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Landschaftsarchitektur und Heilpflanzen - Entwurf eines phytotherapeutischen Gartens

Diplomarbeit 2010 102 Seiten

Landschaftsarchitektur, Landespflege, Gartenbau

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Einleitung und Grundlagen
I. Einleitung
1. Zitat
2. Idee und Ziel
3. Vorgeschichte
II. Allgemeine Informationen
1. Landschaftsarchitektur und Heilpflanzen
2. Hortus amoenus inest aptior et domino
3. Medizinische Praxis in Essen Steele
4. Heilpflanzen in der Medizin
5. Phytotherapeutische Landschaftsarchitektur als Beitrag zu
Forschung und Entwicklung
III. Phytotherapie
1. Definition ,Phytotherapie'
2. Geschichte der Phytotherapie
IV. Medizinische Grundlagen
1. Ayurveda
a) Definition Ayurveda
b) Die Tridosha-Lehre
c) Funf Elemente
d) Guna - Das Wesen der Stoffe
e) Rasa - Der Geschmack
f) Pflanzenbeispiele: Rashona, Shatapatra und Tulsi
2. Traditionelle Chinesische Medizin
a) Definition TCM
b) Qi
c) Yin und Yang
d) Die funf Wandlungsphasen
e) Die drei Klassen
f) Temperaturverhalten Siqi
3. Europaische Medizin
a) Die Wurzeln der Europaischen Medizin
b) Die vier Elemente
c) Medizin und Garten in Europa
4. Resumee

B. Entwurfsplanung eines phytotherapeutischen Gartens
I. Knappschaftskrankenhaus Essen-Steele - Geschichte
II. Raumanalyse
1. Gebaude
2. Formensprache und Gestaltung der Umgebung
3. Topographie
4. Wege und Verbindungen
5. Entwurfsbereich
6. Licht und Warme
7. Boden
8. Bestandspflanzen
9. Farbe und Materialitat
III. Entwurf
1. Raum und Bauliches
a) Inspirationen
b) Raumliche Gliederung
c) Die vier (3 + 1) Beete
d) Materialitat der baulichen Entwurfsbestandteile
2. Grundpri.nzi.pi.en der Pflanzenverwendung
a) Drifts
b) Kontraste
3. Pflanzenverwendung ,Kalt und Warm'
a) Kalt und Warm
b) Optischer Temperaturverlauf (Farben)
c) Medizinischer Temperaturverlauf (Wirkung)
4. Pflanzenauswahl
a) Auswahlkriterien (Ayurveda, TCM, Traditionelle Europaische Medizin)
b) Geholze
c) Stauden
d) Ein- und Zweijahrige
5. Beet Traditionelle Chinesische Medizin
6. Beet Ayurveda
7. Beet Europaische Medizin
8. Grosses Beet
IV. Exkurs - Realisierung des Entwurfes
1. Antrag auf Finanzierung bei der Carstens-Stiftung
2. Kostenschatzung und Zeitplan
3. Pflanzenanzahl
4. Erhaltlichkeit der Pfanzen im Handel
5. Anschreiben
6. Projektbeschreibung
7. Angebot einer regionalen Baufirma
V. Ausblick
Von Garten, Menschen und Kulturen

C. Anhang 92

VI. Quellenverzeichnis
VII. Dank
VIII. Anlage
1. Entwurfsplan
2. Pfanzplan
3. Pfanzentabelle

,Constructas inter moles parietibus altis

Hortus amoenus inest aptior et domino.

Hic vario frondis vitalis semine crescunt,

in quibus est genio praemedicante salus.

Hinc Phoebi Asclepicque tenet doctrina parandum:

Omnibus hinc morbis cura secunda patet.

Iam puto, quod caeli locus est, ubi numina regnant,

Cum datur his herbis vincere mortis opus.'

,Inmitten hoher Wande Mauerwerk umschlossen liegt

Ein Garten wunderschon - und nutzlich seinem Herrn:

Hier wachst Leben erhaltendes Kraut vielfaltiger Arten,

Hierin schlummert das Heil, verwahrt mit der Heilkunst Genie.

Hieraus empfangt die Kunst

des Asklepios und Phobus die Mittel,

Hier kommt heilsame Kur mit jeder Krankheit zurecht.

Dies ist ein himmlischer Ort, hier walten himmlische Wesen,

Darum glaube ich gewiss: Es besiegen die Krauter den Tod.'

Luxorius, 6.Jhd. n.Chr.1

IDEE Die Idee fur die Diplomarbeit ,Landschaftsarchitektur und Heil- pflanzen - Entwurf eines phytotherapeutischen Gartens' entstand durch einen Artikel der GEO Wissen-Ausgabe ,Sanfte Medizin'. Der Beitrag trug den Titel ,Die Klinik der Zukunft' und por- tratierte die Essener Klinik fur Naturheilkunde und Integrative Medizin als einzigartiges Phanomen in Europa, da sie ,konventi- onelle Medizin mit alternativen Methoden wie Pflanzenheilkunde, Kneipp-Anwendungen oder Akupunktur'2 verbindet. Hier wird neben der europaischen Pflanzenheilkunde auch die Traditionelle Chinesische, und die ayurvedische Medizin gelehrt und prakti- ziert. Die Verbindung und Vernetzung der medizinischen Traditi- onen fuhrt an diesem Ort zu einer gegenseitigen Erganzung und fruchtbaren Zusammenarbeit.

Diese Verbindung und Vernetzung von Kulturen, die ein Phano­men unserer heutigen Zeit und Kommunikationsgesellschaft ist, ist auch auf der Ebene der Landschaftsarchitektur und Pfanzen- verwendung denkbar.

ZIEL Die erklarte Zielsetzung dieser Diplomarbeit ist es, die medizi- nische Praxis des Knappschaftskrankenhauses in Essen Steele in einen landschaftsarchitektonischen Entwurf zu ubersetzen.

In diesem Entwurf sollen die Heilpfanzen aller drei, vor Ort angewandten medizinischen Traditionen zum Einsatz kommen. Die Atmosphare welche durch den gemeinsamen Einsatz dieser Pfanzen erzeugt werden kann, steht hierbei im Mittelpunkt des Konzepts. Das auBere Erscheinungsbild der Heilpfanzen (Bluten- farbe, Wuchshohe, Kontur, Struktur, Textur) und ihre medizinische Verwendung sollen fur den Entwurf Gestalt gebend sein. Ange- strebt ist eine im landschaftsarchitektonischen Sinn bestmogliche Prasentation der Pfanzen, auch im Hinblick auf ihre medizinische Tradition und Wirksamkeit. Der Einsatz von nicht heimischen Heilpfanzen geschieht unter dem Vorbehalt der klimatischen Vertraglichkeit.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Idee, einen eigenen phytotherapeutischen Garten zu besitzen, VORGESCHICHTE wurde in Essen sehr begruBt.

Die erste Kontaktaufnahme zur Klinik fand im Mai 2009 statt.

Am 17.06.2009 war ich zum ersten Mal vor Ort, um mir einen allgemeinen Uberblick uber das Entwurfsgebiet zu verschaffen.

Im Rahmen dieses Besuches nahm ich auBerdem an einer Phy- totherapiewanderung (Abb. 1) in der Gegend um Essen teil. Die Exkursion war Teil einer Arztefortbildung und fuhrte unter ande- rem am Baldeneysee (Abb. 2) und dem Klosterkrautergarten in Essen Werden (Abb. 3) vorbei. Die hier vorgestellten heimischen Heilpflanzen waren der Auftakt zur Bearbeitung der Diplomar- beit. Die Klinik stellte mir nach diesem ersten Besuch bereits zahlreiche Planunterlagen, sowie historische Bilder zur Verfugung.

Eine Zustimmung zur Planung fand auf allen Ebenen statt: Von der Klinikleitung bis zum Obergartner waren alle Instanzen von der Idee uberzeugt. Seit der ersten Kontaktaufnahme wird eine realitatsnahe Planung samt Umsetzung angestrebt. Der Wunsch der Klinik war einfach und direkt:

Studenten, Patienten und Mitarbeiter sollen von dem Garten pro- fitieren. Lehre und Freude stehen ganz oben, Nutzen wird eher klein geschrieben.

Zur Finanzierung und Umsetzung des Entwurfskonzeptes sollte auch die vor Ort ansassige Karl und Veronica Carstens-Stiftung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

involviert werden. Von der Klinik selbst wurde auch die Bereit- schaft signalisiert, Kosten zu ubernehmen.

Im Februar 2010 fand vor Ort eine Zwischenprasentation des Entwurfskonzeptes statt. Auch der Karl und Veronica Carstens- Stiftung wurde die Planung vorgestellt. AnschlieBend wurde bei der Stiftung ein Antrag auf Kostenubernahme der baulichen MaBnahmen gestellt.

Im Hinblick auf die zukunftige Pflege des Gartens wurde bereits zu Beginn der Planung angedacht, neben den Gartnern auch zum Teil Patienten der psychiatrischen Tagesklinik die Moglich- keit zu geben, im Rahmen einer Beschaftigungstherapie hier tatig zu sein.

Im Blick auf die Zukunft sollte nach Umsetzung der Planung noch ein Pflegekonzept erarbeitet werden, um den Garten wei- terhin in einem guten Zustand zu halten.

,Die Landschaftsarchitektur heute stellt sich den neuen Herausforde- rungen, den neuen Aufgaben. [...]

Diese Aufgaben verlangen mehr als einen traditionellen kunstlerisch- gestalterischen Anspruch: Sie verlangen den Mut, tradierte Werte in Frage zu stellen und Experimentierfreude, gepaart mir grossem Fachwissen und umweltasthe- tischer Ausdruckskraft.'3

Landschaftsarchitektur und Heilpflanzen. Das Thema passt gut in eine von Krankheiten geschwachte Gesellschaft, deren Freiraume mit Wellness-, und Erholungsfaktor immer wichtiger werden. Al- lein die Gestaltung eines Freiraums unter asthetischem Aspekt hat bereits direkten Nutzen fur den Menschen: Neben einem schoneren Anblick bietet der neu gestaltete Raum auch neue Aufenthalts- und Betatigungsmoglichkeiten. Hier finden Men­schen einen Ruckzugsort und vielleicht sogar die eigene Ver- bindung zur Natur wieder. Werden nun Heilpflanzen die Trager eines landschaftsarchitektonischen Entwurfes, ergibt sich fur die Nutzer des Freiraums ein doppelter Gewinn: Zusatzlich zu der raumlich-asthetischen Verbesserung bekommt der Entwurf noch praktischen Nutzen. Der Garten bietet neben der Ebene der naturlichen Schonheit noch einen weiteren, tieferen und viel bedeutungsvolleren Aspekt an - einen Schlussel zur mensch- lichen Gesundheit. Moderne Landschaftsarchitektur und Pflanzen- verwendung bedeutet jedoch mehr, als die schachbrettahnliche Aufreihung der Heilpflanzen in getrennten Hochbeeten, welche oft in mittelalterlichen Klostern ublich war. Die Pfanzen wer­den in diesen Zeiten in Garten kombiniert, interagieren, bilden vielschichtigere Raume - durch ihre Standorte, Wuchshohen und auch durch bauliche Erganzungen. Der Einsatz von Pfanzen wird nachhaltig und mit dem Ziel der Pflegeextensitat geplant. Okologische Gegebenheiten wie pH-Wert, Bodenbeschaffenheit, Pfanzensoziologie und Licht werden genauso berucksichtigt, wie asthetische Aspekte. Die Asthetik fndet sich im groBen Zusam- menhang des Raumgefuges, der Raumlinien u.a. und auch in den kleinen Details wie Strukturen, Blatttexturen und Blutenfar- ben wieder. Idealerweise realisiert der Landschaftsarchitekt alle Gegebenheiten und Besonderheit eines Ortes, und entwickelt hieraus ein Entwurfskonzept, welches die Eigenart und Asthetik des Ortes unterstreicht und den Anforderungen gemaB weiter- entwickelt. Em so gestalteter Ort hat nun nicht mehr den Cha- rakter eines Hortus conclusus (eines geschlossenen, mittelalter- lichen Klostergartens), sondern er ist einzigartig, frei zuganglich, flexibel erweiterbar, interaktiv und vielfaltig. Ein medizinischer Garten sollte aufgrund seiner Bedeutung ubersichtlich gegliedert sein. In diesem neuzeitlichen Garten darf die starre Symmetrie des Mittelalters durch eine harmonische Gliederung der Moderne ersetzt werden, die auch Raum fur Erweiterungen lasst.

Die Nutzung von Heilpfanzen hat in der Medizin eine uralte Tradition. Angeblich trug schon der Mann vom Hauslabjoch, eine 5300 Jahre alte Gletschermumie aus der Jungsteinzeit, ganz bestimmte Pilze (Birkenporlinge) als Heilmittel mit sich.4 Die europaische Kultur kennt viele Namen groBer Mediziner: Hippo- krates, Paracelsus, Hildegard von Bingen oder Sebastian Kneipp - all diese Menschen verbindet in ihrer Funktion als Heilende auch die Nutzung von Heilfanzen. Mit der der medizinischen Tradition des Nutzens von Pfanzen zu Heilzwecken ist auch eine langjahrige Geschichte der Arzneipfanzengarten verbunden. Eines der altesten bekannten Beispiele einer Gartenalage mit medizinischem Hintergrund ist der Klostergarten von St. Gallen. Die Pfanzen dieses Gartens wurden auch vom Monch Walahfrid Strabo in seinem Werk ,De cultura hortorum' im Jahr 827 nach Christus naher beschrieben: Pfanzen wie zum Beispiel Kummel (Carum carvi) und verschiedene Arten von Minze (Mentha spec.) waren hier angepfanzt. Der Grund fur die Anlage von Arznei­pfanzengarten war zum einen ein medizinischer, und zum ande- ren ein asthetischer. Diesen doppelten Ansatz beschreibt bereits der romische Dichter Luxorius in einem Werk des 6. Jahrhun- derts nach Christus: ,Hortus amoenus inest aptior et domino. Hic vario frondis vitalis semine crescunt, in quibus est genio praemedicante salus.' (,Ein Garten wunderschon - und nutzlich seinem Herrn: Hier wachst Leben erhaltendes Kraut vielfaltiger Arten, Hierin schlummert das Heil, verwahrt mit der Heilkunst Genie.')5 - so beschreibt der spatantike Dichter Luxorius den Garten ,des Herrn Oageus, in dem alle Medizinalpfanzen ange- baut sind'. Es existierte bereits im 6. Jahrhundert nach Christus das Bestreben sowohl einen asthetisch ansprechenden, als auch einen medizinisch nutzbaren Garten zu haben: Die phytothe- rapeutische Landschaftsarchitektur und Pflanzenverwendung der Spatantike. Er betont hier sowohl die asthetischen Vorteile, als auch den praktischen Nutzen einer Gartenanlage. Die Grunde fur die Entstehung phytotherapeutischer Garten in der Vergangen- heit gelten auch fur die Gegenwart: Das lebendige Herbarium demonstriert das ganze Spektrum der Heilpflanzen und deren Wirksamkeit. Doch was genau beinhaltet das ganze Spektrum unserer heute genutzten Medizinpflanzen? Die kulturelle und internationale Vernetzung ist auch zum Thema der Medizin ge- worden: Ayurveda und Traditionelle Chinesische Medizin werden immer mehr an europaischen Kliniken praktiziert. Somit erweitert sich das Spektrum der angewendeten Heilpflanzen fast taglich. Ein Beispiel fur eine kulturenubergreifende Anwendung der Me­dizin ist das Knappschaftskrankenhaus in Essen.

Die groBe Besonderheit der Klinik ist es, dass hier neben den traditionellen Heilmethoden auch die des Ayurveda und der Tra- ditionellen Chinesischen Medizin angewendet werden. Die Klinik ist ein typisches Beispiel in unserer heutigen Zeit der Globa- lisierung und Vernetzung von Kulturen und Wissen. Durch die multikulturelle Heilpraxis konnen die verschiedenen Lehren sich gegenseitig erganzen und weiterentwickeln.

TCM (Traditionelle Chinesische Medizin), Ayurveda und Traditio­nelle Europaische Medizin - die Nutzung von Heilpflanzen hat in allen drei Lehren eine lange Tradition. Neben den tierischen und mineralischen Arzneibestandteilen, sind die Pfanzen bei der Herstellung von Medikamenten in allen drei Kulturen besonders wichtig. Bei einem naheren Blick auf die verwendeten Heilpflan­zen fallt auf, dass manche von ihnen in zwei oder sogar allen drei der erwahnten medizinischen Traditionen zum Einsatz kom- men. Ein Beispiel hierfur ist die Schafgarbe (Achillea millefolium) (Abb. 5). Die Pfanze wurde von jeher zur Unterstutzung der Verdauung und fur die Behandlung von Frauenleiden verwendet. Im Aurveda wird sie ,Gandana', und in der Traditionellen Chine­sischen Medizin ,I Chi Cao' genannt und zu ahnlichen Zwecken eingesetzt.6

Da das Interesse an alternativen Heilmethoden und somit am Ayurveda und der TCM in unserer westlichen Welt bestandig ansteigt, halt auch die Nachfrage nach den jeweiligen Pflan- zen an. Aufgrund der anderen klimatischen Bedingungen in Mitteleuropa verglichen mit Indien oder China, ist die Kultivie- rung vieler solcher Pfanzen als Herausforderung zu verstehen. Einige benotigen zwingend Winterschutz oder die Uberwinte- rung im Gewachshaus. Noch liegt in diesem Gebiet der Pfan- zenverwendung viel Forschungs-, und Entwicklungspotential. Es existieren sogar bereits Bestrebungen in Europa, die eigent- lichen TCM- und Ayurvedapfanzen in der medizinischen An- wendung durch heimische Gewachse zu ersetzen. Schriftliche Veroffentlichungen zu diesem Thema gibt es jedoch kaum. Als ein Beitrag zu dieser Richtung der Forschung und Entwick- lung ist der Entwurf fur den phytotherapeutischen Garten des Knappschaftskrankenhauses Essen zu verstehen. Auf einer Ra- senfache von ca. 370 qm soll hier ein Garten entstehen, der unsere europaischen Heilpfanzen mit denen des Ayurveda und der Traditionellen Chinesischen Medizin vereint.

,Der Begriff Phytotherapie beschreibt die Vorbeugung und Be- handlung von Krankheiten und Befndungsstorungen durch Pfan- zen sowie Pfanzenteile wie Blatt, Blute, Wurzel, Frucht oder Sa- men und deren Zubereitung. Hierfur geeignete Pfanzen werden traditionell auch als Heilpfanzen bezeichnet.'7 Die Besonderheit der Phytotherapie ist, dass die verwendete Arzneipfanze bzw. der verwendete Pfanzenteil immer als Ganzes und in ihrer na- turlichen Form verwendet wird: Es werden keine Stoffe kunstlich extrahiert oder isoliert. Ein phytotherapeutisches Arzneimittel ist also immer ein ,Mehrstoff- oder Vielstoffgemisch'. Fur Phyto- therapeuten ist die Ganzheit von Heilpfanzen mehr, als nur die Summe von genetisch nachweisbaren Inhaltsstoffen. Das Stoffgemisch Pfanze erzielt namlich oft eine Wirkung (die sog. ,Realerfahrung'), die sich nicht durch die einzeln betrachteten In- haltsstoffe (die sog. ,pharmakologisch-experimentelle Erfahrung') erklaren lasst. Fintelmann, ein bedeutender Mediziner auf dem Gebiet der Phytotherapie, zitiert hierzu aus Goethes Faust:

,Wer will was Lebendigs erkennen und beschreiben, sucht erst den Geist herauszutreiben, dann hat er die Teile in seiner Hand; fehlt, leider, nur das geistige Band.'8

Dieses ,geistige Band' halt nach Definition der Phytotherapie auch jede Heilpfanze zusammen und manifestiert ihre charak- teristischen Eigenschaften. Gemeint ist ein Geheimnis des Le- bens, welches sich den Schubladen der Wissenschaft mit ihren Klassifkationen von Gattungen, Arten und Sorten entzieht. Der chinesische Philosoph Laotse (bzw. Laozi) nennt dieses unbe- schreibliche, geistige Band ,Tao':

,Das Tao ist sowohl benannt wie namenlos.

Das Namenlose ist der Ursprung aller Dinge, als Benanntes ist es die Mutter der zehntausend Dinge.'9

Die Pfanzenheilkunde hat sich seit Jahrtausenden etabliert. Die chinesische, tibetische und die indisch-ayurvedische Medizin sind weltweit bekannt. Auch in Afrika, Nord- und Sudamerika und in Ozeanien wurden schon einst von Medizinmannern Heilpfanzen verwendet, welche heute zu den phytotherapeutischen Standard- drogen (Medikamente) zahlen; Beispiele hierfur sind der Purpur- farbene Sonnenhut (Echinacea purpurea MOENCH) (Abb. 7) oder die Teufelskralle (Harpagophytum procumbens DC.). Wegberei- ter der Phytotherapie finden sich in jeder Zeit und Kultur: Die Priester des alten Agyptens, Griechenlands und des Romischen Reiches unter Marc Aurel, die Abtissin Hildegard von Bingen, Paracelsus - und Arzte wie Hufeland, Carus und Pfarrer Kneipp: Sie alle schatzten die Heilwirkung von Pfanzen.10 Keilschriften aus der Zeit ca. 3000 v.Chr. belegen schon die Verwendung zahl- reicher, pfanzlicher Rezepturen im einstigen Mesopotamien.11 Wissenschaftlich defniert wurde der Begriff Phytotherapie von dem franzosischen Arzt Henri Leclerc (1870-1955), welcher zahl- reiche Aufsatze uber die Anwendung von Heilpfanzen in der Zeitschrift ,La Presse medicale' veroffentlichte und schlieBlich den Leitfaden ,Precis de Phytotherapie' verfasste.12 In Deutschland ist die Phytotherapie als ,besondere Therapierichtung' im Deutschen Arzneimittelgesetz (AMG) verankert.

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Die folgenden Definitionen sind lediglich ein kleiner Einblick in die Jahrtausende alten Lehren der Medizin verschiedener Kul- turen und besitzen deswegen keinen Anspruch auf Vollstandig- keit. Es werden lediglich einige Grundbegriffe der Medizin erklart Aus den hier beschriebenen Aspekten der Phytotherapie wird der landschaftsarchitektonische Entwurf abgeleitet. Die praktische Anwendung von Heilpflanzen erfordert jedoch ein groBes Praxis- wissen samt arztlicher Ausbildung.

Die indische Bezeichnung fur die Heilkunde ,Ayur-Veda' kann mit ,Lehre vom langen Leben' ubersetzt werden.13 Ahnlich der Traditionellen Chinesischen Medizin ist die ayurvedische Heil- pfanzenkunde eingebettet in ein sehr (ca. 3000 Jahre) altes Glaubenssystem. ,Die Starke des Ayurveda liegt in seiner brei- ten, allumfassenden Sicht der dynamischen Wechselbeziehungen zwischen organischen, physiologischen Prozessen und auBeren Faktoren wie Klima, Lebensarbeit des Individuums und die Er- nahrung, wobei innere emotionale Zustande ebenfalls in die Betrachtung miteinbezogen werden.'14 Der menschliche Korper mitsamt der Seele wird als Addition seiner physischen Bestand- teile in Kombination mit energetischen Kreislaufen und Wechsel- wirkungen betrachtet. Hierbei gilt jeder Mensch als einzigartiges Individuum. Wie in China, erfahren auch in der ayurvedischen Heilkunde verschiedene Menschen mit der augenscheinlich ,glei- chen' Erkrankung oftmals eine unterschiedliche Behandlung, die ihrer eigenen Konstitution entspricht. Michael Tierra schreibt hierzu:

,Der grundlegende Fehler der westlichen Medizin besteht darin, die Krankheit und nicht den Patienten zu behandeln.

Wurden Arzneimittel mit Sensibilitat, nach der individuellen Natur des Einzelnen verordnet werden,

so wie es bei den Heilpflanzen der ostlichen Heilkunde der Fall ist, liessen sich viele Nebenwirkungen vermeiden.'15

Die individuelle Natur und einzigartige Konstitution jedes Men­schen wird im Kern durch die sogenannte Tridosha-, oder Drei- saftelehre erklart. Die ayurvedische Heilkunst geht von drei grundsatzlichen Energien aus, die den Korper regieren. Befinden

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Abb. 8 Die drei Doshas: Vata, Pitta und Kapha

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Abb. 9 Die fOnf Elemente in der Pflanze

sich diese Energien im Gleichgewicht, 1st der Mensch gesund. Bei Ausbruch von Krankheiten ist ein Ungleichgewicht zwischen der Nervenenergie (Vata), der katabolischen Feuerenergie (Pitta) und der anabolischen Nahrenergie (Kapha) vorhanden (Abb. 8).16 Je- dem Dosha werden auch bestimmte Korperbereiche zugeordnet: Kapha befindet sich zum Beispiel in Brust, Hals, Kopf, Bauchspei- cheldruse, Fettgewebe, Plasma, Nase, Zunge und insbesondere im Magen. Nach ayurvedischen Vorstellungen steht die indivi- duelle Konstitution jedes Individuums schon bei der Geburt fest und bleibt dann lebenslang konstant. Ein oder mehrere Doshas jedes Individuums neigen von Anfang an dazu, den Korper zu dominieren und erzeugen letztlich ganz bestimmte Krankheits- bilder. Beginnt Kapha im Korper zu dominieren, kann sich dies beispielsweise in Ubergewicht, Kaltegefuhlen, erschwerter Atmung oder ubermaBigem Schlafbedurfnis auBern. Um die Doshas im gesunden Gleichgewicht zu halten, konnen unter anderem Heil- pflanzen verwendet werden.

FUNF ELEMENTE Wie die chinesische Medizin kennt auch das Ayurveda funf Ele­mente: Ather (Akasha), Feuer (Tejas), Erde (Prithivi), Wind (Vayu) und Wasser (Ap). Diese funf Elemente beschreiben nach ayurve- discher Vorstellung die Beschaffenheit/Festigkeit ,aller Substan- zen [...], die gesamte sichtbare und unsichtbare Materie, die im Universum enthalten ist. Sie haben auch psychologische Entspre- chungen, die bestimmte geistige Zustande und Gefuhlsqualitaten anzeigen.'17 AuBerdem werden die funf Elemente den funf Teilen der Pflanze (Pancangam) gleichgesetzt (Abb. 9).

,Die Wurzel entspricht der Erde, als dichtester und unterster Teil der Pflanze, der mit der Erde verbunden ist.

Stengel und Verzweigungen entsprechen dem Wasser, da sie das Was- ser und die Safte der Pflanze transportieren.

Die Bluten, die das Licht und die Farbe manifestieren, entsprechen dem Feuer.

Die Blatter, durch welche der Wind die Pflanze bewegt, entsprechen der Luft.

Die Frucht entspricht dem Ather, der subtilen Essenz der Pflanze. Der Same enthalt das gesamte Potential der Pflanze und damit alle funf Elemente [...] in sich.'18

Die Gleichsetzung der verschiedenen Elemente mit dem Aufbau einer Pflanze zeigt, wie eng die Ayurvedische Medizin mit der Natur und den Heilpflanzen verbunden ist.

Im Ayurveda werden allen Substanzen ganz bestimmte Eigen- schaften zugeordnet. Die Gesamtheit dieser Eigenschaften wird als Guna bezeichnet: Das Wesen der Stoffe. Auch jedes der funf Elemente besitzt sein eigenes Guna. Dieses Wesen wird im Ayurveda mit Hilfe von zehn Eigenschaftspaaren beschrieben:19

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Die ersten vier Eigenschaftspaare sind von besonders groBer Bedeutung. Insbesondere das zweite Gegensatzpaar Shita und Ushna (kuhLend und erhitzend) hat eine besondere Erwahnung verdient. Es bezeichnet die energetisierende Wirkung einer Sub- stanz (z.B. einer HeiLpflanze auf den menschLichen Korper). Ein PflanzebeispieL: Der Minze bzw. Puthia (Mentha spec. L.) wird eine kuhLende Wirkung (Shita) auf den Organismus zugeschrie- ben (Abb. 10).20

RASA - Je nach Auspragung der vorher aufgeListeten Eigenschaften be- DER GESCHMACK sitzt eine Substanz einen ganz bestimmten Geschmack (Rasa).

Das Ayurveda unterscheidet insgesamt sechs Geschmacksrich- tungen: suB (Madhura Rasa), sauer (AmLa Rasa), saLzig (Lavana Rasa), scharf (Katu Rasa), bitter (Tikta Rasa) und zusammen- ziehend/herb (Kashaya Rasa). Zwischen dem Geschmack Rasa und den ELementen besteht auch eine Verbindung: Jeder Ge- schmacksrichtung werden zwei ELemente zugeordnet. Eine suBe Substanz enthaLt beispieLsweise die ELemente Wasser und Erde, eine Scharfe: Feuer und Wind.21 Die meisten Substanzen, und hierzu zahLen auch die HeiLpfanzen, besitzen gemaB Ayurveda zwei und mehr Geschmacksrichtungen.

Das System des Ayurveda wird nun vereinfacht anhand von drei Pflanzenbeispielen erklart:

Knoblauch bzw. Rashona (Allium sativum L.) (Abb. 11) besitzt nach ayurvedischer Definition funf Geschmacksrichtungen: suB, sauer, scharf, bitter und herb. Seine primare Geschmacksrichtung ist jedoch Katu Rasa: scharf. Dem Knoblauch werden somit pri- mar die Elemente Feuer und Wind zugeordnet. Die energetisie- rende Wirkung der Heilpflanze ist erhitzend. Knoblauch hat eine mindernde Wirkung auf Kapha und Vata und vermehrt Pitta.22

Den Bluten der Rose oder Shatapatra (Rosa spec. L.) werden die Grundeigenschaften leicht und olig zugeschrieben. Der Ge- schmack ist suB, scharf, bitter und zusammenziehend/herb. Die energetisierende Eigenschaft ist kuhlend. Mit der Anwendung von Rosenbluten konnen alle drei Doshas (Vata, Pitta und Kapha) ausgeglichen werden.23

Die Blatter des Heiligen Basilikums bzw. Tulsi (Ocimum tenuifo- rum L.) besitzen die Grundeigenschaften trocken und leicht. Die Geschmacksrichtungen sind scharf und bitter. Die energetisieren­de Wirkung der Blatter der Heilpflanze wird als erhitzend be- zeichnet. Eine Anwendung von Tulsi verringert Vata und Kapha, und erhoht Pitta.24

DEFINITION TCM Die Traditionelle Chinesische Medizin hat sich seit uber 3000 Jahren entwickelt. Ihr wird neben der Akupunktur und der Moxi- bustion auch die Phytotherapie zugeordnet. Die Krauterheilkunde ist die in China ,mit Abstand am weitesten verbreitete Thera- pieform [...] In einem Krankenhaus das nach den Prinzipien der TCM arbeitet, werden etwa 70 Prozent der Patienten mit chine- sischen Krautern behandelt und nur 30 Prozent mit Akupunktur, Tuina und Quigong.' Unter dem Begriff Krauterheilkunde werden nicht nur pflanzliche, sondern auch mineralische und tierische Arzneimittel zusammengefasst. Die Krauterheilkunde behandelt insbesondere Krankheiten der Korperflussigkeiten und der in- neren Organe. Ein Klassiker der chinesischen Krauterheilkunde ist das ca. 300 v.Chr. verfasste Werk Shen Nong Ben Cao, in welchem der Autor Shen Nong 365 Heilmittel beschreibt und klassifiziert. Auf diesem Werk ist die Traditionelle Chinesische Medizin begrundet und entwickelt sich bis heute weiter. Im Jahr 1977 wurde in Shanghai ein medizinisches Nachschlagewerk mit bereits 5767 Arzneimitteln der Krauterheilkunde veroffentlicht25 Die Traditionelle Chinesische Medizin beruht auf uralten Glau- benssatzen, welche auf das gesamte Dasein und alle Aspekte des Lebens anwendbar sind und sich dort uberall wiederfnden.

QI Grundsatzliches Ziel in der Chinesischen Medizin ist es, den frei- en und gesunden FluB der Lebensenergie Qi im Korper zu un- terstutzen oder auch wiederherzustellen. Das Qi, was Kraft oder Energie bedeutet, bewegt sich im Korper in immer gleichen Bah- nen. An den Kreuzungs-, und Knotenpunkte des Energiefusses kann es zu Stauungen und Unterbrechungen des Qi - Flusses kommen. Hier konnen auch Akupunkturnadeln gesetzt werden, welche den Energiefuss wieder anregen.

YIN UND YANG Qi hat zwei Erscheinungsformen: Yin und Yang. Die beiden Prin­zipien bezeichnen zwei Seiten einer Medaille: Das eine existiert nicht ohne das andere. Somit ist ein Gleichgewicht der Krafte anzustreben. Yin und Yang bedeuten Dunkelheit und Licht, Pas- sivitat und Aktivitat, Weiblichkeit und Mannlichkeit, Unten und Oben, zuruckziehend und vordringend, etc. Diese Gegensatzpaare konnen bis ins Unendliche fortgefuhrt werden. Laut der Chine­sischen Medizin ist dieses Gegensatzpaar auch in jedem Korper vorhanden. Durch den Einsatz von Heilkrautern konnen beide

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ABB. 12 CHINESISCHE HEIL- PFLANZENZEICH- NUNgEN, 1587

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Abb. 13 Die fOnf WANDLUN6SPHASEN

Krafte unterstutzt und im Einklang gehalten werden.

Neben den grundsatzlichen Kraften von Yin und Yang kennt die Traditionelle Chinesische Medizin die funf Elemente Wasser, Holz, Feuer, Erde und Metall. Sie werden auch die funf Wandlungspha- sen genannt, da sie in einem Kreislauf ineinander ubergehen - sich also ineinander verwandeln (Abb. 13). Verschiedene Organe werden je nach Funktion den funf Elementen zugeordnet. Eine Heilpflanze, die das Feuer im Korper unterstutzt, kann zum Bei- spiel dem Herz des Patienten bei seiner Funktion helfen.

In der Traditionellen Chinesischen Medizin werden Heilpflanzen drei hierarchischen Klassen zugeteilt.26 Durch die Kombination von Pfanzen verschiedener Klassen, die sich gegenseitig ergan- zen bzw. unterstutzen, entstehen Arzneimittel.

Die Obere Klasse umfasst die sogenannten Herrscherkrauter. Di- ese werden (wie der Herrscher selbst) dem Himmel zugeordnet ,und wurden klassischerweise eingesetzt, um das Leben zu ver- langern bzw. Alterserscheinungen vorzubeugen'.27 Angewendet werden sie also zur Uberwindung der ,Erdenschwere' und wirken starkend und psychoaktiv. Bei langem Gebrauch und/oder in ho- her Dosierung wirken sie jedoch weder schadlich noch giftig. Ein typisches Beispiel eines Herrscherkrautes ist Ren Shen:

Die Ginsengwurzel. Sie verstarkt den Aspekt Yang und wird im Shen Nong Ben Cao wie folgt beschrieben:

,Sie ist von sussem Geschmack und warm von ihrem Temperaturverhal- ten her.

Sie besanftigt den Geist und kraftigt die Herzenergie.

Sie stoppt Furcht und Erregung und starkt die Weisheit im Menschen.'

Andere Heilpflanzen der Oberklasse sind zum Beispiel die SuB- holzwurzel Gan Cao oder die Spargelwurzel Tian Men Dong, welche als Yin-Tonikum wirkt.28

Die Heilpfanzen der Mittleren Klasse werden auch als Ministerk- rauter bezeichnet und dem Menschen selbst zugeordnet. ,GemaB der klassischen philosophischen Trias Himmel - Mensch - Erde steht der Mensch zwischen Himmel und Erde und somit unter dem Einfuss dieser beiden Krafte'.29 Diese Heilpfanzen eignen sich somit insbesondere zur Erhaltung der menschlichen Ge- sundheit. Im Gegensatz zu den Krautern der Oberklasse haben sie eine medizinische Wirkung. Sie kommen bei psychisch be- dingten Krankheiten oder auch zur allgemeinen konstitutionellen Starkung zur Anwendung. Die seltene Toxizitat ermoglicht eine Einnahme uber einen langeren Zeitraum. Chai Hu, das Hasenohr ist ein typisches Kraut dieser Klasse. Es wird beispielsweise oft eingesetzt um eine Leber-Qi-Stagnation aufzulosen.30 Die Heilpfanzen der Unteren Klasse sind der Erde zugeord­net und haben eine Hilfsfunktion. Sie werden bei bestimmten Krankheitsbildern angewendet und konnen uber langere Zeit eingenommen toxisch wirken. Sie kommen beispielsweise bei akuten Erkaltungskrankheiten zum Einsatz. Die Rhabarberwurzel Da Huang ist ein Kraut der Unteren Klasse und wirkt stark ab- fuhrend. Ein anderes Beispiel ist Fu Zi, Aconit, was im Korper eingedrungene Kalte vertreiben soll.31

In der Unterteilung der Heilpfanzen in diese drei Klassen spie- gelt sich deutlich der Praventionsgedanke der chinesischen Me- dizin: Das uber lange Zeit anwendbare Herrscherkraut erhalt die Gesundheit und Ordnung im Korper aufrecht; erst bei akuteren Krankheiten kommen die spezifscher wirkenden Heilpfanzen der unteren Klassen zum Einsatz.

Die Anwendung aller Heilpfanzen der Traditionellen Chinesischen Medizin sind immer mit der Kenntnis ihrer thermischen Wirkung auf den menschlichen Korper verbunden. Jeder Pfanze wird ein ganz bestimmtes Temperaturverhalten zugeordnet. In diesem Zu- sammenhang werden im Groben zwei Temperaturausstrahlungen (genannt ,siqi') unterschieden: Warm und kalt. Kalte/kuhlende Pfanzen werden bei entzundlichen, ,heiBen' Erkrankungen wie zum Beispiel Fieber verschrieben. Auf der anderen Seite verbes- sern warme/heiBe Heilpfanzen die Krankheiten die von Kalte herruhren, wie beispielsweise bestimmte Gelenkschmerzen. ,Hei- Be' Heilpfanzen sind beispielsweise Pfeffer und Ingwer, ,Kalte' zum Beispiel Rhabarberwurzel oder Lowenzahn (Abb. 14, 15). Bei der praktischen Anwendung der Heilpflanzen werden je nach Krankheitsbild des Individuums auch warmende und kuhlende Heilpfanzen innerhalb der Medikamente kombiniert: Ein Pati­ent kann namlich auch ,oben (an) Hitze und unten (an) Kalte' erkrankt sein.32 Aus der Vielzahl an Heilpfanzen ergeben sich deswegen unzahlig viele Kombinationsmoglichkeiten, deren An­wendung groBe medizinische Kenntnisse erfordert.

Weitere Eigenschaften, welche bei der Klassifzierung von Heil­pfanzen eine Rolle spielen sind die Geschmacksrichtungen (wu- wei), die Stufe der Toxizitat (duxing) und die die vier Wirkrich- tungen (Sheng jiang fu chen).33

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DIE WURZELN DER Die Wurzeln der Europaischen Pflanzenheilkunde reichen bis in EUROPAISCHEN das Zeitalter der Kelten zuruck. Abgesehen von dem rituellen MEDIZIN Gebrauch und der symbolischen Bedeutung von Pflanzen, wur- de ihre Heilwirkung bereits zu keltischen Zeiten geschatzt und genutzt. Vor der Zeit beruhmter Mediziner wie Paracelsus, Galen oder Hildegard von Bingen wurde die Phytotherapie uber lan­ge Zeit nur mundlich weitergegeben. Erst im Mittelalter wurden Heilpflanzen in zahlreichen sogenannten ,Krauterbuchern' illus- triert und erklart. Eines der bekanntesten und umfangreichsten Werke ist das Neue Krauterbuch von dem Arzt und Botaniker Leonhart Fuchs (Abb. 16) aus dem Jahr 1543. In diesem Buch stellt der Autor nicht nur genaue Zeichnungen der Heilpflanzen zusammen, sondern beschreibt neben deren Aussehen, Stand- ort und Blutezeit auch ihre Heilwirkung. Unter der gesonderten Uberschrift ,Die natur und complexion' beschreibt Fuchs noch einen weiteren Aspekt der Pflanzen: Hier werden nahere Aus- sagen zu dem Geschmack einer Pfanze und ihrer Wirkung auf die menschliche Korpertemperatur gemacht. Uber die Schafgarbe (Achillea millefolium L.) (Abb. 5) sagt Fuchs beispielsweise:

,dieweil sie sehr zusammen zeucht und am Geschmack rauch ist/ wurt on allen zweifel kalt und trucken sein.

Dieweil sie aber auch ein wenig bitter ist / kann sie nit sehr kulen. Ist aber im andern / Oder biss in den dritten grad trucken.

Fuchs, L. (1543): New Kreuterbuch, l.Ausgabe. Michael Isingrin, Basel. S. 607

Der Schafgarbe wird also ein bitterer Geschmack und eine kuh- lende Wirkung auf den Korper zugeschrieben.

Auch zahlreiche erhitzende Heilpflanzen stellt Fuchs in seinem Werk vor. Eine davon ist zum Beispiel der Rainfarn (Tanacetum vulgare L.) (Abb. 17).

Neben dem christlichen Glauben dienten auch damalige wissen- schaftliche Weltvorstellungen wie die Vier-Elemente-Lehre (Feuer, Wasser, Erde, Luft) als bedeutender Teil der Medizin und so- mit auch zur Klassifizierung von Heilpfanzen. Wie oben bereits erwahnt ist die Vorstellung von Elementen auch im Ayurveda (Feuer, Wasser, Erde, Luft, Ather) und in der Traditionellen Chi- nesischen Medizin (Feuer, Wasser, Holz, Erde, Metall) zu fnden. Die vier Elemente der europaischen Geschichte gehen auf den griechischen Naturphilosophen Aristoteles zuruck. Den vier Ur- elementen, aus welchen alle Materie entsteht, waren bestimmte Eigenschaften zugeordnet. ,Diese sogenannten ,Qualitaten' waren als zwei Gegensatzpaare formuliert: feucht und trocken, warm und kalt. Je eine Qualitat aus jedem Paar wurde den einzelnen Elementen zugeordnet. In der Antike stellte der griechische Arzt Hippokrates (um 460 - 370 v.Chr.) die Verbindung dieser Lehre mit dem menschlichen Korper her. Er ersetzte die vier Elemente durch die vier Korpersafte Gelbe Galle (gr. chole), Schleim (gr. phlegma), Blut (lat. sanguis) und Schwarze Galle (gr. melalna chole). Der griechische Arzt Galen (129 - 199 n.Chr.) verwendete diese Grundvorstellung zur Entwicklung einer umfas- senden medizinischen Theorie, welche die europaische Medizin lange uber das Mittelalter hinaus bestimmte: Die sogenannte Humoralpathologie (lat. humores Safte) begreift den mensch­lichen Korper als von Geburt an festgelegtes Stoffgemisch aus den vier genannten Flussigkeiten. Das Mischverhaltnis bestimmt das Temperament jedes Menschen. Die vier hieraus abgeleiteten Typen sind und noch heutzutage ein Begriff: Choleriker, Phleg- matiker, Sanguiniker und Melancholiker (Abb. 18). Gesundheit (Eukrasie) wird mit einem ausgeglichenen Zustand aller Safte im Korper gleichgesetzt. Krankheit (Dykrasie) bedeutet Ungleichge- wicht. Unter anderem waren auch Heilpfanzen Mittel um die Safte auszugleichen.

Im Vergleich dieser Vorstellungen mit denen des Ayurveda und

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der Traditionellen Chinesischen Medizin, lassen sich groBe Ahn- Uchkeiten entdecken. Im Ayurveda bestimmen auch die Doshas von Geburt an die Konstitution, Starken und Schwachen jedes Menschen. In alien drei medizinischen Richtungen soil das Gleich- gewicht der vorhandenen und wirkenden Krafte im menschlichen Korper erzielt werden. Gleichgultig ob nun von Eukrasie oder von einem harmonischen Fluss des Chi gesprochen wird - das Ziel ist das gleiche: Die Erhaltung der Ausgeglichenheit und der menschlichen Gesundheit.

Im Unterschied zu Indien und China, hat in Europa die Anla- ge von Medizingarten eine lange Tradition. Das Gartengedicht von Luxorius, welches auf den ersten Seiten der Arbeit zitiert wird, kann als fruhes Zeugnis fur Medizinalgarten der Spatan- tike gesehen werden. Ein weiterer schriftlicher Meilenstein in der Geschichte der Heilpflanzengarten ist die Landguterverordnung Karls des GroBen (812 n.Chr.), in welcher samtliche, im Garten zu kultivierenden Nutz- und Heilpflanzen aufgelistet werden. Ein altes und sehr bekanntes Beispiel fur eine Gartenanlage in welcher Heilpflanzen zum Einsatz kommen, ist der Garten des Klosters auf der Insel Reichenau (Abb. 19). Die Grundung von kirchlichen Orden und die damit verbundene Entstehung von Klostern ist eng mit der Gartenkunstgeschichte verknupft. Ein uberschaubarer, umzaunter Raum auf Grund und Boden des Klosters beherbergte alle relevanten Nutz-, und Heilpflanzen.

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1 Stoffler, H.-D. (1997): Der Hortulus des Walahfrid Strabo, 5.Auflage. Jan Thor- becke Verlag, Sigmaringen. S.20

2 Dr. Thorbrietz, P. und Mark, O. (11/2008): Sanfte Medizin - Die Klinik der Zukunft?, Nr. 42. Gruner + Jahr AG und Co KG, Hamburg. S.7

3 Baumeister, N. (2006): Neue Landschaftsarchitektur - Deutschland - Osterreich - Schweiz, 1. Auflage. Verlagshaus Braun, Berlin. S. 6

4 Armstrong, U. (10/2009): Wohltat fur Gaumen und Korper. In: Apotheker Plus. Arzte Zeitung Verlags-GmbH, Neu-Isenburg. S.1

5 Stoffer, H.-D. (1997): Der Hortulus des Walahfrid Strabo, 5.Aufage. Jan Thor- becke Verlag, Sigmaringen. S.20

6 Frawley D., Lad, V. (2005): Die Ayurveda Pflanzen-Heilkunde, 7.Auflage. Wind- pferd Verlag, Aitrang. S.211f

7 Fintelmann, V. Und Weiss, R. (2002): Lehrbuch der Phythotherapie, lO.Aufage. Hippokrates Verlag, Stuttgart. S. 3f

8 ebd. S. 7

9 Dyer, W. (2008): Andere deine Gedanken und dein Leben andert sich - Die lebendige Weisheit des Tao, 2.Aufage. Arkana Verlag, Munchen. S. 20

10 Buhring, U. (2009): Praxis-Lehrbuch der modernen Pflanzenheilkunde; Grundla- gen - Anwendung - Therapie, 2.Aufage. Sonntag Verlag, Stuttgart. S. 4

11 Frawley D., Lad, V. (2005): Die Ayurveda Pflanzen-Heilkunde, 7.Auflage. Wind- pferd Verlag, Aitrang. S. 13

12 ebd. S. 15

13 Frawley D., Lad, V. (2005): Die Ayurveda Pfanzen-Heilkunde, 7.Aufage. Wind- pferd Verlag, Aitrang. S. 14

14 Frawley D., Lad, V. (2005): Die Ayurveda Pflanzen-Heilkunde, 7.Auflage. Wind- pferd Verlag, Aitrang. S. 14

15 ebd. S. 29

16 Frohn, B. und Rhyner, H.-H. (2006): Heilpflanzen im Ayurveda, l.Auflage. AT Verlag, Baden und Munchen. S. 18

17 FrawLey D., Lad, V. (2005): Die Ayurveda Pflanzen-HeiLkunde, 7.Auflage. Wind- pferd VerLag, Aitrang. S. 274

18 Frohn, B. und Rhyner, H.-H. (2006): HeiLpfanzen im Ayurveda, 1.Aufage. AT VerLag, Baden und Munchen. S. 20f

19 Frohn, B. und Rhyner, H.-H. (2006): Heilpfanzen im Ayurveda, l.Auflage. AT Verlag, Baden und Munchen. S. 97

20 ebd. S. 126

21 ebd. S. 204

22 Daiker, I. Und Kirschbaum, B. (1997): Die Heilkunst der Chinesen - Qigong, Akupunktur, Massage, Ernahrung, Heilkrauter. Rohwolt, Hamburg. S. 273

23 Daiker, I. Und Kirschbaum, B. (1997): Die Heilkunst der Chinesen - Qigong, Akupunktur, Massage, Ernahrung, Heilkrauter. Rohwolt, Hamburg. S. 274

24 ebd.

25 Daiker, I. Und Kirschbaum, B. (1997): Die Heilkunst der Chinesen - Qigong, Akupunktur, Massage, Ernahrung, Heilkrauter. Rohwolt, Hamburg. S. 274f

26 ebd. S. 275

27 ebd. S. 275f

28 ebd. S. 276

29 Ploberger, F. (2009): Westliche Krauter aus Sicht der Traditionellen Chine­sischen Medizin, 6.Aufage. Bacopa Verlag, Schiedlberg. S. 14

30 ebd. S. 10

31 Gutschow, M. Und Manheim, R. (2004): Pfanzenkunde im Mittelalter - das Krauterbuch von 1470 der Wasserburgen Anholt und Moyland, l.Ausgabe. Verlag Stif- tung Museum SchloB Moyland, Bedburg-Hau. S. 16

32 ebd.

33 Fritzsch, K. (2008): Flower Power - Kraft der Pflanzen - Heilkrauterwissen und -anbau im Wandel der Zeit, l.Ausgabe. Verlag Georg D.W. Callwey GmbH & Co KG, Munchen. S. 14

Details

Seiten
102
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656396512
ISBN (Buch)
9783656397298
Dateigröße
15.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v212044
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin – Pflanzenverwendung und Vegetationstechnik
Note
1,3
Schlagworte
Landschaftsarchitektur Heilpflanzen Entwurf Phytotherapie Heilpflanze Krankenhaus Garten Heilkräuter Ayurveda TCM Europäische Medizin Knappschaftskrankenhaus Essen Steele

Autor

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Titel: Landschaftsarchitektur und Heilpflanzen - Entwurf eines phytotherapeutischen Gartens