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Rassismus und Ausgrenzung im politischen Unterricht

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 24 Seiten

Didaktik - Politik, politische Bildung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Eine begründete rassismuskritische Perspektive
2.1 Der Rassismus in Geschichte und Gegenwart
2.2 Rassismus-Analyseperspektiven
2.2.1 Warum die psychologisierende Perspektive den Rassismus nicht adäquat aufnimmt
2.2.2 Warum die rassismustheoretischen Perspektiven den Rassismus adäquat aufnehmen
2.2.3 Das Gemeinsame beider Analyseperspektiven – die Konstruktion von Rassismus
2.3. Konzipierung einer pädagogischen Perspektive im Umgang mit Rassismus
2.3.1 Antirassistische Perspektiven
2.3.2 Rassismuskritische Perspektiven
2.3.3 Unsere Perspektive

3. Unsere rassismuskritische Perspektive angewandt im Schulunterricht
3.1 Dekonstruktionskonzeptionen von Mecheril und Holzkamp
3.1.1 Holzkamp
3.1.2 Mecheril
3.2 Umfrage zum Thema Diskriminierungserfahrungen an einer Schule
3.2.1 Hänseln, Ausschließen und Schlagen
3.2.2 Benachteiligung durch LehrerInnen
3.2.3 Kein Interesse an Integration

4. Reflexion des Schulunterrichtes unter rassismuskritischer Perspektive

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dem Seminar Fachdidaktische Vertiefung „Rassismus und Ausgrenzung – Thema und Herausforderung im politischen Unterricht“, bei der Dozentin Frau Heitz, gehen wir im Rahmen der Hausarbeit folgenden Aufgabenstellungen nach:

I. Begründen Sie eine antirassistische/rassismuskritische Perspektive
II. Konkretisieren Sie diese Perspektive auf Schule und Unterricht
III. Reflektieren und analysieren Sie ihren Schwerpunkt unter einer rassismuskritischen Perspektive

Da es Ziel dieser Hausarbeit ist, einen Unterricht zu entwerfen, der sich mit der Thematik des Rassismus auseinandersetzt, muss zunächst ein theoretischer Überbau konzipiert werden. Mithilfe dieser erworbenen theoretischen Perspektive wird es in der Folge möglich sein, dem Problem Rassismus in pädagogisch-didaktischer Weise angemessen zu begegnen.

Bevor wir entscheiden können, welche pädagogische Perspektive wir anwenden wollen, werden wir zunächst in die Geschichte und die Gegenwart blicken. Sie bilden den Ausgangspunkt unserer Vorgehensweise, konstituiert sich doch in ihnen das Phänomen des Rassismus. Dass sich der Rassismus nicht einheitlich bestimmen lässt, er in verschiedenen Formen bzw. Rassismen auftaucht, zeigt die Betrachtung der Geschichte und Gegenwart. Vor dem Hintergrund erscheint es notwendig, eine geeignete Analyseperspektive zu konzipieren, die es vermag, die unterschiedlichen Rassismusformen zu erklären. Warum die rassismus-theoretischen– im Verhältnis zu den psychologisierenden Perspektiven den Rassismus hinreichender rezipieren, begründen wir in einem nächsten Arbeitsschritt. Anlehnend an die dabei gewonnenen Ergebnisse betrachten und vergleichen wir die rassismustheoretischen pädagogischen Ansätze, den Antirassismus und die Rassismuskritik und konzipieren daran anknüpfend unsere pädagogische Perspektive.

Ergänzend werden wir neben den im Reader angegeben Literaturen weitere berücksichtigen. Primär verwenden wir folgende Aufsätze: Paul Mecheril (2004): Migrationspädagogik; Robert Miles (1998): Geschichte des Rassismus; Stuart Hall (1989): Rassismus als ideologischer Diskurs; Klaus Holzkamp (1994): Antirassistische Erziehung als Änderung rassistischer Einstellungen?

Bei der zweiten Aufgabenstellung werden wir unsere gewonnen rassismuskritischen Perspektiven in Beziehung setzen mit einer von uns konzipierten Unterrichtsvorlage, deren Inhalt eine Schülerbefragung über Ausländerfeindlichkeit ist. Da die gewonnen Perspektiven im ersten Kapitel nur ansatzweise vorgestellt wurden, werden diese in diesem Abschnitt ausführlicher behandelt.

Abschließend, in der dritten Aufgabenstellung, reflektieren und analysieren wir unabhängig voneinander den von uns entworfenen Unterrichtsentwurf mittels unserer erworbenen rassismuskritischen Perspektiven.

2. Eine begründete rassismuskritische Perspektive

2.1 Der Rassismus in Geschichte und Gegenwart

Dass man Rassismus nicht einheitlich oder gar kohärent bestimmen kann (Hall 1989: 7), erklärt sich anhand der Tatsache, dass der Rassismus in der Geschichte immer wieder in verschiedenen Erscheinungsformen auftrat. Ein kleiner historischer Rückblick zeigt dies: Fredrickson (2004: 21) konstatiert, dass es in der Antike keinen Rassismus gab, so sei beispielsweise eine stark pigmentierte Hautfarbe kein negativ konnotiertes Unterscheidungs-merkmal gewesen. Erst mit dem Aufkommen der Moderne und der mit ihr einhergehenden Generierung von Nationalitätsbewusstsein suchte man eine „Vereindeutigung von Zugehörigkeitsverhältnissen“ zu schaffen. Um diesen Rassismus zu begründen schuf man -qua dieser nationalstaatlichen Logik- Unterscheidungskriterien im Verhältnis zu Nachbarvölkern. „Rasse" wurde somit zu einer Unterscheidungsdimension (Mecheril 2004: 192). Gebräuchlich wurde der Begriff „Rassismus“ zu Beginn des 20. Jhd. in Deutschland, während des Dritten Reiches. Mit dem Begriff erklärte man eine genetisch begründete Theorie, die ideologisch besetzt war: Hierbei klassifizierte man, welche Rasse gegenüber der oder den Rassen überlegen und gesellschaftlich wertvoller sei (Fredrickson 2004: 13). Diesen genetischen Rassismus nennt man auch den alten bzw. „klassischen Rassismus“ (Mecheril 2004: 195).

Demgegenüber thematisiert der neue Rassismus in erster Linie nicht mehr die Rasse, sondern die Kultur (Balibar 1990: 28). Das bedeutet aber nicht im Umkehrschluss, dass sich der alte und der neue Rassismus in ihren wesentlichen Annahmen unterscheiden, wenngleich -wie Cinar (1999: 59) konstatiert- man allgemein von einem „Rassismus ohne Rassen“ sprechen muss. Die Logik des neuen Rassismus verfolgt die Annahme, dass zwischen den Menschen Unterschiede bestehen, die bestimmen, ob jemand dazugehört oder auszugrenzen ist. Wenn jene dichotome Struktur früher durch äußere Kennzeichen, wie z.B. Hautfarbe begründet wurde (d.h. also biologische Gründen!), wird diese aktuell durch „kulturelle Merkmale“, wie etwa durch religiöse Praktiken gekennzeichnet (Hall 1994: 127). Mecheril (2004: 192) verweist auch darauf, dass dem alten wie auch dem neuen Rassismus gemein ist, dass diese Ausgrenzung mit einer diffamierenden Konnotation einhergeht – früher sprach man von einem „geringeren Wert“, heute spricht man „über weniger Anrechte“ gesellschaftlicher Einflussnahme. Zugleich betont er, dass beide Rassismusformen „nebeneinander und vermischt existieren“.

Insofern ist Hall zu zustimmen, wenn er konstatiert, dass es „keinen Rassismus als allgemeines Merkmal menschlicher Gesellschaften“ gibt, sondern „nur historisch-spezifische Rassismen“ (Hall 1994: 127).

2.2 Rassismus-Analyseperspektiven

Vor dem Hintergrund der gewonnenen Ergebnisse und der Absicht, Rassismus als gesellschaftliches Phänomen angemessen begegnen zu können, muss Rassismus als eine gesellschaftliche Analyseperspektive wahrgenommen werden. Denn um das Problem Rassismus in seinen gesamten unterschiedlichen Erscheinungs- und Handlungsformen verstehen zu können, ist es erforderlich, die richtige Analyseperspektive einzunehmen.

Im Folgenden werden die Perspektiven eines psychologischen Ansatzes mit der Perspektive eines rassismustheoretischen Ansatzes gegenübergestellt und beurteilt, welche die Geeignetere der Beiden ist.

2.2.1 Warum die psychologisierende Perspektive den Rassismus nicht adäquat aufnimmt

Wie Kossek (1999) feststellt, vermied man den Gebrauch des Begriffes Rassismus im deutschsprachigen Raum bis in die 90er Jahre hinein aufgrund der NS-Zeit. Dies führte dazu, dass man in synonymischer Weise andere Begriffe benutzte, wie beispielsweise das Wort Fremdenfeindlichkeit. Doch in der Rückschau erwiesen sich jene Alternativbegriffe unbrauchbar, da „die mit ihnen verbundenen Analysen und Handlungsempfehlungen nur eingeschränkt wirkungsvoll geblieben sind“ (Mecheril 2004: 179). Hintergrund dafür ist der Gebrauch von psychologischen Erklärungs- und Handlungsansätzen[1], die in ihrer Ausgangsfrage gegenüber dem Problem Rassismus oberflächlich blieben/bleiben. Das führe -so Mecheril (2004: 181ff.)- eher zu einer Konservierung von Rassismen. Denn ihre perspektivische Leitfrage -Was können wir gegen Fremdenfeindlichkeit, Rechtsextremismus (etc.) tun?- erklärt nicht die Ursache für die Fremdenfeindlichkeit bzw. erklärt nicht warum man zwischen Wir und Nicht-Wir unterscheidet (binäre Struktur des Rassismus).

2.2.2 Warum die rassismustheoretischen Perspektiven den Rassismus adäquat aufnehmen

Um der binären Kernstruktur des Rassismus analytisch gerecht zu werden und so zeigen zu können, „dass rassistische Unterscheidungen als komplex zusammenwirkende, in unterschiedlichen Dimensionen des gesellschaftlichen Gefüges wirksame Distinktion den Menschen auf den Leib rücken und sich ihnen habituell einschreiben“, bedarf es -so Mecheril- rassismustheoretischer Perspektiven, die gesellschaftliche Verhältnisse deuten können (Mecheril 2004: 186). Denn dieser Ansatz hinterfragt den Rassismus in seinem Kern (binäre Struktur des Rassismus), wenn er fragt: Warum unterscheidet man zwischen Wir und Nicht-Wir? Demnach thematisiert dieser Ansatz den Rassismusbegriff, im Gegensatz zu dem psychologisierenden Ansatz. Mit diesem Ansatz versucht man, die Ursachen des Rassismus aufzudecken und davon ausgehend entsprechende Handlungsanweisungen zu formulieren. Wie das geschieht, zeigen im Folgenden die vier unterschiedlichen rassimustheoretischen Ansätze:

Die genetische Rassismustheorie beruht, wie bereits in 2.1 aufgezeigt, auf der Unterscheidung physiognomischer Unterschiede. Dass diese Rassismusform weiter existiert, quasi neben und mit den anderen, ist ein Phänomen in der Gesellschaft (Hall 1989:12).

Mit der instutionellen Rassismustheorie wird ein Rassismus betrachtet, der gleichsam im Verborgenen, und zwar in der Politischen, in der Gesellschaft, in der Gesetzgebung und in den Medien offenbar wird. Das hat wiederum eine wechselseitige Wirkung, d.h. dass das Individuum in einer Gesellschaft, in der sich der Rassimus derart strukturell konstituiert, von diesen Rassismus-Konstitutiven beeinflusst wird (Miles 1991: 69f., 113ff.).

Die individuelle Rassismustheorie entwickelt eine Perspektive auf das Individuum selbst. Bei diesem Ansatz steht primär die rassistisch bestimmte Einstellung des Einzelnen im Fokus. Hierbei wird versucht, die subjektive Einstellung des Individuums zu objektivieren (Holzkamp 1994: 9f.).

Mit der kulturellen Perspektive wird erklärt, warum man Menschen aufgrund ihrer anderen kulturellen Prägung diffamiert. Genauer: Die Logik dieser Rassismusform intendiert die Annahme, dass es zwischen den Menschen Unterschiede bestehen, die bestimmen, ob jemand dazugehört oder auszugrenzen ist. Ein Grund für die Ausgrenzung sind „kulturelle Merkmale“, wie beispielsweise religiöse Praktiken diese kennzeichnen (Hall 1994: 127).

2.2.3 Das Gemeinsame beider Analyseperspektiven – die Konstruktion von Rassismus

Kerngedanke hierbei ist, dass Rassismus das Ergebnis eines Konstruktionsprozesses ist und nicht etwa die Reflektion von objektiver Wirklichkeit darstellt. Und diese Auffassung liegt der psychologischen und auch der rassismustheoretischen Analyseperspektiven zugrunde (Mecheril 2004: 180f.).

Guillaumin (1998: 171) erkennt richtig, dass der Rassismus Inhalt eines Konstruktions-vorganges einer Gesellschaft gegenüber der anderen ist. Dass dies natürlich auch bezogen auf den interaktiven Bereich stattfindet, liegt nahe (Miles 1992: 100). D.h., dass in gleicher Weise, wie man das Nicht-Wir bzw. den Anderen identifiziert, identifiziert man umgekehrt das Wir bzw. das Ich. Insofern lassen sich Rückschlüsse von der Beschreibung des Anderen auf die eigene Identität ziehen (Hall 1989: 14f.).

Die Tatsache, dass Rasse-Theoretiker im Verlauf der Geschichte zu „unterschiedlichen rassischen Einteilungen“ kamen, legt den Umkehrschluss nahe, dass „die Unterscheidung von Rassen (…) nicht als natürliche Gegebenheiten zu verstehen sind“ (Mecheril 2004: 188). Vielmehr sind es instrumentalisierte Konstruktionsvorgänge, die gesellschaftliche Machtzusammenhänge begründen und auch bewirken wollen (Rommelspacher 2002: 132). Insofern erklärt sich auch, dass diese Konstruktions-Diskurse in unmittelbarer Abhängigkeit zu politischen Auseinandersetzungen stehen und dort in ihren Diskursen gepflegt werden.

[...]


[1] Diese Ansätze versuchen zu erklären, „warum und wie Menschen auf Personen, die als Andere oder Fremde bezeichnet und verstanden werden, in einer bedeutsam anderen Weise reagieren“ (Mecheril 2004: 180f.): 1. Ethologisch beinhaltet die Vorstellung, dass das Individuum gleichsam naturgemäß aversiv gegen das Fremde reagiert; demnach könnte die Fremdenfeindlichkeit abnehmen, wenn weniger Fremde vorhanden wären. 2. Psychoanalytisch meint, man könnte die Fremdenfeindlichkeit dann verringern, wenn man sich seiner Verhaltensweise reflexiv bewusst werden würde. Grundannahme dessen ist, dass jede Reaktion auf Fremde Ausdruck des Umgangs mit dem Eigenen ist. 3. Gruppenpsychologisch intendiert die Vorstellung, dass Gruppenbildungen durch Kategorisierungen initiiert werden, was methodisch dazu führt, Fremde in übergeordnete Gruppenkategorien zu integrieren. 4. Einstellungspsychologischer Ansatz meint die Fremdenfeindlichkeit dadurch verringern zu können, dass durch Aufklärung über Vorurteile gegenüber den Fremden das Denken verändert werden kann. 5. Persönlichkeitspsychologisch beinhaltet die Vorstellung, dass durch familiäre Erziehung Fremdenfeindlichkeit bei den zu erziehenden Kindern beeinflusst werden kann (Zick).

Details

Seiten
24
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656399643
ISBN (Buch)
9783656399483
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v211995
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
2,0
Schlagworte
rassismus ausgrenzung unterricht

Autor

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Titel: Rassismus und Ausgrenzung im politischen Unterricht