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Axel Honneths Anerkennungstheorie

Die Bedeutung sozialer Anerkennung für die Identitätsentstehung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 22 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

1. Einleitung

›Anerkennung‹ ist zu einem Schlüsselbegriff unserer Zeit geworden. Eine ehrwürdige Kategorie der Hegelschen Philosophie, wieder zum Leben erweckt durch die politische Theorie, scheint dieser Begriff heute von zentraler Bedeutung für die Analyse von Kämpfen um Identität und Differenz zu sein.[1]

Der Begriff der Anerkennung ist für die Herausbildung menschlicher Identität und für das Voranschreiten gesellschaftlichen Wandels von herausragender Bedeutung. Aufgabe dieser Arbeit ist es, den in der Anerkennungstheorie Axel Honneths beschriebenen Begriff der sozialen Anerkennung als Grundlage der menschlichen Identitätsbildung darzustellen beziehungsweise die Festigung menschlicher Identität als Produkt interpersonaler Anerkennungsprozesse zu beschreiben. Dazu wird zunächst der Anerkennungsbegriff im Sinne Hegels als Motor einer Bewegung hin zu gesellschaftlicher Sittlichkeit skizziert. Anschließend an eine grundlegende Definition des Anerkennungsbegriffes als Grundlage gesellschaftlicher Sittlichkeit und die Untersuchung des Identitätsbegriffes aus verschiedenen theoretischen Perspektiven soll der gesellschaftliche Kampf um Anerkennung im Sinne Honneths als wichtigstes Merkmal der „Grammatik sozialer Konflikte“ dargestellt sowie beschrieben werden, welche Bedeutung der Begriff der Anerkennung in den Sphären der Liebe, des Rechts und der sozialen Wertschätzung einnimmt. Innerhalb der Untersuchung der einzelnen durch Honneth erarbeiteten Anerkennungssphären ist auf wesentliche Kritikpunkte an dessen Theorie einzugehen.

2. Der Begriff der Anerkennung – Anerkennung als Grundlage von Identität

Vor einer genaueren Betrachtung der Anerkennungstheorie Honneths sollen im folgenden Kapitel der Anerkennungs- sowie der Identitätsbegriff definiert werden. Neben dem Begriff der Anerkennung ist auf den Begriff der Identität einzugehen, da soziale Anerkennung nur dann als Antrieb gesellschaftlichen Wandels gelten kann, wenn die Ausprägung menschlicher Identität innerhalb des Spannungsverhältnisses zwischen individueller Selbstbestimmung und gesellschaftlichem Gesamtwillen als Gegenstand wechselseitiger sozialer Anerkennung fungiert.

Der Begriff der Anerkennung beschreibt die Bestätigung positiver Eigenschaften von Subjekten, nicht allein deren bloße Identifizierung. Diese Bestätigung positiver Merkmale eines Subjekts darf nicht allein verbal oder durch symbolische Äußerungen in Form von Gestik oder Mimik vorgenommen werden, sondern muss durch anerkennendes soziales Handeln erfolgen. Honneth beschreibt solche anerkennenden Handlungen als Metahandlungen:

Indem wir einer anderen Person gegenüber ein Lächeln zum Ausdruck bringen oder eine Willkommensgeste vollziehen, nehmen wir ihr gegenüber Stellung und führen insofern eine Handlung aus. Andererseits aber enthält dieses expressive Verhalten auch den Verweis auf eine Vielzahl anderer Handlungen, weil es in symbolisch verkürzter Form signalisiert, zu welcher Art von Anschlusshandlungen auf Seiten des Aktors eine Bereitschaft besteht.[2]

Die von Honneth als Metahandlungen beschriebenen Anerkennungshandlungen sind notwendig, um von wirklichen Anerkennungsmomenten sprechen zu können, da eben bloßes Reden oder innerhalb verschiedener Gesellschaften variierende symbolische Kommunikationsformen wie Gestik oder Mimik noch lang kein Wohlwollen beziehungsweise Abneigung ausdrücken. Dabei sind nur diejenigen Handlungen als anerkennend zu bezeichnen, welche die Anerkennung eines sozialen Subjekts oder einer Handlung dieses Subjektes zur primären Absicht machen. Soziale Anerkennung kann in diesem Sinn kein „Nebenprodukt“ einer indifferenten Handlung sein, durch welche der Handelnde primär andere Interessen als die der Anerkennung seines Gegenübers verfolgt. Im Folgenden ist zunächst auf die Hegelsche Vorstellung von anerkennendem Handeln als treibender Kraft hinter der Sicherung gesellschaftlicher Sittlichkeit einzugehen, bevor im Anschluss der Begriff der Identität als Produkt sozialer Anerkennung definiert wird.

2.1 Hegel – Anerkennung als Bewegung

Entgegen der Vorstellung Fichtes, welcher die Grundlage der Sittlichkeit in der ursprünglichen Setzung eines gesellschaftlichen Rechtsverhältnisses erkennt, sieht Hegel den Ursprung reiferer Formen von Sittlichkeit als Ergebnis einer „Bewegung der Anerkennung“ oder anders ausgedrückt, in einem „in der praktischen Intersubjektivität angelegten Spannungsmoment, durch das der Kampf um Selbstbehauptung in einen Kampf um Anerkennung transformiert wird.“[3] Laut Hegel kämpft jedes gesellschaftliche Subjekt um das Erreichen totaler Selbstbestimmung, welche allein in komplementärer Übereinkunft mit anderen Subjekten und einer daraus erwachsenden gegenseitigen Anerkennung möglich ist. Diese zum Ziel gegenseitiger Anerkennung führende Übereinkunft geschieht laut Hegel in drei doppelsinnigen, durch Individuation und Vergesellschaftung geprägten Phasen. In der ersten Phase begegnet ein Subjekt einem anderen Subjekt „außer sich“, was gleichermaßen zum Selbstverlust im Anderen, sowie zum Verlust des fremden Andersseins führt.[4] In der Begegnung mit einem anderen Subjekt sieht man in dieser ersten Phase nicht ein anderes Wesen, sondern sich selbst im Anderen, ohne dass dies bereits zur Bestätigung der eigenen Andersheit beziehungsweise Selbstständigkeit führt. In der zweiten Phase findet eine Aufhebung der eigenen Andersheit im Anderen statt, was in Folge des doppelsinnigen Sich-Verlierens beziehungsweise Sich-Findens im Anderen dazu führt, dass ein Subjekt das andere Subjekt negieren muss, um sich selbst als eigenständiges Wesen begreifen zu können. Dies führt schließlich zu einer Aufhebung des sich erkennenden Subjekts, denn in Folge der ersten Phase ist der Andere zum eigenen Selbst erhoben worden. Aus diesem Grund muss das erkennende Subjekt wiederum das Andere ablehnen, was von Sitzer und Wiezorek als eine „Selbstbejahung durch Negation der Negation“ bezeichnet wird.[5] Durch diese Aufhebung erhält sich das Selbst durch die Freigabe des Anderen zurück und gibt das Andere somit wieder frei. Im Zuge dieser doppelten Rückkehr in sich selbst entsteht letztendlich die Bestätigung der Selbstständigkeit des Anderen, welche mit der Bestätigung der eigenen Selbstständigkeit einhergeht. Dieses von Hegel erarbeitete Phasenmodell verdeutlicht, dass es sich bei der Entstehung gesellschaftlicher Anerkennung um einen wechselseitigen Konstitutionsprozess handelt, in dem beide Subjekte, das Selbst sowie das Andere, auf gegenseitige Anerkennung angewiesen sind. Subjekte „anerkennen sich demnach sich als gegenseitig anerkennend.“[6]

In der Betrachtung des Anerkennungsbegriffes ist im Weiteren zu unterscheiden zwischen der gegenseitigen Anerkennung einzelner Subjekte untereinander und Anerkennung als Ergebnis eines Verhältnisses von Einzel- und Allgemeinwillen. Während der Kampf um Anerkennung im ersten Fall durch die wechselseitige Garantie von Handlungsspielräumen beigelegt wird, in denen die jeweilige eigene Selbstständigkeit konfliktfrei zum Ausdruck gebracht werden kann, werden diese Handlungsspielräume besonders da, wo Anerkennungsverhältnisse als institutionalisiert zu erachten sind, zu Gunsten allgemeiner gesellschaftlicher Interessen wieder beschnitten. In diesem Sinne ist es letztendlich die Rückforderung individueller Handlungsspielräume durch einzelne Subjekte, welche laut Hegel als Antrieb einer Bewegung der gesellschaftlichen Entwicklung hin zur Sittlichkeit gelten kann.[7]

2.2 Mead – Identität als Produkt der wechselseitigen Anerkennung von Subjekten

Mead verwendet die von Hegel erarbeitete Idee der Anerkennung als Ergebnis eines gesellschaftlichen Bewegungsprozesses für seine Untersuchung der Identitätsentstehung und erkennt letztere als Produkt einer fortlaufenden intersubjektiven Bezugnahme von Personen zueinander. Obwohl der Begriff der Anerkennung und dessen Bedeutsamkeit für die Entstehung des Selbst von Mead nicht vordergründig diskutiert und nur vereinzelt verwendet wird, steht er permanent als Grundlage der gegenseitigen symbolhaften Bezugnahme von Subjekten im Hintergrund seiner Darstellungen. Wie Hegel das Grundprinzip der gesellschaftlichen Ordnung oder Sittlichkeit in eben dieser fortlaufenden gegenseitigen Bezugnahme von Subjekten erkennt, erachtet diese Mead auch als Grundlage der Identitätsentstehung.

[...]


[1] Fraser, Nancy und Axel Honneth (Hg.). Umverteilung oder Anerkennung? Eine politisch-philosophische Kontroverse. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2003, 7.

[2] Iser, Mathias. Empörung und Fortschritt. Grundlagen einer kritischen Theorie der Gesellschaft. Frankfurt/New York: Campus, 2008, 168 – (zitiert aus Honneth 2001b).

[3] Sitzer, Peter und Christine Wieczorek. „Anerkennung“. In: Heitmeyer, Wilhelm/Imbusch, Peter (Hg.): Integrationspotenziale einer modernen Gesellschaft (101-132). Wiesbaden: VS, 2005, 105.

[4] Zu den drei doppelsinnigen Phasen einer Bewegung der Anerkennung nach Hegel siehe: ebd. 106ff.

[5] Sitzer/Wieczorek, 107.

[6] Ebd. 108.

[7] Ebd. 109.

Details

Seiten
22
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656409991
ISBN (Buch)
9783656412786
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v212862
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Institut für Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
Honneth Hegel Mead Anerkennung Identität Liebe Recht soziale Wertschätzung

Autor

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Titel: Axel Honneths Anerkennungstheorie