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Natur- und Landschaftsdarstellung in Goethes „Die Leiden des jungen Werther“

Rolle und Funktion

Seminararbeit 2011 17 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Ambivalenz der Natur- und Landschaftsbeschreibungen
2.1. Der Brief vom 10. Mai 1771
2.2. Der Brief vom 18. August 1771
2.3. Briefe vom 3. November und 12. Dezember 1772

3. Parallelisierungen des werther'schen Seelenzustands
3.1. Die Jahres- und Tageszeiten
3.2. Homer und Ossian
3.3. Die Nussbäume im Pfarrersgarten

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis
5.1. Primärliteratur
5.2. Sekundärliteratur

1. Einleitung

Die Rolle der Natur- und Landschaftsbeschreibungen in Goethes „Leiden des jungen Werther“ bildet eines der meist rezipierten Themen innerhalb der Wertherforschung. In der Ambiguität der verschiedenen Natur- und Landschaftsdarstellungen und ihrer Funktion für den Roman liegt das besondere Interesse der Wissenschaft.

Die Art der Natur- und Landschaftsdarstellung im 18. Jahrhundert ist stark abhängig von den verschiedenen literarischen und geistesgeschichtlichen Strömungen zur Wertherzeit. Diese bewirken stark schwankende Einstellungen bezüglich der ästhetischen Funktion der Natur im literarischen Werk. Während noch in der Barockzeit und der ihr nachfolgenden Aufklärung, die Natur lediglich als vom Menschen zu beherrschende und zu zähmende Naturgewalt[1], sowie als allegorisch-moralische Verschlüsselung einer tatsächlichen Realität, kommt mit einer sich langsam entwickelnden empfindsamen Geisteshaltung ein verändertes Naturgefühl auf.

Das Naturbild bekommt somit eine gänzlich eigene Bedeutung und bleibt frei von belehrenden Absichten.[2] Mit der empfindsamen Lyrik von Friedrich Gottlieb Klopstock erfährt die Natur eine regelrechte Beseelung, die in einer pietistisch-pantheistischen Naturnähe gipfelt. Es entwickelt sich eine Naturästhetik, die auch den jungen Goethe inspiriert. Ihm wird bewusst, dass die Natur neben Grausamkeiten auch viele Schönheiten in sich birgt, eine Ambivalenz, die er schließlich auch in seinen Werken vermittelt.[3]

Thema der Arbeit soll die Funktion der Natur- und Landschaftsbeschreibungen in Goethes „Leiden des jungen Werthers“ sein, mit dem Ziel die Rolle der Natur für den Handlungsverlauf und die Charakterisierung Werthers herauszuarbeiten. Zunächst soll die Ambivalenz der Naturbeschreibungen analysiert werden und im Anschluss die wichtigsten Parallelisierungen zwischen der Natur und Werthers Lebensverlauf. Letztlich soll die Wichtigkeit der Natur- und Landschaftsdarstellungen für den inneren und äußeren Verlauf des Romans herausgestellt und die Signifikanz dieser für die Deutung der Wertherfigur bewiesen werden.

2. Die Ambivalenz der Natur- und Landschaftsbeschreibungen

Am Beispiel einiger ausgewählter Briefe, die die besonderen Merkmale und Funktionen der Natur- und Landschaftsbeschreibungen im Werther besonders hervorheben, sollen die wichtigsten Charakteristika der ästhetischen Landschaftsdarstellung im Roman herausgestellt werden. Dabei soll vor allem die Ambiguität der verschiedenen Darstellungen betrachtet werden, die für den Roman eine wichtige Rolle spielen.

2.1. Der Brief vom 10. Mai 1771

In der ästhetischen Natur- und Landschaftsbeschreibung des 18. Jahrhunderts, vor allem aber während der empfindsamen und genieorientierten literarischen Strömung, drückt die Natur meist innere Ruhe und Zufriedenheit aus. Sie symbolisiert Frieden und innere Ausgeglichenheit eines Charakters. Die Stille der Natur wirkt beruhigend und aufbauend für zerrütteten Seelen und steht damit im Gegensatz zur städtischen Gesellschaft.[4] Ähnlich geht es auch dem jungen Werther. Eine „wunderbare Heiterkeit“[5] durchdringt sein Innerstes und er genießt den schönen Frühlingsmorgen in freier Natur. Dieser freien und ungezähmten Natur kommt Werthers besondere Ehrerbietung zu.

Er versucht gänzlich in ihr aufzugehen und dabei gleichzeitig die Schönheit der Natur in Worte zu fassen. Im Versuch das Unaussprechliche auszusprechen beginnt er mit der Beschreibung eines Makrokosmos, beispielsweise der Schilderung des Tals und der Sonne, geht dann über zu den hohen Gräsern, bis er schließlich mit seiner Darstellung der kleinsten Lebewesen, dem Mikrokosmos, den Kreis der Schöpfung schließt. Diese Beschreibung schildert Werthers Gefühl der absoluten Gottesnähe.[6]

[…] wenn ich das Wimmeln der kleinen Welt zwischen Halmen, die unzähligen, unergründlichen Gestalten der Würmchen, der Mücken näher an meinem Herzen fühle und fühle die Gegenwart des Allmächtigen […] dann sehne ich mich oft und denke: Ach könntest du das wieder ausdrücken, könntest du dem Papier das einhauchen, was so voll, so warm in dir lebt [...].[7]

Die Einleitung der Sätze mit den Konjunktionen „wenn“ und „dann“ drücken dabei den Wunsch aus, die Natur ganz zu erfassen und sich dabei künstlerisch entfalten zu können.[8] Mit dieser Dynamik wird Spannung erzeugt, die die Sätze immer wieder erneut Aufschwingen lässt und damit eine Endlosigkeit des Satzes erreicht, die Werthers Sehnsucht nach etwas schier Unerreichbaren vermuten lässt. Eine pantheistische Entrückung und Entgrenzung ins ewig Göttliche ist Werthers utopisches Ziel.[9]

Doch kann ihm dies nicht vollends gelingen. Werthers Problematik klingt also bereits in dem Brief an, der eigentlich sein von der Natur positiv aufgeladenes Gefühl darstellt. Denn er möchte die Natur nicht nur erleben, sondern auch als Kunstschaffender wahrnehmen und rezipieren. „Aber ich gehe darüber zugrunde, ich erliege unter der Gewalt der Herrlichkeit dieser Erscheinungen“[10], im Anklingen des Todesthemas wird also das Bild des Scheiterns bereits zu Anfang des Romans eingeleitet.[11]

Der Brief des 10. Mai deutet bereits an, was die ihm nachfolgenden Briefe noch deutlicher zeigen. Die von Werther beschriebenen Landschaften können als Projektionen seiner Seele aufgefasst werden.[12] In seiner heiteren Gemütsverfassung zu Beginn des Romans werden die Schönheiten der Natur besonders hervorgehoben, doch wird auf Grund seines utopischen Strebens nach vollkommenem Eingehen in die Natur das Scheitern seines Vorhabens bereits in diesem positiv gehaltenen Brief eingeführt.

2.2. Der Brief vom 18. August 1771

Im Brief vom 18. August wird das Naturlob weiter ausgebaut und noch einmal wiederholt, allerdings unter veränderten Vorzeichen.

Musste denn das so sein, dass das, was des Menschen Glückselig- keit macht, wieder die Qual seines Elendes würde?

Das volle warme Gefühl meines Herzens an der lebendigen Natur, das ich mit so vieler Wonne überströmte, das ringsumher die Welt mir zu einem Paradiese schuf, wird mir jetzt zu einem unerträgli- chen Peiniger […].[13]

Das Glücksgefühl, welches Werther noch im Mai aus der Natur schöpfen kann, kehrt sich um und wird ihm zu einem „quälenden Geist“[14]. Die Verwendung des Präteritum zeigt in besonderer Deutlichkeit an, dass die Beseelung, die Werther durch die Natur erfahren durfte, in der Vergangenheit liegt und nicht mehr gelingen kann. Die Schönheit der Natur kann ihn nicht mehr durchdringen, alles was er nun erlebt, kommt ihm wie ein verzerrter Rückblick eines vergangen Glücks vor.[15]

[...]


[1] Vgl. Hauger, Brigitte: Individualismus und aufklärerische Kritik. Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther. Friedrich Nicolai: Freuden des jungen Werthers. Stuttgart: Klett-Verlag, 1987. S. 24.

[2] Vgl. Hein, Edgar: Johann Wolfgang von Goethe. Die Leiden des jungen Werther: Interpretation. 2. Auflage. München: Oldenbourg, 1997. S. 25. [Oldenbourg Interpretationen; Bd. 52].

[3] Vgl. Flaschka, Horst: Goethes <<Werther>>. Werkkontextuelle Deskription und Analyse. München: Wilhelm Fink-Verlag, 1987. S. 182-129.

[4] Vgl. Flemming, Willi: Der Wandel des deutschen Naturgefühls vom 15. zum 18. Jahrhundert. Halle: Niemeyer-Verlag, 1931. S 83-84.

[5] Goethe, Johann Wolfgang von: Die Leiden des jungen Werther. Husum: Hamburger Lesehefte-Verlag, 2007. S. 6.

[6] Vgl. Hauger, 1987. S. 24-25.

[7] Goethe, 2007. S. 7. Z. 29.

[8] Vgl. Brown, Robert: Nature's hidden terror. Violent nature imagery in eighteenth-century Germany. Columbia: Camden House-Verlag, 1952. S. 83.

[9] Vgl. Hein, 1997. S. 66-67.

[10] Goethe, 2007. S. 7. Z. 13-14.

[11] Vgl. Hauger, 1987. S. 25.

[12] Vgl. Hein, 1997. S. 66.

[13] Goethe, 2007. S. 43. Z. 13-18.

[14] Ebd. S. 43. Z. 18.

[15] Vgl. Duesberg, Peter: Idylle und Freiheit. Ein Entwicklungsmodell der frühromantischen Landschaft in der Wechselwirkung von äußerer und innerer Natur. Frankfurt am Main u.a.: Peter Lang-Verlag, 1996. S. 201.

Details

Seiten
17
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656400585
ISBN (Buch)
9783656403012
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v212350
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,0
Schlagworte
natur- landschaftsdarstellung goethes leiden werther rolle funktion

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