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Jonathan Safran Foers Roman "Extremely Loud & Incredibly Close", das Trauma durch 9/11 und die Wirkung der Fotografien

Hausarbeit 2012 15 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Die Wirkung der Fotografien auf den Leser: Unmittelbarkeit & Authentizität

3. Die Traumata in Extremely Loud & Incredibly Close
3.1. Oskar´s Trauma durch 9/11
3.2. Oskar´s Reise durch New York als Selbsttherapie

4. Die Darstellung von Oskar´s Trauma durch die Fotografien

5. The Falling Man

6. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Eine der erste Worthülsen, die für die Geschehnisse des 11. September 2001 gefunden wurde, ist >Trauma<.“[1], so beschreibt Christina Rickli die Medienberichterstattung rund um 9/11. Kein Wunder also, dass auch bei der medialen Umsetzung und Verarbeitung des Anschlages in der Literatur die Trauma-Thematik eine wichtige Rolle spielt. So hat auch Jonathan Safran Foer in seinem Roman Extremely Loud & Incredibly Close[2] einen traumatisierten 10-jährigen Jungen zum Protagonisten gemacht, der das Unglück und seine Folgen aus seiner persönlichen Sicht schildert, geprägt vom Verlust des Vaters. Obwohl der Roman sich nicht nur auf gewöhnliche narrative Strategien beschränkt, sondern zudem durch intermediale Bezüge an Tiefschichtigkeit gewinnt, stößt die Erzählung nicht bei vielen Kritikern auf Begeisterung. Nicht nur die Tatsache, dass 9/11 gerade einmal vier Jahre nach dem Anschlag von Foer thematisiert wurde, sondern auch die dem Roman zugefügten Fotografien, die das Geschehnis vom 11.September trivialisieren würden, stoßen bei vielen auf Ablehung:

[…] or is it the unique use of images, which – at least according to Julien Bringuier and

Madelena Gonzales - „tends to trivilalize the event by displacing it towards the purley

personal and anecdotal, emphasizing artificiality and the arbitrary“[3]

Dabei kommt gerade den Fotografien in dem Buch eine besondere Funktion zu, da sie Verweise auf Oskar´s traumatisierte Psyche geben und somit eine weitere, tiefere Bedeutungsebene öffnen.

Ziel der Arbeit ist es, zum Einen Oskar´s Trauma durch 9/11 zu begründen und die Eigentherapie, die seine Reise durch New York darstellt, vorzustellen und auf ihre Wirksamkeit zu prüfen. Im Anschluss sollen die Fotografien im Roman untersucht werden, um ihren meist nur implizit gegebenen Bezug zum Trauma aufzudecken.

Im ersten Teil der Arbeit wird zunächst die Wirkung der Fotografien auf den Leser vorgestellt, wobei zwischen Abbildungen die Unmittelbarkeit und welchen die Authentizität erzeugen, unterschieden werden kann. Besonders den Abbildungen die die Erzählung authentischer wirken lassen kommt eine wichtige Funktion hinsichtlich der kindlichen Erzählperspektive zu, wie in diesem Arbeitsschritt ebenso kurz erläutert werden soll. Anschließend wird Oskar´s Trauma durch die im Text vorhandenen Symptome beschrieben, um im nächsten Arbeitsschritt die Selbsttherapie Oskar´s zu skizzieren und auf ihre Wirksamkeit zu prüfen. Schließlich werden einige ausgewählte Beispielfotografien aus dem Roman vorgestellt, um ihren Zusammenhang zum Trauma durch 9/11 vorzustellen. Ein gesondertes Kapitel wird hierbei der Fotografie des fallenden Mannes zukommen, da diese bei Kritikern besonders viel Aufsehen erregte.

Obwohl sich Foer in dem Roman noch weitere visuelle Erzählweisen zu Nutze macht,wie beispielsweise typografische Veränderungen am Text und die Trauma-Thematik zudem durch multiperspektivisches Erzählen[4] erweitert, können in dieser Arbeit aus Platzgründen nicht alle Aspekte und Inhalte des Romans beleuchtet werden.

2. Die Wirkung der Fotografien auf den Leser: Unmittelbarkeit & Authentizität

Zunächst wird die Rezeptionsästhetische Wirkung der Fotografien auf den Leser betrachtet. Hierbei kann zwischen Abbildungen, die ein Gefühl von Unmittelbarkeit erzeugen und welchen, die aus dem wirklichen, öffentlichen Leben entnommen wurden und dem fiktiven Roman somit Authentizität verleihen, unterschieden werden. Zudem soll kurz aufgezeigt werden, inwiefern die Authentizität eine wichtige Rolle für das Funktionieren der kindlichen Erzählperspektive spielt.

Es gibt also einige Abbildungen in dem Roman, die den Leser glauben lassen genau das Gleiche zu machen oder zu sehen wie Oskar. Sie erzeugen sozusagen ein Gefühl von Unmittelbarkeit, durch das der Rezipient meint die Dinge zeitgleich mit dem Protagonisten zu erleben. Beispielsweise bekommt der Leser den gleichen Schmierzettel[5] zu sehen, wie der, den die Verkäuferin Oskar zeigt, als er im Schreibwarenladen auf Spurensuche nach seinem Vater ist. Als Oskar dann eine Seite später meint „I flipped back through the pad of paper [...]“[6], bekommt auch der Leser drei weitere Schmierseiten zu sehen, als würde er Oskar über die Schulter blicken. Wie Oskar kann der Rezipient dann nach den Worten „Thomas Schell“ Ausschau halten und vielleicht sogar mit ihm zusammen aufschrecken, sobald er den Namen auf dem letzten Schmierzettel entdeckt.

Auch wenn dem Leser das erste Mal ein Blick in Oskar´s Sammelalbum Stuff that happened to me gewährt wird, sagt Oskar kurz bevor die Bilderserie[7] beginnt: „I pulled Stuff that happend to me trom the space between the bed and the wall, and I flipped through it for a while [...]“[8] Auch hier hat der Rezipient das Gefühl zusammen mit Oskar in dem Album zu blättern.

Selbst die Briefe oder Visitenkarten, die der Junge im Laufe der Erzählung bekommt, werden abgebildet. Allerdings erhalten diese ihre Visualisierung nicht in Form eines Fotos, sondern durch Änderung des Schriftformats oder durch Einrahmung[9], also durch typografische Veränderungen.

Des weiteren gibt es, wie einleitend bereits erwähnt, Fotografien die der Erzählung Authentizität verleihen. Obwohl es sich um einen fiktionalen Roman handelt, hat Foer Fotos ausgesucht, die der öffentlichen Realität entnommen wurden und auf viele Leser einen Wiedererkennungseffekt haben, da vertraute Motive gezeigt werden. So wie die Abbildung auf S.241, die ein Fähren-Unglück zeigt, wie es sich wirklich ereignet hat und in der Medienberichterstattung auf CNN gezeigt wurde. Ebenso wird die Totengräber-Szene aus Hamlet auf S. 55 den meisten Lesern bekannt sein. Auch der Ausblick auf New York vom Empire State Buildung auf S.253 ist ein klassisches NewYork-Bild. Vermutlich werden die meisten den Schauplatz aus dieser Perspektive wiedererkennen, zumal wenn man weiß, dass der Roman in New York spielt. Oskar besucht Orte an dem der ein oder andere Leser vielleicht selbst schon gewesen ist. Auch entsprechen die geschichtlichen Ereignisse, z.B. der Anschlag von 9/11 der Realität. Da CNN, Hamlet, 9/11 oder New York keine Fiktion sind, sondern weltweit bekannte Fakten, wird die Authentizität des Erzählten erzeugt. Mit Hilfe dieser Authentizität kann die ausgedachte Geschichte von Oskar in einen narrativen Rahmen gebracht werden und für den Leser in Form einer realen Geschichte erscheinen.

Dennoch ist es wichtig, dass der Roman keine wirkliche Autobiographie ist, sondern trotz hoher Authentizität weiterhin Fiktion bleibt. Zwar wurde bisher kein Ereignis in der Nachrichtenberichterstattung so gut archiviert wie der 11.September, dennoch gibt es genügend Leerstellen, die die Medien offen gelassen haben.[10] So gibt es keine Berichte von Menschen, die in dem brennenden Gebäude waren oder mehr, als nur oberflächliche Aufnahmen trauernder Hinterbliebener. Erst die Fiktion ermöglicht es, diese Lücken zu füllen und die Geschichten von Trauernden oder Menschen im Gebäude zu erzählen.[11] Foer hat für seinen Roman einen kindlichen Erzähler mit „unschuldigen Blick“[12] gewählt, welches zusätzlich als wichtiges „Instrumentarium der Leserlenkung“[13] zu erwähnen ist, wie auch Evi Zemanek feststellt:

Gerade für die Thematisierung des 11. September erweist sich dieser Blick als Ausweg aus der

Verpflichtung, sofort (ver-)urteilen zu müssen. Ein Erwachsener könnte nicht einfach so persönlich

darüber schreiben, er müsste sich einerseits emotional distanzieren und andererseits zur Schuldfrage

äußern, er müsste unvermeidlich Position beziehen im größeren politischen Konflikt.[14]

[...]


[1] Christina Rickli: „Trauer- oder Traumageschichten? Amerikanische Romane nach 9/11“ (künftig: Rickli) , in: Repräsentationen des 11. September 2001 in kulturellen Diskursen, Literatur und visuellen Medien. Hrsg.: Sandra Poppe, Throsten Schüller und Sascha Seiler. Bielefeld: transcript, 2009: S.113.

[2] Jonathan Safran Foer: Extremely Loud & Incredibly Close (künftig: EL&IC), London: penguin books, 2006.

[3] Birgit Däwes: Ground Zero Ficiton – history, memory, and represantation in the American 9/11 novel Heidelberg: Winter, 2011: S.378

[4] Auch Oskar´s Großeltern sind seit dem Dresdner Bombenangriff 1945 durch den Verlust einer nahestehenden Person traumatisiert.

[5] EL&IC: S.45.

[6] Ebd.: S.46.

[7] Ebd.: S.53-67.

[8] Ebd.: S.52.

[9] Vgl. Ebd.: Beisipielsweise die Visitenkarten auf S. 4 oder die Karteikarten auf S.158

[10] Vgl. Evi Zemanek: „Trauerspielerein: Der 11. September aus kindlicher Perspektive. Jonathan Safran Foers Extremely Loud&Incredibly Close“ (künftig: Zemanek), in: Literatur der Jahrtausendwende – Themen, Schreibverfahren und Buchmarkt um 2000. Hrsg.: Evi Zemanek und Susanne Krones. Bielefeld: transcript, 2008.

[11] Vgl. Stefanie Hoth: Medium und Ereignis – 9/11 im amerikanischen Film, Fernsehen und Roman. (künftig: Hoth.) Heidelberg: Winter, 2011: S. 261

[12] Zemanek.: S. 4

[13] Zemanek: S. 4

[14] Zemanek: S. 4

Details

Seiten
15
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656385660
ISBN (Buch)
9783656386766
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v210943
Institution / Hochschule
Universität Augsburg – Literaturwissenschaften
Note
1.3
Schlagworte
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Titel: Jonathan Safran Foers Roman "Extremely Loud & Incredibly Close", das Trauma durch 9/11 und die Wirkung der Fotografien