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Wie Kinder Armut erleben und bewältigen.

Ein Vergleich mit „Alleingelassen“ von Thomas Fuchs

Hausarbeit 2013 23 Seiten

Soziologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 „Alleingelassen“ von Thomas Fuchs

3 Kinderarmut - Was ist das?

4 Kinder leben in Armut
4.1 Materielle Einschränkungen - Ernährung, Kleidung, Wohnen
4.2 Freizeitgestaltung und Förderung
4.3 Gefühlsarmut der Eltern und Vernachlässigung
4.4 Soziale Isolation
4.5 Verlust des Selbstwerts - Identifikation mit der Armut

5 Bewältigung von Armut

6 Diskussion der Ergebnisse

7 Was folgt für soziale Arbeit?

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Armut unter Kindern - noch vor wenigen Jahren war dieses Thema im „Wohlfahrtsstaat Deutschland“ nicht besonders populär. Im Verlauf der letzten Zeit ist diese Thematik jedoch zunehmend in das öffentliche Bewusstsein gerückt. Viele Kampagnen und soziale Einrichtungen machen auf die schockierenden Zahlen aufmerksam, wie das Kinder- und Jugendwerk „Die Arche“. Der Gründer Bernd Siggelow schildert in seinem Buch „Deutschlands vergessene Kinder“ erschreckende Erfahrungsberichte. Das Buch fand in der Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit und schaffte es so, das Thema „Armut unter Kindern“ ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Dies ist auch dringend notwendig, denn die Zahlen sind schockierend: laut des dritten Armutsberichts der Bundesregierung von 2008 leben in Deutschland 2,5 Mio. Kinder unterhalb der Armutsgrenze, folglich jedes sechste Kind. Die Tendenz ist steigend. Armut lässt sich dabei nicht nur am Einkommen der Eltern festmachen, oftmals sind betroffene Kinder auf vielfache Weise ausgegrenzt und leiden an fehlender Bildung, Erziehung und Zuwendung. Wenn auch nicht immer, so gehen doch oft Armut und Vernachlässigung Hand in Hand.

Der Autor Thomas Fuchs hat einen besonders schweren Fall der Kindes­vernachlässigung, der 2007 publik wurde, in seinem Roman „Alleingelassen“ verarbeitet: während die Mutter vierer Kinder im Alter von 8 bis 12 Jahren zu ihrem Freund zog, bewältigten die Kinder ihren Alltag allein. Als die Zustände immer schlimmer wurden, wandte sich der älteste Sohn an das Jugendamt, das eine völlig verdreckte Wohnung auffand und die Kinder in ihre Obhut nahm. Thomas Fuchs erzählt die Geschichte der alleingelassenen Kinder, ihre Ängste, Kämpfe und Sehnsüchte nach einem „ganz normalen Leben“.

In dieser Arbeit setze ich mich mit dem Thema Armut bei Kindern und ihren Begleiterscheinungen auseinander, ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Kindes­vernachlässigung, auch wenn nicht jedes Kind einer armen Familie darunter leidet. Anhand des Jugendromans von Thomas Fuchs soll herausgestellt werden, wie Kinder armer Familien ihren Alltag erleben und bewältigen.

Zunächst werde ich den Inhalt des Romans wiedergeben und die Thematik „Kinderarmut“ kurz darstellen. Dann soll das Alltagserleben mit seinen Armuts- Symptomen herausgearbeitet werden. Darauffolgend stelle ich die Bewältigungs­strategien im Roman heraus, die Ergebnisse werden im nächsten Kapitel diskutiert und bewertet. Den letzten Teil der Arbeit bilden das Fazit mit sozialpädagogischen Konsequenzen, sowie meine persönlichen Eindrücke der Thematik.

2 „Alleingelassen“ von Thomas Fuchs

Der Jugendroman „Alleingelassen“ von Thomas Fuchs beschreibt das Leben dreier Kinder, die versuchen trotz Armut, Vernachlässigung und Weggang der Mutter ihren Alltag aufrecht zu erhalten und ein normales Familienleben zu führen.

Der Roman wird aus Sicht des 12-jährigen John beschrieben, der Älteste von drei Geschwistern. Mit seiner alleinerziehenden Mutter und seinen Geschwistern Carmen (10) und Maik (7) ist er gerade in eine neue Stadt gezogen. Die Familie hat bisher viele Umzüge und schwierige Phasen durchgemacht: wechselnde Männer­bekanntschaften der Mutter, die gegen die Kinder teilweise auch gewalttätig wurden, Arbeitslosigkeit, Heimerfahrungen und ständige Geldknappheit haben das bisherige Leben der Familie ausgemacht - in der neuen Stadt soll alles anders werden. Statt einem Leben in der sozialen Unterschicht, wollen sie diesmal „eine ganz normale Familie“ sein, besonders John setzt alles daran, seiner Familie dieses Leben zu ermöglichen. Zu Beginn klappt dieses Vorhaben auch sehr gut, die Mutter findet eine Anstellung und die Kinder sind gut in der Schule und sozialen Gruppen integriert. Dann lernt die Mutter einen neuen Partner kennen, Martin; kurze Zeit später wird sie von ihm schwanger. Wegen der schwierig verlaufenden Schwangerschaft und ihrer neuen Partnerschaft verbringt die Mutter immer mehr Zeit in Martins Haus und kündigt letztlich ihre Anstellung. John versucht derweil alles, um den Familienalltag auch ohne seine Mutter zu meistern: neben Haushaltsarbeiten kümmert er sich um seine Geschwister, regelt Behördengänge und Finanzen und versucht, den Schein einer ganz normalen Familie aufrecht zu erhalten. Nach und nach zieht sich trotz anderer Versprechungen die Mutter immer mehr aus dem Leben ihrer Kinder heraus, nach der Geburt des jüngsten Sohnes zieht sie dauerhaft zu Martin. Das Geld wird immer knapper und die Wohnung versinkt zunehmend im Chaos, bald wird der Strom abgestellt und die Wohnung wegen fehlender Mitzahlungen gekündigt. Schließlich ist John am Ende seiner Kräfte und kapituliert gegenüber den Alltagsanforderungen und dem Chaos.. Als seine Freundin Miriam, sein einziger Zufluchtsort, ihn überraschend in der Wohnung besucht, fliegt die ganze Sache auf. Der Roman endet mit Miriams Ankündigung, das Jugendamt zu verständigen.

3 Kinderarmut - Was ist das?

„Arm ist, wer wenig hat“ - dies ist grob gefasst das, was im Volksgebrauch unter Armut verstanden wird. Armut bezeichnet immer einen Mangel, dabei kann es sich sowohl um mangelnde materielle und finanzielle Ressourcen handeln, als auch um fehlende Fürsorge, Bildung oder Teilhabe am kulturellen oder sozialen Leben. Eine einheitliche Definition von Armut gibt es bisher nicht, so dass nur versucht werden kann, den Begriff anhand verschiedener Merkmale einzugrenzen. Angesicht des geringen Umfanges dieser Arbeit wird es mir nur möglich sein, bedeutende Ansätze der Armutsforschung anzureißen.

In der Bundesrepublik bedeutet Leben in Armut weniger, „das Vorliegen existentieller Notlagen im Sinne von primärer oder absoluter Armut, womit das Fehlen der Mittel zu physischen Überleben gemeint ist“ (Chassé/Rasch/Zander 2005: 12) - auch wenn das nicht gänzlich ausgeschlossen werden kann - sondern vielmehr eine relative Armut, die sich am durchschnittlichen Einkommen und Wohlstand innerhalb der Republik bemisst. Laut Weltgesundheitsorganisation ist arm, wer monatlich weniger als 60% des aus der Einkommensverteilung seines Landes berechneten Zentralwertes zur Verfügung hat. Der Rat der Europäischen Gemeinschaft fasste im Jahre 1984 eine umfassende Armutsdefinition wie folgt zusammen: „Arm sind Menschen, die über so geringe materielle, kulturelle oder soziale Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen ist, die in dem Staat, in dem sie leben, als Minimum gilt.“. Zentrale Merkmale von Armut, die aus dieser Definition hervorgehen, sind demnach eine relative Einkommensarmut, eine defizitäre Lebenslage sowie eine soziale Ausgrenzung durch fehlende Teilnahme und Mitgestaltung am sozial-gesellschaftlichen Leben.

Bei der Erfassung von Armutssituationen kann auf politisch-normative Vorgaben oder den Sozialhilfebezug zurückgegriffen werden. Demnach lebt in Armut, wer aus seinem eigenen Einkommen nicht die zur Lebensführung erforderlichen Mittel schöpfen kann. Das Bundessozialhilfegesetz legt das Bedarfsdeckungsprinzip fest: demnach werden bedürftige Bürger durch Sozialhilfe soweit unterstützt, dass ihr Lebensbedarf abgesichert ist. Sozialhilfebezug gilt somit als „staatlich bekämpfte Armut“. Gleichzeitig dient der Sozialhilfebezug dadurch als Armutsindikator (vgl. Chassè et al. 2005: 12). Die Dunkelziffer der von Armut betroffenen Menschen ist vermutlich um einiges höher als offizielle Zahlen, da zu vermuten ist, dass viele Menschen aus Scham oder Unwissenheit keine Sozialhilfe beantragen. Auch immer mehr Kinder und Jugendliche sind von Sozialhilfe betroffen.

Seit 1990 gewinnt der Lebenslagenansatz zudem immer mehr an Bedeutung. Dieser Ansatz setzt ein komplexeres Gefüge voraus, da er neben der materiellen Notsituation auch die soziokulturelle Unterversorgung berücksichtigt, eine Unterversorgung in zentralen Lebensbereichen wie etwa Wohnen, Arbeit, Gesundheit, soziale Integration und vor allem im Bildungsbereich. Der Ansatz stellt das Phänomen Armut in seiner Mehrdimensionalität dar und beachtet auch Konsequenzen wie eine starke Einschränkung der subjektiven Handlungsspielräume, Wohlbefinden und Zufriedenheit.

In Deutschland sind von relativer Armut am meisten Ein-Eltern-Haushalte, kinderreiche Familien sowie Familien mit Migrationshintergrund betroffen (vgl. Chassé et. al. 2005: 11), was deutlich macht, dass Kinder die größte Betroffenen­gruppe ausmachen. Armut von Kindern ist dabei immer Armut der Eltern. Mit steigender Armut steigt auch die Zahl der vernachlässigten Kinder. Bei mangelnden materiellen Ressourcen, sowie Begleiterscheinungen wie Arbeitslosigkeit, fehlende sozial-gesellschaftliche Teilnahme und fehlender Bildung leiden vor allem Kinder an einer emotionalen Armut. Eltern, die sich mit den Lebensumständen, Erziehung und Lebensbewältigung überfordert sehen, sind teilweise auch ihren Kinder keine zuverlässige Bezugsperson, so dass sie neben den materiellen Entbehrungen zunehmend auch mehr unter fehlender Zuwendung und Fürsorge leiden. Kinder aus armutsbetroffenen Familien sind somit einer mehrfachen Benachteiligung ausgesetzt.

4 Kinderleben in Armut

In diesem Kapitel gehe ich von der Grundlage des Romans aus und greife die Punkte auf, die sich auch in anderer Fachlektüre finden lassen. Dabei handelt es sich um einen Überblick der Begleiterscheinungen, die ich versuchte habe, durch Überschriften zu gliedern. Wichtig ist zu beachten, dass es sich um eine Sammlung handelt: nicht jedes Kind, das mit Armut innerhalb seiner Familie konfrontiert ist, macht all diese Erfahrungen und in der Komplexität des Themas ist es auch nicht möglich, einen Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. Einzelfälle müssen immer individuell betrachtet werden. Ich beziehe mich lediglich auf Erscheinungen, die im Roman thematisiert werden, und ergänze diese gegebenenfalls.

4.1 Materielle Einschränkungen - Ernährung, Kleidung, Wohnen

Finanzielle Not geht zuallererst mit materiellen Einschränkungen einher, die die Lebensbereiche Ernährung, Kleidung und Wohnen betreffen. Wenig Geld betrifft neben der Menge an Nahrung auch die Qualität von Lebensmitteln und Mahlzeiten. Wenn Günstigkeit das wichtigste Kriterium ist, kann wenig auf gesundes, nahrhaftes Ernähren geachtet werden (vgl. Bieligk 1996: 75). John und seine Geschwister leiden zunehmend an Hunger. Der Schritt, das Angebot einer Essenstafel in der Stadt in Anspruch zu nehmen, fällt ihnen schwer - der beißende Hunger ist das einzige Argument (vgl. Fuchs 2011: 101).

Das Geld fehlt aber auch in anderen Bereichen, wie der Zahlung der Miete oder der Stromrechnung, so dass die Wohnung gekündigt und Strom und Telefon zeitweise abgestellt werden. Reparaturen innerhalb der Wohnung werden dann zu unüberbrückbaren Herausforderungen. Die Wohnung kann ab einem bestimmten Punkt nicht mehr sauber und ordentlich gehalten werden und verliert so zunehmend ihre Funktion als Rückzugs- und Spielmöglichkeit. Die Qualität des Wohnens hängt jedoch maßgeblich mit dem kindlichen Recht auf freie Entfaltung und Entwicklung zusammen (vgl. Bieligk 1996: 55).

In dem Roman wird zudem auch auf fehlende Hygiene seitens der Kinder eingegangen - einfach, weil sich kein Elternteil darum kümmert. Die Krankenkassenkarte der Kinder ist nicht mehr gültig und John kann sich an keine Vorsorgeuntersuchung erinnern, zu der seine Mutter ihn und seine Geschwister gebracht hat (vgl. Fuchs 2011: 147).

John ist geschickt genug, um auch mit wenig Geld, angesagte Kleidung und Trendartikel wie Handys zu besorgen, so dass ein äußerer Unterschied zu den Altersgenossen nicht auffällt. Durch Internetangebote und Second-Hand-Shops verschafft er sich und seiner Familie katalogmäßige Kleidung. Irgendwann ist aber auch das nicht mehr möglich, und die Kinder müssen ihre Winterkleidung von der Wohlfahrt organisieren, was mit einer großen Überwindung verbunden ist.

4.2 Freizeitgestaltung und Förderung

Fehlende finanzielle Ressourcen haben ihre Auswirkungen auch in den Gestaltungsmöglichkeiten der Freizeit. Das Geld muss für lebensnotwendige Dinge ausgegeben werden, so dass Aktivitäten wie Urlaube und Ausflüge oft nicht realisierbar sind, ganz zu schweigen von finanziell aufwendigen Hobbys. Allgemeine Fähigkeiten wie z.B. das Erlernen von Schwimmen, werden, wie bei John, nicht gefördert. Fehlendes Geld, aber auch mangelndes Interesse scheinen Grund dafür zu sein (vgl. ebd.: 53). Trotzdem verfügt Familie Mertens über einen Fernseher und einen Computer, den sie allerdings über den Kirchenbasar bekommen haben. Der Fernseher dient in der Familie als zentraler Punkt innerhalb der Wohnung und als Treffpunkt. Geld wird in vielen armen Familien nicht in Spielsachen oder Bildungsmöglichkeiten investiert, so wie Gemeinschaftsspiele oder Bücher zum Vorlesen. Stattdessen dienen Prestigeobjekte zur Verschleierung von Armut (vgl. Bieligk 1996: 91).

Die Chancen auf Bildung sind ebenfalls eingeschränkt. Auch wenn für John die Schule anfangs ein Zufluchtsort war, an dem er seine privaten Probleme vergessen und sich stattdessen auf das Lernen konzentrieren konnte, werden mit zunehmender familiärer Belastung auch seine schulischen Leistungen schwächer: „[...] doch ich war in der Fünften sitzen geblieben. Das war, als bei uns zu Hause Chaos angesagt war und ich nur selten den Unterricht besuchen konnte.“ (Fuchs 2011: 6 f.).

[...]

Details

Seiten
23
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656404866
ISBN (Buch)
9783656405702
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v212374
Institution / Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)
Note
1,3
Schlagworte
kinder armut eine darstellung jugendromans alleingelassen thomas fuchs

Autor

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