Inequality Index
d. Indiens Bildungssystem - Fortschritte und Versäumnisse
e. Auswirkungen der mangelhaften Bildung auf die indische Wirtschaft

IV. Zusammenfassung und Ausblick

V. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Eine umfangreiche Bildung der Bevölkerung gilt als ein entscheidender Einflussfaktor für die wirtschaftliche Stärke eines Landes. Seit den sechziger Jahren ist bekannt, dass die Produktivität sowie Innovationsfähigkeit der Bevölkerung durch Investitionen im Bildungs- und Gesundheitssektor gesteigert wird und diese damit der wirtschaftlichen Entwicklung zuträglich sind (Schultz 1961: 1; Stöver/Langer 2011: 26). Weiterhin gelten in einer zunehmend globalisierten Weltwirtschaft qualifizierte und über eine gute Bildung verfügende Arbeitnehmer als ein bestimmender Wettbewerbsvorteil. Diese Arbeit wird sich mit dem Zusammenhang zwischen Bildung und wirtschaftlicher Entwicklung auseinandersetzen. Zur Erklärung und Analyse dieses Zusammenhanges dient Indien als Fallbeispiel.

Indien gilt mit einer Bevölkerung von über 1,2 Milliarden Menschen als zweitbevölkerungsreichstes Land und damit, gemessen an der Einwohnerzahl, als größte Demokratie der Welt. Seit etwa zwei Dekaden wächst die indische Wirtschaft jährlich um durchschnittlich 7%. Die Bundesrepublik weist hierbei jedoch erhebliche regionale Unterschiede in Bezug auf die wirtschaftliche Entwicklung sowie das allgemeine Bildungsniveau auf. Die Mehrheit der Bevölkerung konnte dabei in den vergangenen Jahren, oftmals mangels ausreichender Qualifikation, nicht vom wirtschaftlichen Aufschwung profitieren. So kommentiert ein junger Inder die Situation einer ganzen Generation wie folgt: "There is a lack of education so we don’t get jobs and can’t improve our life. There is no growth for us" (UNESCO 2012: 18). Zudem lässt sich in Indien eine wesentliche Ungleichheit zwischen der erhaltenen formalen Bildung und dem wirtschaftlichen Fortschritt zwischen den Geschlechtern feststellen. Frauen verfügen demnach oftmals über eine geringere formale Bildung und können zudem weniger zur wirtschaftlichen Fortentwicklung beitragen als Männer. Dieser Umstand resultiert vor allem aus dem vorherrschenden Kastensystem sowie einem traditionellen Rollenverständnis, welches die Frau dem Mann unterordnet. Trotz der rechtlichen Gleichstellung der Geschlechter sind Inderinnen in der patriarchalisch geprägten Gesellschaft immer noch weitgehend benachteiligt (Viva con Agua de Sankt Pauli e.V. 2013). Um diesem Missstand entgegenzuwirken und auch die Frauen in den wirtschaftlichen Prozess einzubinden, wurden bereits in den achtziger Jahren politische Handlungsprogramme verabschiedet. Im Jahre 2002 beschloss das indische Parlament zudem einstimmig, das Recht auf Bildung in die Verfassung aufzunehmen. Umgesetzt wurde diese Verfassungsänderung jedoch erst im Jahre 2009. Seither besitzt eine kostenlose Bildung Verfassungsrang und wird vom indischen Staat garantiert (Hörig 2010: 17f). Aus der beschriebenen Benachteiligung der Frauen am wirtschaftlichen Prozess, der auch durch einen mangelhaften Zugang zur Bildung bedingt ist, ergeben sich folgende zwei leitendenden Forschungsfragen, die diese Arbeit zu beantworten versucht: In wie fern ist eine Beziehung zwischen formaler Bildung und wirtschaftlicher Entwicklung in Indien nachzuweisen und in wie weit werden indische Frauen hierbei benachteiligt?

Im Folgenden wird diese Arbeit zunächst in einem theoretischen Kapitel die enge Beziehung zwischen formaler Bildung und wirtschaftlicher Entwicklung erklären. Weiterhin werden der Human Development Index, der Gender-related Development Index sowie der Gender Inequality Index des United Nations Development Program (UNDP) als Indikatoren Verwendung finden. Nachdem eine hinreichende theoretische Einführung erfolgt ist, wird die praktische Anwendung am Beispiel Indien stattfinden. Nach der Analyse der Indikatoren wird das indische Bildungssystem näher betrachtet, analysiert und bewertet. Abschließen wird diese Arbeit mit einer kurzen Zusammenfassung sowie einem Ausblick auf die Chancen und Risiken die die künftige Entwicklung in Indien bürgt.

II. Theoretische Verortung

In der Politikwissenschaft ist bekannt, dass zwischen den Faktoren Bildung und wirtschaftlicher Entwicklung ein starker Zusammenhang besteht. Hierbei spaltet sich die Forschergemeinschaft in zwei Stränge, die nachfolgend erläutert werden. Weiterhin werden für die später erfolgende Analyse einige Indikatoren festgehalten, aus denen eine Wechselbeziehung zwischen beiden Faktoren erschlossen werden kann.

a. Zur Beziehung zwischen Bildung und wirtschaftlichem Fortschritt

Der Elementarbildung breiter Bevölkerungsschichten sowie einer spezialisierten höheren Bildung, an Universitäten und Hochschulen wird in der entwicklungspolitischen Diskussion eine entscheidende Bedeutung für wirtschaftlichen Erfolg beigemessen. So kann davon ausgegangen werden, dass: "je höher [die formale] Bildung und Qualifikation der Menschen sind, desto höher sind ihre Produktivität und Innovationsfähigkeit, was wiederum zu höheren Einkommen und weiteren Investitionen in Bildung und Forschung führt" (Stöver/Langer 2011: 26). Uneinigkeit besteht innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft jedoch hinsichtlich der Kausalität beider Faktoren. Zwei konträre Erklärungsmuster stehen sich in diesem Punkt mit gänzlich entgegengesetzten Ideen gegenüber. So sind "Bildung und Gesundheit [...] einerseits die Bedingung für ein hohes Einkommensniveau, andererseits kann bei höheren Einkommen mehr in Bildung und Gesundheit investiert werden" (Stöver/Langer 2011: 26). Ein Mangel an flächendeckender und breiter Bildung ist demnach eines der größten Probleme für ein Schwellenland (Benham 1959: 181). Dieses Bildungsdefizit kann erst durch ein starkes Wirtschaftswachstum, welches die finanzielle Grundlage für eine umfassende Bildungspolitik des Staates bietet, behoben werden (Benham 1959: 183). Andererseits fördern kostenintensive bildungspoltische Maßnahmen durch ihre positiven Innovationen in den Bereichen Technologie, Forschung und Produkte die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes und ermöglichen somit weitere Ausgaben in diesem Bereich (Schultz 1961: 11f). Weiterhin sind diese als Investition in die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung eines Entwicklungs- oder Schwellenlandes zu betrachten. Festzuhalten ist, dass zwischen der (Aus-)Bildung der gesamten Bevölkerung und dem Pro-Kopf-Einkommen, bzw. der Verbesserung des wirtschaftlichen Entwicklungsniveaus „eine sich selbst verstärkende Wechselwirkung“ besteht (Stöver/Langer 2011: 26).

In dieser Betrachtung erhalten die einzelnen Bildungsstufen, eines klassischen dreigliedrigen Bildungssystems, eine unterschiedliche Gewichtung für den wirtschaftlichen Fortschritt eines Landes. Alle Bildungsstufen sind hierbei für das wirtschaftliche Potenzial einer Gesellschaft von Nöten und wirken sich positiv auf dieses aus. Den größten Nutzen erbringen jedoch eine Grundausbildung bzw. Primarstufe sowie eine höhere Bildung bzw. tertiäre Stufe (Psacharopoulos 1985: 591f). Nur wenige wirtschaftsfördernde Effekte lassen sich dagegen für die Sekundarstufe feststellen. Die Primarstufe weist zudem direkte Effekte auf die Alphabetisierung einer Gesellschaft auf, welche einerseits entscheidend für den Erhalt weiterführender Bildung ist und anderseits Ausübung fast aller Tätigkeiten außerhalb der landwirtschaftlichen Arbeit ermöglicht. Weiterhin besitzt, wie bereits erwähnt, die Hochschul- und Universitätsbildung für das Wirtschaftswachstum eine entscheidende Rolle in Entwicklungs- und Schwellenländer. Gerade diese Bildungsstufe ist wichtig, da Innovation und Fortschritt das wirtschaftliche Wachstum durch diese effektiv generieren. Desweiteren verlangt der Arbeitsmarkt mit zunehmendem wirtschaftlichen Fortschritt besser qualifizierte Arbeitnehmer, die den gesteigerten Anforderungen genügen. Gerade die Verlagerung von Arbeitsplätzen vom landwirtschaftlichen Bereich in den Industrie- und vor allem in den Dienstleistungssektor fordert eine umfangreiche Bildung einer erheblichen Masse der Bevölkerung.

b. Untersuchungsindikatoren

Zur Analyse des Zusammenhanges zwischen Bildung und wirtschaftlichem Fortschritt in Indien wird der Human Development Index (HDI) herangezogen. Zudem finden der Gender-related Development Index (GDI) und der Gender Inequality Index (GII) zur Bestimmung der Unterschiede in den Bereichen Bildung und wirtschaftlicher Teilhabe der Frauen Anwendung. Alle drei Indikatoren sind Bestandteil des UNDP und werden im folgenden Kapitel näher ausgeführt.

i. Human Development Index

Der Index für menschliche Entwicklung wird jährlich vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen herausgegeben. Im Gegensatz zu anderen, rein ökonomischen, Indizes, fügt der HDI sozio-ökonomische Faktoren der Berechnung hinzu. Mechthild Schrooten stellt daher fest, dass: "der HDI, der Aspekte der Humankapitalbildung mit einbezieht, spiegelt [somit] auch die Entwicklungspotentiale einer Volkswirtschaft wider" (Schrooten 2011: 23). Zusammengesetzt wird der HDI aus folgenden drei Komponenten: dem Faktor Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner sowie den Faktoren Lebenserwartung und Bildungsgrad. Alle drei Teilindizes werden zu je einem Drittel gewichtet. Der Teilindex Bildungsgrad wird hierbei wiederum zusammengesetzt aus der durchschnittlich erfolgten und erwarteten Dauer des Schulbesuchs in Jahren (DGVN 2010: 16). Dieser Teilindex wurde im Jahr 2010 den veränderten Gegebenheiten angepasst. Vormals setzte er sich aus der Alphabetisierungs- sowie Einschulungsrate in den einzelnen Bildungsstufen zusammen. Da diese aber auch weiterhin Aussagekraft in Bezug auf das Bildungssystem eines Landes besitzen werden sie im Laufe der Arbeit ausgewertet. Der HDI wird ausgegeben auf einer Skala zwischen 0 und 1, wobei 1 die höchste menschliche Entwicklung darstellt.

ii. Gender-related Development Index

Der GDI stellt eine einfache Erweiterung des HDI dar. Analysiert werden dieselben Faktoren, die für den HDI herangezogen werden, jedoch stellt der Index die Geschlechter gegenüber und ermöglich somit einen Blick auf die Ungleichheit zwischen diesen. Skaliert wird der GDI folglich ebenso wie der HDI. Je größer die Unterschiede zwischen Frauen und Männer sind, desto stärker tendiert das Ergebnis zu 0.

iii. Gender Inequality Index

Weiterhin wird der GII zur Analyse herangezogen. In diesem Index werden gänzlich andere Faktoren als Messinstrumente verwendet. So sind für diese Arbeit gerade folgende Indikatoren von Interesse: der Bevölkerungsanteil, der über mindestens einen Abschluss der Sekundarstufe verfügt, die Erwerbsquote und der Anteil der Parlamentssitze. Hierbei wird jeweils getrennt erhoben, welchen Anteil Frauen in diesen Bereichen einnehmen. Dieser Index ist in der Skalierung dem HDI entgegengesetzt. So weist ein Wert nahe 1 auf eine absolute Ungleichheit zwischen den Geschlechtern hin, während 0 den Gegenpol - absolute Gleichstellung - markiert.

III. Analyse am Fallbeispiel Indien

Der vorher erläuterte theoretische Hintergrund wird in diesem Kapitel auf das Fallbeispiel Indien angewandt. Hierzu werden die drei vorgestellten Indikatoren ausgewertet und anschließend an diese Analyse wird das indische Bildungssystem eingehender betrachtet. Weiterhin wird die Stellung der Frau im Bildungssystem sowie für den wirtschaftlichen Fortschritt analysiert, dabei soll auf Probleme und Sonderstellungen eingegangen werden.

a. Human Development Index

Im globalen Durchschnitt konnte der HDI seit 1970 um 41% zulegen. Nahezu alle Länder weisen somit eine Steigerung der menschlichen Entwicklung im Zeitraum 1970 bis 2010 auf (DGVN 2010: 4). Auch Indien konnte sein Ergebnis signifikant verbessern. Während 1980 ein unterdurchschnittlicher Wert von 0,320 berechnet wurde, erhöhte sich dieser innerhalb von drei Jahrzehnten auf 0,547 (2011). Damit liegt Indien im weltweiten Verglich auf Platz 134 von 187 und weist eine mittlere menschliche Entwicklung im untersten Drittel dieser Gruppe auf.

Betrachtet man die einzelnen Teilindizes näher, wird deutlich, dass gerade der Indikator Bildung Indiens Bewertung belastet. In diesem Bereich landet Indien nur auf Platz 145, während der Einkommensindex für das Land einen über dem HDI liegenden 124. Platz aufweist (UNDP 2011a). Hierbei sei jedoch erwähnt, dass der Bildungsindex sich in den letzten dreißig Jahren beinahe verdoppelt hat. Lag er 1980 noch bei 0,232 so konnte bis 2011 ein Anstieg auf 0,450 verzeichnet werden. Besonders die immer noch geringe durchschnittliche Schulbesuchsdauer mit lediglich 4,4 Jahren beeinflusst diesen Index stark (DGVN 2010: 179; OECD 2011) und gerade die geringe Verweildauer in einer Bildungseinrichtung gilt als eines der Hauptprobleme des indischen Bildungssystems. Seit Beginn der Erhebung des HDI konnte Indien diesen Bereich jedoch verbessern, betrug die durchschnittliche Dauer des Schulbesuches Anfang der achtziger Jahre doch weniger als die Hälfte des heutigen Wertes und lag mit 1,87 Jahren im unteren Durchschnitt Südasiens[1] (UNDP 2011e). Obwohl die Länder Bangladesch und Pakistan mit einem vergleichbaren Durchschnittswert starteten, gelang es ihnen, die Bundesrepublik zu überholen (UNDP 2011f: 3). Mit der jetzigen durchschnittlichen Besuchsdauer von Bildungseinrichtungen befindet sich das Land im Mittelfeld der Region Südasien. Auch wenn dies einen beachtlichen Erfolg darstellt, sollte nicht unerwähnt bleiben, dass dieser Wert keinerlei Auskunft auf die tatsächliche Beherrschung grundlegender Fähigkeiten wie Lesen, Schreiben oder Rechnen geben kann. So stellt die indische Nicht-Regierungsorganisation Pratham[2] fest, dass: "Even though school enrolment rates have climbed over time, the actual cognitive skill acquired in schools (even simple reading and arithmetic) is still very low" (Pratham 2006). Ebenso belegen dies mehrere groß angelegte repräsentative Studien, denen zufolge nur etwa die Hälfte der Schüler die stufenspezifischen Kenntnisse und Fähigkeiten erlangen (Betz 2007: 22). Weiterhin beträgt der Anteil der Bevölkerung ohne grundlegende Schulausbildung über 40% und ist damit "im internationalen Vergleich [sowie] auch gegenüber Ländern mit ähnlichem Entwicklungsniveau sehr hoch" (OECD 2011).

[...]


[1] Südasien wird hierbei als regionaler Kontext zur Vergleichbarkeit der Werte verwendet. Gemäß der Definition der Vereinten Nationen bildet sich die Region Südasien aus folgenden Ländern: Afghanistan, Bangladesch, Bhutan, Indien, Iran, Malediven, Nepal, Pakistan und Sri Lanka (United Nations 2012).

[2] Pratham ist die größte Nicht-Regierungsorganisation (NGO) Indiens, wurde 1994 von Madhav Chavan gegründet und setzt sich für die Verbesserung der Bildung für unterprivilegierte Kinder ein. Heute ist diese NGO in 21 Bundestaaten Indien aktiv und betätigt sich mit der Vorschulbildung und der wirtschaftlichen sowie sozialen Gleichstellung ärmerer Bevölkerungsschichten (Pratham 2009).

Details

Seiten
22
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656384182
ISBN (Buch)
9783656385479
Dateigröße
562 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v210701
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
Schlagworte
zusammenhang bildung fortschritt schwellenländern eine analyse fallbeispiel indien

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