Lade Inhalt...

Die "rîterschaft" in Hartmann von Aue`s "Gregorius"

Seminararbeit 2013 16 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Tugendenkatalog des Vaters

3. Die Analyse des textimmanenten Streitgesprächs zwischen clericus und miles

4. Höfische Elemente
4.1. Schônheit
4.2 Die Ausbildung zum rîter
4.3 rîterschaft

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Gregorius von Hartmann von Aue, welches durchaus als Weltliteratur gilt, wurde in der Forschung häufig in Bezug zum Handlungskern des Inzests thematisiert. Die Diskussionen konzentrierten sich meist auf die Schuldfrage des Gregorius, sowie die Frage nach der Gattungszugehörigkeit. Es gestaltete sich jedoch schwierig zuverlässige Aussagen darüber zu machen, da das Werk vermutlich 1187-11891 erschien und die Interpretation der Absichten des Verfassers nur zu Spekulationen führen. Hartmann von Aue verwendete als Quelle eine französische alte Legende eines unbekannten Dichters, wandelte diese allerdings zu einer nun sogenannten „höfischen Legende“ um, sodass hier nun besonders höfische Merkmale vertreten sind, wie beispielsweise das der Ritterschaft. Dieser Begriff, der der „höfischen Legende“, scheint einigermaßen passend zu sein, da etwas neu Geschaffenes und bisher nicht Dagewesenes entwickelt wurde. Diese wissenschaftliche Arbeit möchte allerdings eine punktuellere, eine tiefergehende Frage fokussieren, nämlich inwiefern rîterschaft hier dargestellt wird und mit Hilfe der historischen Forschung soll näher untersucht werden, ob es sich hier um ein damaliges, mögliches Ritterschafsideal handelt oder nicht. Ulrich Ernst sowie Gustav Ehrismann vertreten die Meinung, dass es sich hier um eine „antiritterliche“ Legende handle, die „dem Leser die Destruktion höfischer Wertvorstellungen eindringlich vor ugen führt͘“2 Laut Ernst hat sich Hartmann von Aue in dieser Legende sowohl der Patristik als auch der Monastik in einem antagonistischem Schema verschrieben, in Form von vita carnalis versus vita spiritualis (irdisches Leben versus geistliches Leben auf Erden).3 Dem widerspricht die Gegenposition in Person von Hugo Kuhn und vor allem Christoph Cormeau, denn sie verstehen die Gregorius Dichtung nicht als absolute Verdammung des weltlichen Daseins, sondern viel mehr als verbesserungswürdige Lebensform der miles. So stützt Cormeau seine Behauptungen mit dem Gregorius-Text, in dem er zwischen ausdrücklich Gesagtem und nicht-Gesagtem differenziert. Er argumentiert außerdem mit der Gattungszugehörigkeit, welche er beim dem Text als Legende als auch als Roman identifiziert.4 Diese Versuche einer Beschreibung der möglichen Gattung könnten also insofern relevant sein, als dass durch genaueres Betrachten der Art und Weise der Darstellung von Ritterschaft Rückschlüsse darüber gezogen werden könnten, wieso der Erzähler, hier also Hartmann von Aue5, sie gerade genau in dieser Weise präsentiert und wie dies auf damalige Zuhörer/Leser gewirkt haben mag. Zu Beginn dieser Arbeit soll der Tugendenkatalog des Großvaters des Protagonisten der Untersuchungsgegenstand sein, da sich hier der adelige Sohn am Sterbebett des Landesherrn verpflichtet, die höfischen Verhaltensweisen einzuhalten weil dies der Sicherung der Herrschaft dient. Da die demonstrative Darstellung einer Machtposition eng verbunden ist mit dem Ritterdasein, scheint es lohnenswert zu sein, auch das höfische Leben zu beleuchten.

Im zweiten Teil meiner Untersuchungen soll das Gespräch zwischen clericus und miles analysiert werden, um die Argumentation sowohl des Abtes als auch insbesondere von Gregorius anzuführen und ihre Stichhaltigkeit zu prüfen. In diesem Dialog wird als Ergebnis zwar keine eindeutige Stellungnahme des Erzählers deutlich, jedoch kann Gregorius Vorstellung der ritterlichen Lebensform erkannt werden. Im nächsten Verlauf der Untersuchungen, werden die höfischen Merkmale vertiefter betrachtet, mit den Unterkategorien „schônheit“, „Die usbildung zum rîter“ und „rîterschaft“͘ Da die schônheit des Protagonisten häufiger genannt wird, scheint sie von Bedeutung zu sein und weist auch explizit auf seine edle Abstammung hin, die ihm zudem selbst im Kindesalter auf der Klosterinsel einen Sonderstatus einbringt. Kern und Ziel der wissenschaftlichen Arbeit soll sein, die Ritterschaft im Gregorius intensiv zu beleuchten, sodass nach einigen hinführenden Aspekten, mit den beiden vorletzten Gliederungspunkten der Höhepunkt der Untersuchung thematisiert werden soll. Dies ist insofern außergewöhnlich anders, da keine klassische Ausbildung in dem Sinne stattfindet, sondern diese viel mehr gedanklich seiner Phantasie entspringt. Eigenverantwortlich möchte er sein bequemes Leben im Kloster aufgeben, es gegen ein mühevolles und auf die Probe gestelltes Ritterdasein tauschen, um so die Sünde seiner Eltern und dadurch die seinige zu bereinigen und sich selbst zu finden. Mein Fazit wird zusammenfassend reflektieren, ob es Gregorius gelungen ist in der rîterschaft sein Glück zu finden und hier zu berücksichtigen, wie im Vergleich zum ihm, der Ritter realhistorisch tatsächlich ausgebildet wurde bzw. die Wirklichkeit mit der Darstellung der Ritterschaft hier in der mittelalterlichen Literatur in Ansätzen zu vergleichen.

2. Der Tugendenkatalog des Vaters

Als der Landesherr im Sterbebett liegt, ruft er seine engen Vertrauten sowie Untertanen zu sich, um ein letztes Mal seine Herrschaftsposition zu demonstrieren. Hiermit wird, mehr oder weniger öffentlich bezeugt, seine Nachfolge in Person seines noch unmündigen Sohnes bestimmt. Die Gegenwart seiner Vasallen ist hier von enormer Bedeutung, da dieser Schachzug die Herrschaft weiterhin sichert und die Öffentlichkeit daran Teilhabe hat. Da der Vater seinem Kind aber nicht nur die Verantwortung des Landes übergibt, sondern auch die von allen anerkannten und somit verpflichtenden Tugenden, sind hier die letzten Richtlinien seiner Erziehungsphilosophie zum richtigen, höfischen Verhalten sehr bedeutend:

er sprach: „sun, nû wis gemant

daz dû behaltest mêre

die jungisten lêre

die dir dîn vater taete. wis getriuwe, wis staete, wis milte, wis diemüete,

wis vrevele mit güete.

wis dîner zuht wol behuot,

den herren starc, den armen guot. die dînen solt dû êren,

die vremeden zuo dir kêren. wis den wîsen gerne bî, vliuch den tumben swa er sî. vor allen dingen minne got, rihte wol durch sîn gebot͘“6

Hier wird einmalig in diesem Werk, explizit und ausführlich auf die Tugenden der höfischen Kultur verwiesen. Da diese Eigenschaften als so wichtig erachtet werden und die adeligen Zwillingskinder des Verstorbenen wiederum die Eltern des Gregorius sind, gelten auch für den Titelhelden diese angebrachten Verhaltensweisen. Gregorius spürt von innen heraus, dass es ihn zum Ritterdasein zieht, er sieht sich mit seiner Herkunft als zum Herrscher geboren und verkörpert auch einige dieser Tugendenden des Katalogs bereits im unwissenden Kindesalter7. In beiden Textstellen lassen sich Ähnlichkeiten feststellen, denn getriuwe und milte sind zwar die einzigen wortwörtlichen Zitate, doch obwohl sie unterschiedlich sind, ist der Kerninhalt in beiden Stellen sehr ähnlich. Ein weiteres Paradebeispiel eines solchen Tugendendenkatalogs wäre auch in Tristan von Gottfried von Straßburg zu finden, wo mit einem solchen Katalog erhofft wird, normensetzende Verhaltensmuster für Hof und Rittertum in der Gesellschaft vermitteln zu können8. Dieses Werk ist zwar etwas später verfasst worden als der Gregorius, jedoch kann man hieraus dennoch eine mehrfach verwendete Darstellung von höfischen sowie ritterlichen Tugenden erkennen. So ist es für einen Artusroman (inhaltlich) dieser Zeit durchaus typisch, dass der Protagonist versucht die höfische Vollkommenheit zu erlangen, indem er teilweise schwierige Stationen der Liebe, in der Gesellschaft und Herrschaft erfolgreich und mit Anhäufung von êre durchläuft9. Desweiteren sind in dieser Szenerie, in der die letzten mahnenden Worte des Landesherrn von Aquitanien an seinen Sohn weitergegeben werden, inhaltlich deutlich zwei Positionen erkennbar: zum einen die persönlichen Charakterzüge und zum anderen die Eigenschaften, welche der Herrschaft dienen. Zu den persönlichen Merkmalen gehören triuwe, staete, milte und minne10, wobei sich letzteres auf Gott bezieht. Dem gegenüber, teilweise im fließendem Übergang und wiederholend, stehen die Merkmale der vorbildlichen Herrschaft: milte, vrävele mit güete sowie den herren starc, den armen guot sîn11. Dass hier nicht abgehobene Vorstellungen eines Romans, sondern die damaligen Ansichten wiedergespiegelt werden, bestätigt Cormeau.

Dieser ist der Ansicht, dass durch diese Form von Texten die Erziehung beeinflusst werden sollte, im Kontext der sozialen Wirklichkeit und Anleitung zu einer guten Herrschaft12. Dass der durch „kämpferische Tüchtigkeit“13 auffallende Gregorius diese Eigenschaften bereits inne hat und er bereit ist, vor seinem Wissen von vererbtem Goldreichtum, für eine Herrschaft durch das Aufstreben im Ritterstand êre zu erlangen, spricht laut Hermann Henne für ein konzipiertes Ideal des ritterlichen Tugendadel14, sodass er die obige Sichtweise durchaus als begründet sieht.

3. Die Analyse des textimmanenten Streitgesprächs zwischen clericus und miles

„Ze ritterschefte stât mîn wân“15, mit diesen Worten gesteht der junge Namensgeber der Geschichte, im Streitgespräch dem Abt, seinen sehnlichen Wunsch zum Ritterdasein. Der Geistliche führt ihm seine momentane, zukunftsentscheidende Lage vor Augen. Es gehe hier nicht nur um sein diesseitiges Heil, sondern auch um sein jenseitiges. Von Oppositionspaaren spricht auch Cormeau16, da sich Gregorius entscheiden muss, was er zwischen êre, tugent, schande, laster, spot und verderben, genesen wählen möchte17. So beschreibt êre eindeutig ein anstrebenswertes Ritterideal, welches im weltlichen Leben vermehrt werden sollte und dem steht das jenseitige verderben gegenüber. Hier könnte der Rezipient den Erzähler so verstehen, dass eine resolute Trennung von beiden Lebensformen nicht zu empfehlen sei.

Das erste Argument des Geistlichen, mit dem der Gregorius zum Bleiben im Kloster überreden will, ist noch recht schwach: „dû bist der phafheit gewon: nû enziuch dich niht dâ von͘“18 Das Argument der Gewohnheit überzeugt Gregorius jedoch nicht, er begründet dies mit seiner tumpheit und nennt desweiteren drei Gründe, weswegen er das Leben im Kloster ablehnt und ein Verlassen dessen als unwiderruflich sieht: Weil er die schande der itewitze nicht ertragen kann, also die Schande seiner Vergangenheit19, weil er nie das Kind eines virschaeres gewesen sei20 und weil er würde gern ein ritter21 sein - dies ist sein dringlichster Wunsch.

[...]


1 Burkhard, Kippenberg: Siehe in den Anmerkungen des Übersetzers, S. 250.

2 Ernst, Ulrich: Der Antagonismus von vita carnalis und vita spiritualis, S. 226.

3 Ebd., S. 182.

4 Christoph Cormeau: Hartmann von Aue. Epoche - Werk - Wirkung, S. 139-141.

5 Hartmann von Aue: Gregorius, Verse 171-173

6 Hartmann von Aue: Gregorius, Verse 244-258.

7 Ebd.: Verse 1240-1262 und Verse 1491-1503.

8 Gottfried von Straßburg: Tristan, Vers 5022-5045.

9 Wehrli, Max: Formen mittelalterlicher Erzählung. Zürich 1969, S. 168.

10 Hartmann von Aue: Gregorius, Verse 248-257.

11 Ebd.: Verse 248-252.

12 Cormeau, Christoph: Hartmann von Aue. Epoche - Werk - Wirkung, S. 130.

13 Henne, Hermann: Herrschaftsstruktur, historischer Prozeß und epische Handlung, S.18.

14 Ebd.: S. 17.

15 Hartmann von Aue: Gregorius, Vers 1514.

16 Cormeau, Christoph: Hartmann von Aue. Epoche- Werk- Wirkung, S.134.

17 Hartmann von Aue: Gregorius, Verse 142-152.

18 Ebd.: Verse 1463f.

19 Ebd.: Vers 1490.

20 Ebd.: Vers 1495.

21 Ebd.: Vers 1503.

Details

Seiten
16
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656411239
ISBN (Buch)
9783656412564
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v213096
Institution / Hochschule
Universität Bayreuth
Note
Schlagworte
hartmann aue`s gregorius

Teilen

Zurück

Titel: Die "rîterschaft" in Hartmann von Aue`s "Gregorius"