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Armut bei verschiedenen Bevölkerungsgruppen: Kinderarmut

Ausarbeitung 2010 14 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Kinderarmut - ein altes Phänomen neu erlebt

2. Zahlen und Fakten

3. Wie Kinder Armut erleben
3.1 Allgemeine Auswirkungen
3.2 Schulbildung
3.3 Working poor
3.4 Kinder allein erziehender Eltern

4. Wie Kinder Armut bewältigen
4.1 Geschlechtsunterschiede bei Bewältigungsmustern
4.2 Resilienz
4.3 Peerintegration

5. Fazit

Literatur

Anlage 1: Unicef „Zur Lage der Kinder in Industrieländern

1. Kinderarmut - ein altes Phänomen neu erlebt

Es sah so aus, als würde mit der Wirtschaftswundergeneration das Thema „Kinderarmut“ in Deutschland endgültig der Vergangenheit angehören. Jahrzehntelang ging die Entwicklung des gesellschaftlichen Wohlstands immer nur aufwärts.

Umso erschreckender ist die Tatsache, dass heute wieder über zehn Prozent unserer Kinder in Armut leben. Dabei ist diese Armut nicht mit der früherer Generationen vergleichbar. Auch vor, während und zwischen den Weltkriegen war ein Teil der Bevölkerung arm, einschließlich der Kinder, ohne dies jedoch zwangsläufig so zu empfinden. Schließlich waren die meisten Menschen mehr oder weniger gleich arm.

Dass an sechs Tagen in der Woche Kartoffeln auf den Tisch kamen und nur einmal in der Woche Fleisch gegessen wurde, war wohl eher die Regel als die Ausnahme.

Zitat meiner Urgroßmutter, Jahrgang 1908: „Ob jemand ärmer oder reicher war, sahen wir Kinder daran, ob er sich den schönen Griffel mit den Verzierungen für drei Pfennig oder den normalen für zwei Pfennig kaufte. Die Kleider waren bei allen entweder ein bisschen zu groß oder ein bisschen zu klein und den Haarschnitt bekam man von der Mutter in der Küche. Am Sonntag gingen wir in den Wald und spielten Verstecken. Also ich meine, wir hatten ein schöne Kindheit!“

Ob die heutigen „armen Kinder“ in achtzig Jahren einmal so versöhnt auf ihre Kindheit zurückblicken werden? Die von ihnen erlebte neue Armut hat ständig einen gewissen Reichtum, einen Wohlstand zumindest, vor Augen und ist in vielen Bereichen mit Ausgrenzung verbunden. Im Vergleich zu früheren Generationen ist selten die Perspektive des Aufsteigens gegeben. „Sich anstrengen“ reicht als Basis für wirtschaftlichen Erfolg nicht mehr aus. Kostenlose Freizeitgestaltung, bei der kein Unterschied zwischen armen und nicht armen Kindern fühlbar ist, wird seltener, wo Räume dafür nicht mehr vorhanden sind und eine Gesellschaft erst aktiv werden muss um ein Äquivalent dafür neu zu schaffen.

Die relative Armut hat seit der Jahrtausendwende zugenommen. Längst sind nicht mehr nur Familien betroffen, die schon immer am unteren Rand der Wohlstandsskala angesiedelt waren, immer mehr Mittelklassefamilien kommen in prekäre Situationen.

So ist das alte Thema „Kinderarmut“ heute brisanter denn je.

2. Kinderarmut - Zahlen und Fakten

Ein „Armutszeugnis“ für ein reiches Land: Unicef untersuchte verschiedene Dimensionen des kindlichen Wohlbefindens und in keiner erreicht Deutschland einen vorderen Platz. Insgesamt sind wir Mittelmaß, wenn es darum geht „verlässliche Lebensumwelten für die junge Generation zu schaffen.“ (Unicef 2007, Anlage1)

Hildegard Hetzer definierte 1929 Armut als: „…. Die wirtschaftliche Unmöglichkeit zur aus- reichenden Befriedigung (der)…Grundbedürfnisse, durch (die)…dem Einzelnen das für eine gedeihliche Lebensführung …notwendige Minimum geboten wird“. (Zander 2008, S. 29)

Sie bezog schon damals Wohnung, Kleidung Nahrung und Ausbildung in ihre Untersuchung ein, aber auch Aspekte wie Erholung (Bewegung, Ruhe, Unterhaltung) und Familie.

Erst in den 1990er Jahren wurde das Thema wieder aufgegriffen, Kinder werden erstmals wieder als von Armut betroffene Individuen thematisiert (Zander 2008, S.111). Die gesell- schaftliche Bedeutung des Phänomens sollen hier einige Zahlen und Fakten verdeutlichen:
-1,7 Mio. Kinder und Jugendliche leben in Deutschland in Armut - mehr als 13,3% (Unicef 2005)
-Kinderarmut ist oft die Folge familiärer Armut. Demnach ist arm, wem weniger als 50% des Durchschnittseinkommens zur Verfügung stehen.
-Kinderarmut hat in allen Industrienationen in den letzten Jahren zugenommen. Bemer- kenswert ist, dass dieser Anstieg nicht mit einer allgemeinen Zunahme von Armut begleitet wurde(Unicef 2007). Genauer: Kinder sind mehr als doppelt so häufig betroffen, wie Erwachsene (Stat. Bundesamt 2004)
-Hauptrisiken sind Langzeitarbeitslosigkeit, Migrationshintergrund und Alleinerziehende Elternteile.
-Das Risiko einer Armutserfahrung ist für Migrantenkinder fast viermal so hoch wie für Nicht-Migranten (Holz 2006, S.123)
-Mit dem Anstieg von Ein-Eltern-Familien stieg auch die Kinderarmut: 35-40 % der Kinder mit einem allein erziehenden Elternteil wachsen in Armut auf (Unicef 2007)
-10% der Kinder leben sogar in dauerhafter Armut, d.h. in mindestens fünf von 18 Jahren (Unicef 2007).

3. Wie erleben Kinder Armut?

Armut heißt nicht nur, kein Geld zu haben. Armut ist Unterversorgung und Benachteiligung, die weit über die rein ökonomische Dimension hinausgeht (Zander, 2008). Wie empfinden Kinder also heute ihre objektive festgestellte, relative Armutssituation?

-Abgestuft werden in diesem Zusammenhang drei Lebenslagetypen: -Kindliches Wohlergehen
-Benachteiligung

Multiple Deprivation (Das Kind entbehrt in mehreren Bereichen die notwendigen Ressourcen, die eine positive Entwicklung wahrscheinlich machen. Multiple Deprivation betrifft auch nicht arme Kinder (26,6% lt. AWO-ISS), umgekehrt kann ein „armes“ Kind in Wohlergehen aufwachsen, wenn es von Gesellschaft und Familie frühzeitig aufgefangen wird (15,1% lt. AWO-ISS, S.93). (vgl. Zander, 2008, S. 102)

3.1 Allgemeine Auswirkungen

Arme Kinder müssen vielfach viel mehr leisten, um ihre Lebenschancen zu nutzen, als ihre wohlhabenderen Altersgenossen. Sie leben häufiger in einem schwierigen, sozialen Bezie- hungsgefüge (Zander, 2008 S. 124). Das einher geht mit Eltern, die selbst resigniert haben und ihren Kindern kein positives Rollenmodell vermitteln können. Kinder lernen nicht, wie sie ihr Leben in die Hand nehmen können (Unicef 2007). Trotz eigener Arbeitslosigkeit zeigen viele der Eltern eine eingeschränkter Fürsorgekapazität und Aggression. Arme Kinder werden häufiger geschlagen, laut AWO-ISS-Studie ca. 10%. (Holz 2006, S.105). Die „gefühlte Armut“ des Kindes ist abhängig davon, ob die Familie eine Vorbildfunktion übernehmen kann. Die Einbindung im privaten Umfeld spielt eine Rolle, auch die wirtschaft- liche Situation der Mitmenschen - Vergleiche können zusätzlich schmerzen - und der Zugang zu professioneller Hilfe, die auch finanzierbar sein muß. Oft erleben Kinder in relativer Armut schon früh eine soziale Ausgrenzung aufgrund ihrer geringeren Partizipationsmöglichkeiten.

Bei den Kindern löst eine Armutssituation vielfältige Auffälligkeiten aus, z.B. verzögerte kognitive und körperliche Entwicklung, weniger Wissbegier (Zander, 2008) die ihrerseits weitere Folgen nach sich zieht. Arme Kinder werden seltener gelobt als nicht arme, bekom- men dafür aber mehr erlaubt und erhalten eher Geld oder Süßigkeiten als Belohnung. Problematische, materiell betonte Erziehungsformen nehmen erst mit zunehmendem Wohlstand ab (Holz 2006, S.101). Auffällig ist der wesentlich größere Freiheitsgrad armer Kinder gerade auch in solchen Belangen, in denen die erzieherische Präsenz der Eltern oder des Elternteils erforderlich ist (Fernsehen, Heimkommen, Schlafengehen, Hausaufgaben machen). Stärker reglementiert wird dort, wo die Eltern ihnen aus pädagogischer Sichtweise mehr Spielraum zugestehen sollten (Spielkameraden, Taschengeld). (Holz 2006, S.71)

Bei Krankheiten und Unfällen ist der Unterschied zwischen armen und nicht armen Kindern nicht signifikant, jedoch weisen arme Kinder eine schlechtere Gesundheit im Sinne der WHO-Definition auf. Demnach ist Gesundheit nicht allein die Abwesenheit von Krankheit, sondern ein Zustand völligen körperlichen, geistigen und seelischen Wohlbefindens.

Bei allen materiellen Indikatoren (u.a. Kleidung, Nahrung, Spielzeug, Taschengeld, Kinderzimmer) sind die armen Kinder signifikant schlechter dran als ihre nicht armen Altersgenossen. Mit einer Ausnahme: 53,5% der armen Kinder haben einen Fernseher im Kinderzimmer, aber nur 46,5% der nicht armen. (Holz 2006, S. 71)

3.2 Schulbildung

Es hat sich gezeigt, dass Kinder, die zumindest zeitweise in relativer Armut aufwachsen, schlechtere Entwicklungs-, Bildungs- und Zukunftschancen haben. Geradezu tragisch ist das Ausmaß, in dem ihre Potentiale und Ressourcen nicht entwickelt und genutzt werden können. Armut beeinflusst die späteren Lebensperspektiven der Kinder schon im Vorschulalter, ihre Folgen werden spätestens in der Schule offensichtlich. Arme Kinder werden mit höherer Wahrscheinlichkeit von Schulbesuch noch ein Jahr zurückgestellt, aufgrund von Entwick- lungsverzögerungen und Auffälligkeiten, die zu diesem Zeitpunkt bereits erkennbar geworden sind (Holz 2006). Auf der anderen Seite sind auch Früheinschulungen unter armen Kinder häufiger, möglicherweise deshalb, weil Eltern den kostenfreien Schulbesuch dem kostenpflichtigen Kindergarten vorziehen (ebd.).

Fast 30 Prozent der armen Kinder haben in ihrer Grundschulzeit bereits eine Klasse wiederholt, je länger die Armut andauerte, desto mehr stieg das Risiko dafür, sitzen zu bleiben. Im Vergleich dazu sind es nur 2,5 Prozent der Kinder, deren Eltern ein Einkommen im oberen Durchschnitt erwirtschaften. (Holz 2006, S. 80)

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Details

Seiten
14
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656410805
ISBN (Buch)
9783656521198
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v213036
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Institut für Wirtschaftslehre des Haushalts und Verbrauchsforschung
Note
1,3
Schlagworte
Kinderarmut Resilienz Armutsbewältigung soziale Ungleichheit Brückenfreundschaften Vulnerabilität Peergroup; Peerintegration Resilienzentwicklung Working-poor Deprivation Lebenschancen von Kindern in Armutsfamilien multiple Deprivation Migrationshintergrund gefühlte Armut Ein-Eltern-Familie

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