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Analyse des Gender-Begriffs als Kritik der Geschlechtervermischung

Seminararbeit 2013 23 Seiten

Geschlechterstudien / Gender Studies

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Diskussion um die Genderfrage

2. Die Geschlechtergleichsetzung als Ende der Kultur?
2.1 Definitionen von „Gender“ und „Sex“
2.2 Typisch Mann, typisch Frau?
2.2.1 Aus der Sicht der Biologie: Unterschiede und die Frage nach der Eindeutigkeit des biologischen Geschlechts
2.2.2 Aus der Sicht der Soziologie: Unterschiede zwischen den Geschlechtern
2.2.3 Der Fall Bruce Reimer
2.2.4 Gefangen im „falschen Körper“
2.3 Die Forderung nach Schließung der Gender-Pay-Gap
2.4 Der Weg der Politik auf Bundesebene
2.5 Entschlüsse in der EU und UN
2.6 Kritik seitens der Homophoben: Folgen und Auswirkungen
2.6.1 Diffamierung der Mutter
2.6.2 Den Baum an den Früchten erkennen
2.6.3 Kritik an Homosexualität
2.7 Abschließende Gedanken

3. Über die Notwendigkeit von Unisex-Toiletten

Inhaltsangabe

Anhang

1. Diskussion um die Genderfrage

Die Diskussion um die Genderfrage ist eher subtil. Die renommierte Kritikerin des Gender-Mainstreamings Gabriele Kuby hat festgestellt, dass sich auf die Frage, wer mit dem Begriff „Gender“ etwas anfangen kann, bei 70 Leuten nur ungefähr zwei melden würden. Dabei ist das bipolare Geschlechtersystem so alltäglich, dass wir uns darüber gar keine Gedanken mehr machen: Wenn ein Kind geboren ist, lautet die erste Frage, ob es ein Mädchen oder Junge ist. Wir gehen entweder in die Frauen- oder Männertoilette, in den Frauen- oder Männerumkleideraum und sogar schon drei Monate alte Babys können zwischen Frauen und Männern unterscheiden, indem sie sich am Kleidungsstil, den Haaren und der Stimme orientieren. Und so verbinden wir auch gleichzeitig mit dem Geschlecht bestimmte Eigenschaften, ganz automatisch. Frauen sind eher einfühlsam, „mütterlich“ und gesprächiger, das „schöne Geschlecht“, künstlerisch begabter, dafür nicht so gut in naturwissenschaftlichen Angelegenheiten und beim Einparken; Männer dagegen sind das „starke Geschlecht“, haben einen besseren Orientierungssinn, sind geradliniger, nicht so launisch, dafür manchmal grobmotorisch, vielleicht nicht so empathisch. Zugegeben, das klingt sehr stereotypisch, doch begleitet dieses Denken unser Leben. Durch die Einführung des Wortes gender, das den Begriff sex ablöst, sollen allerdings genau diese Paradigmen der Unterschiede zwischen Mann und Frau aufgehoben werden: Frauen sollen im Berufsleben endlich den Männern gleichgestellt und somit die gender-pay-gap aufgehoben werden. Homosexuelle Paare sollen die gleichen Rechte wie heterosexuelle Paare bekommen, auch die Sprache soll angeglichen werden, so soll zum Beispiel „Vater“ und „Mutter“ durch „Elter“ ersetzt werden. Es stellt sich die Frage, inwieweit wir es bei den traditionellen Denkweisen über Mann und Frau tatsächlich mit obsolet gewordenen Stereotypen zu tun haben, oder ob sie doch noch essentielle Bedeutung für die Kultur haben und daher zum Erhalt einer „gesunden Kultur“ nicht ganz aufgegeben werden sollten.

Im Folgenden soll geklärt werden, inwieweit die Argumentation der gender-Bewegung wissenschaftlich gerechtfertigt ist und welche Folgen sie hat. Kritiker behaupten, dass mit der Gleichmachung der Geschlechter, die auch in die Politik Eingang gefunden hat, das Ende der Kultur einhergehe. Im Rahmen dieser Arbeit sollen zunächst die für diese Diskussion essentiell wichtigen Begriffe gender und sex definiert werden. Eine entscheidende Frage hierbei ist außerdem, ob es überhaupt einen biologisch begründbaren Unterschied zwischen Mann und Frau gibt oder ob die Geschlechter wirklich nur gesellschaftliche Konstrukte sind. Dabei soll auf Randfälle wie Inter- und Transsexualität eingegangen werden. Weiter wird die politische Situation zu dem Thema Gender-Mainstreaming dargestellt und zum Schluss die Kritik, die daran geübt werden kann.

2. Die Geschlechtergleichsetzung als Ende der Kultur?

Kritiker alarmiert die heutige Entwicklung: Das Gender-Mainstreaming ist für sie der Anfang vom Ende, denn für sie sind Werte wie Familie und eine geordnete Sexualität essentiell wichtig für die Erhaltung einer vitalen, nachhaltigen Kultur. Ihrer Meinung nach lässt sich die Vitalität und Nachhaltigkeit der Kultur nur dadurch fundieren, dass Werte wie Familien, als Keimzellen der Kultur, auf dem Boden eines „richtigen“ Umganges mit Sexualität und Geschlecht fußen. Gerade in der Differenz der Geschlechter konstituierte sich aber auch der genuine Wert eines Mannes oder einer Frau, der bei einer Verwischung dieser Grenzen nicht mehr zutage trete.

Ist diese Position tatsächlich heute noch vertretbar? Gleitet man mit diesem traditionellen Bild von Mann und Frau nicht zwangsläufig wieder in die Diskriminierung der Frau ab, so wie es viele Vertreter des Gender-Mainstreamings behaupten? Ist es nicht auch historisch bezeugt, dass Frauen tatsächlich Opfer von Diskriminierungen waren? Diese Tatsache ist historisch unbestritten, aber ist dieser Missstand dadurch auf zu heben, dass man eine Geschlechterdifferenzierung pauschal abstreitet? Kann es nicht sein, dass Unterschiede tatsächlich bestehen und diese, richtig verstanden, sogar essentiell wichtig für den Erhalt der Kultur sind?

2.1 Definition von „Gender“ und „Sex“

Durch die Trennung von Sex und Gender seit den 70er Jahren ist eine facettenreiche Behandlung des deutschen Begriffes Geschlech t möglich. Gender bezeichnet das soziale Geschlecht, das heißt die Geschlechterzuschreibung, Geschlechterrollen, Bewertungen durch die Gesellschaft, Verhaltensweisen und Selbstbilder. Sex stellt die biologische Kategorie, also die körperliche Realität des Geschlechtes dar (vgl. Bauer, I.; Neissel, J. (2002), S. 116). Zu erwähnen bleibt, dass das alte Wort sex für die Geschlechterdifferenzierung von Mann und Frau durch den Begriff gender in den UN und der EU abgelöst wurde. Der Begriff gender schließt mit ein, dass jede sexuelle Orientierung gleichwertig ist.

2.2 Typisch Mann, typisch Frau

Gibt es eigentlich einen biologisch begründeten Unterschied zwischen Mann und Frau, abgesehen von den äußerlichen Merkmalen, die man nicht leugnen kann? Oder ist das Geschlecht, wie in den Sechzigern proklamiert, gar keine Tatsache, sondern nur aus einem Erziehungs- und Sozialisationsprozess heraus entstanden? Die Hirnforschung liefert kein eindeutiges Ergebnis, aber Fakt ist, dass jede Zelle des menschlichen Körpers durch das Erbgut, das darin enthalten ist, das Geschlecht verrät. Aber Unterschiede hin oder her, was passiert, wenn das Geschlecht von Geburt an nicht eindeutig bestimmbar ist?

2.2.1 Aus der Sicht der Biologie:

Unterschiede und die Frage nach der Eindeutigkeit des biologischen Geschlechts

Es gibt in der Hirnforschung den Befund, dass es im Gehirn erwachsener Männer einen strukturellen Unterschied zu Hirnregionen, die bei der Lösung bestimmter Aufgaben aktiviert werden. Nun stellt sich allerdings die Frage, ob dies bereits ein Beleg für einen genetischen Unterschied zwischen Mann und Frau ist oder ob vielmehr diese Unterschiede ein Ergebnis von Erfahrungen und daher von kulturellen oder gesellschaftlichen Einflüssen sind. Die Biologie und Soziologie kann da nicht genau getrennt werden. Man geht heute in der neurobiologischen Forschung von einer neuronalen Plastizität der Zusammenhänge des Gehirns und des Verhaltens aus. So passt sich das Gehirn bereits vor der Geburt und dann das ganze Leben hindurch den jeweiligen Erfahrungen an (vgl. Schmitz (1994, 1999)). Die Unterschiede im Gehirn können nicht auf „genetische Determination oder hormonelle Prädisposition“ (Bauer, I.; Neissel, J. (2002), S. 116) zurückgeführt werden.

Es bleibt jedoch zu erwähnen, dass die Ergebnisse der Forschung zu Geschlecht und Gehirn in der neurowissenschaftlichen Analyse enorm widersprüchlich sind. Zur Verdeutlichung sollen zwei Beispiele gegeben werden.

Das erste Beispiel beschäftigt sich mit eventuellen Leistungsunterschieden bei Frauen und Männern. Zum einen wird der Frau geschlechtsstereotypisch eine bessere Sprachfähigkeit zugeschrieben, die Effekte in der Gesamtheit sprachlicher Testkategorien sind jedoch gering (vgl. Halpern (1997)) und weisen sogar in Metaanalysen eine Reduktion auf (vgl. Hyde; Linn (1988). Die Ergebnisse bei der Verarbeitung und Reproduktion phonologischer und semantischer Informationen und im Wortfluss sind bei Frauen besser, jedoch weisen die Befunde beim Leseverständnis, bei der Analogiebildung und beim Wortschatz unterschiedliche Interaktionseffekte zwischen Geschlecht und Altersentwicklung auf (vgl. Clark et al. (1990)). Demzufolge ist es schlichtweg falsch, von einer besseren Sprachfähigkeit bei Frauen im Vergleich zu Männern zu sprechen.

Die Testergebnisse von Julie Frost et al. (1999) zeigen ein ähnliches Ergebnis. Untersucht wurden 50 Frauen und 50 Männer bei einem auditiven Test zu semantischen Kategorisierungen. Bei verschiedensten Durchgängen konnten keine Geschlechtsunterschiede in den Sprachleistungen festgestellt werden und alle Probanden zeigten innerhalb eines Varianzrahmens eine eher linksseitige Asymmetrie des Verarbeitungsnetzwerkes. Es zeigt sich, dass Darlegungen aus einzelnen Studien immer noch überprüft werden müssen und mit zu schnellen allgemeinen Schlussfolgerungen vorsichtig umgegangen werden muss, da es immer auch unterschiedliche Interpretationskonzepte gibt.

Als zweites Beispiel, welches sehr wohl Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Gehirnen zeigt, wird auf die Studien des „European Dana Alliance for the Brain“ zurückgeführt. Es stellte sich zum einen heraus, dass die Morphologie eines weiblichen Gehirns im Durchschnitt sowohl in seiner Gesamtform als auch im Bau einzelner Teile symmetrischer ist. Das männliche Großhirn ist umfangreicher, während das Kleinhirn bei beiden Geschlechtern größenmäßig vergleichbar ist. Zudem kann man ab der Pubertät an verschiedenen Stellen Unterschiede in der Anzahl gewisser Neuronen feststellen, wodurch sich die unterschiedliche Reaktion auf chemische Botenstoffe, wie exemplarisch die Sexualhormone, erklären lassen. Die Hormone, die während der Pubertät zu körperlichen Veränderungen führen, bewirken im Gehirn eine geschlechtsabhängige Gedanken- und Gefühlswelt und aus diesem Grund kreisen im Blut der Männer mehr Androgene und im Körper der Frauen mehr Oestrogene, obwohl beide Hormone in den Körpern produziert werden.

Der Grund, warum das weibliche Gehirn im Alter länger leistungsfähig bleibt, sind ebenfalls die Hormone Oestrogen und Progesteron. Häufig verursachen sie bei Frauen während des Monatszyklus Migräne, Schmerzen, die bei Frauen wesentlich häufiger vorkommen, als bei Männern. Sie sind allerdings auch dafür verantwortlich, dass Gehirnschäden schneller repariert werden. Durch moderne Verfahren der Bildverarbeitung wurde festgestellt, dass Frauen systematischer und unter dem Einsatz mehrerer Neuronen arbeiten, Männer dagegen denken „einseitiger“ (vgl. www.uni-magdeburg.de/bio) und bevorzugt unter Verwendung der linken Hemisphäre; am deutlichsten zeigt sich das beim Sprechen. Im Rahmen dieser Arbeit soll jedoch nur von Bedeutung sein, dass von manchen Forschern Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Gehirn entdeckt wurden.

Unabhängig davon, ob Geschlechtsdifferenzen biologisch ausgemacht werden können oder nicht, kommt es vor, dass bei etwa einem von 2 000 Neugeborenen das Geschlecht nicht genau bestimmt werden kann. Sogenannte Hermaphroditen oder Intersexuelle sind dann weder Mann noch Frau – sondern beides. Bis vor Kurzem war das ein Tabuthema, dabei dürfte es insgesamt 20 000 bis 30 000 Betroffene in Deutschland geben. Durch das Personenstandsgesetz ist es in Deutschland vorgeschrieben, dass zu jeder Meldung eines Neugeborenen entweder männlich oder weiblich eingegeben werden muss. Aus diesem Grund entscheiden Ärzte und Eltern über das Schicksal und weisen den Kindern durch Hormone und Operationen ein Geschlecht zu. Betroffene leiden häufig unter Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen und fordern, dass Intersexualität durch die Einführung eines Dritten Geschlechtes als normal anerkannt wird. Für sie ist die Intersexualität ein Beweis, dass die Zweiteilung in Mann und Frau nur ein kulturelles Konstrukt ist. Doch haben Studien mit intersexuellen Patienten bewiesen, dass bereits vor der Geburt Hormone im Mutterleib auf das Gehirn des Fötus einwirken und die Identität als Junge oder Mädchen prägen (vgl. Spiewak, M. (2011)).

2.2.2 Aus der Sicht der Soziologie: Unterschiede zwischen den Geschlechtern

Gender-Mainstreaming beruht auf dem Gedanken, dass Geschlechter-Unterschiede mehr auf kultureller Erziehung und Sozialisation, als auf biologischen Tatsachen beruhen. In den sechziger Jahren hat die Philosophin und Feministin Simone de Beauvoir in ihrem Buch „Das andere Geschlecht“, mit dem sie Welterfolg hatte, die Anerzogenheit der Geschlechter verkündet, was die Grundlage ihrer Schriften bildet: On ne naît pas femme, on le devient - Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es (vgl. Simone de Beavoir (1968), S. 265). Nach Ansicht Beauvoirs kann sich die Frau nur in der Berufswelt von der Unterdrückung der Männer befreien und ihren wahren Selbstwert finden. Aber für sie ist das Frau-Sein keine Identität, sondern eine soziale Prägung, die man infolge dessen frei modulieren kann. Obwohl die Geschlechterwelt, wie sie in dem Werk beschrieben wird, nicht mehr die unsere ist, brodeln die Debatten über den Inhalt bis heute.

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Details

Seiten
23
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656402664
ISBN (Buch)
9783656402961
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v212210
Institution / Hochschule
Universität Augsburg – Philosophisch-sozialwissenschaftliche Fakultät
Note
Schlagworte
Gender Gender-Mainstrieming Homosexualität Transsexualität Intersexualität Kritik an Gendertheorie Bruce Reimer Gender-Pay-Gap Homophobie Unisex-Toiletten

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Titel: Analyse des Gender-Begriffs als Kritik der Geschlechtervermischung