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Berlin - Paris - Berlin: Eine Reise in das historische Unterbewusstsein der Völker

Wissenschaftliche Studie 2013 18 Seiten

Leseprobe

Straßen des Krieges, Wege des Friedens

Als ich am Berliner Nollendorfplatz, im Stadtteil Schöneberg wohnte, war mir noch nicht so recht bewusst, dass ich am Generalszug wohnte, das heißt einer Anzahl von Achsen, die nach preußischen Generälen benannt waren, darunter von Bülow und von Kleist. Und der Winterfeldplatz, der einen weiteren General kommemorierte, befand sich auf der anderen Seite meiner Wohnung, die sich wiederum in der Nachbarschaft des Geburts- und Wohnhauses des maßgeblichen Dirigenten des 20. Jahrhunderts, nämlich Furtwänglers befand, der seinerseits für die künstlerische Erbauung des Generalstabs des Naziregimes sorgte. Und hier begegneten sich die Extreme, denn am Winterfdeldplatz stand und steht auch heute noch die Matthiaskirche, wo der Widerstandskämpfer Kardinal von Galen früher als Kaplan tätig war.

Und als ich mit dem Zug aus Moskau via Berlin in Paris ankam, da war mein erster Kontakt mit dieser Weltstadt der frühere Gare de Verdun, der nunmehr in Gare de l’Est umbenannt wurde. Der Zug Moskau - Berlin - Paris war die Umkehrung jener Wegstrecke, die abertausende deutsche Soldaten bis in den kriegsentscheidenden Kessel von Stalingrad hinein - darunter mein Vater - an die russische Front befördert hat, aber die meisten von ihnen leider nicht mehr zurück. Der Tod an der Front war die Geburtsstunde der vaterlosen Gesellschaft mit ihrer eigenen historischen Konfliktdynamik bis in die deutsche Gegenwart. Der Krieg im Osten stand vor allem im Zeichen des Generals der 6. Armee der Wehrmacht und Feldmarschalls Paulus, zumindest was das Ende des Krieges, nämlich die Schlacht um Stalingrad anbelangt. Viele andere Nazigeneräle haben den mit Blut getränkten Weg des Vormarschs der Naziarmee an der Ostfront bis zu diesem finalen Fiasko großer Armeen geebnet.

Die DDR-Soldaten, die den Wegabschnitt des Zuges durch die ehemalige DDR kontrollierten, standen damals letztendlich noch unter dem entfernten, aber dezidierten Kommando der Sowjetgeneralität und des Sowjetregimes. Der Prikas oder Befehl aus dem Zentrum der Macht (ursprünglich ein Befehl des Zaren) in Moskau, der die äußersten Ende des Sowjetimperiums, inklusive seiner Warschauer Pakt Alliierten sicher erreichte, bestimmte auch die Handlungsweise an der Basis der militärisch-politisch-gesellschaftlichen Hierarchie, wo sich diese einfachen Grenzsoldaten befanden.

Und die Passierung der Grenze in Kehl/Straßburg war in der Zeit vor dem Freizügigkeitsabkommen und der Beseitigung der Grenzkontrollen eine Begegnung nicht russisch-deutscher, sondern napoleonisch-preußisch-deutscher militärischer Traditionen, die nunmehr nach drei Kriegen in einem Jahrhundert zu einem etwas friedlicheren Einvernehmen gelangt sind. Wo käme man auch hin, wenn man nur noch Krieg führen würde, der die gesamten Ressouren und Energien der Völker in Anspruch nimmt und verschlingt. Letztendlich sind Krieg und Frieden ein Tanz auf Messers Schneide und ein Kontinuum von polar entgegengesetzten Wertepräferenzen, das stets aufs Neue integriert werden muss. Dafür ist ein Quantum menschlicher Intelligenz erforderlich.

Und der erste Kontakt mit Frankreich auf der Wegstrecke nach Paris steht, mit Elsas-Lothringen, gleichermaßen im Zeichen der ewigen Frage von Krieg und Frieden. Es war ein Spielball der Macht zwischen der Grande Nation und germanischem Großmachtanspruch. Als Pufferzone und potenzieller Kriegsschauplatz zwischen den Erbfeinden Deutschland und Frankreich gedacht sollte dieser Zustand nun im Wege der europäischen Integration und des Élyséevertrages zwischen dem maßglichen Alliierten General de Gaulle und dem deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer, der seinerseits persönlich die sowjetische Generalität im Zentrum der Macht der Sowjetunion aufgesucht hat, um deutsche Kriegsgefangene freizukaufen, im gegenseitigen Interesse beendet werden und einen friedlicheren Zeitabschnitt in der bilateralen Kriegsgeschichte einleiten. Die NATO Generäle des Pentagon mit ihren europäischen Befehlszentren übernahmen nun, im Kontext einer ideologisch bipolarisierten Welt zwischen Washington und Moskau, das strategische Oberkommando im Westen. Allein General de Gaulle bestand auf einer souveränen Force de Frappe (nuklearen Streitmacht), unabhängig vom westlichen Bündnis. Der französische General und Staatspräsident, der einerseits ein Verehrer einer großen deutschen Kultur, sich aber andererseits der Gefahr voll bewusst war, die von dieser großen Kriegskulturnation ausging, war kein großer Freund eines starken Deutschland, ebensowenig wie der französische Literaturnobelpreisträger François Mauriac. Ein Zitat von ihm lautet wie folgt:

„Ich liebe Deutschland so sehr, dass ich glücklich bin, zwei davon zu haben.“

(Francois Mauriac, fr. Nobelpreisträger der Literatur)

Dieser Geist bestätigt das uralte, ebenso chinesisch, wie römisch, machiavellische, wie auch napoleonische Prinzip des Divide et Impera und bedeutet in der Praxis, je gespaltener Deutschland ist, desto besser ist es für uns in kriegsstrategischer und machtpolitischer Hinsicht. Denn, Einigkeit, die ja zurecht in unserer Nationalhymne zelebriert wird, macht erfahrungsgemäß stark. Und diese Stärke ist eine latente Bedrohung im Lichte der europäischen Kriegsgeschichte.

Und auf dem weiteren Weg Richtung Paris, den bereits Myriaden von Kultur- und Kriegsmotivierte gleichermaßen beschritten haben, kommt man dann nicht um die näher und ferner gelegenen Kriegsschauplätze und die strategisch relevante Topologie der bilateralen Kriegsgeschichte herum, denn hier trafen die großen Armeen beider Nationen aufeinander. Nicht zuletzt Verdun kommt einem dabei in den Sinn, wo Helmut Kohl und François Mitterand, ein Erzsozialist und ein Erzkonservativer sich, über alle ideologische Differenzen hinweg, im Lichte eines höher rangierenden Motivs der Dialektik des Seins und Nichtseins, des Krieges und Friedens, gleich zwei sich versöhnenden Buben, die Hände hielten. Die Ohnmacht vor der Übermacht des kriegerischen Impulses und seiner schwer steuerbaren Eskalationsdynamik im Menschen und den Nationen kennt da weder falsche Scham, noch Ideologie, noch Stolz, noch Hybris.

Doch die Schauplätze der Showdowns und Armageddons zwischen beiden Erbfeinden beschränkten sich keineswegs auf die geopolitische Schnittstellen Topographie zwischen ihnen. Nein, ihre Armeen begegneten sich auch weit entfernt von der Metropolregion der europäischen Kernländer. Selbst der ausgangs erwähnte Nollendorfplatz bezieht seinen Namen aus dem tschechischen Nollendorf, das Schauplatz der Befreiungskriege gegen Napoleon war. Von Bülow und von Kleist waren preußische Heerführer dieser für beide Armeen extraterritorialen Auseinandersetzung. Jene die noch weiter östlich, mit zahllosen Generälen und Soldaten Russland zu bezwingen suchten, sind alle am Herz der russischen Reiches gescheitert, denn hier herrscht noch ein General – das Mütterchen Russland schützende Väterchen Frost - der stets schwer besiegbar ist. Jener General im Gewand der Natur, in der Gestalt des russischen Winters und jener eines schier unendlichen Reiches. Beide Generäle stehen nicht so sehr auf den Generalstabskarten westlicher Generalstäbe, da sie in den hießigen Breiten eine geringere Rolle spielen, weil sie da weniger extrem sind. Jedoch die asiatische Strategie bezieht die psychologische, die umweltliche und andere Variablen von vorne herein in ihr strategisches Kalkül mit ein und versucht, den Gegner unter Nutzung der Summe der Faktoren, inklusive insbesondere auch der Natur, zu bezwingen.

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Details

Seiten
18
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656399704
ISBN (Buch)
9783656565888
DOI
10.3239/9783656399704
Dateigröße
610 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v211939
Note
Schlagworte
Zeitgeschichte Krieg und Frieden Paris Berlin Madrid London Ethnozentrismus Friedensforschung biographisch basierte politische Analyse Nationalismus Militarismus Europapolitik internationale Politik

Autor

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Titel: Berlin - Paris - Berlin: Eine Reise in das historische Unterbewusstsein der Völker