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Der literarische Expressionismus als kollektive Psychose

Georg Trakl, Georg Heym, Jakob van Hoddis und ihre seelischen Erkrankungen

Seminararbeit 2012 39 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitungsgedanke

2. Die Epoche des Expressionismus
2.1 Definition und Ziele
2.2 Sozi ohi stori scher Hintergrund
2.3 Literatur der Epoche
2.3.1 Stil und Motive
2.3.2 Bedeutende Dichter und Werke des Literarischen Expressionismus

3. Das Phänomen der kollektiven Psychose
3.1 Definition der kollektiven Psychose
3.2 Bedeutung der Psychose und des Wahnsinns im Expressionismus

4. Untersuchen der These einer durch die epochalen Enfiasse ausgelösten kollektiven Psychose
4.1 Methodik der Analyse
4.2 Georg Trakl
4.2.1 Biografie eines traurigen Lebens
4.2.2 Analyse der biografischen Einschnitte
4.2.2.1 Argumente für die Teilhabe an einer kollektiven Psychose1
4.2.2.2 Argumente für ein Einzelschicksal1
4.2.3 Analyse von Georg Trakls Gedicht „Grodek"
4.2.4 Zwischenauswertung
4.3 Georg Heym
4.3.1 Biografie eines eigenwilligen Genies
4.3.2 Analyse der biografischen Einschnitte
4.3.2.1 Argumente für die Teilhabe an einer kollektiven Psychose
4.3.2.2 Argumente für ein Einzelschicksal
4.3.3 Analyse von Georg Heyms Gedicht „Der Gott der Stadt“
4.3.4 Zwischenauswertung
4.4 Jakob van Hoddis (Hans Davidsohn)
4.4.1 Biografie eines verstörten Pioniers
4.4.2 Analyse der biografischen Einschnitte
4.4.2.1 Argumente für die Teilhabe an einer kollektiven Psychose
4.4.2.2 Argumente für ein Einzelschicksal
4.4.3 Analyse von Jakob van Hoddis' Gedicht „Weitende“
4.4.4 Zwischenauswertung

5. Gesamtfazit

6. Schlussgedanke37 /.Literaturverzeichnis

Literatur im Expressionismus - eine kollektive Psychose?

1 .Einleitungsgedanke

„Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut, in allen Lüften hallt es wie Geschrei. Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei und an den Küsten - liest man - steigt die Flut. Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen an Land, um dicke Dämme zu zerdrücken. Die meisten Menschen haben einen Schnupfen. Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Wie viel Macht Worte doch haben können! Diese Verse beispielsweise, welche ein Gedicht namens „Weitende“ bilden und vom Dichter Jakob van Hoddis verfasst wurden, leiteten gar, wenn auch nicht gänzlich eigenständig, eine ganze Epoche ein, den Expressionismus. Eine Ära voller genialer Werke in Kunst und Literatur, hin­ter denen mindestens genauso begnadete Künstler stehen, ein Zeitalter des Auf­bruchs und der Veränderung, aber eben auch geprägt von Gewalt und Angst.[1] [2] Womit wir wieder bei Jakob van Hoddis wären, und zwei seiner Kollegen, nament­lich Georg Heym und Georg Trakl, allesamt gleichermaßen talentvoll wie charak­terlich schwierig. Und jeder dieser Künstler hat eine traurige Lebensgeschichte hin­ter sich, mit psychischen Krankheiten und einem bedauernswerten Tod. Aber in­wiefern hängen diese drei Schicksale mit der Epoche, die sie jeweils geprägt ha­ben, zusammen? Diesem interessanten Rätsel möchte ich auf den Grund gehen.

In meiner Arbeit soll deshalb - nach einer kurzen Vorstellung der Epoche und ihrer Umstände - erörtert werden, ob die seelischen Erkrankungen der genannten drei Autoren als Beweis für eine kollektive Psychose im Expressionismus gesehen wer­den können oder ob diese eher durch Gründe, die nicht unmittelbar in den gesell­schaftlichen beziehungsweise äußeren Einflüssen jener Zeit zu suchen sind, erkrank­ten.

2. Die Epoche des Expressionismus

2.1 Definition und Ziele

Da sich der Expressionismus, wie jede andere Epoche auch, nicht einheitlich und blitzartig entfaltete, sondern erst über einen gewissen Zeitraum und durch viele verschiedene Einflüsse entwickelte und veränderte, fällt es schwer, eine eindeuti­ge Definition zu finden. Zunächst einmal war der Expressionismus eine Strömung im 20. Jahrhundert, die sich nicht nur auf die Literatur begrenzte, sondern auch eine künstlerische Seite aufwies. Für den literarischen Teil lässt sich feststellen, dass dieser sich auf die Zeit zwischen 1910 und 1930 begrenzte, die Autoren kamen haupt­sächlich aus Deutschland und Österreich.[3] Allerdings gab es auch nach 1930 und sogar im Nationalsozialismus noch vereinzelt expressionistische Schriftsteller. Anhand der Übersetzung „Ausdruckskunst“[4] lässt sich auch die Absicht der Expres­sionisten deuten. Sie wollten ihre inneren Wirklichkeitserlebnisse, ihre psychischen Impulse und Befindlichkeiten ausdrücken.[5] Somit setzten die Dichter inneres Erleb­nis vor äußeres Geschehen.[6]

Außerdem grenzten sich die Lyriker des Expressionismus deutlich von der realisti­schen Erzählweise und der Darstellungsart des Naturalismus ab, mit dessen Auto­ren sie zwar das Bewusstsein der Entfremdung und Verlorenheit des Menschen teil­ten, dies aber viel radikaler in ihren Werken umsetzten. Sie wollten kein akribisches und experimentelles Bild der Realität, sondern ein Bild des inneren Erlebens der Moderne.[7]

Die Expressionisten verstanden sich gewissermaßen als Gegenkultur zur übrigen Gesellschaft, wollten den verhärteten Strukturen mit ihrem neuen, unverbrauchten Menschenbild entgegentreten, die Gesellschaft schockieren und gegen sie rebel­lieren. Dazu trafen sie sich in Cafés und Bars, beispielsweise im „Café Josty" am Potsdamer Platz in Berlin, um auch das soziale Zusammenleben ihrer Einstellung[8]

Der Expressionismus war somit eine geistige Revolution, die sich auf alle Bereiche der Kultur und des Lebens auszubreiten wusste, der Aufstand des Geistes gegen den Positivismus und Materialismus des 19. Jahrhunderts und Voraussetzung für das, was wir heutzutage als modernes Weltbild bezeichnen.[9]

2.2 Soziohistorischer Hintergrund

Dass das beginnende 20. Jahrhundert psychologisch gesehen keine einfache Zeit war, lässt sich kaum bestreiten. Auch das einleitende Gedicht „Weitende" von Jakob van Hoddis, welches im Jahre 1911 erschien, ist, wie sich schon am Titel er­kennen lässt, ein Zeugnis für das „expressionistische Lebensgefühl einer aus allen Fugen geratenen Welt“[10].

Diese Einstellung der Künstler wird heutzutage auch als „Weltuntergangsstim­mung“[11] bezeichnet. Sie entstand vor allem durch die Furcht vor dem Hal­ley'sehen Kometen, welcher damals die Menschen in Angst und Schrecken ver­setzte. Dieser Himmelskörper drohte beim Eintreten in die Erdatmosphäre eine weltzerstörende Explosion zu verursachen, zumindest laut der damaligen Wissen­schaft, die hierbei bekanntermaßen falsch lag. Ein weiterer Hintergrund, der zum einen als Absicht, zum anderen aber auch als Belastung für die Expressionisten zu verstehen ist, war der Protest verbunden mit der rebellischen Haltung gegenüber Autoritäten, der auch mit den Eltern zum Streit und zu einer Art Generationenkon­flikt führte, jedoch hauptsächlich gegen die politische Obrigkeit gerichtet war.[12] Denn die Jugend hatte die erstarrten Verhältnisse im Wilhelminischen Kaiserreich leid, sie wollte sich nicht länger von einem autoritären System befehligen lassen, an dessen wirtschaftlichen Erfolg sie zwar teilhatte, das aber auch Unterdrückung und Untertanenmentalität auf die Menschen ausübte.[13]

Des Weiteren fürchtete sie sich vor einem Verlust des Ich-Bewusstseins, welcher zum einen durch die immer beunruhigender fortschreitende maschinelle Industria­lisierung, verbunden mit der Angst, die Maschine könnte den Menschen eines Tages ersetzen oder versklaven, und zum anderen durch die ungewohnte Ano­nymität der entstehenden Großstädte einzutreten schien. In diesen neuen Metro­polen erlebten die Künstler, wie das Leben des Einzelnen immer anonymer und unbedeutender wurde, fremdbestimmt vom industriellen Arbeitsrhythmus, von un­persönlicher Verwaltung der ungewohnten Flut an Informationen.[14] Der seelisch prägendste Einschnitt allerdings war ein anderer: Der I. Weltkrieg. Anfangs war dieser sogar ersehnt worden, quasi als Befreiung von alten Strukturen, dem lähmenden Alltag und der Spannungen, die bis zum Ausbruch des Krieges 1914 herrschten.[15]

„Wie die Herzen der Dichter sogleich in Flammen standen, als jetzt Krieg wurde"[16], schrieb beispielsweise der große Thomas Mann im Spätsommer 1914, und er war nur einer von vielen, der sich der kollektiven Euphorie im Reich nicht entziehen konnte. Zahlreiche Künstler dieser Generation meldeten sich vor lauter Begeiste­rung gar freiwillig für die Front.[17]

Bei den meisten Expressionisten allerdings, und nicht nur bei ihnen, schlug das Ge­fühl der Freude allerdings schon nach wenigen Wochen oder Monaten in eine Art Desillusion oder schlichtweg Ernüchterung um, aufgeschreckt durch den Anblick der Verwüstungen und der vielen Toten wurde der Krieg zur psychischen Belas­tung, die vielen von ihnen das Leben oder zumindest die Nerven kostete.[18] Die Realität der Materialschlachten und des Massensterbens stimmte nicht mehr mit den überlieferten Heldengeschichten überein, nach denen sich diese Genera­tion so sehnte. Bereits 1916, also zwei Jahre vor Kriegsende, fand sich kaum mehr ein expressionistischer Künstler, der mit positiver Anschauung über den Krieg schrieb oder sprach. Im Gegenteil: Zahlreiche ehemalige Kriegsfanatiker schlossen sich sogar pazifistischen Gruppen an.[19]

2.3 Literatur der Epoche

2.3.1 Stil und Motive

„Expressionistisches Dichten ist also ein Urausbruch dunkler, ungestalteter Kräfte, in dem das Dämonische, Elementare eines Gefühls visionär wird. Enthüllen ist der Sinn expressionistischer Kunst und zugleich ihr Gestaltungsprinzip"[20], heißt es in einem Standardwerk von Walter Urbanek. Das trifft auf den Stil dieses Zeitalters sehr gut zu, da der Ausdruck und die Enthüllung nicht nur Ziele, sondern auch stilistische Merkmale des Expressionismus waren. Ein gutes Beispiel hierfür sind die Farbbe- zeichnungen, die bei Heym und Trakl häufig zu finden sind. Sie haben keinen opti­schen, sondern einen ihnen innewohnenden, suggestiv wirkenden Eigenwert, die­nen als Symbol, so steht beispielsweise die Farbe Rot für Vitalität und Leidenschaft, Violett dagegen für Melancholie und Trauer. Es findet sich also auch bei den Far­ben der innere Ausdruck wieder.[21]

Des Weiteren war der expressionistische Stil von teilweise übersteigerter Metapho­rik, insbesondere in Gedichten, Wortneuschöpfungen, mit denen versucht wurde, die Grenzen der Sprache auszureizen, und ekstatischen Ausbrüchen geprägt.

Die wichtigsten Motive decken sich mit dem historischen Hintergrund der Epoche. An erster Stelle ist hierbei das Motiv der Großstadt zu nennen. Allerdings ist die Stadtwahrnehmung in der Lyrik der Expressionisten nicht eindeutig positiv oder ne­gativ beladen, sie ist eher von einer Art „Hassliebe“ geprägt. In manchen Gedich­ten wird die Metropole als Chance für ein selbstbestimmtes Leben beschrieben, in anderen Werken, wie beispielsweise Georg Trakls „Vorstadt im Föhn“ dagegen als Ort der Ohnmacht, der Orientierungslosigkeit und Angst.[22]

Ein zweites Hauptmotiv ist die Haltung zum Krieg, die sich, wie an anderer Stelle bereits erwähnt, im Lauf des ersten Weltkriegs von meist begeisterter Zustimmung in schockierte Ablehnung umwandelte. Denn die anfängliche Aufbruchsstim- mung, entstanden auch durch die expressionistische Meinung, das Alte müsse un­tergehen, damit etwas Neues entstehen kann, stellte sich bereits nach wenigen Monaten ein, angesichts des Leidens, dass der Krieg auslöste.[23] Dies spiegelt sich auch in den Texten wider.

Auch das Weitende war ein häufig benutztes Thema, welches durch die Welt­untergangsvisionen, von denen die Expressionisten geprägt waren, hauptsächlich in Gedichten, aber ebenfalls in anderen Texten Verwendung fand. So trägt auch die wohl bedeutendste Anthologie des Expressionismus, in der das bereits erwähn­te Gedicht „Weitende“ als Auftaktwerk benutzt wurde, den passenden Titel „Menschheitsdämmerung". Diese wurde im Jahre 1920 vom Schriftsteller und Journalisten Kurt Pinthus herausgegeben.

Darüber hinaus ist das Motiv des Ich-Zerfalls als bedeutend anzusehen. Der Mensch erfährt sich hierbei nicht mehr als das Subjekt seines Handelns, sondern als Objekt, das von den Einflüssen überfordert wird, wodurch er jegliche Weltorientie­rung und letztendlich sein Selbst verliert. Diese Verlorenheit wurde auch durch die Einflüsse der Großstadt und der Industrialisierung, und hierbei insbesondere durch das angsterfüllte Verhältnis des Menschen zur aufstrebenden Maschine, zu einem wichtigen Thema in Literatur und Gesellschaft.[24]

Dem dadurch entfremdet erschienenen Bürger stellten die Künstler den neuen Menschen des Expressionismus gegenüber, der die Brüderlichkeit herbeiführen und die Verlorenheit des Individuums beenden sollte.[25]

Auch der Wahnsinn fand im Expressionismus Gebrauch, und zwar nicht nur als Mo­tiv, darauf werde ich allerdings zu einem späteren Zeitpunkt genauer eingehen.

2.3.2 Bedeutendste Dichter und Werke des literarischen Expressionismus

Natürlich ist nicht eindeutig nachzuweisen, welche Charaktere den Expressionis­mus am stärksten geprägt haben, dies würde einigen anderen Künstlern auch nicht gerecht werden, aber manche Personen können hier dennoch besonders hervorgehoben werden, beispielsweise Elke Lasker-Schüler. Sie gilt als früheste Re­präsentantin des lyrischen Expressionismus, da sie bereits 1905 den Lyrikband „Der siebente Tag“ herausgegeben hatte, welcher mit dem Gedicht „Weitende“, gleichnamig zum sechs Jahre später erschienenen Werk von Jakob van Hoddis, endete, und stilistisch bereits dem frühen Expressionismus zuzuordnen ist. Natürlich ist auch der eben genannte van Hoddis, welcher mit seiner Version des Gedichts die Hochphase des Expressionismus einläutete, ebenso wie seine bereits erwähn­ten Kollegen Georg Heym und Georg Trakl zu den populärsten Autoren jener Zeit zu zählen.[26]

Ebenfalls muss man den Arzt und Lyriker Gottfried Benn in diesen Kreis aufnehmen, der mit seinem Gedichtszyklus „Morgue“ aus dem Jahre 1912 Ansehen erlangte, vor allem durch schockierende Verweigerung jeglicher Anteilnahme im Gedicht „Schöne Jugend“, seiner Variante von Shakespears „Hamlet".[27] Andere Haupt Vertreter in der Lyrik sind Johannes Robert Becher, Theodor Däubler, Ferdinand Hardekopf, Yvan Goll, Karl Otten, Ludwig Ru biner und Paul Zech.[28] Im Drama ist besonders Ernst Toller zu nennen, welcher dem Spätexpressionismus, also der Zeit zwischen 1918 und 1923, zuzuordnen ist. Er kann durchaus als Beispiel für die Wandlung eines Kriegsbegeisterten zum Pazifisten benutzt werden, was an seinem Werk „Die Wandlung. Das Ringen eines Menschen“ von 1919 festzuma­chen ist.[29]

Für diese literarische Richtung stehen neben ihm hauptsächlich Ernst Barlach, Wal­ter Hasenclever, Hans Henny Jahnn, Georg Kaiser, Oskar Kokoschka, René Schickele sowie Carl Sternheim.[30]

3. Das Phänomen der kollektiven Psychose

3.1 Definition der kollektiven Psychose

Die „kollektive Psychose“, welche für die folgende Erörterung klar definiert sein sollte, teilt sich in zwei Wörter auf. Mit dem Begriff „Psychose“ werden sämtliche Krankheitszustände zusammengefasst, die erhebliche Folgen für die geistigen Funktionen auslösen. Hierbei treten oft realitätsferne Wahrnehmungen auf, bei­spielsweise durch Wahn, Halluzinationen oder Gedächtnisstörungen, ebenso wie Verhaltensänderungen unmotivierter Art. Die Erkrankten dagegen nehmen meist nicht sich, sondern ihre Umwelt als stark verändert wahr und realisieren die Krank­heit, vor allem im späten Stadium, nur selten.[31] Die Folge sind oft abweisende Re­aktionen, die eine sinnvolle Zusammenarbeit mit anderen Menschen unmöglich machen, und schließlich oftmals im Verlust des Kontakts mit anderen Menschen und damit in Einsamkeit und Isolierung enden.[32]

Unterschieden wird zwischen zwei Formen: Zum einen gibt es exogene Psychosen, welche durch körperliche Ursachen, also beispielsweise durch Drogen - und Alko­holmissbrauch, Kopfverletzungen oder auch Infektionskrankheiten und Stoffwech­selstörungen zu begründen sind, zum anderen endogene Psychosen, die entwe­der durch Umwelteinflüsse, oft aber auch weder organisch noch psychisch unmit­telbar zu begründen sind. Die bekanntesten Fälle sind hierbei manisch-depressive Erkrankungen oder die Schizophrenie.[33]

„Kollektiv“ bezieht sich in diesem Zusammenhang natürlich nicht auf die gesamte, sondern nur auf die expressionistische Gesellschaft, stellvertretend für sie stehen folglich die drei Autoren Heym, Trakl und van Hoddis. Bei der Kombination der beiden Begriffe muss man sich im Klaren sein, dass die psychischen Probleme der Künstler nicht unbedingt eindeutig in ein medizinisches Schema zu bringen sind, geschweige denn als endogene oder exogene Psychose bezeichnet werden können. Deshalb steht der Begriff „kollektive Psychose“ vielmehr als Oberbegriff für die durch expressionistische beziehungsweise zeitgeschichtliche Einflüsse ausgelös- ten seelischen Erkrankungen, die folglich kein Einzelschicksal, sondern den kollekti­ven „Wahnsinn“ dieser Zeit darstellen.

3.2 Bedeutung der Psychose und des Wahnsinns im Expressionismus

Um diese Art von Krankheit nun in Zusammenhang mit der Epoche des Expressio­nismus zu bringen, muss man den Hintergrund um ein Kapitel ergänzen. Der Arzt und Dichter Alfred Döblin war es, der 1910, also zu Beginn des expressionistischen Zeitalters, in der gerade erst gegründeten Zeitschrift „Sturm“, welche später neben der „Aktion“ das wichtigste Magazin der expressionistischen Bewegung werden sollte, einen Themenkomplex auffasste, der auf diese Generation eine besondere Faszination ausübte: Der Irre, quasi der psychisch gestörte Mensch, und die Zu­stände des Wahnsinns. Erstgenannter fungierte im Expressionismus als Kontrasttyp zum verhassten Normalbürger und stand damit für das Gegenteil des als träge und langweilig empfundenen Alltags. Die jungen Expressionisten werteten also diesen Wahnsinn auf, um eine weitere provokante Möglichkeit zu bekommen, ihre radikale Gegenposition zu den herrschenden Normen und Werten zu verdeutli­chen. Allerdings war dieser Them en bereich nicht nur ein Motiv wie viele andere, er war indes eng an die Realität gebunden. Der Wahnsinn erschien als Ersatz für Glückserfahrungen, die in der alltäglichen Lebenswelt für die Künstler nicht mehr möglich schienen, die Anstalt als Ort sozialer Verweigerung, als Flucht aus den un­erträglich gewordenen Belastungen des Alltags. Eine andere Interpretation lieferte der Wahnsinnige als Veranschaulichung der Schmerzen einer kranken Gesell­schaft, die Krankheit wurde als Ausdruck des Leids einer nicht mehr menschlichen Umwelt gesehen. Und auch wenn die dichterischen Phantasien über den Wahn­sinn nicht immer unmittelbar jene Zwangsvorstellungen wahnsinniger Dichter wa­ren, lässt sich doch kaum übersehen, dass das Thema gerade im negativen As­pekt des Leidens, aber auch im Motiv der Flucht vor dem Alltag geradezu autobi­ographische Erfahrungsgrundlagen hatte.[34]

[...]


[1] Zit. : Jens, Walter (Hrsg.): Kindlers neues Literaturlexikon. Band 7. München. 1990. S.916

[2] Vgl.: Jens, Walter (Hrsg.): Kindlers neues Literaturlexikon. Band 7. München. 1990. S.916f

[3] Vgl.: Burkhart, Walter (Hrsg.): Grosses Universal Lexikon für die Familie. Band 2. Schwein- furt. 1982. S.576

[4] Zit. : Weiß, Joachim (Hrsg.): Meyers Taschen lexikón in 10 Bänden. Band 3. Mannheim. 1996. S.967

[5].Vgl.: Weiß, Joachim (Hrsg.): Meyers Taschenlexikon in 10 Bänden. Band 3. Mannheim. 1996. S.967

[6] Vgl.: Burkhart, Walter (Hrsg.): Grosses Universal Lexikon. Band 2. Schweinfurt. 1982. S.577

[7] Vgl.: Becker, Franz (Hrsg.): AbiWissen kompakt. Deutsch Literaturgeschichte/Epochen. Stuttgart.2005. S. 80f passen.8

[8] Vgl.: Pasche, Wolfgang (Hrsg.): Abiturwissen Deutsch. Deutsche Literatur Band 2 - 20.Jahrhundert. Stuttgart. 2005. S. 10

[9] Vgl.: Urbanek, Walter (Hrsg.): Dichter des Expressionismus. Eine Anthologie. Bamberg; Wiesbaden. 1965. S. 5

[10] Zit. : Becker, Franz ( Hrsg.): Abi Wissen kompakt. Deutsch Literaturgeschichte/Epochen. Stuttgar t.2005. S. 81

[11] Zit.: Becker, Franz (Hrsg.): Abi Wissen kompakt. Deutsch Literaturgeschichte/Epochen. Stuttgart.2005. S. 80f

[12] Vgl.: Pasche, Wolfgang (Hrsg.): Abiturwissen Deutsch. Deutsche Literatur Band 2 - 20.Jahrhundert. Stuttgart. 2005. S.12-14

[13] Vgl.: Pasche, Wolfgang (Hrsg.): Abiturwissen Deutsch. Deutsche Literatur Band 2 - 20.Jahrhundert. Stuttgart. 2005. S.lOf

[14] Vgl.: Wucherpfenning, Wolf: Geschichte der deutschen Literatur. Von Anfängen bis zur Gegenwart. Stuttgart. 1986. S.215

[15] Vgl.: Pasche, Wolfgang (Hrsg.): Abiturwissen Deutsch. Deutsche Literatur Band 2 - 20.Jahrhundert. Stuttgart. 2005. S.20f

[16] Zit.: Anz, Thomas; Vogl, Josef (Hrsg.): Die Dichter und der Krieg. Deutsche Lyrik 1914 - 1918. München; Wien. 1982. S.225

[17] Vgl.: Anz, Thomas; Vogl, Josef (Hrsg.): Die Dichter und der Krieg. Deutsche Lyrik 1914 - 1918. München; Wien. 1982. S.225f

[18] Vgl.: Pasche, Wolfgang (Hrsg.): Abiturwissen Deutsch. Deutsche Literatur Band 2 - 20.Jahrhundert. Stuttgart. 2005. S.20f

[19] Vgl.: Anz, Thomas; Vogl, Josef (Hrsg.): Die Dichter und der Krieg. Deutsche Lyrik 1914 - 1918. München; Wien. 1982. S.236Í

[20] Zit.: Urbanek, Walter (Hrsg.): Dichter des Expressionismus Eine Anthologie. Bamberg; Wiesbaden. 1965. S.12

[21] Vgl.: Urbanek, Walter (Hrsg.): Dichter des Expressionismus. Eine Anthologie. Bamberg;

[22] Wiesbaden. 1965. S. 33-41

[23] “ Vgl.: Pasche, Wolfgang (Hrsg.): Abiturwissen Deutsch. Deutsche Literatur Band 2- 20.Jahrhundert. Stuttgart. 2005. S. 16

[24] Vgl.: Pasche, Wolfgang (Hrsg.): Abiturwissen Deutsch. Deutsche Literatur Band 2 - 20.Jahrhundert. Stuttgart. 2005. S.15-21

[25] Vgl.: Becker, Franz (Hrsg.): AbiWissen kompakt. Deutsch Literaturgeschichte/Epochen. Stuttgar t.2005. S.80-82

[26] Vgl.: Wucherpfenning, Wolf: Geschichte der deutschen Literatur. Von Anfängen bis zur Gegenwart. Stuttgart. 1986. S.217

[27] Vgl.: Pasche, Wolfgang (Hrsg.): Abiturwissen Deutsch. Deutsche Literatur Band 2 - 20.Jahrhundert. Stuttgart. 2005. S.lOf

[28] Vgl.: Pasche, Wolfgang (Hrsg.): Abiturwissen Deutsch. Deutsche Literatur Band 2 - 20.Jahrhundert. Stuttgart. 2005. S.17f

[29] Vgl.: Weiß, Joachim (Hrsg.): Meyers Taschenlexikon in 10 Bänden. Band 3. Mannheim. 1996. S.968

[30] Vgl.: Pasche, Wolfgang (Hrsg.): Abiturwissen Deutsch. Deutsche Literatur Band 2 - 20.Jahrhundert. Stuttgart. 2005. S.23

[31] Vgl.: Weiß, Joachim (Hrsg.): Meyers Taschenlexikon in 10 Bänden. Band 3. Mannheim. 1996. S.968

[32] Vgl.: Weiß, Joachim (Hrsg.): Meyers Taschen lexikón in 10 Bänden. Band 7. Mannheim. 1996. S.2739

[33] Vgl.: Narciß, Georg (Hrsg.): Wörterbuch der Medizin. 12000 Fachbegriffe und ihre Erklä­rungen in Wort und Bild. München. 1985. S.435

[34] Vgl.: Burkhart, Walter (Hrsg.):Grosses Universal Lexikon für die Familie. Band 4. Schweinfurt. 1982. S.1705

Details

Seiten
39
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656405122
ISBN (Buch)
9783656407027
Dateigröße
14.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v212382
Institution / Hochschule
Maria-Theresia-Gymnasium Augsburg
Note
1,33
Schlagworte
Literatur Jakob van Hoddis Psychologie Georg Trakl Georg Heym Hans Davidsohn Psychose Selbstmord Expressionismus Erster Weltkrieg Genie Wahnsinn Lyrik Literaturgeschichte Epoche 19. Jahrhundert Gedichte Dichter Werke Stil Motive

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