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Rede und gesellschaftlich-politische Theorie. Jürgen Habermas in der studentischen Protestbewegung der sechziger Jahre

von Gala Steinmann (Autor)

Seminararbeit 2009 16 Seiten

Rhetorik / Phonetik / Sprechwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. J. Habermas’ Rolle in der studentischen Protestbewegung

3. Analyse der Rede vom 9. Juni 19671
3.1. Historische Situation
3.2. Kommunikative Situation
3.3. Redeintention
3.4. Disposition
3.5. Argumentatio
3.6. Redestil

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die studentischen Protestbewegungen der sechziger Jahre zogen zahlreiche Diskussionen, Streitgespräche, öffentliche Reden, Demonstrationen und Proteste mit sich, die viele Verwirrungen, Fehldeutungen, Auseinandersetzungen, aber auch Veränderungen und politische Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit hervorriefen. Allerdings sind diese Ereignisse an dieser Stelle nur sekundär zu nennen, denn die Aufmerksamkeit soll hier viel mehr an das erweckte Interesse bzw. die Auseinandersetzung und dessen Folgen nicht nur der intellektuellen Aktivisten, sondern auch der Gelehrten gelegt werden. In diesem Zusammenhang fallen sofort bedeutende Namen, wie Herbert Marcuse, Walter Jens, Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Jürgen Habermas ein.

Folgend wird ausschließlich auf die Rolle eines der bekanntesten deutschen Philosophen, Soziologen und Polit-Theoretiker, Jürgen Habermas, in der studentischen Protestbewegung der sechziger Jahre eingegangen. Die rhetorische Analyse und kommunikativ- gesellschaftliche Interpretation seiner Rede vom 9. Juni 1967 über die politische Rolle der Studentenschaft in der Bundesrepublik Deutschland bildet den Schwerpunkt dieser Arbeit.

2. J. Habermas’ Rolle in der studentischen Protestbewegung

Im Rahmen der studentischen Protestbewegung setzte sich Jürgen Habermas stark mit dessen Ereignissen auseinander und unterstützte die revolutionären Studenten. Bevor aber die zentrale Bemühungen von Habermas zu dieser Zeit mit seiner zu analysierenden Rede vom 9. Juni über die politische Rolle der Studentenschaft in der Bundesrepublik Deutschland in Verbindung gebracht werden, ist auf die geschichtlichen Ereignisse vor diesem Zeitpunkt einzugehen, um einen inhaltlichen Rahmen für das Geschehen der 68ger Bewegung zu schaffen.

Der tabuisierte Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, der zu einer Kontinuität nach 1945 führte und die sehr langsame, man kann sogar, wenn auch mit Vorsicht, aber dennoch von einer fehlgeschlagenen Reeducation in der BRD sprechen, waren wohl die hauptsächlichen Auslöser der studentischen Revolte in den sechziger Jahren. Das folgende Zitat von Jürgen Habermas unterstreicht die eben erwähnte Situation in der damaligen Zeit.

„ In unserem Land, in das politische Institutionen der Freiheit nur nach Augenblicken der schlimmsten Niederlagen eingeführt worden sind, hat es eine natürliche Allianz zwischen westlichen Lebensformen und nationalen Identifikationen nicht gegeben. Die nationalen Gefühle waren aber nach dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes völlig erschöpft; sie haben seitdem legitime Formen des öffentlichen Ausdrucks nicht mehr gefunden.“2

Fakten wie die sämtlichen Wiedereinstellungen der Ehemaligen, von der nationalsozialistischen Vergangenheit zur damaligen Zeit immer noch geprägten Führungskräfte, Richter, Beamten und vor allem Professoren, die ihre Karriere an deutschen Universitäten weiterhin fortsetzen dürften, erschütterten die Studierenden. Statt einer Reeducation und Kommunikation herrschte Schweigen, Folgen dessen nach und nach in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens eindrangen und jegliche Aufarbeitung der NS- Zeit noch mehr blockierten.

Die gesamte Situation, nicht nur an den Hochschulen in der BRD, sondern auch weltweit hat Reaktionen aus verschieden Bereichen hervorgerufen. Mit den ersten Protesten und kritischen Meinungsäußerungen entstanden die ersten Diskussionen und Streitgespräche. Man begann, wenn auch gegen den Willen des damals herrschenden politischen Systems, frei zu kommunizieren. Theoretiker wie Herbert Marcuse, Walter Jens, Theodor W. Adorno, Jürgen Habermas stellten nun das benötigte theoretische Wissen der APO zu Verfügung, damit diese die Theorie und die Praxis erfolgreich umsetzte. Jürgen Habermas, der sich trotz seinen kritischen Auseinandersetzungen mit dem befassten Thema auf der Seite der Studenten sah, war der Meinung, dass eine Hochschulreform ohne materielle Wissenschaftskritik nicht möglich sei. In der studentischen Protestbewegung kritisierte er auf der einen Seite das Fehlen eines theoretischen Konzepts im studentischen Aktivismus, welches statt zur Verbindung von Theorie und Praxis zur ihrer Trennung führe, die Fehleinschätzung der Gefahren einiger Auslöser der Bewegung, die zu falschen Handlungsstrategien geführt haben und somit kontraproduktiv für das Ziel der Demokratisierung waren und die Verletzung der Legitimität, welche er u.a. in der Ausübung der manifesten Gewalt gesehen hat, die wiederum in der Überschätzung der eigenen Machtposition seitens der SDS lege. Auf der anderen Seite unterstützte Habermas die von den Aktivisten verfolgten Ziele, wie die der Politisierung der Öffentlichkeit und die Demokratisierung des politischen Lebens. Zu den Aufgaben der Bewegung zählte er das Kompensieren der Mängel im Staat und das Deklarieren des Fehlens einer fortschrittlichen Politik.

3. Analyse der Rede vom 9. Juni 1967

Die Rede vom 9. Juni 1967 über die politische Rolle der Studentenschaft in der BRD wurde auf einem Studentenkongress ›Hochschule und Demokratie‹ in Hannover von Jürgen Habermas gehalten. Der Adressat dieser Rede war ein intellektuelles Publikum, welches mit Ausnahmen der wenigen Professoren und anderen Gelehrten ausschließlich aus Studenten bestand. Der Redeanlass war die Ermordung von Benno Ohnesorg von einem Polizisten während der Anti- Schah- Demonstration vor der Berliner Oper am 2. Juni 1967. Die Redegattung der politisch- aufklärerischen Rede ist dem genus deliberativum zuzuordnen. Die folgende Analyse der Rede als eines der kommunikativen Elemente, gliedert sich in sechs Punkte, die aus der Erschließung der rhetorischen Settingbedingungen, der Redeintention, der Disposition der Rede, der Argumentatio, und dem Redestil bestehen.

3.1. Historisch- politische Situation

Die historisch- politische Situation, auf die Jürgen Habermas in seiner Rede vom 9. Juni 1967 eingeht, fand zu nächst einmal hauptsächlich auf zwei Ebenen statt. Die interne Ebene, auf der sich die Konflikte, die das System der Hochschule betrafen, abspielten und die externe Ebene, auf der die Konflikte von außerhalb auf die Hochschulen übergriffen und diese beeinflussten. Doch in den meisten Fällen der Protestbewegung lässt sich beobachten, dass es kaum Ereignisse gab, die sich nur auf der internen oder externen Ebene vorfanden. Diese vermischten sich so arg, dass man zum Teil die Übergänge gar nicht mehr erkennen kann. Es ist also vielmehr als ein sich immer wieder veränderndes Ganzes zu verstehen, Teile dessen in Bezug zu einander stehen.

Um sich nicht weiter in die Geschichte oder in ihr Modell zu vertiefen, sondern sich hauptsächlich auf die Rede und ihre Settingbedingungen zu konzentrieren, werden nun folgend nur die Ereignisse genannt, die für die Rede und ihre Inhaltspunkte von Bedeutung sind.

Die offene Intervention der USA 1965 in Nordvietnam sorgte weltweit für Entsetzen und zog zahlreiche Proteste, vor allem in den Hochschulen nach sich. In den Jahren 1965-1966 standen aufklärerische Aktionen gegen den Vietnam- Krieg an den Hochschulen auf der Tagesordnung. Im Februar 1966 kam es, als eine Reaktion und Protest auf den von Deutschland unterstützenden Vernichtungskrieg der USA, zu Protestmärschen und zu einer Demonstration, bei der das Amerika- Haus in Berlin mit Eiern beworfen wurde. Daraufhin beschloss die Leitung der FU Berlin ein politisches Versammlungsverbot zu verordnen, bei nicht Befolgung welchen den Studenten eine Zwangsexmatrikulation drohe. Doch nicht nur die internationalen Geschehnissen erschütterten die deutschen Studenten, sondern auch zwei innenpolitische Beschlüsse: die Einrichtung der Großen Koalition aus CDU/CSU und SPD im Mai und die Durchsetzung der Notstandsgesetze im Dezember 1966. Die SPD verlor den Glauben der bürgerlichen Gesellschaft und der Gedanke an einen Einparteistaat sorgte für vielerlei Entsetzen. Die Aufnahme der Notstandgesetze, die dem Staat in besonderen Situationen die volle militärische Kontrolle erlaubten und den Anspruch auf die Aufhebung der Grundrechte sicherten, durch die Große Koalition bestärkte nur noch den autoritären Gedanken. Viele Bürger fühlten sich ihrer Freiheit und Sicherheit beraubt und zweifelten stark an einem demokratischen Staat.

Am 1. Januar 1967 wurde die Kommune I, als Protest und bewusste Provokation von den autoritären Normen gegründet. Herbert Marcuse bezeichnete die Kommune I, als:

„die praktische Verbindung von politischen und individuellen Emanzipationszielen. [..] Die Gesellschaft und sich selbst von Grund auf zu verändern, soziale Gerechtigkeit und persönliches Glück zu verwirklichen, staatliche und familiäre Autorität zu bekämpfen…[…].“3

[...]


1 Rede s. Anhang

2 Habermas, Jürgen (1900): Die nachholende Revolution, Kleine politische Schriften VII. S. 162

3 Marcuse, Herbert (2004): Die Studentenbewegung und ihre Folgen. In: Nachgelassene Schriften. Bd.4., S. 53

Details

Seiten
16
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656384885
ISBN (Buch)
9783656386681
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v210873
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
2,0
Schlagworte
Rhetorik 1968 Habermas Protestbewegung Protest

Autor

  • Gala Steinmann (Autor)

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Titel: Rede und gesellschaftlich-politische Theorie. Jürgen Habermas in der studentischen Protestbewegung der sechziger Jahre