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Prozess der Gentrifizierung am Beispiel von Berlins „Pregnant Hill – Prenzlauer Berg“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 24 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Bevölkerungsgeographie, Stadt- u. Raumplanung

Leseprobe

Inhalt

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen der Gentrifizierung
2.1 Definition
2.2 Theorie des Invasions-Sukzessions-Zyklus
2.3 Theorie des Nachbarschaftswandels

3. Gentrifizierung am Fallbeispiel Prenzlauer Berg
3.1 Historische Entwicklung des Ortsteils
3.2 Phasen der Gentrifizierung
3.2.1 Phase I
3.2.2 Phase II
3.2.3 Phase III
3.2.4 Phase IV

4. Auswirkungen der Gentrifizierung
4.1 Positive Effekte
4.2 Negative Effekte
4.3 Lösungsmöglichkeiten

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Invasions-Sukzessions-Zyklus

(Fritzsche, 2010)

Abbildung 2: Bezirke und Stadtteile Berlins

(Eigene Darstellung)

Abbildung 3: Veränderung der Sozialstruktur in Pankow

(TOPOS, 2010: 37)

Abbildung 4: Belastungsgrenzen Gebietsmiete und Berliner Mietspiegel

(TOPOS, 2010: 129)

1. Einleitung

„Die Aufgabe des Berliner Mietshauses mit seiner Mischung verschiedener Milieus zugunsten von Eigentumswohnungen wird den Charakter der Innenstadt Berlins nachhaltig verändern.“
(Gröschner 2012)

Gentrifizierung ist ein Thema, welches quantitativ häufiger im Volksmund, in Medien und der Politik auftaucht als in der Wissenschaft. Inflationär gebrauchte Stichworte wie „Yuppisierung“ und Verdrängung zeigen, wie stark emotional und subjektiv der Prozess der Gentrifizierung verstanden wird. Dabei sind oft auch soziale Konflikte die Folge.

Doch hinter diesem stadtsoziologischem Prozess stecken theoretische Inhalte, die selten eindeutig und nur schwer zu trennen sind. Mit Hilfe von wissenschaftlichen Ansätzen lassen sich viele Phänomene die im Zusammenhang mit Gentrifizierung stehen, erklären und prognostizieren. Dabei stellt die Gentrifizierung mehr als nur einen Austausch einer Bevölkerungsgruppe durch eine andere in einem Stadtviertel dar. Ferner verändert sich der kulturelle, soziale und ökonomische Rahmen und so wird der Charakter eines Bezirkes nachhaltig geprägt, wie auch das Zitat von Annett Gröschner zeigt, welche seit 1983 im Prenzlauer Berg wohnt.

Im Zuge dieser Seminararbeit möchte ich Gentrifizierung definieren und mit wissenschaftlichen Theorien darstellen. Um dies auch praktisch zu verdeutlichen, dient der Ortsteil Prenzlauer Berg in Berlin als ideales Beispiel. Als „Pregnant Hill“ umgangssprachlich bezeichnet, weißt er die typischen Merkmale auf und veranschaulicht verschiedenste Perspektiven des Prozesses. Darüber hinaus sollen vor allem auch Auswirkungen dieser strukturellen Wandlung eines Viertels erläutert werden, da sich neben den negativen Effekten auch ökonomische Chancen wie zum Beispiel für Bauinvestoren und der Stadt selbst bieten. Oft wird Gentrifizierung als selbst regulierender, unaufhaltsamer Prozess angesehen, doch können durch gezielte Maßnahmen einzelne Bevölkerungsgruppen vor der Verdrängung geschützt werden.

2. Theoretische Grundlagen der Gentrifizierung

2.1 Definition

Wie in vielen Forschungsfeldern, ist es auch bei der Gentrifizierung schwierig, sich auf eine festgelegte Definition zu einigen. Es gibt viele verschiedene Erklärungsversuche, manche sind eher kurz gehalten, manche stellen schon sehr detailliert das Phänomen dar. Nachfolgend möchte ich einige Definitionen vorstellen.

Der Begriff „Gentrification“ wurde 1964 erstmals von der britischen Soziologin Ruth Glass verwendet. Sie erkannte Gesetzmäßigkeiten, die den Wandel der Sozialstruktur in innenstadtnahen Gebieten beschreiben. Vor allem beschreibt sie erstmals das Phänomen dass im Gegensatz zu den klassischen stadtgeographischen Theorien, wie der Suburbanisierung, bei der Gentrifizierung Bevölkerungsgruppen mit hohem Einkommen Gruppen niederen Einkommens in der Innenstadt verdrängen (vgl. Glass, R., 1964).

Jürgen Friedrichs, ein bekannter deutscher Soziologe, sieht Gentrifizierung als „Austausch einer statusniedrigen Bevölkerung durch eine statushöhere Bevölkerung in einem Wohngebiet“. In dieser Definition wird allerdings auf den wesentlichen Punkt der Renovierungs- und vor allem der Sanierungsarbeiten, sprich der Modernisierung der Bausubstanz gar nicht eingegangen (vgl. Friedrichs et. al., 1996). Dieser Ansatz ist daher nicht vollständig als Definition zu sehen. Gentrifizierung ist ein komplexes Phänomen, welches zusätzlich zu der sozialen Aufwertung auch die bauliche Aufwertung (Sanierungen, Neubauten), die funktionale Aufwertung (neue Geschäfte und Dienstleistungen, Angebotserweiterung) und die symbolische Aufwertung einschließt (Medienpräsenz, positive Kommunikation, Schaffung vonLandmarks) (vgl. Krajewski, C., 2004). Ein weiteres wichtiges Merkmal der Gentrifizierung ist die Wandlung der Nutzform der Wohnungen von Mietwohnung zu Eigentumswohnung, welche durchaus auch in der Definition erwähnt werden kann.

Gentrifizierung kann durch zwei Theorien besonders gut erklärt werden. Beide Theorien sollen nachfolgend erläutert werden, um dem Verständnis näher zu kommen.

2.2 Theorie des Invasions-Sukzessions-Zyklus

Aufgrund der Komplexität des Gentrifizierungsprozesses ist es schwer, das Phänomen mit wenigen Modellen in seiner ganzen Fülle zu erklären. Für die Darstellung des Schwerpunktes, dem Bevölkerungsaustausch hingegen, eignet sich die Theorie des Invasions-Sukzessions-Zyklus sehr gut.

Wie der Name schon verrät, gibt es bei dieser Theorie das Vorrücken und Nachrücken von Bevölkerungsgruppen. Ein Teil einer Gruppe B zieht in ein Wohngebiet der Gruppe A (Invasion), dabei nimmt der Anteil der Gruppe A stetig ab und der Anteil der Gruppe B steigt (Sukzession). Am Ende des Prozesses wird die Mehrheit der Haushalte (mindestens 75 %) von der Gruppe B gestellt. Dieses erste Konzept zum Wandel ethnischer Gruppen in Vierteln wurde in den 20er Jahren in Nordamerika entwickelt (vgl. Friedrichs et. al., 1996).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Invasions-Sukzessions-Zyklus (Fritzsche, 2010)

Beim Invasions-Sukzessions-Zyklus wird als Grundüberlegung vorausgesetzt, dass das Untersuchungsgebiet eine homogene Bevölkerungsstruktur aufweist. Dies ist in der Realität aber selten der Fall, deshalb beschränkt man die Homogenität auf die bauliche Substanz des Gebietes, dabei kann die Bevölkerungsgruppe zu gewissen Teilen eine diversifizierte Bevölkerungsstruktur aufweisen (vgl. Fritzsche, 2010).

Der Prozess teilt sich in sieben Phasen ein, welcher mit der Vorphase, auch Invasionsphase 1 der Pioniere genannt, beginnt. Der Anteil der einkommensschwachen Bevölkerung stellt die Mehrheit. Einige wenige Pioniere ziehen in das Gebiet. Pioniere sind Menschen mit höherem Bildungsabschluss, aber wenig Geld (siehe Tabelle 1).

Tabelle 1: Merkmale Pioniere und Gentrifier

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eigene Darstellung (Peña, 2009: 11)

In der zweiten Phase (Invasionsphase 2 der Pioniere) steigt der Anteil der Pioniere in dem Viertel stark an. Durch die Pioniere geprägt, bildet sich eine gewisse Subkultur, die wiederum weitere Pioniere anzieht. Dabei richtet sich das Angebot von Geschäften und Dienstleistungen nach der Subkultur aus: Es entstehen Second-Hand-Läden, Kneipen et cetera (vgl. Friedrich, K., 2000). Der Anteil der ärmeren Bevölkerung und der restlichen Bevölkerung (zum Beispiel ältere Personen) nimmt dabei ab. Dabei stellt der Höhepunkt der Phase den Austausch der Mehrheiten da. Die Pioniere stellen inzwischen die Mehrheit und sind somit stärker vertreten, als die einkommensärmeren Schichten. Dieser Punkt wird auch als „Imagewandel des Quartiers“ bezeichnet.

Die dritte Phase im Invasions-Sukzessions-Zyklus ist die entwicklungsreichste. Auf der einen Seite ist sie dritte Invasions-Phase der Pioniere, der Anteil der Pioniere im Viertel ist an seinem Höhepunkt. Sie nehmen mehr als 50 Prozent ein. Auf der anderen Seite ziehen die Minoritäten und einkommensschwachen Schichten aus dem Gebiet fort. Da sich der Prozess über mehrere Jahre vollzieht, entwickeln sich auch die Pioniere. Aufgrund ihres hohen Bildungsabschlusses verdienen sie in ihren jeweiligen Berufen mehr Geld. Damit steigen auch ihre Ansprüche hinsichtlich der Qualität ihrer Wohnungen.

Exkurs: Nach der Rent-Gap Theorie aus dem Jahre 1979 von dem Geographen Neil Smith erhöht sich die Differenz zwischen den aktuellen Mieteinnahmen und denen, welche potentiell erzielt werden könnten. Die Nachfrage von den inzwischen besser verdienenden Pionieren nach qualitativ besseren Wohnungen steigt. Die Eigentümer werden also nach der Rent-Gap Theorie die Wohnungen sanieren um höhere Mieteinnahmen zu erzielen und somit auch den Anteil ihres Gewinnes zu maximieren. Dieser Prozess setzt in dieser Phase ein (vgl. Friedrichs et al., 1996).

Weiterhin kommt in dieser Phase eine neue Gruppe hinzu: Die Gentrifier ziehen in das Gebiet. Wie aus Tabelle 1 auch ersichtlich, sind sie eine wohlhabendere Schicht (kreditwürdig) und meist auf Familiengründung ausgerichtet, also mittleren Alters. Hier setzt also zu der Invasion der Pioniere, welche längst abgeschlossen ist, die Sukzession der Gentrifier ein (vgl. Fritzsche, 2010).

In der vierten Phase (Invasionsphase 2 der Gentrifier) steigt der Anteil der Gentrifier, dies wiederum „zerstört“ die Subkultur der Pioniere. Zwischen den Pionieren und Gentrifier liegt ein Interessenskonflikt vor, da Gentrifier aber ökonomisch besser gestellt sind, werden ihre Interessen bevorzugt. Sie ziehen fort. Die Minoritäten und einkommensschwachen Schichten sind nur noch marginal vertreten, ihr Anteil sinkt weiter. Der „point of no return“ ist erreicht, in dem Viertel mehr Gentrifier als Pioniere leben, man spricht auch vomtipping point. Das Gebiet gilt jetzt als „umgekippt“ und nicht mehr umkehrbar (vgl. Peña, 2009).

Die Gentrifizierung ist in ihren letzten Zügen. Der Prozess fast voll ständig abgeschlossen. In der Endphase wird die Differenz zwischen Pionieren und Gentrifier noch größer, die Gentrifier nehmen mehr als 75 Prozent ein (vgl. Friedrichs et al., 1996).

2.3 Theorie des Nachbarschaftswandels

Während die Gentrifizierung den Invasions-Sukzessions-Zyklus vollständig darstellt, ist sie bei der Theorie des Nachbarschaftswandels nur ein bestimmter Teil. Der Nachbarschaftswandel beschreibt den Wandel eines Wohngebietes durch mehrere Phasen über längere Zeiträume. Hoover und Vernon (1959) haben den Grundstein gelegt, Birch (1971), Guest (1974), Downs (1981) und Ottensmann (1975) beziehen sich in späteren Ausarbeitungen auf Hoover und Vernon und entwickelten ihr Modell weiter. In der Abbildung 2 sind genannte Modelle in ihren Phasen beschrieben. Die Phasen liegen einer regelmäßigen Abfolge zu Grunde, die Unterschiede der einzelnen Modelle sind lediglich jeweilige Merkmale die sich leicht unterscheiden können.

Gentrifizierung wird in dem Modell des Nachbarschaftswandels bei Hoover und Vernon in der vorletzten Phase, bei Birch in der letzten Phase geschildert. In dieser Phase wird auf die für die Gentrifizierung wichtiger Merkmale eingegangen. Sechs verschiedene Indikatoren zeigen dies auf:

- Alter der Gebäude
- Durchschnittliche Miete
- Anteil der Wohnungseigentümer
- Anteil der Minoritäten im Wohngebiet
- Durchschnittliches Einkommen der Bewohner
- Alter der Bewohner
(vgl. Friedrichs et al., 1996)

Wie zu erkennen, geht die Theorie des Nachbarschaftswandels nicht nur auf Bevölkerungsstruktur ein (Verschiebung des Anteils von Statusniedriger Bevölkerung, Minoritäten, Pioniere und Gentrifier), sondern auch auf den für die Gentrifizierung bedeutsamen Wandel der baulichen Substanz (siehe Definition von Krajewski in Kapitel 2.1).

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Details

Seiten
24
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656393306
ISBN (Buch)
9783656394471
Dateigröße
800 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v211104
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt – Wirtschaftsgeographie
Note
1,3
Schlagworte
prozess gentrifizierung beispiel berlins pregnant hill prenzlauer berg

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Titel: Prozess der Gentrifizierung am Beispiel von Berlins „Pregnant Hill – Prenzlauer Berg“