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Cervantes´ Don Quijote vor dem Hintergrund der Renaissance

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 42 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Außerliterarischer Hintergrund: Historische und geisteswissenschaftliche Aspekte
2.1 Abgrenzung: Renaissance vs. Humanismus
2.1.1 Der Begriff „Renaissance”
2.1.2 Der Begriff „Humanismus”
2.1.3 Charakteristika der Renaissance und des Humanismus
2.2 Bedeutung des Buchdrucks
2.3 Zensur und Inquisition
2.4 Der Ciceronianismus
2.5 Erasmus von Rotterdam und der Erasmismus in Spanien
2.5.1 Verlauf des Humanismus in Spanien

3. Innerliterarische Aspekte: Don Quijote vor dem Hintergrund der Renaissance
3.1 Einflüsse italienischer und humanistischer Autoren
3.2 Elemente und Ideen der Renaissance und des Humanismus im Don Quijote
3.2.1 Bedeutung der Bildung, Erziehung und Wissenschaft
3.2.2 Bedeutung der Volkssprache
3.2.3 Don Quijote als ein von der Renaissance geprägter Held
3.2.4 Don Quijotes Ideale vor dem Hintergrund der Renaissance
3.2.4.1 Das Ideal des Goldenen Zeitalters
3.2.4.2 Das Ideal des Naturzustandes
3.2.4.3 Das Ideal der Freiheit
3.2.4.4 Das Ideal der Gleichheit
3.2.4.5 Das Ideal des Friedens
3.2.4.6 Das Ideal der Wahrheit
3.2.4.7 Das Ideal der Gerechtigkeit
3.2.4.8 Die Brechung der Ideale
3.3 Der Karneval, Erasmus´ Das Lob der Torheit und Cervantes´ Don Quijote
3.3.1 Bachtin und der Karneval
3.3.2 Das Lob der Torheit - Kurze inhaltliche Erläuterung
3.3.3 Parallelen zwischen dem Don Quijote und Das Lob der Torheit

4. Schlussbetrachtung

5. Bibliographie
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Die Renaissance ist eine Epoche, in der vielfache Grenzüberschreitungen stattfanden: der Mensch befreite sich von den starren Denk- und Handlungsschemata des Mittelalters und rückte als Individuum zunehmend in den Mittelpunkt. Es fand eine Wiederentdeckung und Wiederbelebung des klassischen Altertums statt, und zwar in den verschiedensten Bereichen: in der Malerei, Architektur, in der Sprache oder Literatur. Vor allem die Humanisten trugen mit ihren Studien zur Wiederentdeckung und Pflege der lateinischen und griechischen Wissenschaften erheblich bei. So war die Renaissance dann auch durch ein entsprechendes Bildungsstreben gekennzeichnet, das beispielsweise durch Erfindungen wie den Buchdruck noch verstärkt wurde.

In dieser Arbeit soll Miguel de Cervantes´ Don Quijote vor dem Hintergrund der Renaissance diskutiert werden.

Die Arbeit wird sich in zwei Teile gliedern: im außerliterarischen ersten Teil sollen zunächst die Begriffe „Renaissance“ und „Humanismus“ geklärt und voneinander abgegrenzt werden. Darüber hinaus soll eine allgemeine Darstellung der Renaissance sowie des Humanismus in Europa aber auch ganz speziell in Spanien erfolgen. Erasmus von Rotterdam und sein Einfluss auf das spanische Geistesleben, der so genannte Erasmismus in Spanien, die Folgen der Erfindung des Buchdrucks auf die Wissenschaft und die humanistische Gelehrsamkeit sowie das Wirken der Inquisition sollen dabei besondere Beachtung finden.

Darauf aufbauend wird im zweiten innerliterarisch ausgerichteten Teil der Arbeit eine Diskussion des Don Quijote vor diesem Hintergrund erfolgen, dass heißt, es soll eine detaillierte Darstellung und Erläuterung derjenigen Elemente im Don Quijote stattfinden, die der Renaissance oder dem Renaissance-Humanismus zugeordnet werden können oder sich auf diese beziehen. Dabei werden vor allem die Ideale der Hauptfigur im Mittelpunkt der Darstellung stehen. Außerdem sollen Parallelen zwischen Cervantes´ Don Quijote und Erasmus von Rotterdams Das Lob der Torheit aufgezeigt und in diesem Zusammenhang auch entsprechende Verbindungen zu Bachtins Vorstellung vom Karneval beziehungsweise des Karnevalesken knapp erörtert werden. Schließlich stellt sich jeweils die Frage, welche Haltung Cervantes gegenüber diesen humanistischen und vom Denken der Renaissance geprägten Ideen und Positionen einnehmen mag.

Da man zum Thema Renaissance ganze Bücher füllen könnte und die bereits vorhandene Literatur hierzu schier unüberschaubar ist, sollen und können in dieser Arbeit nur einige wenige Aspekte des historischen und geisteswissenschaftlichen Hintergrundes herausgegriffen und relativ knapp dargestellt werden. Auch zum Don Quijote selber können nur einzelne derjenigen Punkte, die in unserem Kontext „Renaissance“ interessant und erwähnenswert erscheinen, exemplarisch angesprochen werden. Der Versuch einer vollständigen Darstellung würde den Umfang dieser Arbeit sprengen.

2. Außerliterarischer Hintergrund: Historische und geisteswissenschaftliche Aspekte

2.1 Abgrenzung: Renaissance vs. Humanismus

Der Begriff „Renaissance“ steht in Wechselbeziehung zum Begriff „Humanismus“: „Humanismus“ bezeichnet mehr das Wissenschaftlich-Geistige des Zeitalters während „Renaissance“ sich mehr auf die Gesamtkultur des Zeitraums bezieht und ein umfassender(er) Epochenbegriff ist. Beide Begriffe werden teilweise auch synonym verwendet.

In den folgenden Ausführungen zur Begriffgeschichte und den allgemeinen Erscheinungsformen und Charakteristika der Renaissance und des Humanismus werde ich mich im Wesentlichen auf die Darstellungen von Kristeller, Buck, Hauser, Burke und Burckhardt beziehen.[1]

2.1.1 Der Begriff „Renaissance“

Der Begriff „Renaissance“ ist französisch und bedeutet „Wiedergeburt“. Dieser zweideutige kulturgeschichtliche Begriff war über hundert Jahre Anlass zu endlosen Debatten: so geht die Meinung der Forscher bezüglich der zeitlichen Eingrenzung der Renaissance deutlich auseinander, für einige hat die Renaissance ganze 400 Jahre gedauert, für andere hingegen nur 27. In Bezug auf Spanien sind einige Forscher gar der Meinung, eine Renaissance habe dort gar nicht stattgefunden, Spanien wurde lange Zeit eine eigene Renaissance abgesprochen. Diese Position ist allerdings in letzter Zeit revidiert worden. Die zeitliche Eingrenzung der Epoche ist also umstritten, am häufigsten wird in der Literatur allerdings der Zeitraum zwischen 1350 und 1600 angegeben.

Renaissance als Epochenbegriff existiert erst seit dem 19. Jahrhundert, wo er von Historiographen wie Jacob Burckhardt oder J. Michelet geprägt worden ist. Die mit der Renaissance verbundene Vorstellung von der Wiedergeburt ist aber viel älter und schon im 14. und 15. Jahrhundert unter den Begriffen „regeneratio“, „restauratio“ oder „restitutio“ vielfach belegt. Das Wesentliche an dieser Vorstellung ist die Auffassung des Geschehens als einer Wende von der Vernichtung zum Werden, Symbol hierfür ist der Vogel Phönix.

Der Begriff Renaissance bezeichnet im Allgemeinen das Zeitalter, das unter geistiger Führung

Italiens auf dem Gebiet der Kunst und Wissenschaften die Befreiung des menschlichen Individuums von der Gebundenheit an Religion und Kirche brachte. Es fanden vielfache Grenzüberschreitungen statt, die starren Denk- und Handlungsschemata des Mittelalters wurden aufgebrochen. Zunehmend trat der Mensch als Individuum in den Vordergrund der Betrachtung, seine Wahrnehmungs- und Erfahrungshorizonte veränderten sich und er wurde somit zur „Instanz der Sinngebung“. Diese Entdeckung ging einher mit ökonomischen Bedürfnissen, einem verstärkten Handel und dem Aufkommen des Bürgertums. „Nutzen“ und „Neugier“ gelten als zwei wesentliche charakteristische Züge der Renaissance. Insgesamt vorherrschend war ein positives, optimistisches Lebensgefühl, eine Aufbruchstimmung. Man war bestrebt, das Leben zu genießen und man grenzte sich ganz bewusst vom Mittelalter ab.

Im religiösen Bereich kam es in weiten Teilen Europas zu Reformwünschen, die teilweise verwirklicht werden konnten. So fällt beispielsweise der Beginn der Reformation genau in diese Zeit: am 31. Oktober 1517 publizierte Luther seine 95 Thesen an der Schlosskirche zu Wittenberg als Protest gegen die Bußpraxis der Kirche. Gleichzeitig war die Renaissance die Epoche der großen Staatsutopien (ein Beispiel wäre Thomas Morus´ Utopia (1516)).

Als wesentliches Element beinhaltet die Renaissance, und dieses ist ja bereits zumindest teilweise im Begriff enthalten, die Wiederentdeckung oder Wiederbelebung des klassischen Altertums oder der Antike. So wurden in der Literatur klassische lateinische und später auch griechische Texte wieder entdeckt, neu gelesen sowie übersetzt. Antike Texte, die bereits im Mittelalter bekannt waren, wurden neu gedeutet. Vor allem auf den Gebieten der Sprache und Literatur, aber auch in der Architektur und Malerei wurden klassische Formen und Vorbilder neu entdeckt, dabei war die Imitation der klassischen Formen oberstes Gebot.

Die Renaissance brachte viele so genannte „Universalgenies“ hervor, die auf mehr als einem Gebiet Großes vollbrachten, wie zum Beispiel den italienischen Architekten, Maler, Organisten und Schriftsteller Leon Battista Alberti, Leonardo da Vinci oder Michelangelo.

Nach Jacob Burckhardt nahm Italien während der Renaissance eine besondere kulturelle Führungsposition ein, viele charakteristische Züge der Renaissance-Kultur traten in den anderen europäischen Ländern erst viel später ein als in Italien und waren eine direkte Folge des italienischen Einflusses. In jedem Land nahm die Renaissance eine eigentümliche Gestalt an, durch die sie sich von der in Italien unterscheidet und die die einheimische Tradition widerspiegelt.[2] In Italien erreichte die Renaissance im 16. Jahrhundert ihren Höhepunkt.

Zusammen mit dem Gemeinplatz von der „kulturellen Verspätung Spaniens“ ist, wie bereits erwähnt wurde, auch lange Zeit die Auffassung vertreten worden, Spanien habe an der europäischen Bewegung des Humanismus und der Renaissance gar nicht oder nur in stark abgeschwächter Form

teilgenommen.[3] Erst in jüngerer Zeit wurde diese Sicht revidiert und man war darum bemüht, die

epochenspezifischen Besonderheiten des Landes zu beobachten und als eigenständig zu akzeptieren.

Entgegen früherer Annahmen zeigen neuere Forschungen, dass Spanien bereits früh über Kontakte zu Neapel mit dem humanistischen Denken in Berührung kam. Im 16. Jahrhundert wurde der Kontakt mit Italien noch enger, außerdem bestanden eigenständige humanistische Kreise in Spanien, zu den bedeutendsten Spanischen Humanisten gehören unter anderem Juan Luis Vives (spanischer Philosoph und Pädagoge, 1492 - 1540) und die Brüder Alfonso (um 1490 - 1532, unter anderem Sekretär Karls V.) und Juan Valdés (um 1495 - 1541). Von großem Einfluss waren die humanistischen Schriften des niederländischen Humanisten Erasmus von Rotterdam, die zu einer geistigen und religiösen Umorientierung in Spanien führten. Leben, Werk und Wirkung des Erasmus sollen in Kapitel 2.5 ausführlich dargestellt werden.

Die spanische Renaissance weist aber einige Besonderheiten auf, die sie von der Epoche in Italien, aber auch von anderen Ländern unterscheiden: so fand in Spanien kein radikaler Bruch mit dem Mittelalter statt, dass sich zudem in seiner kulturellen Zusammensetzung (die so genannte „convivencia“ von Christen, Mauren und Juden) von den mittelalterlichen Epochen der anderen Länder unterscheidet. Dennoch verschloss sich die spanische Kultur nicht vor dem Neuen, wie lange Zeit vermutet wurde, sondern etablierte in verschiedenen Bereichen neue Gestaltungsprinzipien, wenn auch Strukturen und Traditionen des Mittelalters beibehalten wurden. Außerdem wurde von den spanischen Humanisten die Bedeutung des Spanischen (als Volkssprache) gegenüber dem Latein hervorgehoben.

2.1.2 Der Begriff „Humanismus“

Auch der Begriff „Humanismus“ ist, wie der Renaissancebegriff, ziemlich zweideutig und kontrovers, heutzutage wird er oftmals „ziemlich vage dazu benutzt, menschlichen Werten irgendwie Nachdruck zu verleihen“[4] und nahezu jegliches Anliegen, das menschliche Werte zum Gegenstand hat, wird „humanistisch“ genannt.

Der Begriff wurde, soweit es auf die Betonung der klassischen Gelehrsamkeit und der klassischen Bildung zurückgeht, erst im frühen 19. Jahrhundert, und zwar 1808, von dem deutschen Gelehrten und Pädagogen F. J. Niethammer geprägt[5]. Er entwickelte sich aus dem Begriff „Humanist“, der seit dem 15. Jahrhundert spezifisch benutzt wurde und der wahrscheinlich aus dem an italienischen Universitäten zu dieser Zeit üblichen Studentenjargon hervorging: ein Humanist war ein Professor oder Student der „studia humanitatis“, der humanistischen Lehrfächer[6]. Die Bezeichnung „studia humanitatis“ war eine ursprünglich von Cicero geprägte und dann im Humanismus wieder aufgenommene Bezeichnung für einen genau definierten Kanon von Lehrgegenständen, der lateinische, griechische und hebräische Grammatik, Rhetorik, Poetik, Musik, Mathematik, Geschichte sowie Sport umfasste. Die „studia humanitatis“ sollten den Geist der Antike wiederaufleben lassen und die Humanisten dem Ideal einer auf literarischer Bildung gegründeten Menschlichkeit näher bringen. Als allgemeines Ziel der Humanisten kann die moralische Perfektion des Menschen (als Basis) und darauf aufbauend der ganzen Gesellschaft genannt werden. Mittel hierzu waren Erziehung, Bildung und Gelehrsamkeit: „sie […] kannten [nur ein Mittel], durch das diese menschlichen Werte und Ideale zu erreichen waren: durch klassische und literarische – d.h., durch humanistische Studien.“[7]

Der Renaissance-Humanismus wandte sich zum Zwecke einer diesseits orientierten Lebensgestaltung gegen die mittelalterliche Scholastik, indem er die Wiederentdeckung und Pflege der lateinischen beziehungsweise römischen und griechischen Sprache, Literatur und Wissenschaft forderte und förderte.

Als unabdingbare Voraussetzung für die fruchtbare Auseinandersetzung mit der Antike galt die vollkommene Beherrschung der antiken Sprachen und die Kenntnis ihrer Kulturen. In Spanien war die Auseinandersetzung mit den alten Sprachen jedoch begleitet von einer ganz neuen Aufwertung und Pflege auch der kastilischen Muttersprache. In diesem Punkt hat sich vor allem Antonio de Nebrija hervorgetan, und zwar für das Lateinische mit seiner Introductiones latinae (1481) und für das Spanische mit seiner Gramática sobre la lengua castellana (1492), der ersten gedruckten vollständigen Grammatik einer romanischen Sprache.[8] Letztendlich musste aber gerade das Bestreben der Renaissance, das Lateinische in seiner klassischen Reinheit wiederherzustellen, dieses unweigerlich in eine tote Sprache verwandeln. Klassische Reinheit und täglicher Gebrauch schlossen sich aus, der Alltag und die gegenständliche Welt des sechzehnten Jahrhunderts ließen sich mittels des gereinigten Lateins nicht ausdrücken. Michail M. Bachtin bezeichnet die Renaissance aus diesem Grund als „Epoche der auslaufenden Zweisprachigkeit“[9], als „Epoche des Sprachwechsels“[10] und zwar vom Lateinischen hin zur Volkssprache.

Die Literatur erlangte im Humanismus einen neuen Stellenwert: während man sie in der mittelalterlichen scholastischen Wissenshierarchie der Lüge verdächtigte und sie dort die unterste Stufe einnahm, verselbstständigte sie sich in den „studia humanitatis“, sie wurde unabhängig von Grammatik und Rhetorik und erhielt sogar den Verdienst, die übrigen Wissensgebiete zu tradieren.

Was die zu dieser Zeit so beliebten und weit verbreiteten Ritterromane anbelangt, die in dieser Arbeit zum Don Quijote natürlich von besonderem Interesse sind, so ist festzustellen, dass diese von den Humanisten durchgehend kritisiert wurden. Erasmus von Rotterdam, Thomas Morus und Juan Luis Vives, um bei den bedeutendsten Humanisten zu bleiben, waren sämtlich Kritiker der Ritterepen, denn diese seien schlecht geschrieben, „vollkommen ungelehrt, dumm und dämlich“, wie Erasmus in seinem Enchiridion (1503) zu verstehen gibt, außerdem glorifizieren sie den Krieg und die außereheliche Liebe. Auch in seinem Werk Erziehung eines christlichen Fürsten (Institutio principis

christiani) hatte Erasmus Karl V. vor dieser Art von Lektüre gewarnt, allerdings erfolglos:

Ritterromane sollen zu den wenigen Büchern gehört haben, für die sich Karl V. interessierte[11].

Wie bereits erwähnt, nahm die Bildung bei den Humanisten eine zentrale Position ein, und der Humanismus trug mit einer Vielzahl von Beiträgen zur Literatur und Gelehrsamkeit bei[12]: Handschriften klassischer lateinischer Literatur wurden wieder entdeckt, es erfolgten humanistische Abschriften antiker lateinischer Texte, außerdem wurde die Methode der Textkritik eingeführt (indem man die Texte alter Handschriften miteinander verglich und die Texte emendierte, wurden die in den Handschriften vorhandenen Fehler eliminiert). Auf diese Weise entstand zudem eine umfangreiche Kommentarliteratur. Die Humanisten versuchten, die schwierigen Stellen der klassischen Autoren zu erklären, um so auch den „Durchschnittsleser“ in die Lage zu versetzen, diese Texte zu verstehen. Es erfolgte die Übersetzung beinahe des gesamten Bestandes der klassischen griechischen Literatur ins Lateinische. Was die von den Humanisten hervorgebrachte Originalliteratur betrifft, waren Briefe (amtliche und private – viele Humanisten waren als Kanzler und Sekretäre tätig und das Verfassen von amtlichen Briefen bildete somit einen Teil ihrer beruflichen Tätigkeit), historiographische Werke, Biographien, Lob- und Schmähreden, die epische Dichtung, Elegien sowie Epigramme besonders zahlreich vertreten.

Die zwischen Humanisten ausgetauschten Briefe waren ein bedeutender Beitrag zu ihrem Ideal einer internationalen „Gelehrtenrepublik“, der „respublica litteraria“. Dieser Ausdruck geht auf das frühe 15. Jahrhundert zurück. Zunächst bestand dieses Ideal nur in der Phantasie, konnte später aber durch regen Briefwechsel und das Aufkommen des Verlagswesens verwirklicht werden.[13]

Im Zusammenhang mit Gelehrsamkeit und Literatur muss auch die große Bedeutung der Erfindung des Buchdrucks für den Gelehrtenbetrieb hervorgehoben werden. Eine ausführliche Darstellung dieses Punktes erfolgt in Kapitel 2.2.

2.1.3 Charakteristika der Renaissance und des Humanismus

Um die wichtigsten Aspekte der vorausgehenden Kapitel zusammenfassen sind folgende grundlegende Charakteristika der Renaissance und des Humanismus aufzuzählen: Rückgriff auf beziehungsweise Orientierung an der Antike, die Betonung der Individualität, der Freiheit und des individuellen Willens, Subjektivierung, ein positives, optimistisches Lebensgefühl und eine allgemeine Aufbruchstimmung, Diesseitsorientierung, Blick auf die Schönheit der Natur und des Menschen, allgemeiner Bildungseifer und Vertrauen in die Wissenschaft, geistige Aufgeschlossenheit und Weltoffenheit sowie große Bedeutung des Ruhmes.

2.2 Bedeutung des Buchdrucks

Zentral für die Ausbildung des Humanismus war die Erfindung des Buchdrucks zwischen 1445 und 1450 durch den Mainzer Johannes Gensfleisch zur Laden, genannt Gutenberg. Gutenberg benutzte zum Drucken erstmals bewegliche Metalllettern. Auch Erasmus von Rotterdam erfreute sich guter Beziehungen zu seinen Druckern, insbesondere zu Aldus Manutius in Venedig und der Familie Froben in Basel. In Spanien dauerte es noch ungefähr zwanzig Jahre, bis sich auch dort diese Erfindung ausbreiten sollte: die Anfänge der Druckerei sind in Segovia auf 1472 zu datieren und die erste Druckerpresse druckte ab 1474 in Saragossa.[14]

Der Buchdruck ermöglichte zum ersten Mal eine weite Verbreitung von Wissen und ermöglichte letztendlich erst das Entstehen der modernen Wissenschaften. Während in der Manuskriptzeit nur wenige Exemplare eines Buches existierten, da diese mühsam handschriftlich von den so genannten Kopisten abgeschrieben werden musste (die mittelalterliche Buchherstellung erfolgte hauptsächlich im Kloster) und zudem die manuelle Herstellung außerordentlich kostspielig und damit der Besitz von Büchern nur einem sehr kleinen Kreis vorbehalten war (in der Regel besaßen nur Adlige und Klöster Bücher - selbst eine reichhaltige Bibliothek umfasste in der Regel nicht mehr als hundert bis hundertfünfzig Manuskripte), konnten mit der Erfindung des Buchdrucks erstmals Bücher in überaus großer Zahl preisgünstig wie nie zuvor produziert werden. Europa wurde, im Vergleich zu den Zeiten des Handschriftenbetriebs, regelrecht mit Büchern überschwemmt.

Dies hatte natürlich erhebliche Auswirkungen auf das geistige Leben. Durch die weite Verbreitung von Büchern war ein Gelehrter nicht mehr länger gezwungen, weite beschwerliche Reisen anzutreten, um ein bestimmtes Buch lesen zu können. Zuvor war dies nicht zu vermeiden, da generell nur ein oder wenige Exemplare eines „Titels“ verstreut über das Land existierten, unter Umständen waren auch Reisen ins Ausland nötig. Darüber hinaus hatte ein Gelehrter nun auch die Möglichkeit, mehrere Bücher parallel nebeneinander zu lesen. Erst hierdurch war es möglich, Texte systematisch zu vergleichen und so entweder Widersprüche zwischen einzelnen Schriften aufzudecken oder zu neuen Schlussfolgerungen zu gelangen. Die massenhafte Verbreitung der Bücher ermöglichte also einen ganz anderen Umgang und ein ganz anderes Arbeiten mit Texten, der Grundstock für die modernen Wissenschaften war gelegt. Nicht umsonst wurden die bedeutenden naturwissenschaftlichen Entdeckungen beispielsweise durch Kopernikus, Kepler und Galilei erst nach der Erfindung des Buchdrucks gemacht. Gutenbergs Erfindung hatte also eine regelrechte „Explosion“ der Gelehrsamkeit zur Folge, die sich auch in der humanistischen Bildungswut niederschlug beziehungsweise diese zumindest teilweise überhaupt erst ermöglichte. Der humanistische Historiker Polydorus Vergilius äußerte sich um 1500 folgendermaßen lobpreisend über die Buchdruckerei: „Wird doch an einem Tag von einem Menschen so viel Schriftliches gedruckt, wie kaum in einem Jahr mehrere schreiben könnten. Zufolge dessen ist eine so große Menge Bücher aller Wissensgebiete auf uns eingeströmt, dass es kein bedeutenderes Werk mehr geben wird, das ein Mensch, und wäre er mit dem Geld noch so knapp dran, vermissen müsste. Hinzu kommt noch, dass die Erfindung des Buchdrucks sehr viele griechische wie lateinische Autoren für alle Zukunft vor der Gefahr des Untergangs bewahrt hat.“[15]

[...]


[1] Vgl. Kristeller, Paul Oskar, Humanismus und Renaissance I: Die antiken und mittelalterlichen Quellen,

München: Wilhelm Fink Verlag, 1980 sowie vom gleichen Autor Humanismus uns Renaissance II:

Philosophie, Bildung und Kunst, München: Wilhelm Fink Verlag, 1980; Buck, August, Zu Begriff und

Problem der Renaissance, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1969; Hauser, Arnold,

Sozialgeschichte der Kunst und Literatur, München: C.H. Beck, 1953; Burckhardt, Jacob, Die Kultur der

Renaissance in Italien: Ein Versuch, Stuttgart: Reclam, 1969; Burke, Peter, Die europäische Renaissance:

Zentren und Peripheren, München: C.H. Beck, 1998.

[2] Vgl. Burckhardt, Jacob, Die Kultur der Renaissance in Italien: Ein Versuch, Stuttgart: Reclam, 1969.

[3] Vgl. Neuschäfer, Hans-Jörg (Hg.): Spanische Literaturgeschichte, Stuttgart; Weimar: Metzler, 1997, 67/68.

[4] Kristeller, II (1980) 11.

[5] Kristeller, I (1980) 16.

[6] Kristeller, II (1980) 11.

[7] Kristeller, I (1980) 12.

[8] Vgl. Neuschäfer (1997) 68.

[9] Bachtin, Michail M., Literatur und Karneval. Zur Romantheorie und Lachkultur. Frankfurt am Main: Fischer,

1990, 7.

[10] Bachtin (1990) 7.

[11] Vgl. Burke (1998) 128.

[12] Eine umfangreiche Darstellung zu den humanistischen Beiträgen zu Literatur und Gelehrsamkeit findet sich in

Kristeller, II (1980) 14-23.

[13] Vgl. Burke (1998) 119.

[14] Vgl. Smith, Bradley, Spanien, Geschichte und Kunst, München: Droemer Knaur, 1968, 105.

[15] Hans Widmann, Vom Nutzen und Nachteil der Erfindung des Buchdrucks – aus der Sicht der Zeitgenossen des

Erfinders, Mainz 1973, 39.

Details

Seiten
42
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638248556
Dateigröße
795 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v21181
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Romanisches Seminar, Spanische Abteilung
Note
sehr gut
Schlagworte
Cervantes´ Quijote Hintergrund Renaissance Cervantes´ Quijote

Autor

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Titel: Cervantes´ Don Quijote vor dem Hintergrund der Renaissance