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"Die Angst" - Psychoanalyse

von Stefan Mües (Autor) Jan Bannas (Autor)

Hausarbeit 2003 24 Seiten

Psychologie - Persönlichkeitspsychologie

Leseprobe

Im Zusammenhang mit der Vorlesung „Einführung in die Psychoanalyse“, bei Herrn Vinnai Gerhard, haben wir uns entschieden das Thema Angst in einer Hausarbeit auszuarbeiten. Da das Angstproblem in der Literatur als Knotenpunkt des Seelenlebens beschrieben wird, haben wir uns für diese Materie entschieden. Es war also zu erwarten, dass eine Auseinandersetzung mit dem Begriff der Angst einen umfangreichen Einblick in die Psychoanalyse gewährt. Überdies sind viele der gemachten Aussagen im alltäglichen Leben nachzuvollziehen, da jeder damit schon einmal in Berührung gekommen ist.

Wir beziehen uns in unserer Hausarbeit auf die 25. sowie auf seine 32. Vorlesung Freuds. Die 25. Vorlesung hielt er im Rahmen der „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse“ in den Wintersemestern 1915/16 und 1916/17 an der Wiener Universität. Hierbei handelt es sich um das einzige Lehrmaterial aus seiner Tätigkeit als Dozent. Niedergeschrieben und publiziert wurden sie 1916/17 in drei Bänden.

Die 32. Vorlesung wurde in dem Buch „Neue Folgen der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse“ 1932 veröffentlicht. Zu dieser Zeit hätte er seine Lehrtätigkeit längst eingestellt, aus diesem Grunde wurde die Vorlesungsreihe nie vorgetragen, sondern nur schriftlich festgehalten.

Die wesentlichen Themen seiner Vorlesungen sind die reale und neurotische Angst und ihre Ursachen, Wirkungen und Gemeinsamkeiten.

Zu diesem Zweck geht er zunächst auf die Realangst ein. Er sieht in ihr die Reaktion auf eine äußere Gefahr, die den Selbsterhaltungstrieb des Menschen in Form einer Flucht oder Verteidigung wachruft.

Die neurotische Angst wird im weiteren Verlauf in drei Arten unterteilt, die frei flottierende Angst, Phobien und die hysterische Angst. Alle drei Arten haben die Verdrängung der Libido zur Gemeinsamkeit, welche für Freud eine wichtige Rolle spielt.

In der 32. Vorlesung beschreib er das Ich, Es und Über-Ich und ihre Bedeutung für das Angstproblem. Außerdem bringt er neue Erkenntnisse zur Libidoverdrängung zur Geltung.

Bezug auf Freuds

25.Vorlesung (1915-17)

In der 25. Vorlesung behandelt Sigmund Freud das Thema Angst. Nachdem Freud so wie zu jeder Vorlesung seine Zuhörer begrüßt hat geht er auf das Thema ein und beschreibt kurz die Erscheinungsformen der Angst bei Nervösen. In diesem Zusammenhang erwähnt Freud, dass die meisten Nervösen über intensive Angstzustände klagen. Freud weist darauf hin, dass Angstzustände bei Nervösen häufig auftreten, während sie bei gesunden Menschen nur selten als Affektzustand auftreten. Dennoch gibt es nervöse Menschen, die keine Neigung zur Angst aufweisen. In diesem Zusammenhang ist wichtig zwischen Angst und Nervosität zu unterscheiden. Im Alltag werden die Worte ängstlich und nervös synonym gebraucht. Um sich mit der Materie der Angst zu beschäftigen müssen diese beiden Begriffe jedoch strikt voneinander getrennt werden. Nervosität beschreibt den Zustand gesteigerter Reizbarkeit und frühes Ermüden. Dieser ist häufig Anlagebedingt, kann aber auch das Resultat seelischer Belastungen oder schwerer innerer Erkrankungen sein. Oft ist die Nervosität Kennzeichen neurotischer Störungen.

Freud beschreibt das Angstproblem als ein grundlegendes Problem. Die Lösung dieses Problems macht einen tiefen Einblick in das Seelenleben des Patienten möglich. Obwohl Freud sich während seines Studiums selbst mit den anatomischen Wegen des Angstzustandes beschäftigt hat misst er diesen Kenntnissen keine Bedeutung zu für die Lösung des Angstproblems. Im Gegensatz zur Psychoanalyse beschäftigt sich die klassische Medizin im Zusammenhang mit der Angst vor allem mit der Medulla oblongata und den Nervenbahnen, auf denen die Erregung abläuft. Freud geht hierauf jedoch nicht näher ein.

Um sich dem Problem zu nähern unterscheidet er die reale und die neurotische Angst. Die Realangst erscheint dem Gesunden als rationell. Sie ist die Reaktion auf die Wahrnehmung einer äußeren Gefahr d. h. einer erwarteten vorhergesehenen Schädigung (376, Freud, 1915-17). Beim Menschen ist die Realangst die Manifestation des Selbsterhaltungstriebes und wird vom Fluchtreflex geprägt. In welchen Situationen bzw. im Zusammenhang mit welchen Gegenständen Angst auftritt hängt vom Wissensstand des Individuums ab. Freud gibt in diesem Zusammenhang mehrere Beispiele. So beschreibt er z.B. die Angst von „Wilden“ vor einer Kanone oder einer einsetzenden Sonnenfinsternis, während der „Weiße“ ,der das Gerät kennt und die Sonnenfinsternis vorhersagen kann, keine Angst in diesen Situationen zeigt. In einem anderen Beispiel hat die Unwissenheit von „Weißen“ auf dem Gebiet des Spurenlesens zur Folge, dass sie die Fährte eines reißenden Tieres nicht erkennen und somit im Gegensatz zu den „Wilden“ keine Angst zeigen.

Nach der Erläuterung der o. g. Beispiele schränkt Freud die Aussage, dass Angst rationell und zweckmäßig ist, ein. Nach Freud währe eine rationelle Reaktion auf eine drohende Gefahr die kühle Abschätzung der eigenen Kräfte im Vergleich zur Größe der Drohung und darauf die Entscheidung, ob die Flucht oder die Verteidigung, möglicherweise selbst der Angriff größere Aussicht auf einen guten Ausgang verspricht (376, Freud, 1915-17). Selbst bei einer Reaktion in beschriebener Form auf eine Gefahrensituation erscheint Angst als hemmend. Nach Freud würde Aktion genauso gut oder besser in der Abwesenheit von Angst durchgeführt werden. Fällt die Angst übermäßig stark aus so wird selbst die Flucht gehemmt. Er fasst den Sachverhalt folgendermaßen zusammen. Das geschreckte Tier ängstigt sich und flieht, aber das Zweckmäßige daran ist die >>Flucht<< nicht das >>sich ängstigen<< (377, Freud, 1915-17).

Um sich dem Problem der ängstlichen Reaktion auf bestimmte Situationen zu nähern und ihre Zweckmäßigkeit zu verstehen zerlegt Freud die Angstsituation.

a) Nach Freud steht die Bereitschaft auf Gefahr an erster Stelle in der Angstsituation. Dies äußert sich in der motorischen Spannung und sensorischen Aufmerksamkeit des Geängstigten. Die erhöhte Bereitschaft hat in Gefahrensituationen verletzungspräventive Wirkung. Die Reaktionszeiten sowohl in der Wahrnehmung als auch bei der Ausführung einer Aktion bzw. Reaktion ist wesentlich verkürzt. In einigen Fällen scheint es sogar als ständen dem Geängstigten größere Kräfte als in „normalen“ Situationen, etwa in einem sportlichen Wettbewerb, zur Verfügung.
b) Aus dieser Erwartungsbereitschaft geht die motorische Aktion hervor. In den meisten Fällen wird als erste Reaktion der Fluchtreflex ausgelöst. Wird das Angstgefühl stärker oder gibt es keine Fluchtmöglichkeit, kommt es häufig zur tätigen Abwehr. Dieses Verhalten zeigen in ähnlicher Form auch Tiere. Selbst Tiere die nicht als Fluchttiere bekannt sind wie etwa der Löwe zeigen bei Angstzuständen den Fluchtreflex.

Freud hat in diesem Zusammenhang festgestellt je mehr sich die Angstentwicklung auf einen bloßen Ansatz, auf ein Signal einschränkt, desto ungestörter vollzieht sich die Umsetzung der Angstbereitschaft in Aktion, desto zweckmäßiger gestaltet sich der ganze Ablauf (377, Freud, 1915-17). Zusammengefasst bezeichnet Freud die Angstbereitschaft im Gegensatz zur Angstentwicklung als zweckmäßig. In den beiden vorangegangenen Absätzen bezieht sich Freud explizit auf die Angst und lässt andere Reaktionen auf Gefahrensituationen wie Furcht oder Schreck außen vor. Diese Begriffe werden im Alltag häufig synonym für Angst verwendet, beschreiben jedoch unterschiedliche Prozesse. Seiner Ansicht nach wird mit dem Wort Angst der Zustand in dem sich eine Person befindet beschrieben. Im Gegensatz zur Furcht tritt bei der Angst das Objekt in den Hintergrund. Spricht man vom Schreck wird die Aufmerksamkeit vor allem auf die Wirkung der Angst gelenkt. Zusätzlich kommt es beim Schreck nicht zur Angstbereitschaft.

Freud beschreibt die Angst und den mit ihr verbundene Angstzustand als Schutzfunktion. Durch den Zustand erhöhter sensorischer Aufmerksamkeit soll eine überraschende Schrecksituation vermieden werden. In meinen Augen kann der Zusammenhang von Schreck und Furcht nicht allgemein gültig sein. Denn jeder von uns hat mit Sicherheit einmal eine Situation erlebt bei der er sich trotz Angstbereitschaft erschreckt hat. Selbst wenn man auf den Schreck selbst vorbereitet ist, wie es oft bei Filmvorstellungen der Fall ist, kommt es zur schreckhaften Reaktion. Die o.g. Aussage kann daher nicht auf jede Situation übertragen werden.

Bei näherer Betrachtung wird die Vielseitigkeit und Unbestimmtheit im Gebrauch des Wortes Angst deutlich. Zumeist versteht man unter Angst den subjektiven Zustand in den man durch die Wahrnehmung der Angstentwicklung gerät und heißt diesen einen Affekt (378, Freud, 1915-17). Ein Affekt ist ein dynamischer aus motorischer Innervationen und gewissen Empfindungen zusammengesetzter Vorgang. Er ist ein begrenzte oft plötzlich entstehende und kurz andauernde Gefühlsregung, z.B. Wut und Angst verbunden mit stärken körperliche Begleiterscheinungen wie Schweißausbruch und Herzklopfen etc. Affekte enthalten meist auch Verhaltensimpulse wie Flucht oder Angriff, die weitgehend genetisch festgelegt sind. Innervation kommt aus dem Lateinischen und beschreibt die Nervenversorgung und Einwirkung nervöser Reize auf Organe und Körpergebiete. Die Empfindungen beziehen sich zum einen auf die Wahrnehmung der motorischen Aktion und zum anderen auf die direkte Lust- oder Unlustempfindung. Nach Freud ist der Affekt durch die Empfindung geprägt, sie geben dem Affekt den Grundton (378 , Freud, 1915-17).

Freud geht hier jedoch noch ein Schritt weiter. Seiner Ansicht nach liegt den Affekten die Wiederholung eines bestimmten bedeutungsvollen Erlebnisses zu Grunde. Dieses Erlebnis ist jedoch nicht individueller Natur sonder in der Vorgeschichte der gesamten Art zu finden. Die Wiederholung eines bedeutenden Erlebnisses ist auch grundlegend für hysterische Anfälle. Freud weist daher auf die Gemeinsamkeit der beiden Vorgänge hin. Dem hysterischen Anfall liegt die Wiederholung eines individuellen Erlebnisses, vergleichbar einem neugebildeten individuellen Affekt, zu Grunde. Im Gegensatz dazu vergleicht Freud den Affekt mit einer generellen zur Erbschaft gewordene Hysterie (378, Freud, 1915-17). Hysterie ist die zusammenfassende Bezeichnung für eine Reihe verschiedener abnormer seelischer Reaktionen und körperlicher Störungen. Die Ausbildung hysterischer Symptome liegt nach Auffassung der Psychoanalyse eine Hysterische Fehlhaltung zugrunde. Diese ist gekennzeichnet durch gesteigerte Bereitschaft zur Abspaltung von Bewusstseinsinhalten, die so bewusstseinsunfähig, aber nicht wirkungslos werden. Ein weiteres Merkmal ist die Neigung zur Konversion, welche später noch erklärt wird.

Das bereits angesprochene bedeutsame Erlebnis, welches den Kern eines jeden Angstaffektes darstellt ist nach Freud der Geburtsakt. Wir sagen uns, es ist der Geburtsakt bei welchem jene Gruppierung von Unlustempfindungen, Abfuhrregungen und Körpersensationen zustande kommt, die das Vorbild für die Wirkung einer Lebensgefahr geworden ist und seither als Angstzustand von uns wiederholt wird (378, Freud, 1915-17). Die Angst resultiert in diesem Moment sowohl aus psychischen als auch aus physischen Vorgängen. Physisch so Freud erfährt der Säugling während des Geburtsvorgangs die Unterbrechung der Bluterneuerung und damit der inneren Atmung. Mit dem Hinweis, dass die Angst aus dem lateinischen Wort für eng resultiert unterstreicht Freud seine Behauptung. Die Herkunft des Wortes weist auf die Beengung im Atem welche charakteristisch für den Geburtsvorgang ist, hin. Gleichzeitig wird der Angstzustand durch die Trennung des Säuglings von der Mutter mit geprägt und verstärkt. Folgt man den Ausführungen von Freud so stellt sich die Frage, welches Erlebnis Menschen die nicht auf natürlichem Wege zur Welt kommen während eines Angstzustandes durchleben. Hierauf gibt Freud folgende Antwort. Natürlich sind wir der Überzeugung, die Disposition zur Wiederholung des ersten Angstzustandes sei durch die Reihe unzählbarer Generationen dem Organismus so gründlich einverleibt, dass ein einzelnes Individuum dem Angstaffekt nicht entgehen kann... (379, Freud, 1915-17) Hier stellt sich die Frage wie dieses Erlebnis von Generation zu Generation weitergereicht werden kann. Wenn es sich dabei doch nach Freud um eine individuelle Erfahrung handelt und nicht um ein genetisch gespeichertes Verhalten. In dieser Sicht erscheint Freuds Theorie doch äußerst lückenhaft.

Freuds Versuch, Affekte zu beschreiben, fußt auf Erfahrungen und Forschungsergebnissen der Psychoanalyse. Ähnlich wie die Theorien der Normalpsychologie in der Psychoanalyse waren diese von der Normalpsychologie nicht anerkannt. Er räumt jedoch ein, dass die Ergebnisse der Psychoanalyse nur erste Versuch sind, Orientierungsmöglichkeiten in der noch unbekannten Materie zu schaffen.

Um zu erklären wie es zu dieser Theorie kommt, bringt Freud ein Beispiel über eine Hebamme. Diese hatte Mekonium, (Kindspech) Exkremente die sich bei der Geburt im abgehenden Wasser zeigen, für Angstausscheidungen des Säuglings gehalten. Obwohl Freud dies nicht als ein Zeichen der Angst des Säuglings wertet, entwickelte er aus dieser Bemerkung die oben aufgezeigte Theorie.

Im nächsten Abschnitt der Vorlesung beschreibt Freud die neurotische Angst. Er unterscheidet dabei zwischen drei verschiedene Formen der Angst. Als ersten Punkt in diesem Zusammenhang schildert Freud eine allgemeine frei flottierende Angst. Sie ist typisch für Nervöse und kann sich an jeden irgendwie passenden Vorstellungsinhalt anhängen. Der Nervöse befindet sich in einem Zustand der Erwartungsangst oder ängstlichen Erwartungen. Die Angst beeinflusst Urteile, wählt Erwartungen aus und lauert auf jede Gelegenheit, um sich rechtfertigen zu lassen, so Freud. Personen die von dieser Art Angst geplagt werden sind ausgesprochene Pessimisten. Sie sehen von allen Möglichkeiten immer die Schrecklichste voraus, deuten jeden Zufall als Anzeichen eines Unheils, nützen jede Unsicherheit im schlimmen Sinn aus (380, Freud, 1915-17). Ähnliche Charakterzüge weisen viele Menschen auf, sie treten jedoch regelmäßig bei nervösen Affektionen auf. Freud bezeichnet diese als Angstneurose und schreibt sie den Aktualneurosen zu. Diese Neurosenform entsteht entweder als Folge von Organismusstörungen oder durch einhergehende emotionale Angstreaktionen.

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Details

Seiten
24
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638248396
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v21158
Institution / Hochschule
Universität Bremen – Fachbereich 10 / Erziehungswissenschaften
Note
keine - als s. gut Befunden
Schlagworte
Angst Psychoanalyse Einführung

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