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Die vorindustrielle transatlantische Arbeitsmigration des späten 18. und frühen 19. Jahrhundert

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 28 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Moderne Geschichte

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Klärung und Verwendung des Migrationsbegriffes
2.1. Ursachen und Formen der Migration
2.2. Vorindustrielle und frühindustrielle Arbeitsmigration

3. Transatlantische Migration
3.1. Ursachen und Motive für die Emigration in die „Neue Welt“
3.2. Umstände und Missstände der Überfahrt
3.3. Die „Indentured Servants“ und das „Redemptioner-System“
3.4. Das Ende des „Redemptioner-Systems“ und der Beginn der Massenauswanderung

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Migrationsforschung ging bis vor kurzem davon aus, dass im vorindustriellen Zeitalter in Europa die Gesellschaft relativ immobil gewesen sei. Zu diesem Schluss kann man kommen, wenn man im Vergleich die Mobilität während der Industrialisierung betrachtet: Die Revolutionierung des Transportwesens, der Kommunikation und der menschlichen Arbeit veränderte natürlich nicht nur die Quantität der Migrationsformen, sondern auch deren Qualität. Doch es ist nicht richtig, anzunehmen, dass Migration vor der industriellen Revolution nur in geringerem Umfang statt gefunden haben soll. Diese Arbeit soll sich in einem ersten Schritt damit befassen, was die Migration in der Zeit, bevor die Industrialisierung in Europa einsetzte, bedingte und in welchen Formen sie statt fand. Ein genaueres Augenmerk soll dabei auf der Arbeitsmigration liegen. In einem weiteren Schritt soll die Migration über den Atlantik nach Amerika behandelt werden und dabei die besondere Form der Arbeitsmigration, das System der „Indetured Servitude“, bzw. das „Redemptioner-System“ fokussiert werden.

Der hier zu behandelnde Zeitraum vor allem in Hinblick auf Einwanderer in Amerika sollen die Jahre zwischen 1783 und 1820, die so genannte „frühe nationalen Periode“ sein. Sie reicht vom Ende des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges bis in die 1820er Jahre. Jedoch ist es vonnöten, an manchen Stellen über diese zeitlichen Grenzen hinaus zu gehen, um verschiedene Phänomene darzustellen – sei es, um den Beginn der Amerikaauswanderung, oder die überseeische Migration aufgrund der europäischen Industrialisierung und deren Folgen zu erläutern. Auch ist zu vermerken, dass der Untersuchungszeitraum von 1783 bis 1820 sich anbietet, weil Hans-Jürgen Grabbe dazu sehr detailliert mit Quellen gearbeitet hat, was vor ihm noch nicht, oder nur unzureichend geschehen ist und weswegen sich dieser Zeitraum in dieser Arbeit eine gesteigerte Beachtung erfahren sollte.1 Grabbe hat sich nicht nur mit den Formen der Wanderung, sondern auch der Verteilung der Einwanderer in Amerika und deren Chancen auf dem Arbeitsmarkt beschäftigt.2 Dies soll ebenfalls in dieser Arbeit genutzt werden, scheinen doch die Jahre der Wende vom 18.

zum 19. Jahrhundert der Höhepunkt des hier zu behandelnden „Redemp- tioner-Systems“ zu sein, dessen Kontroversität ebenfalls Erwähnung finden soll, ebenso wie die Ursachen für den Niedergang des Systems und die spätere Form der Migration.

Diese Arbeit soll anhand der Betrachtung von Arbeitsmigration im Allgemeinen, verknüpft mit den Ursachen für die Anziehungskraft der „Neuen Welt“ und des in Amerika entstandenen „Redemptioner-Systems“, bzw. des Systems der „Indentured Servitude“ aufzeigen, inwiefern sich durch die

„frühe nationale Periode“ in Amerika ein sozialer Wandel vollzog, der mit der frühen Periode der europäischen Industrialisierung zusammen traf und so die bisher bestehenden Migrationsformen veränderte, so dass letztendlich seit den 1830er Jahren aus dem stetigen Migrationsstrom eine regelrechte Migrationswellen werden konnten.

Vor allem auf die amerikanischen Städte Philadelphia und New York soll sich hier bezogen werden, war doch die Stadt am Delaware bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts der größte Einwanderungshafen, bis er von New York in der Mitte des Jahrhunderts abgelöst wurde.3 Das Umland Philadelphias, die „Delaware-Region“ nahm in den Jahren ab 1783 die meisten Einwanderer aus Mitteleuropa auf, so dass die Angaben, die hier gemacht werden, sich größtenteils auf diese Region beziehen. Allerdings sei zu vermerken, dass es sich bei den Daten und Zahlen, die hier angegeben werden – wenn auch von Grabbe übernommen – zumeist um Hochrechnungen und Schätzwerte handelt.

2. Klärung und Verwendung des Migrationsbegriffes

2.1. Ursachen und Formen der Migration

Für die Definition des Begriffes „Migration“ finden sich in der Forschung viele Umschreibungen. Während Klaus Bade es schon fast poetisch formuliert, indem er behauptet, „den ,Homo migrans’ gibt es, seit es den ,Homo sapiens’ gibt; denn Wanderungen gehören zur Conditio humana wie Geburt, Fortpflanzung, Krankheit und Tod. Migration als Sozialprozesse sind, von Flucht- und Zwangwanderung abgesehen, Antworten auf mehr oder minder komplexe ökonomische und ökologische, soziale und kulturelle Existenz- und Rahmenbedingungen“4, bringt es Jochen Oltmer auf eine leichte und verständliche Formel: „Migration ist die auf längerfristigen Aufenthalt angelegte räumliche Verlagerung des Lebensmittelpunktes von Individuen, Familien, Gruppen oder auch ganzen Bevölkerungen.“5 Im frühneuzeitlichen Europa bewegten sich die verschiedensten Gruppen von Migranten „über große Distanzen zu Wasser und zu Lande, auf Zeit und auf Dauer“,6 es existierten also die verschiedensten Erscheinungsformen von räumlicher Bevölkerungsbewegung. Im Zuge der Industrialisierung, Technisierung und Urbanisierung immer größerer Teile der Welt erhielten die Wanderungen nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ eine neue Dimension. Aus diesen Gründen ist der Versuch, historische Migrationsprozesse in eine gewisse „Ordnung“ zu bringen, schon rein abstrahierend, weil sich viele Formen und Muster im Wanderungsgeschehen und auch im Wanderungs- verhalten überlappten und viele in Wechselbeziehungen standen. Auch Wanderungsursachen sind schwer festzustellen, da Migration meistens kein punktuelles Ereignis war, sondern oft einen längeren Prozess beinhaltete: Zunächst musste eine Wanderungsbereitschaft vorhanden sein und dann erfolgte - meist aufgrund eines Ereignisses – erst der Auswanderungsent- schluss. Oft emigrierte man aber doch erst zu einem Zeitpunkt, zu dem der Entschluss selbst und seine Ursachen und Anlässe schon Jahre zurück liegen konnten. Viele fassten zwar den Entschluss, doch wanderten sie letztendlich nie aus und fügten sich eher in die vorherrschenden Bedingungen und versuchten diese in der Heimat im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu verändern.7

Es wurden mehrere Typologien für den Versuch, Migrationsprozesse zu definieren und zu beschreiben, festgelegt: Man kann Migration auf den räumlichen Aspekt hin untersuchen, sowie auf einen zeitlichen Aspekt. Auch die Wanderungsentscheidung und Wanderungsursache kann als Aspekt gelten, ebenso wie der „Umfang“ der Migration.8 Allerdings zeigt sich auch hier wieder sehr schnell, dass alle Faktoren meistens eine Verknüpfung aufweisen, man kann einen einzelnen Aspekt nicht untersuchen, ohne die anderen mit zu berücksichtigen.

Eine grundsätzliche Einordnung und Festlegung fällt also schwer, dennoch kann man raumbezogen zwischen Aus-, Ein- und Binnenwanderung unterscheiden. Auch kann man sich an der Frage nach Anlässen, Motiven und Zwecken der Migration orientieren und feststellen, ob es sich etwa um Arbeits- oder Siedlungswanderung, Bildungs-, Ausbildungs- oder Kultur- wanderung, Heirats- oder Wohlstandswanderung oder aber eine Zwangs- wanderung handelt.9 Dabei kann und muss man wiederum Eingrenzungen vornehmen - diese Arbeit wird sich jedenfalls größtenteils auf die wirtschaft- lich und beruflich-sozial motivierter Migration fokussieren. Innerhalb dieses Feldes soll sowohl die Erwerbsmigration als Existenznotwendigkeit (sub- sistence migration), als auch dieselbe als Verbesserungschance (betterment migration) betrachtet werden.10 Von der Behandlung der religiös- weltan- schaulich, politisch oder rassistisch bedingten Flucht- und Zwangswanderung soll hier abgesehen werden.

Was die Migration ausmacht, ist die Tatsache, dass Individuen, Gruppen oder Familien danach streben, in anderen geographischen oder sozialen Räumen Erwerbs- oder Siedlungsmöglichkeiten, oder Arbeitsmarkt-, Bildungs-, Ausbildungs- oder Heiratschancen zu verbessern oder aber neue Chancen zu erschließen. In diesen Kontext gehören auch die transatlan- tischen Wanderungen im „langen 19. Jahrhundert“ der europäischen Geschichte, das vom Ende der napoleonischen Kriege bis zum Ersten Weltkrieg dauerte und welches im Hinblick auf Migration vor allem bestimmt war von der „proletarischen Massenwanderung“, welche in dieser Zeit nicht nur auf dem europäischen Kontinent, sondern im ganzen atlantischen Raum zur freien Entfaltung kommen konnte.11 Der Grund dafür ist vor allem im Wandel von Agrar- zu Industriegesellschaft in Europa zu sehen, aber auch im sich ausweitenden Atlantikhandel und in dem Reiz, der die „Neue Welt“ bot. Unterschätzt werden darf jedoch auch nicht das Zusammenwirken von sinkenden Sterberaten und höheren Lebenserwartungen, was seit Mitte des 18. Jahrhunderts zu einem rapiden Bevölkerungswachstum in Europa führte - trotz der Massenauswanderung von mehr als 50 Millionen Europäern: Durch den Umstand der raschen Bevölkerungsvermehrung verschlechterten sich die Lebens- und Arbeitsbedingungen in Europa, was zu einem gestei- gerten Migrationswillen führte. Die sich verbessernden Kommunikations- prozesse motivierten weiterhin zum Auswandern, verbesserte sich doch das Wissen über Migrationsziele durch verlässliche Informationen über das Zielgebiet, die weiter gegeben wurden von vorgewanderten Migranten, „deren Nachrichten aufgrund von verwandtschaftlichen oder bekanntschaft- lichen Verbindungen ein hoher Informationswert beigemessen wurde.“12

Die Motive zur Auswanderung waren vielfältig und meist miteinander verflochten: Zumeist waren es wirtschaftliche, soziale, politische, religiöse und persönliche Motive „in unterschiedlichen Konstellationen [….]. Hoffnungen auf und Erwartungen über eine Verbesserung der Situation nach der Abwanderung standen dabei immer auch spiegelbildlich für Enttäuschungen über die individuelle Lage in der Herkunftsgesellschaft.“13 Die vielfältigen Umstände, die die Menschen also von der Heimat abstoßen und in eine neue ziehen, werden auch als „Push“- bzw. „Pull- Faktoren“ bezeichnet: Es sind die Umstände, „die vom Herkunftsort aus und vom Bestimmungsort her den der Auswanderung vorausgehenden Entschei- dungsprozess beeinflussen.“14

2.2. Vorindustrielle und frühindustrielle Arbeitsmigration

Die Migration war schon vor dem industriellen Zeitalter ein weit verbreitetes Phänomen, das jedoch von der Forschung bisher weit unterschätzt wurde. Oft wird in der Migrationsgeschichte die ,Industrialsierung’ mit der ,Migration’ gleichgesetzt, was fragwürdig ist, wenn man beispielsweise betrachtet, dass ungefähr die Hälfte der Bevölkerung in deutschen Städten schon um 1800 Zuwanderer waren.15 Die vorindustrielle europäische Bevölkerung wurde weitgehend als immobil angesehen, was wohl der Grund dafür ist, weswegen die Forschung sich vorwiegend auf das 19. und 20.Jahrhundert konzentriert hat.

Erwerbsmigrationen jedoch existierten tatsächlich schon früh in verschieden- sten Formen und erstreckte sich auf die unterschiedlichsten Professionen: Von Künstlern und technischen Experten über saisonale Arbeitswanderer, Wanderhändlern mit festem Wohnsitz und ortlosen Wanderarbeitern bis hin zu Söldnern und Seeleuten waren alle in das Migrationsgeschehen eingeschlossen. Auf der anderen Seite waren auch häufig Siedlungswander- ungen ganzer Gruppen zu finden. Oft kann hinsichtlich der Arbeitsmigration - sowohl auf dem europäische Kontinent, als auch transatlantisch – eine mit der Zeit entstandene Wanderungstradition verzeichnet werden, die das Migrationsgeschehen ebenso beeinflusste, wie der sich immer besser und weiter entwickelnde Informationstransfer zwischen Ausgangsraum und Zielgebiet. So konnten regelrechte „Migrationsnetzwerke“ entstehen.16 Arbeitswanderung und Wanderhandel waren vor der industriellen Revolution die beiden wichtigsten Formen der Erwerbsmigration. Die Reichweite der Wanderungen war beliebig, sie konnten nur wenige nahe Ziele anstreben, aber auch hunderte von Kilometern weit reichen. Beide Formen wurden oft durch familiäre oder gruppenbezogene Wanderungstraditionen über Generationen hinweg gehalten, was zur Ausbildung von größeren und kleineren, sich über ganz Europa und auch über den Atlantik erstreckenden „Migrationssystemen“ führte.17

Bei der Arbeitswanderung und dem Wanderhandel handelte es sich oft um Erwerbsmigration zur Ergänzung der Erwerbsgrundlage, die beispielsweise eine Familie mit einem festen Wohnsitz zwar inne hatte, die aber völlig unzureichend war. Arbeitswanderung konnte ebenfalls als saisonale Form auftreten und beim Wanderhandel handelte es sich auch um den selbstständigen Vertrieb von eigens produzierten oder angekauften Waren. Weitere erwähnenswerte Formen der Arbeitsmigration waren die Ausbil- dungswanderungen oder Gesellenwanderungen. Denn Arbeitswanderung war nicht unbedingt häufig die Wanderung von Fachkräften, sondern zumeist mit Ausbildung und Qualifikation verbunden. Die Arbeitswanderung gewann vor allem ab der Mitte des 18. Jahrhunderts an Formenvielfalt. Der Auslöser dafür ist zum einen im europäischen Bevölkerungswachstum zu finden und zum anderen dem damit einhergehenden verminderten Erwerbsangebot. Ebenso waren die Lohnbedingungen im Herkunfts- und Zielgebiet ausschlag- gebend. So folgten viele frühneuzeitliche Migrationssysteme dem Muster von

„Push“- und „Pull“-Faktoren: Wenn sich im Herkunftsgebiet die Lebens- und Arbeitsbedingungen durch beispielsweise eine zu hohe Bevölkerungsdichte verschlechterten („Push“), sahen sich viele Menschen genötigt, sich eine neue Heimat zu suchen, die bessere Bedingungen wie beispielsweise bessere Löhne versprachen („Pull“). Dabei gab es „auch immer wieder Übergänge von saisonalen Arbeitswanderungen zu definitiven Zuwander- ungen im Zielgebiet, die ihrerseits Kettenwanderungen auslösen konnten.“18 Mit dem Einsetzen der Industrialisierung entstand eine weitere große Formenvielfalt in der Entwicklung von Wirtschaft, Bevölkerung und Wanderung und deren Verknüpfung. In den europäischen Ländern, in denen die Industrialisierung sehr früh einsetzte, entstand auch ein entsprechendes Erwerbsangebot, das auch genutzt werden musste, da viele Menschen keine andere Wahl hatten. Dies lässt sich beispielsweise an der Textilindustrie im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert ausmachen: Durch den Wandel von der Hausproduktion zur industriellen Produktion waren die Menschen, die zuvor von der Heimproduktion gelebt hatten, dazu gezwungen, sich in der Industrie eine neue Existenzgrundlage zu suchen.

[...]


1 Vgl.: Grabbe, Hans-Jürgen: Vor der großen Flut. Stuttgart, 2001. S. 17.

2 Vgl.: Ebd., S.15.

3 Vgl.: Grabbe, S. 19.

4 Bade, Klaus: Europa in Bewegung. Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. München, 2000. S. 11.

5 Oltmer, Jochen: Migration im 19. und 20. Jahrhundert. München, 2010. S. 1.

6 Bade, S. 17.

7 Vgl.: Ebd., S. 145 ff.

8 Die verschiedenen Typologien sind übernommen von Treibel, S. 10 f.

9 Nach Oltmer sind diese die am häufigsten auftretenden Migrationsformen. Vgl.: Oltmer, S. 1.

10 Zur Verwendung der Begrifflichkeiten vgl.: Bade, S. 12.

11 Bade, S. 59.

12 Oltmer, S. 3.

13 Ebd., S. 4

14 Grabbe, S. 259.

15 Vgl.: Hahn, Sylvia: Migration –Arbeit – Geschlecht. Arbeitsmigration in Mitteleuropa vom 17. bis zum beginn des 20. Jahrhunderts. Göttingen, 2008. S. 71.

16 Siehe dazu Kapitel 3.1.

17 Vgl.: Bade, S. 20 ff.

18 Bade, S. 27.

Details

Seiten
28
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656409960
ISBN (Buch)
9783656413400
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v212907
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Neuere Geschichte
Note
1,3
Schlagworte
Migration Vorindustrielles Zeitalter 18. Jahrhundert 19. Jahrhundert Amerika Arbeitsmigration

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Titel: Die vorindustrielle transatlantische Arbeitsmigration des späten 18. und frühen 19. Jahrhundert