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Kulturelle Identität durch Sprache. Deutschsprachige Schriftsteller aus Jugoslawien

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 22 Seiten

Buchwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Sprache als kultureller Identitätsstifter
2.1 Identität, Kultur und Sprache
2.2 Die zerrissene Kindheit innerhalb und außerhalb Jugoslawiens
2.3 Die Ankunft in Deutschland und der deutschen Sprache
2.4 Die kulturelle Identitätsfindung und deren Problematik in den deutschsprachigen Werken der Autoren

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis
4.1 Primärquellen
4.2 Sekundärquellen
4.3 Internetquellen

1. Einleitung

Seit den Anfängen der Migrantenliteratur, wurde immer wieder auf die Besonderheit hingewiesen, dass ausländische Schriftsteller ihre Werke auf Deutsch schreiben und veröffentlichen. Den ersten Autoren wurde vor allem ein neuer und ungewöhnlicher Schreibstil zugesprochen, der zum einen durch die kulturelle und sprachliche Herkunft geprägt, zum anderen aber auch durch die beschränkten sprachlichen Ausdrucksformen der Deutschen Sprache als Fremdsprache bedingt war. Dabei wurde leider häufig die Frage vernachlässigt, inwiefern sich ein Autor durch die Wahl seiner Sprache eine neue Identität schafft, bzw. welcher Zusammenhang zwischen kultureller Identität und Sprache besteht.

In diesem Zusammenhang ist es besonders interessant, Bücher deutschsprachiger Autoren aus Ex-Jugoslawien zu untersuchen, da hier gleich mehrere Aspekte in den

Mittelpunkt rücken: das Schreiben in einer fremden Sprache, das Aufwachsen in einer Mehrsprachigkeit, das Leben in einer anderen Kultur und der Zerfall der Heimat in Staaten, die sich selbst über Sprache und Kultur definieren.

Es werden in dieser Hausarbeit folgende Autoren untersucht: Jagoda Marinić, Marica Bodrožić, Saša Stanišić, Melinda Nadj Abonji, Zoran Drvenkar, Danko Rabrenović und Nicol Ljubić.

Um die These zu untersuchen, dass Sprache ein kulturelles identitätsstiftendes Moment hat, müssen zu Beginn die Begriffe Sprache und Identität auf ihre kulturellen Aspekte und Auswirkungen definiert werden.

Die vorliegende Arbeit gliedert sich anhand biografischer Stationen. Dabei werden drei wesentliche Ereignisse der Autoren betrachtet: Kindheit und Jugend, die Ankunft in Deutschland und schließlich das Leben als deutschsprachige/r Schriftsteller/in.

2. Sprache als kultureller Identitätsstifter

2.1 Identität, Kultur und Sprache

Im Duden wird der Begriff Identität als „Echtheit einer Person oder Sache“ definiert. Hier ist also ganz deutlich der Bezug auf eine einzelne Person oder ein einzelnes Objekt zu erkennen. Neben diesem Aspekt muss aber auch eine weitere Fassung von Identität gesehen werden, da Sprache zwar eine individuelle Errungenschaft darstellt, gleichzeitig aber auch eine gesellschaftliche Verankerung und Dynamik erfährt. So lässt sich nur auf kollektiver Ebene erklären, warum sich Sprache über die Jahrhunderte verändert und sich damit an die Lebenswirklichkeit der Menschen anpasst. Versteht man unter Identität auch Schlagworte wie „Gleichheit“, „Einheit“ oder „Echtheit“, so zeigt sich, dass sich diese Begriffe nur im Austausch mit anderen Menschen überprüfen lassen, die gesellschaftlich geprägt sind. Laut Christiane Thim-Mabrey lässt sich zwischen „Sprachidentität“ und „Identität durch Sprache“ unterscheiden.[1] Bei Sprachidentität handelt es sich um die Charakteristika einer Sprache, die dazu führen, dass diese sich von anderen eindeutig unterscheiden lässt und als solche erkannt werden kann. Hier entsteht also ein übergeordneter Identitätsanspruch, der aber auch auf ein Individuum heruntergebrochen werden kann. Sprache hat neben dem übergeordneten kollektiven Charakter auch immer individuelle Ausprägungen. So sprechen zwar mehr oder weniger alle Deutschen auch die deutsche Sprache, aber es hat dabei jede Person seinen eigenen Sprachstil, seinen regionalen Dialekt oder seine Vorlieben für bestimmte Satzstellungen und Ausdrücke. „Identität durch Sprache“ meint den identitätsstiftenden Charakter von Sprache. Hierbei kann sowohl von einer

gesellschaftlichen Identität, also der These, dass Menschen sich durch ihre Sprache definieren, als auch einer persönlichen Identität ausgegangen werden, die sich aus der eigenen Muttersprache konstruiert. Das Verhältnis von „Identität durch Sprache“ auf gesellschaftlicher und individueller Ebene ist ein wesentlicher Analysepunkt dieser Hausarbeit.

Sprache hat neben seiner Funktion, Personen einer Gesellschaft zuzuordnen auch den gegenteiligen Effekt der Ausgrenzung. Man kann nun unterstellen, dass deutsche Autoren, die im Ausland geboren wurden, zwangsläufig auf Deutsch schreiben müssen, um – als Beispiel gelungener Integration – überhaupt als Schriftsteller akzeptiert zu werden. Nichtsdestotrotz muss der Wahrheitsgehalt dieser Vorstellung überprüft werden, da nicht einfach davon ausgegangen werden kann, dass das Übernehmen einer neuen Sprache gleichzeitig auch das eigene Kulturempfinden als „Deutsche/r“ mit sich bringt. Es ist auch nicht als zwingend anzusehen, dass Sprache stets ein

identitätsstiftendes Moment haben muss.

Da sich diese Hausarbeit mit Autoren befasst, die aus Jugoslawien stammen – also einem Vielvölkerstaat, der ab 1992 in mehrere Staaten mit je eigenen Amtssprachen (abgesehen vom Kosovo[2] ) zerfallen ist – haben Integration und Exklusion durch Kultur und Sprache eine wesentliche Bedeutung für die Autoren, und damit auch für den Untersuchungsgegenstand dieser Hausarbeit. Speziell die Situation der Mehrsprachigkeit hat besondere Auswirkungen. So kann diese zum einen „identitätsstiftend“, zum anderen „identitätsbedrohend“ sein.[3] Da die Mehrzahl der hier behandelten Schriftsteller bereits als Kinder aus Jugoslawien geflüchtet und nach Deutschland gekommen sind, wurde dadurch ein Teil der eigenen Identität – die Heimat und eigene Sprache – aufgegeben und durch eine neue ersetzt, bzw. erweitert. Hierbei kann man von einer Bedrohungssituation für die eigene Identität sprechen. Wird jedoch das Leben als Ausländer in einer neuen Heimat als positiv empfunden und die multikulturelle Prägung befürwortet, kann die eigene Identität dadurch auch gestiftet werden.[4]

Die eigene Identität und ihre Prägungen sind veränderlich im zeitlichen Verlauf, es gibt allerdings auch Wesenszüge, „ die den gleich bleibenden harten Kern einer Person bilden.“[5] Hierbei ist ebenfalls zwischen individueller und gesellschaftlicher oder Gruppenidentität zu unterscheiden. Besonders interessant sind die Dynamiken und Konflikte von Gruppenidentitäten, da ohne weiteres Zutun eine Person, die Teil

zweier rivalisierender Gruppen ist, in einen inneren Konflikt und folglich zu einer Auseinandersetzung mit der individuellen Identität herausgefordert wird.[6]

2.2 Die zerrissene Kindheit innerhalb und außerhalb Jugoslawiens

Jugoslawien war besonders durch die kulturelle und nationale Vielheit geprägt, die ab 1991 zum Zusammenbruch der Föderation führt. Dieser Zusammenbruch lief trotz Volksreferenden keineswegs so friedlich ab, wie im restlichen Ostblock. So kam es in der Folge zum 10-Tage-Krieg in Slowenien, dem Kroatienkrieg, Bosnienkrieg und schließlich dem Kosovokrieg.

Dieser gewaltsame Zerfall Jugoslawiens brachte viele Flüchtlinge nach Mitteleuropa. So kamen unter anderem Saša Stanišić, Marica Bodrožić und Danko Rabrenović als Kriegsflüchtlinge nach Deutschland. Neben den Kriegen spielen aber auch die nationalen Spannungen innerhalb der Föderation eine Rolle und führten dazu, dass die kulturelle Identität, beispielsweise von Stanišić, schon seit der Jugend in Bosnien von Zerrissenheit geprägt ist.

Stanišić kommt aus einer serbisch-muslimischen Familie und schreibt in einem Roman dazu:

Ich bin ein Gemisch. Ich bin ein Halbhalb. Ich bin Jugoslawe – ich zerfalle also. Es gab den Schulhof, der sich wunderte, wie ich so etwas Ungenaues sein konnte, es gab Diskussionen, wessen Blut im Körper stärker ist, das männliche oder das weibliche, es gab mich, der gerne etwas Eindeutigeres gewesen wäre oder etwas Erfundenes.[7]

Es mag Zufall sein, aber Danko Rabrenović bezeichnet sich mit derselben Formulierung ebenfalls als „Halbhalb“[8], da er sowohl serbische, als auch kroatische Wurzeln hat.

Rabrenović kam als Flüchtling 1991 nach Deutschland, hatte zuvor aber auch als Kind mehrere Jahre in China gelebt und dort die russische Schule besucht.[9] Ähnlich liest sich die Biografie von Nicol Ljubić, dessen Kindheit bis zu seiner Ankunft in Deutschland von einer kulturell zerrissenen Identitätsentwicklung bestimmt war.

Ljubić wurde in Zagreb geboren und ist in Schweden, Griechenland und Russland aufgewachsen. Dabei besuchte er immer deutsche Schulen.[10] Aufgrund der Jugend in verschiedenen Ländern, konnte keine feste Bindung zu den jeweiligen Kulturen stattfinden.

Doch auch wenn die Kindheit zu großen Teilen in Jugoslawien stattfand, kann die eigene Familie zerrissen sein, wie z.B. bei Marica Bodrožić. Als gebürtige Kroatin ist sie mit neun Jahren nach Deutschland gekommen. Dies geschah, da es nach dem Tod des langjährigen Staatschefs Tito zu nationalistischen Bewegungen in Kroatien kam. Marica Bodrožićs Bezug zur deutschen Sprache begann jedoch schon vor der Flucht, da die Eltern bereits Jahre zuvor ausgewandert waren und ihre Tochter in dieser Zeit nur in Kroatien besuchten. Sie hatte somit schon vor ihrer Migration entfernten Kontakt zu einem neuen Land, einer neuen Sprache.[11] Doch nicht nur Bodrožić wuchs in der Kindheit bei den Großeltern auf. Auch Melinda Nadj Abonji folgte erst später ihren Eltern nach, die in die Schweiz ausgewandert waren, und obwohl sie bereits als Fünfjährige ihre damalige Heimat verlassen hatte[12], so verbindet sie in ihrer Literatur noch starke Erinnerungen an die Provinz Vojvodina.

Es gibt aber auch Autoren, bei denen die Herkunft aus Jugoslawien in der eigenen Erinnerung in den Hintergrund tritt, wie bei Zoran Drvenkar, der schon mit drei Jahren nach Deutschland kam[13], oder Jagoda Marinić, die in Deutschland geboren wurde und zweisprachig aufgewachsen ist und Deutsch als Zweitsprache erlernt hat.

[...]


[1] Thim-Mabrey, Christiane: Sprachidentität – Identität durch Sprache. Ein Problemaufriss aus sprachwissenschaftlicher Sicht. In: Nina Heinrich/Christiane Thim-Mabrey (Hg.): Sprachidentität – Identität durch Sprache. Tübingen: Gunter Narr Verlag 2003, S. 1 f.

[2] Vgl. Haarmann, Harald: Sprachenalmanach. Zahlen und Fakten zu allen Sprachen der Welt. Frankfurt am Main: Campus Verlag 2002, S. 87 f.

[3] Vgl. Oppenrieder, Wilhelm/Thurmair, Maria: Sprachidentität im Kontext von Mehrsprachigkeit. In: Nina Heinrich,/Christiane Thim-Mabrey (Hgg.): Sprachidentität – Identität durch Sprache. Tübingen: Gunter Narr Verlag 2003, S. 49.

[4] Vgl. Oppenrieder, Wilhelm/Thurmair, Maria 2003, S. 49 f.

[5] Oppenrieder, Wilhelm/Thurmair, Maria 2003, S. 49.

[6] Vgl. Oppenrieder, Wilhelm/Thurmair, Maria 2003, S. 41 f.

[7] Stanisic, Sasa: Wie der Soldat das Grammofon reparierte. München: btb Verlag 2008, S. 53.

[8] BR3 podcast: Danko Rabrenović, Bestsellerautor und Balkanizer (08.05.2012). Online unter URL: http://www.ardmediathek.de/bayern-3/mensch-otto-mensch-theile-bayern-3?documentId=10442308 (14:27 min), (03.03.2013).

[9] Vgl. Fetscher, Caroline: „Der Balkanizer“: Fluche und finde (03.04.2011). Online unter URL: http://www.tagesspiegel.de/kultur/literatur-der-balkanizer-fluche-und-finde/4016742.html (11.03.2013).

[10] Vgl. Ljubić, Nicol (Hg.): Schluss mit der Deutschenfeindlichkeit!. Geschichten aus der Heimat. Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag 2012, S. 203.

[11] Vgl. Winkler, Dagmar: Marica Bodrožić schreibt an die „Herzmitte der gelben aller Farben“. In: Michaela Bürger-Koftis (Hg.). Eine Sprache – viele Horizonte… Die Osterweiterung der deutschsprachigen Literatur. Porträts einer neuen europäischen Generation. Wien: Praesens Verlag 2008, S. 110.

[12] Vgl. Munzinger Personen. Melinda Nadj Abonji (07.12.2010). Online unter URL: http://www.munzinger.de/search/portrait/melinda+nadj+abonji/0/28423.html (10.03.2013).

[13] Vgl. Drvenkar, Zoran: Eine kurzbiographische Geschichte. Online unter URL: http://www.drvenkar.de/autor/biographie/index.html (11.03.2013).

Details

Seiten
22
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656410119
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v212818
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
kulturelle identität sprache jugoslawische schriftsteller deutschland

Autor

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