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Brasilien im IBSA-Dialogforum

Chancen und Grenzen einer plurilateralen Strategie

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 24 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Mittel- und Südamerika

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Forschungsinteresse
Quellen und Quellenkritik
Theoretischer Rahmen

Historischer Hintergrund & Entstehung des IBSA-Dialogforums
Süd-Süd-Kooperationen
Gründung des IBSA-Dialogforums

Ziele des IBSA-Dialogforums
Ausbau der wirtschaftlichen Kooperation & Handelsbeziehungen
Positionierung in den Internationalen Beziehungen
Umstrukturierung der Internationalen Beziehungen und Institutionen
Erhöhung des Lebensstandards & Entwicklungshilfe

Erfolge des IBSA-Dialogforums
Ausbau der wirtschaftlichen Kooperation & Handelsbeziehungen
Positionierung in den Internationalen Beziehungen
Umstrukturierung der Internationalen Beziehungen und Institutionen
Erhöhung des Lebensstandards & Entwicklungshilfe

Strategie und Positionierung Brasiliens innerhalb des IBSA-Dialogforums

Abgrenzung zur Gemeinschaft der BRICS-Staaten

Prognose & Conclusio

Quellen.

Einführung

Forschungsinteresse

Auf der Basis von internationalen Gesprächen zwischen Indien, Brasilien und Südafrika, welche 2003 stattfanden, entstand das IBSA-Dialogforum zur Koordinierung der Zusammenarbeit jener Schwellenländer. Jedoch ist nicht nur die interne Kooperation zwischen den aufstrebenden Nationen erklärtes Ziel der regelmäßigen Treffen, sondern auch eine gemeinschaftliche Kommunikation und Partnerschaft zu anderen internationalen Organisationen.

An diesem spannenden Zusammenschluss geografisch doch so weit entfernter Länder innerhalb der IBSA-Initiative fällt insbesondere eine verbindende Gemeinsamkeit auf: die jeweilige Führungsposition der beteiligten Staaten innerhalb der eigenen Region, gekoppelt mit dem Wunsch nach einer weiteren Einbindung in den Weltmarkt und die Weltpolitik sowie nach einer Machtsteigerung. Auf jenen grundlegenden Informationen aufbauend, formulierte ich meine erste, einführende Forschungsfrage wie folgt:

I. Welche Strategie verfolgt das IBSA-Dialogforum im Sinne internationaler Kooperation zur Machtsteigerung? Welche Ziele wurden verfolgt, welche erreicht?

Schnell allerdings drängen sich Fragen darüber auf, ob ein Zusammenschluss mehrerer mächtiger Schwellenländern neben vielen offensichtlichen Vorteilen, wie der stärkeren internationalen Präsenz, auch Nachteile, beispielsweise durch den Verlust von Autorität, Autonomie und Handlungsfreiheit, für den Erfolg der jeweils einzelnen Nationen bringen könnte. Sich gegen jenes Risiko abzusichern ist Aufgabe eines jeden Nationalstaates. Aufgrund dessen lautete meine zweite Forschungsfrage:

II. Welche Strategie verfolgt Brasilien innerhalb des IBSA-Dialogforums? Wie versucht der Staat seine Rolle und Position in dem Zusammenschluss zu stärken?

Abschließend sollte sich ein Kapitel mit den offensichtlichen Überlappungen des IBSA-Dialogforums und der BRICS-Staaten beschäftigen. Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Ziele und Strategien waren herauszuarbeiten. Da es bei Kooperationen und Treffen jener Art stets auch um Ressourcen geht, wurde die dritte Forschungsfrage bewusst provokativ formuliert:

III. Inwiefern hat das IBSA-Dialogforum überhaupt eine „Existenzberechtigung“ neben den jährlich stattfindenden Treffen der BRICS-Staaten?

Jene Leitfragen dienten mir als Grundkonstrukt für meine vorliegende Arbeit. Um sie allerdings in fundierter Weise beantworten zu können, stellte ich drei Kapiteln, welche sich mit der Beantwortung der angeführten Forschungsfragen beschäftigen, einen historischen Abriss voran, der ermöglichen sollte, die Entstehung des IBSA-Dialogforums zu verstehen. Hierbei sollen im Allgemeinen internationale Voraussetzungen zur Entstehung von Süd-Süd-Kooperationen, sowie im Speziellen spezifische Einflüsse auf das brasilianische Engagement in diesem Bereich betrachtet werden. Ebenfalls wichtig schien mir, kurz zu umreißen, welche Projekte das IBSA-Dialogforum in naher Zukunft in Angriff zu nehmen gedenkt sowie in Angriff nehmen sollte und welche prognostischen Aussagen diesbezüglich getroffen werden können. Dies ist ein zentrales Thema der abschließenden Conclusio.

Quellen und Quellenkritik

Bei der Beantwortung der Forschungsfragen ging ich qualitativ und hermeneutisch vor. Ich wertete sowohl deskriptive Sekundärliteratur aus, als auch verfügbare Reden, Kooperationsberichte und Protokolle. Wenn ich, aufgrund der mangelhaften Datenlage, auf Artikel aus Massenmedien zurückgreifen musste, ging ich natürlich mit besonderer Vorsicht und Kritik vor und wies gegebenenfalls auf die Unsicherheit der Datenlage hin.

Da die Objektivität ein wesentliches Gütekriterium wissenschaftlichen Vorgehens ist, sei darauf hingewiesen, dass die nicht allzu ergiebige Datenlage bedingte, dass ein großer Teil der Quellen von Befürwortern des IBSA- Dialogforums stammt. Um jenes Faktum zu illustrieren seien Puri und seine MitautorInnen (2007: S.472) zitiert, die konstatierten: „[…] the IBSA Dialogue Forum is impressive by any standard […]“. Selbstredend distanzierte ich mich von einseitigen Aussagen wie jenen und war stets bemüht, die Statements relativierend und neutral zu sehen. Nichtdestotrotz darf bei der Lektüre der Arbeit nicht vergessen werden, dass es sich bei jener um einen zwar gut recherchierten Einstieg in die Thematik handelt, dass die zugrundeliegende Literatur aber kein vollständiges Abbild der Wirklichkeit liefern konnte.

Theoretischer Rahmen

Der Bearbeitung meiner Forschungsfragen voranstellen möchte ich, über jene einführenden Worte hinaus, eine kurze Darlegung des theoretischen Hintergrunds, der meiner Seminararbeit zugrunde liegt, da jener durchaus die Art und Weise meiner Interpretationen beeinflussen und leiten wird. Ich möchte der Thematik aus einem neo-realistischen Standpunkt entgegentreten. Es ist weithin bekannt, dass der Neo-Realismus ebenso wie der ursprüngliche Realismus nach Morgenthau zu den Akteurstheorien zählt, „die das innerstaatliche Verhalten, seine Gründe und Dynamik durch die Strukturen von Anarchie und Polarität im internationalen Staatsgefüge zu erklären versuchen“ (Vujacic, 2007: S.4). Diese Herangehensweise ist mir nicht nur aufgrund der pragmatischen Gegenwartsorientierung sehr sympathisch, sondern erschien mir auch aufgrund der Fokussierung auf Machtbeziehungen sehr passend. Ganz im Gegensatz zu einer idealistischen, optimistischen und eventuell naiv anmutenden Sichtweise, die vor dem Zweiten Weltkrieg typisch für das Fachgebiet der Internationalen Beziehungen war, konstatierte bereits der Realismus nach Morgenthau, der nach jenem Krieg boomte, dass das höchste Ziel eines Staates jenes der nationalen Sicherheit sei und dass, schon allein aus jenem Selbsterhaltungsbedürfnis heraus, jeder Staat nach Macht strebe (Vgl. Lemke, 2011: S.15-16). Die Schlussfolgerung, dass internationale Politik zwangsläufig Machtpolitik sei, erscheint in Anbetracht der zuvor getätigten grundlegenden Überlegungen auch geeignet zu sein, um meine Leitfragen zu beantworten, geht es auch in jenen doch in der Regel um Machtbeziehungen und deren strategische Nutzung.

Nun ist es natürlich so, dass Morgenthau selbst gar so weit ging, das internationale System als ein dergestalt anarchisches zu beschreiben, dass es keine ordnende Macht und keine „akzeptierte politische Autorität“ (ed.) gäbe. Dies allerdings kann ich in einer globalisierten, vernetzten Welt wie der unseren nicht mehr als absolute politische Realität sehen, gibt es doch durchaus gewisse, (fast) allgemein anerkannte Strukturen und Regeln, welche die Beziehungen zwischen den Nationen wesentlich bestimmen und die Macht der einzelnen Staaten einschränken. Gerade diesen Konflikt zwischen dem Machtstreben einzelner Nationen und den reglementierenden, supranationalen Organen empfinde ich in seiner Aktualität als spannend. Insofern sollte er nicht negiert, sondern gar in das Zentrum der theoretischen Betrachtungen gestellt werden.

Es ist die neo-realistische Sichtweise, die dies schließlich explizit nachholt, werden die internationalen Organisationen in dieser doch als wesentliche politische Akteure klassifiziert. Der Neo-Realismus nach Waltz verfolgt einen systemischeren Ansatz als der Realismus und nutzt das internationale Staatensystem als Analysekategorie. Ebenso wie ich das realistische Konzept des Menschen als Wolf und der starken Machtpolitik während meiner Analysen stets mitdachte, nutzte ich also auch die neo-realistischen Erweiterungen, die zu einer weit weniger reduktionistischen, unterschiedliche Ebenen einbeziehenden und doch den nationalistischen Gedanken aufrechterhaltenden Sichtweise führten, als theoretischen Interpretationsrahmen . (Vgl. Vujacic, 2007: S.4)

Historischer Hintergrund & Entstehung des IBSA-Dialogforums

Süd-Süd-Kooperationen

Das IBSA-Dialogforum dient als Basis für die trilateralen Kooperationen und Verhandlungen zwischen Indien, Brasilien und Südafrika. Die drei Staaten aus drei Kontinenten sind, wie bereits erwähnt, Schwellenländer, die in ihrer jeweiligen Umgebung eine Führungsrolle einnehmen und eine rasante Entwicklung hinter sich haben. Die Kooperation der drei Staaten basiert auf unterschiedlichsten Motiven, auf die an späterer Stelle eingegangen werden soll, ist aber keineswegs vorbildlos.

So besteht das Konzept der Süd-Süd-Kooperationen bereits seit Jahrzehnten, wurde in der letzten Dekade aber stark transformiert (Vgl. Morais, 2010: S.3). Die Ursprünge des Konzeptes können bereits auf die diskursive Konstruktion eines unzulässig kohärenten, homogenisierenden Bildes der blockfreien „Dritte-Welt-Länder“, die gegen die Konsequenzen des Kolonialismus ankämpften, durch Harry Truman in den 1940er-Jahren zurückgeführt werden (Vgl. ed.). Bereits in den 1960ern begann die Idee schließlich an Bedeutung zu gewinnen und blieb bis in die 1980er-Jahre hinein höchst relevant (Vgl. IBSA/RIS, 2008: S.196). Dies liegt darin begründet, dass die Entwicklungsländer ihre ähnliche Vergangenheit und die ähnlichen Ziele einer neuen sozioökonomischen Weltordnung und des Ankämpfens gegen den Eurozentrismus als Basis einer erfolgreichen Zusammenarbeit erkannten (Vgl. Morais, 2010: S.3). Der Grund für jene frühen Süd-Süd-Kooperationen, die auch als die Wurzeln des IBSA-Forums gesehen werden können, kann auch wie folgt beschrieben werden: „Lack of financial and technological resources and the western apathy forced them [die Entwicklungsländer, Anm. der Autorin]to look to collective self-reliance as an engine of growth“ (IBSA/RIS, 2008: S.196).Die sozioökonomischen Bedingungen waren zu jener Zeit freilich komplett andere als die heutigen, hatte doch die Epoche des Kolonialismus in vielen Nationen Armut und Unterentwicklung hinterlassen. Aus diesem Grund war die Art und die Effizienz der Süd-Süd-Kooperationen eine grundlegend andere als heutzutage.

Während der späten 1980er- und frühen 1990er-Jahre hingegen verlor die Idee der Süd-Süd-Kooperationen wieder an Bedeutung. Dies war zum einen die Folge der Ölkrise, die zu großen Auslandsschulden unter den Entwicklungsländern geführt hatte und aufgrund dessen eine vermehrte Fokussierung auf Selbstschutz und Nationalismus hervorrief (Vgl. Morais, 2010: S.3). Zum anderen, und indirekt damit zusammenhängend, war es die Konsequenz eines politischen und wirtschaftlichen Wandels, der verstärkte Tendenzen der Globalisierung ebenso inkludierte wie finanzielle Schwierigkeiten (Vgl. IBSA/RIS, 2008: S.196). Letztere zwangen zahlreiche Entwicklungsländer dazu, sich dem Bretton-Woods-System zu unterwerfen, um auf diese Weise den drohenden Bankrott zu verhindern. Im Zuge dessen kam es zu einer Liberalisierung der entsprechenden Märkte (Vgl. ed.) und zu starken Strukturanpassungen (Vgl. Morais, 2010: S.3), die schwere soziale Folgen wie Armut und Ungleichheit hervorriefen. Jene starken nationalen Probleme verhinderten, dass sich die Entwicklungs- und Schwellenländer weiterhin auf Süd-Süd-Kooperationen, die natürlich auch stets mit Investitionen verbunden waren, stützten.

Erst das neue Jahrtausend führte dazu, dass Süd-Süd-Kooperationen von Schwellenländern, bestärkt durch den wiederauflebenden Multilateralismus der vorangegangenen Dekade (Vgl. ed.), erneut als wesentliches machtpolitisches Instrument angesehen wurden. Insbesondere aufgrund ihrer Wahrnehmung einer Globalisierung, von der letztlich primär die bereits industrialisierten und kapitalisierten Nationen profitieren, versuchten die Länder des globalen Südens der wirtschaftlichen Hegemonie der Industrieländer ein eigenes System finanzieller Integration entgegenzusetzen (Vgl. IBSA/RIS, 2008: S.196). Wesentlichen Einfluss hatte aber auch die Formulierung der „Millenium Development Goals“ der UNO, welche die Dringlichkeit vieler Probleme aufzeigten, sowie der Zweifel an den Entwicklungsmodellen, die den damaligen Mainstream darstellten und die durch die Einseitigkeit der Entwicklungshilfe eine starke Hierarchie zwischen dem Norden und dem Süden implizierten (Vgl. Morais, 2010: S.3). Nicht zuletzt gibt es mehr oder minder fundierte Vermutungen dahingehend, dass die Geschehnisse vom 11. September 2001 einen verstärkten Dualismus zwischen dem globalen Norden und dem Süden hervorriefen (Vgl. Alden et al, 2005: S.1077). In diesem allgemeinen Kontext entstanden Kooperationen wie MERCOSUR in Südamerika und ASEAN FTA im asiatischen Raum.

Unter ähnlichen Vorzeichen stand auch die Gründung der G-20, die Organisation der 19 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer und der EU, am Ende des 20. Jahrhunderts. Jene Institution war ein weiterer Einflussfaktor auf die spätere Formation des IBSA-Dialogforums (Vgl. Fallmann, 2012: S.14). Durch die G-20 nämlich hatte Brasilien die Möglichkeit, „seinepower to block consensusmit derpower to influencezu verbinden und folglich einzusetzen“ (ed.). Hierdurch konnte sich die Nation verstärkt positionieren und an Einfluss ebenso wie an Akzeptanz gewinnen, was eine Grundvoraussetzung für die Herausbildung des IBSA-Forums war.

Während durch jene internationale Profilierung im Rahmen der G-20 insbesondere der Zuspruch Indiens (sowie in weiterer Folge jener Chinas) gewonnen werden konnte, waren die politischen Kooperationen mit Ländern des afrikanischen Kontinents insbesondere dem entsprechenden Engagement des damaligen brasilianischen Präsidenten Lulas zu verdanken (Vgl. ed.). Dieser nämlich intensivierte ab 2003 die Kontakte zu Afrika, was unter anderem im Zuge seines, für einen brasilianischen Präsidenten erstmaligen, Besuches von fünf afrikanischen Ländern evident wurde. Jenes politische Symbol führte zu der Wiederaufnahme sowie zu der Neueinrichtung von Botschaften ebenso wie zu akkordierten Infrastrukturprojekten. (Vgl. ed.)

Der generelle Wunsch Brasiliens nach verstärkter Süd-Süd-Kooperation sowie nach einer Profilierung im internationalen Weltmarkt und Politikgeschehen traf also auf jenen neuen Kontext einer verstärkten Zusammenarbeit mit Indien und mit Afrika. Auf dieser Basis entstand schließlich, im Jahre 2003, das IBSA-Dialogforum, das, genauso wie die auch die Gemeinschaft der BRICS-Staaten, eine Brücke zwischen verschiedenen Kontinenten schlug. In dieser Hinsicht ist das IBSA-Forum zur Stärkung der ökonomischen Partnerschaft zwischen den geografisch so fernen Nationen in jedem Fall als innovativ zu beschreiben.

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Details

Seiten
24
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656397076
ISBN (Buch)
9783656397397
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v211568
Institution / Hochschule
Universität Wien
Note
1
Schlagworte
brasilien ibsa-dialogforum chancen grenzen strategie

Autor

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Titel: Brasilien im IBSA-Dialogforum