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Der Polnisch-Sowjetische Krieg aus konstruktivistischer Perspektive

Hausarbeit 2008 15 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Osteuropa

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Überblick über den Verlauf des Krieges und der beteiligten Parteien

3. Der Konstruktivismus als Erklärungsmodell

4. Polen und die Sowjetunion am Vorabend des Krieges
4.1 Das Selbstbild Polens und die Wahrnehmung der Sowjetunion
4.2 Das Selbstbild der Sowjetunion und die Wahrnehmung Polens

5. Fazit

6. Literatur

1. Einleitung

Der Polnisch-Sowjetische Krieg von 1920 zählt eher zu den unbekannten Auseinadersetzungen im Europa des 20. Jahrhunderts. Im eigentlichen Sinne ein Nachfolgkrieg des I. Weltkrieges, dessen Ausgang erst die Grundsteine für diesen Konflikt legte. Der Zusammenbruch Östereich-Ungarns, Deutschlands Kapitulation und die Niederlage des Zarenrenreiches und die damit zusammenhängende kommunistische Revolution, ermöglichten erst das Aufkommen zahlreicher Konflikte in Mittel- und Osteuropa, da neu entstandene Staaten wie Polen, die Tschechoslowakei oder Ungarn nun ihren Platz auf der europäischen Landkarte suchten. Dabei waren die Gründe für Kriege zwischen Polen und der Tschechei um Teschen, oder der Krieg Ungarns gegen Rumänien um Siebenbürgen meisten von Besitzansprüchen an Gebiete geprägt, in denen sich nationale Minderheiten befanden, oder wie beim Konflikt Polens mit dem Deutschen Reich um Industriegebiete wie in Oberschlesien. Beim Polnisch-Sowjetischen Krieg jedoch ließen sich solche Gründe nicht finden. Hier lag das Interesse an Gebieten, die beiden Staaten weder den Anschluss von eigenen Bevölkerungsteilen versprach noch die Aussicht auf gewinnbringende bzw. industrialisierte Gebiete brachte. Rein wirtschaftlich bzw. nach einem Kosten-Nutzen Kalkül lässt sich der ausgebrochene Krieg um Gebiete ohne große wie im Falle Polens oder gar keine eigenen Bevölkerungsteile wie im Falle der anfangs rein russischen Sowjetunion nur sehr schwer erklären. Das gilt natürlich auch bezogen auf die wirtschaftlichen Vorteile, die in den eingenommenen Gebieten eher marginal waren, da die Landstriche des heutigen Weißrusslands und der heutigen Ukraine kaum industrialisiert sondern eher teils feudal agrarisch geprägt waren. Hier liegt nun die Herausforderung darin, die Konfliktursachen erklären zu können. Da der Polnisch-Sowjetische Krieg auch als ein Krieg der Ideologien bzw. Weltanschauungen bezeichnet werden kann (Vgl. Davies 1972)[1], bietet sich hier der Konstruktivismus an. Rational gesehen lässt sich der Konflikt kaum erklären, was im Rahmen auch nicht das Ziel dieser Hausarbeit sein soll, sondern nur in einem kleinen Vergleich zum Konstruktivismus Erwähnung finden soll. Die Hauptfrage dieser Hausarbeit bezieht sich auf die Möglichkeit des Konstruktivismus diesen Konflikt bzw. dessen Ursachen so gut wie möglich erklären zu können. Dafür soll im ersten Schritt ein kurzer Überblick über den Verlauf des Konfliktes erfolgen. Im nächsten Schritt erfolgt zuerst eine kurze Definition des Konstruktivismus, sowie eine Veranschaulichung der Problematik wenn eine nicht-konstruktivistische Perspektive verwendet werden würde. Die darauf folgende Betrachtung der jeweiligen Parteien aus einer konstruktivistischen Perspektive soll im Fazit als geeignet oder ungeeignet bewertet werden.

2. Überblick über den Verlauf des Krieges und der beteiligten Parteien

Militärisch gesehen war der Krieg von zwei großen Wendungen geprägt. Die polnische Armee, die bereits im Polnisch-Ukrainischen Krieg von 1919 Teile der Westukraine und West-Weißrusslands unter seine Kontrolle brachte, begann mit einer Offensive gegen die sich sammelnden Kräfte der Roten Armee. Die polnische Armee schaffte Teile Lettlands, Weißrusslands und der Ukraine zu erobern, jedoch gelang es ihnen nicht, die Rote Armee entscheidend zu dezimieren, da diese sich erfolgreich zurückziehen konnte. Gleichzeitig unterstützt wurde die polnische Armee von den nationalistischen Kräften in der Ukraine, die die Hoffnung hatten, die sowjetischen Kräfte auch aus der Ostukraine vertreiben zu können. Jedoch blieb eine erhoffte nationale Erhebung der weißrussischen und ukrainischen Bevölkerung gegen die Sowjetunion aus, gleichzeitig war die Front zu überdehnt für die polnischen Kräfte. Dies veranlasste die sowjetische Führung nach der Neuorganisation der Roten Armee zur einer Gegenoffensive. Geprägt von zahlenmäßiger Unterlegenheit und materiellen Versorgungsproblemen – Arbeiter in Deutschland, Österreich und in der Tschechoslowakei verweigerten die Verladung und Durchfahrt militärischer Güter nach Polen – sah sich die polnische Armee gezwungen, sich bis nach Warschau zurückzuziehen. So wie es den Polen nicht gelang, so gelang es auch der Roten Armee bei ihrer erfolgreichen Offensive nie, die polnische Armee entscheidend zu treffen. Durch militärische Manöver gelang es der jetzt auf einen Punkt konzentrierten polnischen Armeen die Rote Armee bei der Schlacht um Warschau entscheidend zu schlagen und zum Rückzug zu zwingen („Wunder an der Weichsel“). Danach gelang es den Polen die Sowjets bis hinter Minsk zurückzudrängen und die verlorenen Gebiete zurückzuerobern (Vgl. Davies, 1972). Während des gesamten Konfliktes war die Entente nicht untätig. Frankreich lieferte militärische Güter und entsandte mehrere hundert Offiziere nach Polen zur Unterstützung, ähnliches tat die USA. Die Führung Großbritanniens wollte materiell helfen, jedoch verweigerte die Labour Party aus ideologischen Gründen die Unterstützung. Politisch forderte es jedoch die Sowjetunion mehrmals auf, die Offensiven zu beenden und die so genannte „Curzon Linie“[2] als Grenze zu Polen vorübergehend anzuerkennen. Litauen schlug sich letztendlich auf die Seite der Sowjetunion, da es sich von den polnischen Territorialforderungen bedroht sah und auf der anderen Seite von den starken sowjetischen Kräften an seinen Grenzen dazu gedrängt wurde. Die aussichtslosen Perspektiven der nationalen Kräfte in der Ukraine führten letztendlich zu einer Marginalisierung ihrer Position. Beide Parteien, von schweren wirtschaftlichen Problemen gezeichnet, traten zu Verhandlungen zusammen, die schließlich im Frieden von Riga erfolgreich waren. Polen konnte den Westen Weißrusslands und den Westen der Ukraine (Galizien) in sein Territorium eingliedern, später noch Teile Litauens. Gleichzeitig lies Polen die ukrainischen Kräfte fallen. Die Sowjetunion musste anerkennen, dass Polen und die baltischen Staaten unabhängig sind und ein „Export“ der Revolution über Polen nach Westen gescheitert war, dafür hatte es nun freie Hand in der Mittel- und Ostukraine.

3. Der Konstruktivismus als Erklärungsmodel

Der Konstruktivismus lässt sich nicht einheitlich formulieren da es verschiedne konstruktivistische Strömungen gibt. So zum Beispiel der Konstruktivismus nach Wendt, der die Staaten an sich als „Konstrukteure“ der Welt sieht. Wendt schreibt dem Staat eine menschliche Eingenschaft zu: „States are people too“ (Wendt 1999) und wendet seine Hauptargument nicht auf der inneren Struktur eines Staates, sondern auf die Struktur zwischen den über 190 Staaten der Welt. Hierbei interessieren ihn eher die zwischenstaatliche Politik und deren internationales Handeln. Wendt sieht die Staaten ebenfalls wie Realisten einem anarchischen System, was sie jedoch keineswegs dazu zwinge auch immer feindlich gegenüber anderen Akteueren handeln zu müssen. „Anarchy is what states make of it“ (Wendt 1992) lässt sich so verstehen, dass es darauf ankommt als was sich ein Staat sieht, welche Rolle er für sich selbst als die richtige betrachtet. Dem internationalen System wird dadurch eine Art soziale Struktur zugeschrieben. Im Gegensatz dazu steht der Konstruktivismus, der sich auf die inneren Prozesse eines Staates konzentriert, so wie ihn Luckmann und Berger (1966) entwickelten. Hier kann man das Wort Gesellschaft verwenden, die innerhalb eines Staates eine bestimmte soziale Konstruktion aufweist. Jedoch soll hier nicht nur eine sondern alle Gesellschaften des internationalen Staatensystems betrachtet werden. Hier liegt das Interesse in den Unterschieden in der Betrachtung der Welt oder der politische Prozesse, die sich Gesellschaften in ihrer bestimmenden Mehrheit machen. Dadurch wird bei dieser konstruktivistischen Betrachtungsweise die Struktur internationaler bzw. zwischenstaatlicher Beziehungen marginalisiert. Weitere Ansätze wären z.B. der „reflexive Konstruktivismus“, jedoch soll die Erläuterung oder Diskussion nicht das Ziel diese Hausarbeit sein. Zwar hatte der Konstruktivismus seine durchschlagende Anfänge Mitte bzw. Ende der 80er Jahre -Wendt (1987); Onuf (1987) - und setze sich bis weit in über die 90er hinaus - Adler (1997; 2002), Ulbert/Weller (2003)- und behandelte „neue“ Themen wie das Ende des Kalten Krieges oder die immer stärker werden überstaatlichen Institutionen, so soll er im Rahmen dieser Hausarbeit aber auch zur Erklärung eines Konfliktes dienen, der weit vor seiner Zeit lag. Der Einfachhaltbarkeit kann man sich hier auf ein Minimalkonzept einigen, das wohl bei jedem konstruktivistischen Ansatz zu finden ist. Ziel der Untersuchung ist die soziale Konstruktion eines Staates oder der Akteure die seine Geschicke leiten. Hierbei geht es hauptsächlich um die Vermittlung sozialer Identität. Die Frage lautet nicht, was für materielle Gründe bestehen die für einen Konflikt in Frage kommen, sondern nichtmaterielle, ideologische oder gar psychologische Gründe zu finden sein könnten. Gerade eine nicht ökonomisch-rationalistische Blickweise bietet für den polnisch-sowjetischen Konflikt ein Erklärungsansatz. Unabhängig von den verschiedenen Ansätzen oder Strömungen, soll prinzipiell hier angenommen werden, dass die „gegenseitige Konstitution von Akteuren und Strukturen...als entscheidendes Element konstruktivistischer Ansätze“ (Weller 2003) gilt. Dies steht im Gegensatz zu den Rationalistischen bzw. Realistischen Ansichten, jene sich darin erklären, Staaten als ökonomische Nutzenmaximierer zu sehen und nicht-materielle Gründe für das Handeln von Staaten eher untergeordnet bzw. als nicht vorhanden ansehen. Zur Erklärung des Polnsich-Sowjetischen Krieges in der eine reine nutzenorientierte Herantretensweise schwer zu einem guten Erklärungsmodell führen könnte, bietet sich daher eine konstruktivistische Betrachtungsweise an. Im Rhamen diese Hausarbeit sollen nun die zwei Akteure Polen und Sowjetunion von einer konstruktivistischen Seite her betrachtet werden. Konkret handelt es sich hierbei um das eigene Verständnis dieser Staaten, das Selbstbildnis der polnischen und sowjetischen Gesellschaft, die Betrachtung der Staaten bzw. Gesellschaften aus den Augen des jeweiligen Gegenübers und das Selbstbild Polens und der Sowjetunion im Kontext der internationalen politischen Situation unmittelbar nach dem Ende des I. Weltkrieges.

[...]


[1] “Polish-Soviet war raised wider issue the clash of ideologies, the export of revolution.“ (Davies 1972)

[2] Die Curzon-Linie war nach dem Ersten Weltkrieg 1919 in Paris unter Bezugnahme auf die Muttersprache der jeweiligen Mehrheitsbevölkerung als polnisch-russische Demarkationslinie vorgeschlagen worden.

Details

Seiten
15
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656406600
ISBN (Buch)
9783656408468
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v212680
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,6
Schlagworte
Polen Sowjetunion Polnisch-Sowjetischer Krieg Wunder an der Weichsel Internationale Beziehungen Polens Konstruktivismus Kriege Polens sowjetische Kriege Kriege in Osteuropa Internationale Beziehungen konstruktivistische Perspektive

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Titel: Der Polnisch-Sowjetische Krieg aus konstruktivistischer Perspektive