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Rolletheorie und Ich-Identität - Der Ausbruch aus einer sozialen Rolle

Bachelorarbeit 2013 42 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1. Der Begriff der sozialen Rolle bei Ralf Dahrendorf
2.2. Die Rollentheorie nach George Herbert Mead
2.3. Die Identität bzw. Ich-Identität eines Individuums
2.4. Verhalten, Handeln, soziales Handeln und Rollenhandeln

3. Das Rollenhandeln anhand zweier Beispiele
3.1. Der Film „Gamer“
3.2. Der Protagonist als Rollenträger
3.3. Der MasterCard-Werbespot und seine Handelnden
3.4. Gegenüberstellung der Handelnden des Films und Werbespots

4. Fazit

Abbildungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Was sind wir? Wir – jedes einzelne Individuum – sind Teil eines großen in sich verflochtenen Systems, unserer Gesellschaft. Dieses System wiederum besteht aus vielen Subsystemen und ihren Akteuren, welche alle Inhaber mehrerer sozialer Rollen sind – einige sind uns zugeschrieben, andere haben wir im Laufe unseres Lebens erworben und selten werden uns Rollen übertragen. Wir schlüpfen tagtäglich in einige dieser Rollen, begegnen anderen Rollenträgern und kommunizieren bzw. interagieren mit ihnen. Den Rollenwechsel vollziehen wir zumeist „automatisch“ und ohne größere Anstrengungen. Von Bedeutung ist ebenfalls unsere jeweilige Identität bzw. unsere Ich-Identität. Auch kommt es vor, dass wir im Laufe unseres Lebens soziale Rollen ablegen; dies geschieht entweder „zwangsläufig“ oder beabsichtigt. Das zwangsläufige Ablegen einer Rolle ereignet meist automatisch und ist beispielsweise das „Herauswachsen“ aus einer Rolle in eine andere anschließende Rolle (wie der Wechsel von der Schüler-Rolle in die Rolle des Auszubildenden bzw. Studenten oder der Rolle des Arbeitenden in die Rolle des Rentners). Das beabsichtigte Ablegen sozialer Rollen erfolgt aufgrund individueller Entscheidungen (wie das Austreten aus einem Verein oder die Entscheidung, sich von seinem Partner zu trennen).

Unsere Gesellschaft ist ein komplex verflochtenes Gebilde, welches es zu verstehen bedarf, bevor man sich an Untersuchungen bzw. Analysen wagt. Um das Rollenhandeln und die Ich-Identität näher zu betrachten, sollen in dieser B.A.-Arbeit der amerikanische Film „Gamer“ und ein Werbespot des Unternehmens MasterCard in Hinblick auf ihre (rollen)handelnden Akteure einander gegenübergestellt und verglichen werden.

Nach dieser Einleitung wird ein Überblick der für die Arbeit wichtigen Theorien gegeben. Anschließend werden die Untersuchungsgegenstände – Film und Werbespot – vorgestellt. Um sowohl das Rollenhandeln der Individuen als auch ihre jeweilige Ich-Identität zu untersuchen, soll betrachtet werden, wie die Individuen als Rollenträger in ihren sozialen Rollen auftreten, wie sie sich in bestimmten Situationen verhalten und handeln und wie sie mit anderen gesellschaftlichen Akteuren interagieren. Abschließend werden die Ergebnisse zusammengefasst und bewertet.

2. Theoretische Grundlagen

Im Folgenden wird zunächst der Begriff der sozialen Rolle in der strukturell- funktionalen Theorie definiert. Danach wird die Rollentheorie nach Mead beschrieben, welche der symbolisch-interaktionistischen Theorie zugeordnet wird; sie schließt die Bildung der Ich-Identität mit ein. Dann wird der Begriff der Identität bzw. Ich-Identität darlegt. Ferner sind die Begriffe des Verhaltens, Handelns, sozialen Handelns und Rollenhandelns – insbesondere der Unterschied zwischen diesen Begrifflichkeiten – relevant und werden erläutert. Überleitend zum dritten Kapitel wird die Bühnenanalogie des dramaturgischen Ansatzes nach Goffman vorgestellt.

2.1. Der Begriff der sozialen Rolle bei Ralf Dahrendorf

Seinen Ursprung hat der Begriff der sozialen Rolle in den Arbeiten des amerikanischen Kulturanthropologen Ralph Linton (1893-1953) (vgl. Bahrdt, 2003, S. 66). Auf dessen Konzeption griffen zahlreiche Theoretiker der Soziologie und Sozialpsychologie (wie beispielsweise George Herbert Mead, Talcott Parsons, Ralf Dahrendorf und Lothar Krappmann) zurück und entwickelten eigene Rollentheorien und -konzepte.

Dass eine einheitliche Definition praktisch nicht zustande kommen kann, basiert auf der Tatsache, dass das Konzept der sozialen Rolle zwei unterschiedlichen theoretischen Wurzeln entspringt. Das traditionelle Rollenkonzept nach Linton ist kulturanthropologischen Ursprungs und eng mit der strukturell-funktionalen Theorie verbunden, während das symbolisch-interaktionistische Modell nach Mead auf die Sozialpsychologie zurückgeht (vgl. Lehner, 2011, S. 258).

Ralf Dahrendorf (1929-2009) führte das Konzept der sozialen Rolle erstmals im deutschsprachigen Raum ein; seine Konzeption des Homo Sociologicus zählt zur erstgenannten theoretischen Wurzel, der strukturell-funktionalen Rollentheorie. Dahrendorf zufolge ist das Rollenhandeln zentraler Gegenstand der Soziologie; der Homo Sociologicus, also der Mensch als Träger sozial vorgeformter Rollen, stehe zwischen einzelnen Individuen und der Gesellschaft (vgl. Miebach, 2010, S. 50) – „… [d]er Einzelne ist seine sozialen Rollen, aber diese Rollen sind ihrerseits die ärgerliche Tatsache der Gesellschaft“ (Dahrendorf, 1974, S. 20; zit. n. Miebach, 2010, S. 50).

Eine soziale Rolle stellt ein Bündel normativer Verhaltenserwartungen dar, welche durch andere Gesellschaftsmitglieder (einzelne Individuen oder eine oder mehrere Bezugsgruppen) an den Rollenträger (den Inhaber der jeweiligen Rolle) herangetragen werden (vgl. Peuckert, 2010, S. 243). Diese Verhaltenserwartungen beziehen sich jedoch nicht auf das Individuum, sondern auf dessen soziale Position, welche es innerhalb der Gesellschaft und während der Rollenübernahme einnimmt – die Individualität des Individuums ist bei einer Rollenübernahme nicht von Bedeutung (vgl. Bahrdt, 2003, S. 69; vgl. Miebach, 2010, S. 50).

Zwischen unterschiedlichen sozialen Rollen und deren jeweiligen Rollenerwartungen besteht Komplementarität – sie sind zumeist wechselseitig aufeinander bezogen. Beispiele für diese wechselseitige Beziehung der Rollen sind das Arzt-Patienten- Verhältnis oder die Lehrer-Schüler-Beziehung (vgl. Bahrdt, 2003, S. 68).

Rollen sind (meistens) an soziale Positionen gebunden; es gibt zugeschriebene, erworbene und übertragene Positionen. Zugeschriebene Positionen im gesellschaftlichen Gefüge sind beispielsweise das Geschlecht oder das Alter. Die erworbene Position ist vom einzelnen Individuum abhängig und basiert auf Freiwilligkeit; investiert eine Person viel in ihre Bildung, kann sie eine höhere soziale Position erreichen als eine andere Person, welche vergleichsweise wenig Leistung erbringt. Die zugeschriebene soziale Position ist unveränderbar, während die erworbene Position von persönlich erworbenen oder sich angeeigneten Qualifikationen abhängt. Die dritte Form, die übertragene Position, ist heutzutage wenig relevant; sie ähnelt der zugeschriebenen sozialen Position. Ein Beispiel einer übertragenen Position ist das Erben eines Adelstitels; der Thronerbe übernimmt die Position seines Vorgängers (vgl. Wössner, 1986, S. 83f.). Für jede soziale Rolle gelten spezielle Rollenerwartungen oder -vorschriften, die unter Einhaltung spezifischer Rollennormen zu erfüllen sind. Rollennormen bestehen und gelten neben den allgemeinen Normen einer Gesellschaft. Bezugsgruppen nehmen eine Kontrollfunktion ein, da sie über Sanktionsmöglichkeiten verfügen. Jede Person hat als Mitglied einer Gesellschaft mehrere sozialen Rollen inne – mithilfe von Rollenstrategien werden Individuen versuchen, ihre sozialen Rollen möglichst gut aufeinander abzustimmen oder aber heterogene Rollen – räumlich und/oder zeitlich – voneinander abzugrenzen (beispielsweise die Trennung von Berufs- und Privatleben). Aufgrund der Pluralität von sozialen Rollen kann es zu Rollenkonflikten kommen. Dies geschieht insbesondere dann, wenn sich Relevanzbereiche der unterschiedlichen Rollen überschneiden oder wenn sich gegenseitig ausschließende Verhaltenserwartungen in einer Situation auftreten (vgl. Bahrdt, 2003, S. 67ff.). Es gibt zwei unterschiedliche Arten von Rollenkonflikten: Intra- und Inter-Rollenkonflikte. Ein Intra-Rollenkonflikt liegt vor, wenn verschiedene Bezugsgruppen widersprüchliche Erwartungen an einen Rollenträger stellen. Wenn allerdings Erwartungen aus zwei sozialen Rollen eines Individuums konfligieren, liegt ein Inter-Rollenkonflikt vor (vgl. Peuckert, 2010, S. 244). Ein weiterer wichtiger Begriff im Zusammenhang mit sozialen Rollen ist die Rollendistanz. Sich von einer Rolle zu distanzieren bedeutet, dass man sich der Verhaltenserwartungen zwar genau bewusst ist, sich jedoch nicht auf die bloße Rolle reduzieren lassen möchte. Rollendistanz wird dadurch erkennbar, dass sich der Rollenträger kleinere Abweichungen oder Nachlässigkeiten seiner Handlungen erlaubt oder gar die eigene Ernsthaftigkeit durch Ironisierungen hinterfragt. Durch Rollendistanz verschaffen sich Akteure ein Stück „relativer Autonomie“ und somit ein gewisses Maß an Flexibilität (vgl. Abels/Stenger, 1989, S. 136f.). Krappmann betont die Notwendigkeit zur Rollendistanz, indem er diese als ein „Korrelat der Bemühung um Ich-Identität“ bezeichnet (vgl. Krappmann, 1993, S. 138).

Generell lässt sich sagen, dass soziale Rollen den Zweck einer allgemeinen sozialen Orientierungsfunktion erfüllen; sie sorgen für regelmäßiges, planbares und vorhersagbares Verhalten und sind Voraussetzung kontinuierlich verlaufender Interaktionen innerhalb gesellschaftlicher Systeme und Subsysteme (vgl. Peuckert, 2010, S. 243f.). Desweiteren kommt der sozialen Rolle eine Entlastungsfunktion im Alltagsleben zu; tagtäglich begegnet man einer Vielzahl von Individuen – dem Postboten, dem Busfahrer, der Verkäuferin – sie alle sind Rollenträger und erfüllen die an sie gestellten Rollenerwartungen. Die Reduktion dieser Personen auf ihre jeweilige Rolle vereinfacht den Alltag eines jeden Individuums. In manchen Situationen ist es auch entlastend, sich selbst auf eine bloße Rolle zu reduzieren oder reduzieren zu lassen (vgl. Abels/Stenger, 1989, S. 144).

Es stellt sich die Frage, wie frei das Rollenspiel wirklich ist; das Spielen einer sozialen Rolle verlange stets ein gewisses Maß an Unterordnung und damit verbundener Fremdbestimmtheit. Eine Rollenübernahme kann „nur durchgehalten werden, wenn man sich selbst mit ihr identifiziert, also sein Ich mit der Rolle in Eins setzt“ (Bahrdt, 2003, S. 77). Jedes Individuum vollzieht in seinem Alltag mehrfach Rollenwechsel. Beispielhaft sollen die Rollenwechsel einer verheirateten und berufstätigen Frau mit Kindern angeführt werden: sie wechselt von der Rolle der Mutter, die ihre Kinder zur Schule bringt zur Rolle der Kundin beim Bäcker – an ihrem Arbeitsplatz ist sie möglicherweise Ansprechpartnerin mehrerer Bezugspersonen oder -gruppen – nach der Arbeit ist die Frau vielleicht mit Freundinnen zum Sport verabredet und nimmt dort die Rolle einer zuhörenden und beratenden Freundin ein, wobei sie gleichzeitig eine Spielpartnerin, Mitspielerin oder Gegnerin ist – wieder zurück zu Hause ist sie wieder Ehefrau und Mutter. In modernen Industriegesellschaften werden vermehrt schnelle und präzise Rollenwechsel verlangt. Zudem werden Rollen zugemutet, die stärker durchreglementiert seien; es wurde festgestellt, dass bestimmte Rollenzumutungen sogar psychische Erkrankungen hervorrufen können – Psychologen, Psychiater und Psychoanalytiker können Identitätsstörungen oder -zerstörungen diagnostizieren (vgl. Bahrdt, 2003, S. 76ff.).

2.2. Die Rollentheorie nach George Herbert Mead

George Herbert Mead (1863-1931) war amerikanischer Philosoph und Sozialpsychologe, der zeit seines Lebens kaum etwas publizierte. Sein einziges Werk „Mind, Self and Society – From the Standpoint of a Social Behaviorist“ wurde von ehemaligen Kollegen und Studenten nach seinem Tod zusammengestellt und im Jahre 1934 veröffentlicht (vgl. Korte, 2006, S. 222). Meads Hauptwerk geriet zunächst in Vergessenheit, wurde dann aber bei Parsons und anderen Theoretikern fragmentarisch herangezogen und teils stark umgedeutet. Zusammen mit dem Symbolischen Interaktionismus erweckte es seit Mitte der 1960er-Jahre wieder zunehmend Aufmerksamkeit (vgl. Joas, 2006, S. 188).

Mead zufolge steht vor einer jeden Rollenübernahme die Sozialisation, welche im Grunde genommen ein Leben lang vonstattengeht (vgl. Bahrdt, 2003, S. 78). Während der primären Sozialisation, die im engsten Kreise der Familie stattfindet, werden die Heranwachsenden erzogen und ihnen wird fundamentales Wissen für ein Zurechtfinden in ihrer sozialen Umgebung vermittelt. Dadurch werden sie auf ein Leben in der Gesellschaft vorbereitet. Kinder lernen Normen, Werte und Grenzen kennen, erlernen die Sprache, welche Basis der Kommunikation und Interaktion ist, und wie sie sich in bestimmten Situationen zu verhalten haben oder handeln müssen. Auch verinnerlichen sie, welche Rolle die einzelnen Familienmitglieder, die signifikanten Anderen („Significant Others“), einnehmen. In der zweiten Phase, der sekundären Sozialisation, lernen Kinder die generalisierten Anderen („Generalized Others“) kennen; das sind all jene Personen außerhalb des engsten Familienkreises (wie beispielsweise entfernte Familienmitglieder, eine Verkäuferin, die Gruppenmitglieder im Kindergarten, ein Polizist, die Klassenkammeraden oder der Postbote). Der Lernprozess, der das Rollenlernen beinhaltet, erfolgt durch Rollenspiele und führt im Laufe der Entwicklung der Kinder dazu, dass sie sich selbst als eigenständige Persönlichkeiten verstehen, die bestimmte Rollen über- bzw. einnehmen und beginnen, stufenweise ihre eigene Identität zu entwickeln (vgl. Korte, 2006, S. 223f.).

Mead bezeichnet die kindlichen Rollenspiele als „Play“ und „Game“. Beim „Play“ übernimmt das Kind Rollen signifikanter Anderer („taking the role of the other“); mithilfe der Nachahmung des Verhaltens einer nahestehenden Person wird das eigene Verhalten erprobt und durch eigenes Komplementärverhalten ergänzt. Diese Spielform schult die Verhaltensantizipation. Zum „Play“ ist ein Kind erst dann fähig, wenn es mit einzelnen Familienmitgliedern interagieren und sich in sie hineinversetzen kann, somit also Empathiefähigkeit entwickelt. Während der Lernprozesse innerhalb der Familie werden auch Rollenerwartungen und -vorschriften internalisiert (vgl. Joas, 2006, S. 177f.). Laut Mead ist ein Individuum also erst zu kooperativem sozialen Handeln fähig, wenn es die Rollenübernahme, das „Role-Taking“, beherrscht.

Das „Game“ ist die an das „Play“ anschließende Spielform. Nun genügt es nicht mehr, sich in einen einzigen signifikanten Anderen hineinzuversetzen, sondern man muss vielmehr die Fähigkeit ausbauen, die Perspektive der generalisierten Anderen einzunehmen – also deren Verhalten zu antizipieren und darauf zu reagieren („Role- Making“). Durch das „Game“ ist das Kind zu Gruppenspielen in der Lage. Außerdem lernt es die gesellschaftliche Ordnung sowie ihre Normen und Werte kennen, in der ebenso wie im familiären Umfeld Rollenerwartungen und -vorschriften existieren (vgl. Joas, 2006, S. 178).

Durch das im Rollenspiel erlernte „Role-Taking“ und „Role-Making“ erlangen Individuen die Fähigkeit der Selbst- und Fremdwahrnehmung; Mead nennt die Selbstbewertungsinstanzen „I“ (Selbstbild) und „Me“ (Fremdbild).

Das „I“ bezeichnet das „impulsive Ich“, welches in Handlungssituationen durch Kreativität und Spontanität vom „Me“ zu unterscheiden ist. Das „Me“, das „reflektierte Ich“, bildet das Fremdbild des Individuums ab – also das Bild, von dem das Individuum glaubt, dass es andere Akteure von ihm hätten. Jeder gesellschaftliche Akteur, jeder Rollenträger ist zugleich Inhaber mehrerer „Me“s. Je mehr soziale Rollen eine Person inne hat, desto höher ist ihre Anzahl an „Me“s; denn jedes „Me“ steht für eine soziale Rolle bzw. für eine Interaktion mit Bezugspersonen oder -gruppen und somit deren vermeintliche Sicht auf das Individuum. Durch den permanenten Dialog zwischen „I“ und „Me“ wird das „Self“, die Ich-Identität, synthetisiert. Die Ich-Identität ist keinesfalls ein starres Konstrukt – vielmehr ist sie, wie die Sozialisation, einem lebenslang stattfindenden Prozess der Veränderung unterworfen. Die Dynamik bzw. Flexibilität der Ich-Identität variiert je nach Anzahl der unterschiedlichen Interaktionspartner in Form von Bezugspersonen und -gruppen (vgl. Joas, 2006, S. 177f.; vgl. Miebach, 2010, S. 59ff.). Laut Mead ist das „Self“ eine gesellschaftliche Struktur, welche aus der gesellschaftlichen Erfahrung erwächst (vgl. Mead, 1978, S. 182; zit. n. Miebach, 2010, S. 53) und stellt eine „Instanz zur einheitlichen Selbstbewertung und Handlungsorientierung“ dar (vgl. Joas, 1996, S. 275; zit. n. Miebach, 2010, S. 65).

Mead formuliert die Entstehung der Ich-Identität folgendermaßen:

„Im Prozess der Kommunikation ist das Individuum ein Anderer, bevor er es selbst ist. Indem es sich selbst in der Rolle eines Anderen anspricht, entsteht seine Ich- Identität in der Erfahrung. Die Entwicklung von organisierten Gruppenaktivitäten in der menschlichen Gesellschaft – die Entwicklung des organisierten Spiels aus den einfachen Spielen in der Erfahrung des Kindes – teilte dem Individuum eine Vielzahl verschiedener Rollen zu – sofern diese Teile der sozialen Handlung waren – , und gerade aus der Organisation dieser Rollen zu einer Gesamthandlung ergab sich die ihnen gemeinsame Eigenschaft. Sie zeigten dem Individuum an, was es zu tun hatte. Das Individuum kann jetzt als generalisierter Anderer in der Einstellung der Gruppe oder Gemeinschaft zu sich selbst Stellung nehmen.“ (Mead, 1983, S. 217; zit. n. Korte, 2006, S. 224).

Durch „I“, „Me“ und „Self“ sind Mead zufolge Individuen an jedem Interaktionsprozess in dreifacher Hinsicht beteiligt – dies ist auch die zentrale These seines Werkes (vgl. Korte, 2006, S. 222). Die folgende Grafik (Abbildung 1, S. 10) verdeutlicht das Zustandekommen der Ich-Identität unter Berücksichtigung des Dialogs von „I“ und „Me“.

Abbildung 1: Das Zusammenwirken von „I“ und „Me“ auf „Self“ – nach Mead

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Darstellung.

Weitere Ausführungen und Definitionen in Bezug auf die Identitätsbildung folgen im anschließenden Kapitel.

2.3. Die Identität bzw. Ich-Identität eines Individuums

Wie bereits erwähnt, ist die Identität, wenn sie einmal ausgebildet wurde, keinesfalls ein starres Konstrukt; sie ist, wie die Sozialisation, ein Prozess des lebenslangen Dazulernens und des Sichweiterentwickelns.

Identität wird in Interaktionen festgelegt und ausgehandelt – die Bedingungen für das Aushandeln sind sowohl von der jeweiligen Interaktionssituation als auch von den aufeinandertreffenden Interaktionspartnern abhängig (vgl. Abels/Stenger, 1989, S. 142).

Parsons misst sozialen Interaktionen in Gruppen, sogenannten „Peer Groups“, einen besonders hohen Stellenwert während der sekundären Sozialisation zu – hierbei nimmt die Institution Schule eine zentrale Position als Sozialisationsinstanz ein. Die Schüler werden in das soziale System der Schulklasse integriert; dort werden ihnen

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Titel: Rolletheorie und Ich-Identität - Der Ausbruch aus einer sozialen Rolle