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Die politischen Begriffe "Krieg" und "Frieden". Ein Definitionsversuch

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 17 Seiten

Geschichte - Sonstiges

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Geschichtliche Vorstellungen von Krieg und Frieden
2.1. Antike
2.2. Mittelalter
2.3. Neuzeit

3. Definitionsversuche
3.1. Was ist Krieg?
3.2. Was ist Frieden?

4. Definitionsprobleme

5. Zusammenfassung

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

“Krieg ist aller Dinge Vater, aller Dinge König”.[1] Diese vom griechischen Philosophen Heraklit vorgenommene naturhafte und glorifizierende Beschreibung des Krieges prägte die menschliche Vorstellung dieses größten Übels der Welt über mehr als zwei Jahrtausende. Doch stimmt diese Ansicht denn? Kann man tatsächlich von einem zwanghaften Zusammenhang zwischen Mensch und Krieg sprechen? Dies ist eine der Fragen, auf die die vorliegende Arbeit eine Antwort zu geben versucht.

Noch Anfang der neunziger Jahre, als der amerikanische Historiker Francis Fukuyama – auf Grund des Zusammenbruchs der Sowjetunion und dem damit verbundenen Ende des Kalten Krieges – ein Ende der Geschichte postulierte, schien die Welt in eine Ära des globalen Friedens einzutreten[2]. Doch diese Sichtweise wich im Zuge der Balkankriege der neunziger Jahre und der durch die Terroranschläge des 11. September ausgelösten Kriege in Afghanistan und im Irak relativ schnell einer realistischeren Einsicht. Damit sind die Vorstellung und die Beschäftigung mit den Themen des Krieges und des Friedens in das Bewusstsein der westlichen Welt zurückgekehrt, weswegen eine historische Analyse dieser Begrifflichkeiten sinnvoll erscheint. Die Beantwortung der Fragen nach „Was ist Krieg?“ und „Was ist Frieden?“ soll demnach ein weiteres Anliegen der vorliegenden Untersuchung sein.

Es ist darauf hinzuweisen, dass diese Arbeit auf Grund der Komplexität und der Fülle des Themas keineswegs abschließenden Charakter beansprucht, sondern einen ersten zwangsweise verkürzten Überblick geben will, der aber in einer weiterführenden Arbeit vertieft werden müsste. Auf Grund dieser Feststellung ist auch die Literaturgrundlage nur exemplarisch möglich gewesen und kann demzufolge nur einen Bruchteil derselbigen zum Thema widerspiegeln[3]. Die wichtigsten Erkenntnisse zum Thema liefern der immer noch unverzichtbare und lesenswerte Clausewitz[4], der einen Gesamtüberblick über die Begrifflichkeiten und deren historischen Entwicklungsverlauf von der Frühen Neuzeit bis zum Zweiten Weltkrieg gebende Wolfrum[5] sowie für die aktuelle Diskussion die überaus anregenden Expertisen Münklers[6]. Im Folgenden wird zunächst der historische Verlauf der beiden zu untersuchenden Begrifflichkeiten aufgezeigt, um anschließend eine nähere Definition der Termini Krieg bzw. Frieden vorzunehmen. Danach soll auf diverse Definitionsprobleme aufmerksam gemacht werden. Abschließend werden die Ergebnisse der Arbeit kurz zusammengefasst.

2. Geschichtliche Vorstellungen von Krieg und Frieden

2.1. Antike

Krieg wurde über Jahrhunderte hinweg als unabänderlich, naturhaft und Strafe Gottes angesehen. Er galt allgemein neben der Pest und dem Hunger als dritter apokalyptischer Reiter. Diese Sichtweise scheint eine Untersuchung zu bestätigen, der zufolge in 3400 Jahren Menschheitsgeschichte lediglich 243 Jahre ohne Krieg auskamen[7]. Es ist festzustellen, dass im Laufe der Jahrhunderte verschiedene Ansichten über das Wesen des Krieges und damit verbunden auch des Friedens existierten, was einen historischen Vergleich nicht gerade erleichtert[8].

Zunächst sollen einige Bemerkungen über die antiken Kriegs- und Friedensvorstellungen gemacht werden. Bereits in der Antike gab es verschiedene Vorstellungen und Entwicklungsverläufe des Kriegsbegriffes, der im Verständnis des Altertums immer dem Friedensbegriff vorgelagert wurde. Neben der eingangs bereits zitierten und euphemistischen Beschreibung Heraklits gab es auch kritische Stimmen bezüglich des Phänomens Krieg. So stellte beispielsweise der für die spätere moderne Geschichtswissenschaft so prägende Thukydides den Krieg als ein durch Herrschsucht und Habgier zu charakterisierendes Wesen dar, welches mit der heldenhaften Darstellung Heraklits nichts zu tun hatte, sondern ganz im Gegenteil eine erste kritische Sichtweise auf dieses komplexe Phänomen deutlich machte[9].

Bei Platon finden wir ferner den simplen, aber einleuchtenden Zusammenhang, dass Krieg von Übel und Frieden der Inbegriff ungestörter Einmütigkeit sei[10]. Der enge Zusammenhang der beiden Termini Krieg und Frieden wird in dem Verständnis der Römer in ihrer „Pax Romana“ deutlich, die zwar einen Friedenszustand implizierte, dieser aber stets durch kriegerische Mittel erfochten und aufrecht erhalten werden musste.

Einen wichtigen neuen Aspekt des antiken Kriegs- und Friedensverständnisses brachte der Kirchengelehrte Augustinus ein. Er unterschied einerseits in einen irdischen und einen himmlischen Friedensbegriff, wobei jener als fauler und dieser als wahrer Frieden angesehen wurde. Andererseits verknüpfte er die Lehre des irdischen Friedens mit einer Ansicht, wonach Kriege gerechtfertigt sein mussten, um überhaupt begonnen respektive geführt werden zu können. Dies meint die sogenannte Theorie des bellum iustum[11]. Sie beinhaltet nicht nur einen gerechten, sondern auch formell erklärten und geführten Krieg[12].

Krieg in der antiken Welt wurde demzufolge als ein notwendiges, sittlich und religiös gerechtfertigtes Element der Weltordnung angesehen[13]. Gerade für die Antike bleibt festzuhalten, dass Krieg im allgemeinen Verständnis der Menschen die Regel, Frieden hingegen die Ausnahme darstellte.

2.2. Mittelalter

Im Mittelalter erfuhr die augustinische Lehre des bellum iustum durch Thomas von Aquin eine Weiterentwicklung. Seiner Lehre zufolge musste ein Krieg drei Merkmale aufweisen, um als gerechter Krieg bezeichnet zu werden: die auctoritas principis, den iusta causa und die recta intensio[14]. Dabei ergibt sich bereits mit dem ersten Bestimmungsmerkmal ein Problem, denn der Begriff des Staates im modernen Sinn, der nach Max Weber das Monopol legitimer physischer Gewaltsamkeit inne hat[15], ist auf das Mittelalter nicht anwendbar. Vielmehr besteht im Mittelalter ein unlösbarer Zusammenhang zwischen der Kriegführung auf der einen und dem Lehnswesen auf der anderen Seite. Durch das Fehlen einer sanktionierenden staatlichen Obergewalt kam es dazu, dass die Fehde das wichtigste Mittel zur Austragung von Streitigkeiten bildete. Es bestand demzufolge im Mittelalter kein rechtlicher Unterschied zwischen Krieg und Fehde[16]. Mittelalterliche Kriege stellten große Fehden, also gewaltsam ausgetragene Rechtsstreitigkeiten dar. Frieden bedeutete demnach ein Zustand wieder hergestellter Rechtsordnung[17]. Dass es nach der Lesart Fritz Dickmanns seit der Stauferzeit zu einer „Formalisierung“ des Krieges kam, da erste Vorformen des Waffenstillstandes in Form von sogenannten „Handfrieden“ sich zu konturieren begannen[18], ist in dieser Pauschalität, wenn nicht ganz zu verwerfen, so doch zu bezweifeln, da diese ersten Ansätze einer Einhegung des Krieges keineswegs wirksame für die Garantie eines Friedens stets notwendige Sanktionierungsmechanismen darstellten.

Neben der Theorie des bellum iustum, die auf das engste mit der Idee des Heiligen Krieges verwandt ist[19], entwickelten sich im Mittelalter auch divergierende Kriegs- und Friedensvorstellungen. So wurde ein Krieg zwischen Christen und Heiden generell als gerechtfertigt angesehen und bedurfte keiner weiteren Begründungen. Ein Frieden war mit Heiden nicht möglich, allenfalls eine concordia in Form eines gewaltlosen Nebeneinanders wurde ihnen gegenüber als möglicher Zustand akzeptiert[20]. Des Weiteren entwickelte sich als neuer legitimer Kriegstypus der Religionskrieg von Christen untereinander.

Es bleibt festzuhalten, dass Krieg im Mittelalter lediglich als Art von Rechtsstreit und Frieden demzufolge als wiederhergestellter Rechtszustand angesehen wurde. Die Lehre des gerechten Krieges, insbesondere als Begründungszusammenhang für die Eröffnung von Kriegen, bildete das wichtigste Erbe des Mittelalters an das europäische Völkerrecht der Neuzeit[21].

[...]


[1] Heraklit: Fragment 53, zitiert nach Wolfrum, Edgar: Krieg und Frieden in der Neuzeit. Vom Westfälischen

Frieden bis zum Zweiten Weltkrieg, Darmstadt 2003, S. 10.

[2] Siehe dazu Fukuyama, Francis: Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir?, München 1992. Es ist darauf

hinzuweisen, dass dies eine westliche Lesart darstellt, die insbesondere die zahlreichen Kriege nach 1945 in

Afrika unberücksichtigt lässt.

[3] Einschränkend hinzu kommt, dass durch die limitierten Möglichkeiten und die restriktive Ausleihe- und

Bestellpraxis der SLUB einige Werke, die durchaus einen essentiellen Beitrag zu dieser Arbeit hätten leisten

können, keinen Zugang in diese Untersuchung finden konnten. Dies trifft insbesondere auf Aron, Raymund:

Frieden und Krieg. Eine Theorie der Staatenwelt, Frankfurt/M. 1963 und Wegner, Bernd (Hrsg.): Wie Kriege

entstehen. Zum historischen Hintergrund von Staatskonflikten, Paderborn u. a. 2000, zu.

[4] Clausewitz, Karl von: Vom Kriege, Erftstadt 2004.

[5] Wolfrum, Edgar: Krieg und Frieden in der Neuzeit. Vom Westfälischen Frieden bis zum Zweiten Weltkrieg

(= Kontroversen um die Geschichte), Darmstadt 2003.

[6] Münkler, Herfried: Die neuen Kriege, Reinbek 2002.

[7] Siehe dazu Wolfrum: Krieg und Frieden, S. 1.

[8] Siehe Holsti, Kalevi J.: Peace and War. Armed Conflicts and International Order 1648 – 1989,

Cambridge u. a. 1991, S. 10.

[9] Siehe Thukydides: Der Peloponnesische Krieg (Übersetzt und herausgegeben von Helmut Vretska und Werner

Rinner), Stuttgart 2000. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang die Passage I, 23, 1, in der Thukydides

die Abgründe und Nebenerscheinungen des Krieges, hier auf seinen Untersuchungsgegenstand des

Peloponnesischen Krieges bezogen, beschreibt.

[10] Siehe Wolfrum: Krieg und Frieden, S. 10.

[11] Ebd., S. 11.

[12] Siehe Dickmann, Fritz: Friedensrecht und Friedenssicherung. Studien zum Friedensproblem in der neueren

Geschichte, Darmstadt 1971, S. 70.

[13] Ebd., S. 83.

[14] Ausführliche Erläuterungen der einzelnen Merkmale finden sich bei Dickmann: Friedensrecht, S. 85.

[15] Siehe dazu Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie (Besorgt und

herausgegeben von Johannes Winckelmann), 5., revidierte Auflage, Tübingen 1980, S. 822.

[16] Siehe Dickmann: Friedensrecht, S. 102.

[17] Siehe dazu Nowosadtko, Jutta: Krieg, Gewalt und Ordnung. Einführung in die Militärgeschichte, Tübingen

2002, S. 182.

[18] Siehe dazu Dickmann: Friedensrecht, S. 103 f.

[19] Vgl. Münkler: Neue Kriege, S. 113.

[20] Siehe Wolfrum: Krieg und Frieden, S. 12.

[21] Vgl. Dickmann: Friedensrecht, S. 119.

Details

Seiten
17
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656403517
ISBN (Buch)
9783656403890
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v212266
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Geschichte
Note
1,0
Schlagworte
krieg frieden versuch definition

Autor

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