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Hauptsatzwortstellung im Nebensatz

Zur Beobachtung eines sich verstärkenden Phänomens unserer Sprache

Hausarbeit 2011 17 Seiten

Deutsch - Deutsch als Fremdsprache / Zweitsprache

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Verb
2.1 Finite und infinite Verbformen
2.1.1 Das finite Verb
2.1.2 Das infinite Verb
2.2 Stellungstypen des finiten Verbs
2.2.1 Zweitstellung
2.2.2 Erststellung
2.2.3 Endstellung

3 Die Hauptsatzwortstellung im Nebensatz
3.1 Sachverhalt
3.2 Synonyme Verwendung mit dem Begriff Anakoluth?
3.3 Gründe
3.3.1 Historisch
3.3.2 Dialektal
3.3.3 Unterscheidung Schriftsprache und gesprochene Sprache
3.3.6 Lückenhafte Behandlung in Grammatiken?
3.4 Folgen

4 Schluss

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Betrachtet man die Sprachverwendung in alltäglichen Gesprächen, so entdeckt man unschwer Konstruktionen, die von der standardsprachlichen Norm abweichen.“[1] Die deutsche Syntax ist komplex. Vor allem Nicht- Muttersprachlern fällt es schwer, alle Satzteile an die richtige Stelle zu bringen. Aber auch Muttersprachler sind oftmals mit der Reihenfolge überfordert. Aufgrund mehrer Möglichkeiten der Stellung des Verbs in einem Satz, entsteht oft eine gewisse Unsicherheit bezüglich der grammatikalisch richtigen. Die Hauptsatzwortstellung wird von den meisten beherrscht, leider ist diese zunehmend auch im Nebensatz zu vernehmen, was eine Fehlkonstruktion darstellt. Dies ist zunächst ein Phänomen, das hauptsächlich in der gesprochenen Sprache auftritt. Aber genau wie alle zunächst sprechsprachlichen Veränderungen, greift auch dieses langsam auf die Schriftsprache über. Daher lautet das Thema der vorliegenden Arbeit: Die Hauptsatzwortstellung im Nebensatz.

Zuerst wird das Verb hinsichtlich seiner Finitheit analysiert und beschrieben. Dadurch wird gewährleistet, dass dem Leser ein Einstieg in das Thema ermöglicht wird. Danach sollen die verschiedenen Stellungstypen des finiten Verbs erläutert werden, da diese von zentraler Bedeutung für den weiteren Verlauf der Arbeit sein werden. Grundlage für diese Untersuchungen bilden verschiedene Grammatiken sowie die Dissertation Ulrike Gaumanns berufen, die auch im weiteren Verlauf als Basis für meine Beschreibungen dienen wird.

Somit sollten alle notwendigen Grundlagen dafür gelegt sein, im nächsten Teil das Problem der Hauptsatzstellung im Nebensatz darzustellen. Dazu wird zunächst der Sachverhalt geklärt. Die genauen Gegebenheiten dieses besonderen Phänomens werden beschrieben, ehe eine genaue Begriffseinordnung unter der Leitfrage, ob die Hauptsatzstellung im Nebensatz synonym mit dem Begriff „Anakoluth“ verwendet werden kann, geklärt wird. Danach sollten alle Weichen gelegt sein, die Gründe für die Hauptsatzwortstellung im Nebensatz darzulegen. Diese sind viererlei: Sie können historischen oder dialektalen Ursprungs sein, auf den Unterschied zwischen der gesprochenen und der geschriebenen Sprache zurückzuführen sein, oder auf eine mangelnde Erwähnung in den Grammatiken zurückzuführen sein. Anschließend soll auf die Folgen, die die Hauptsatzwortstellung im Nebensatz mit sich tragen könnte eingegangen werden.

2 Das Verb

Es ist bekannt, dass das Verb an sich nicht so einfach abgehandelt werden kann. In der Dudengrammatik wird beispielsweise zwischen „einfachen und mehrteiligen Verbformen“ unterschieden.[2] Die erste Kategorie wird nochmals in finite und infinite Verben unterteilt. In seinem Grammatischen Kompendium zählt Kürschner die „Finitheit“ zu den „Grammatischen Kategorien des Verbs“.[3] Diese Unterteilung soll nun im zentralen Fokus stehen.

2.1 Finite und infinite Verbformen

2.1.1 Das finite Verb

Die Bedeutung des Wortes finit stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „bestimmt“. Die Definition einer „finite[n] Form“ im Duden Fremdwörterbuch lautet: „in Person und Zahl bestimmte Verbform im Unterschied zum Infinitiv und Partizip.“[4] Wenngleich diese Definition nicht sehr ausführlich ist, so ist sie doch in ihrer Aussage direkt und aufschlussreich. Auch Kürschner verweist auf „Person und Numerus“ er fügt jedoch in Klammern hinzu, dass solche Verben „auch hinsichtlich Tempus, Modus und Diathese[5] [...] bestimmt“ sind.[6] Im Grammatikduden wird auch auf diese vier Kategorien eingegangen, interessanterweise wird hier außerdem davon gesprochen, dass „Person und Numerus des finiten Verbs [...] durch das Subjekt des Satzes bestimmt [sind ... und] damit zur Verdeutlichung der syntaktischen Struktur des Satzes“ beitragen.[7] Diese Information ist sehr wichtig für diese Arbeit, da der Bruch der syntaktischen Strukturen behandelt werden soll. Sie gibt Aufschluss darüber, dass es klare syntaktische Regeln bezüglich der Verbstellung im Satz gibt.

Johannes Erben führt in seinem Buch mit dem Titel Deutsche Grammatik einen Abschnitt über „Das Problem der »Satzglieder«“ an, in dem er das finite Verb als „Grundglied der Hierarchie des deutschen Satzes“ tituliert. Er spricht ihm eine Reihe verschiedener Funktionen zu:

„Sein Wortinhalt (Begriff) ist maßgebend für den sprachlichen Aufschluß einer Situation als »Seins«- oder »Verhaltens«- Bestimmung. Von seiner »Wertigkeit« (»Valenz«, »Fügungspotenz«) hängt es ab, welche Ergänzungsbestimmungen (»Mitspieler«) im Felde des Satzes notwendig oder möglich sind. So ergeben sich bestimmte Grundmodelle des deutschen Satzes, häufig wiederkehrende syntaktische Ketten oder Grund-Programme mit situationsbedingten Ausbauvarianten.“[8]

2.1.2 Das infinite Verb

Auch das Wort infinit ist dem Lateinischen entsprungen, die Bedeutung verändert sich aufgrund des Präfix - in. Insofern wird dem Wort finit nun ein -in hinzugefügt und somit ergibt sich die Wortbedeutung „unbestimmt“.[9] Infinit ist somit das Antonym des Wortes finit. Wie aus der Definition des Wortes finit zu erschließen ist, treten diese Verben im Infinitiv oder Partizip auf.[10] Sowohl Verbformen, die im Partizip I (Partizip Präsens) als auch solche, die im Partizip II (Partizip Perfekt) auftreten werden als infinit bezeichnet. Die Dudenredaktion und Kürschner gleichermaßen treffen eine weitere Unterscheidung. Für sie gibt es „Varianten“ zu dem „’reine[n] Infinitiv’“ und dem „gewöhnlichen Partizip I“, die als „zu-Infinitv“ (zu geben) und „zu-Partizip“[11] (zu gebend -) bezeichnet werden.[12]

Infinite Verben stellen außerdem den Grundbaustein für die Bildung mehrteiliger Verben dar. Diese nämlich „bestehen aus (mindestens) einem Hilfsverb (haben, sein oder werden) und einer infiniten Form (Infinitv oder Partizip II) eines Vollverbs (i.w.S.).“[13] Diese zusammengesetzten Verben können dann jedoch nicht mehr als infinit betrachtet werden, sondern sind wieder finit, da ihnen wieder Person und Zeit hinzugefügt werden.

2.2 Stellungstypen des finiten Verbs

Laut Glück / Sauer gibt es im Deutschen drei verschiedene Satzstellungstypen für das finite Verb.[14]

2.2.1 Zweitstellung

Wie der Begriff „Zweitstellung“ bereits erahnen lässt, steht das Verb an zweiter Stelle des Satzes. Diese Stellung ist bei verschiedenen Satzgebilden vorzufinden. Am häufigsten ist sie wohl beim konstativen Hauptsatz zu vernehmen: „Er liest das Buch heute.“ Des Weiteren kommt sie in Entscheidungs- oder Ergänzungsfragen vor: „Was liest er?“. Eine weitere Möglichkeit, das Verb an zweiter Stelle des Satzes anzusiedeln, tritt dann auf, wenn ein uneingeleiteter Nebensatz verwendet wird: „Ich denke, er liest das Buch.“ Hierbei ist wichtig, dass man seinen Fokus lediglich auf den Kernsatz legt, da hier die Zweitstellung vorzufinden ist und der Satz separat betrachtet werden muss.[15]

2.2.2 Erststellung

Dieser Stellungstyp wird auch als „Spitzenstellung“ bezeichnet.[16] Hier befindet sich das Verb an erster Stelle des Satzes. Gaumann schreibt diese Stellung fünf Satztypen zu. Die Entscheidungsfrage ist einer davon. Diese Art, Fragen zu stellen, wird direkt mit dem Verb eingeleitet, dieses steht also an erster Stelle des Satzes: Liest er das Buch?“ Auch Imperativsätze, also Sätze, die Aufforderungen/Befehle enthalten, bergen ihr Verb an erster Stelle: Lies das Buch!“ Zu nennen ist überdies der „uneingeleitete Nebensatz (kausaler Angabesatz in Vorfeldstellung)“: Liest er das Buch nicht, so gibt er es bald zurück.“ Auch wenn der Nebensatz im Vorfeld zu finden ist, wird die Erststellung benützt: „Wenn er Zeit hat, liest er das Buch.“ Schließlich auch bei Wünschsätzen muss das Verb an erster Stelle stehen: „ Läse er das Buch doch!“.[17]

2.2.3 Endstellung

Gaumann und Erben nennen diesen Stellungstyp „Endstellung“[18], die Dudengrammatik bezeichnet den ganzen Satz als „Verbletztsatz“[19]. In dieser ist auch zu lesen, dass diese Art der Verbstellung in der Regel nur in Nebensätzen vorzufinden ist. Um dies zu belegen, werden verschiedene Arten von Nebensätzen vorgestellt. Dazu zählen: „die meisten Relativsätze: [...] Das ist das Buch, auf dessen letzter Seite ich das Zitat fand. [...], w-Fragenebensätze [...] und Ausrufenebensätze: [...] Ich frage mich, welches Buch ich kaufen soll. und Subjunktionalsätze: Bis der Bus kommt, liest Otto seine Zeitung.“[20]

Johannes Erben geht noch ein wenig ausführlicher auf die verschiedenen Arten von Nebensätzen ein. Er bezeichnet Nebensätze als „unselbständige (Glied-)Sätze“ und stellt ein komplettes „charakteristische[s] Satzschema[...]“ vor:

„Die Satzspitze ist einem pronominalen oder konjunktionalen Anschlußstück vorbehalten, das die Verbindung zum übergeordneten Satz herzustellen und den funktionalen Charakter des Gliedsatzes anzudeuten hat (z.B. wer, damit, ob, weil); das Satzende ist dem finiten Verb zugewiesen: Ich weiß nicht, wer (oder: ob er) jetzt dort wohnt (abhängiger Fragesatz ß Wer wohnt jetzt dort? Wohnt er jetzt dort?). Die Kinder freuen sich, weil der Vater ihnen Äpfel geschenkt hat (Kausal- oder Begründungssatz). Er eilt, damit er den Anschlusszug noch erreichen kann (Final- oder Zwecksatz).“[21]

Bei diesem Zitat ist auffällig, dass Erben direkt auf die verschiedenen Arten von Nebensätzen eingegangen ist. Diese Beispiele sind von enormer Wichtigkeit für diese Arbeit. Für Susanne Günther nämlich, spielen diese eine entscheidende Rolle. Sie ist der Meinung, dass die Hauptsatzstellung überwiegend in Nebensätzen vorkommt, die mit weil oder obwohl eingeleitet werden.[22] Darauf wird im weiteren Verlauf dieser Arbeit näher eingegangen werden.

Abschließend anzumerken ist, dass es eine einzige Ausnahme gibt, bei der die Verbendstellung nicht im Nebensatz angewendet wird. Diese tritt laut Gaumann dann auf, wenn „der irreale Komparativsatz mit als auftritt: Es scheint so, als läse er das Buch.“[23]

3 Die Hauptsatzwortstellung im Nebensatz

3.1 Sachverhalt

Der erste Teil dieser Arbeit handelte von den verschiedenen Möglichkeiten der Ansiedlung des finiten Verbs im Satz. Überdies hinaus existieren neben diesen grammatisch korrekten Formen auch Abwandlungen davon. Diese sind nicht als grammatisch korrekt zu beurteilen, aber doch oft in der alltäglichen Sprache zu finden.

Gaumann bietet in ihrer Dissertation verschiedene Beispiel, die demonstrieren, wie genau sich die Hauptsatzwortstellung im Nebensatz ereignet:

Sie können nicht hinein, weil: da ist jetzt zu.“ (Einleitung durch weil)[24]

„Ich hab die Bilder mitgebracht, obwohl: du hast sie doch schon gesehen.“ (Einleitung durch obwohl)[25]

„Mit dem einen Nachhilfeschüler komm ich ganz gut zurecht, während: mit dem Bruder ist es ziemlich schwierig“ (Einleitung durch während)[26]

„Ich hab die Fenster mal abgedichtet, weil: sonst zieht es immer so.“ (Translativ-Kombination)[27]

Dieses Phänomen der Hauptsatzstellung im Nebensatz ist nicht nur „in der informellen Umgangssprache“ wahrzunehmen. Mittlerweile sind solche Sätze auch aus den Mündern von „Nachrichtensprecher/inne/n [zu vernehmen], die ja als Vertreter/innen der Standardsprache gelten.“[28] Dazu hat Günther verschiedene Sequenzen aus Interviews und Zeitungen für den gebildeten Leser gefunden. Ein Beispiel, das sie aus der Süddeutschen Zeitung vom 9.10.1998 zitiert, ist folgendes:

[...]


[1] Günther 2008: 103.

[2] Duden Grammatik 2009: 430.

[3] Kürschner 2008: 99.

[4] Duden Fremdwörterbuch 2007: 325.

[5] Den Begriff „Diathese“ setzt Kürschner mit „Genus Verbi“ gleich und verwendet ihn stattdessen. Er zählt ihn auch zu den „grammatische[n] Kategorie[n] des Verbs.

[6] Kürschner 2008: 99.

[7] Duden Grammatik 2009: 429.

[8] Erben 1977: 148f.

[9] Stowasser 2006: 261.

[10] Vgl. Duden Fremdwörterbuch 2007: Wortdefinitionen zu finit und infinit auf den Seiten 324 und 452.

[11] Diese Untergliederung gilt jedoch lediglich für das Partizip I, dem Partizip II (gegeben) kann gewiss kein zu vorangestellt werden.

[12] Duden Grammatik 2009: 430 (siehe auch Kürschner 2008: 99f, dieser gebraucht lediglich andere Bezeichnungen, er verwendet „pur“ anstelle von „rein“).

[13] Ebd.

[14] Vgl. Glück/Sauer 1990: 44.

[15] Gaumann 1983: 4f.

[16] Vgl. Erben 1977: 148.

[17] Gaumann 1983: 6.

[18] Ebd.: 6 und Erben 1977: 143.

[19] Duden Grammatik 2009: 864.

[20] Ebd.: 864f.

[21] Erben 1977: 143.

[22] Günther 2008: 104.

[23] Gaumann 1983: 6f.

[24] Ebd.: 38.

[25] Ebd.: 44f.

[26] Ebd.: 46.

[27] Ebd.: 48f.

[28] Günther 2008: 121.

Details

Seiten
17
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656393139
ISBN (Buch)
9783656393511
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v211224
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
2,3
Schlagworte
hauptsatzwortstellung nebensatz beobachtung phänomens sprache

Autor

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Titel: Hauptsatzwortstellung im Nebensatz