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Akzent und Intonation im Deutschen und Französischen

Kontrastive Betrachtung

Seminararbeit 2011 17 Seiten

Romanistik - Französisch - Linguistik

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Akzent
1.1 Akzentsystem des Deutschen
1.2 Akzentsystem des Französischen
1.3 Zusammenfassung

2. Intonation
2.1 Intonationskonturen des Französischen und Deutschen

Fazit

Bibliographie

Einleitung

Ein Franzose, der Wortschatz, Orthographie, Satzgrammatik, Regeln der Wortbildung und Aus- sprache des Deutschen nahezu perfekt beherrscht, wird in der Regel trotz seiner hohen fremd- sprachlichen Kompetenz von deutschen Sprechern als Nichtmuttersprachler entlarvt werden. Dies hängt in hohem Maße mit den prosodischen Eigenschaften der französischen Sprache zusammen, die von denen des Deutschen erheblich abweichen. Als prosodische oder suprasegmentale Merk- male werden lautliche Charakteristika von Sprache angesehen, die über die Segmentebene hi- nausgehen. Die beiden am umfassendsten erforschten Phänomene der Prosodie sind Akzent und Intonation, also die Hervorhebung von Äußerungsteilen und die Sprechmelodie. Beide dieser interdependenten Suprasegmentalia erfüllen in erster Linie die Funktion der Gliederung von ge- sprochener Sprache und erleichtern somit deren Perzeption (vgl. Gabriel/Meisenburg 2007: 119 ff.).

Da Akzent und Intonation in verschiedenen Sprachen auf unterschiedliche Weise und vom Mut- tersprachler für gewöhnlich unbewusst realisiert werden, kommt es beim Sprechen einer Fremd- sprache oft zur Übertragung der muttersprachlichen Merkmale auf das fremde Sprachsystem. So verrät den Deutsch sprechenden Franzosen neben der unkorrekten Aussprache von für ihn unge- wöhnten Lauten vor allem die für das Französische charakteristische Endbetonung von Phrasen, die untypisch für das deutsche Akzentsystem ist. Umgekehrt übernehmen Deutsche die für ihre Muttersprache typischen Akzent- und Intonationsmuster oft ins Französische (vgl. Klein 1982: 177 f.).

Ziel der vorliegenden Arbeit soll eine Herausarbeitung dieser Unterschiede, aber auch der Parallelen zwischen dem deutschen und dem französischen Akzent- und Intonationssystem sein. Hierbei wird der Fokus auf der kontrastiven Betrachtung der sehr ungleichen Akzentmerkmale der zwei Sprachen liegen. Einem allgemeinen Überblick über das prosodische Phänomen des Akzents soll eine genauere Betrachtung des deutschen und des französischen Akzents folgen, diese wird anschließend durch eine Gegenüberstellung der Hervorhebungssysteme ergänzt. Der zweite Teil der Arbeit fährt mit der Vorstellung des eng mit dem Akzent zusammenhängenden prosodischen Merkmals der Intonation fort, abschließend soll der Versuch eines Vergleichs der französischen und deutschen Intonationskonturen unternommen werden.

1. Akzent

Eines der prosodischen Phänomene von Sprache ist der Akzent (lat. accentus (aus ad-cantus) ‚Dazugesungenes’). Unter diesem versteht man die Hervorhebung (Prominenz) von Silben gegenüber benachbarten Silben durch phonetische Mittel.1 Sowohl im Deutschen als auch im Fran- zösischen sind die drei Faktoren der „Veränderung der Tonhöhe, Steigerung der Intensität und Zunahme der Dauer“ (Gabriel/Meisenburg 2007: 119) für die sprachliche Realisierung des Ak- zents signifikant. Die genannten Hervorhebungsmittel erzeugen fast immer im Zusammenspiel den auditiven Eindruck der Prominenz einer Silbe. So wird durch die Variation der Stimmlippen- spannung und somit der Grundfrequenz die Veränderung der Tonhöhe (in der Regel nach oben) hervorgerufen, wodurch die akzentuierte Silbe höher erscheint. Die gesteigerte Intensität führt dazu, dass die Stimmlippen weiter ausschwingen und die Silbe als lauter wahrgenommen wird, länger wird selbige durch die Zunahme der Quantität oder Dauer. Der durch diese stimmlichen Mittel effizierte Akzent wird als Druck- oder dynamischer Akzent bezeichnet. Die Prominenz von Silben wird in manchen Sprachen (wie zum Beispiel im Chinesischen) ausschließlich durch die Veränderung der Grundfrequenz und somit des Tonhöhenverlaufs hervorgerufen, diese Art der Hervorhebung wird musikalischer Akzent genannt (vgl. Meibauer 2007: 114 f.; Meisen- burg/Selig 1998: 148 f.).

In den für die vorliegende Arbeit relevanten Druckakzentsprachen findet die Betonung der Silben mit unterschiedlicher Stärke statt. In diesem Zusammenhang wird zwischen Haupt- und Nebenakzenten unterschieden, die im Lautschriftsystem des International Phonetic Alphabet (IPA) durch [’] (stark betont) und [‚] (schwach betont) vor der akzentuierten Silbe markiert werden. Darüber hinaus gibt es auch unbetonte Silben, denen keine graphische Markierung vorangeht, wie folgendes Beispiel aus dem Deutschen verdeutlicht:

(1) [‚ja:Ǡ.’hȚn.dǠt] Jahrhundert (vgl. Klein 1982: 35)

Die Notation in (1) unterscheidet sich von der im IPA ([ja:ǠɑhȚndǠt]) durch die Punkte [.], welche hier zur Kennzeichnung der Silbengrenzen dienen sollen. Auch der graphische Nebenakzent vor der ersten Silbe wird im IPA nicht berücksichtigt, da Nebenakzente des Deutschen nur in Kom- posita angezeigt werden (s. Kapitel 1.1 und 1.2) (vgl. Graeften/Liedke 2008: 235). Generell wird zwischen Sprachen mit festem (gebundenem) und freiem (ungebundenem) Akzent differenziert, je nachdem ob die Akzentuierung mit systematischer Regelmäßigkeit erfolgt und somit wie in ersterem Falle vorhersagbar ist, oder ob sie, wie bei den Sprachen mit freiem Ak- zentsystem, unregelmäßig auf unterschiedliche Silben der sprachlichen Einheiten fällt. In diesen Sprachen kann der Akzent auf der Ebene des Wortes bedeutungsunterscheidende Funktion ein- nehmen (vgl. Bußmann 2008: 22 f.). Folgendes Beispiel aus dem Spanischen illustriert, dass ein und dieselbe Buchstabenfolge durch unterschiedliche Akzentuierung drei verschiedene Bedeutungen vermit- teln kann:

(2) a. [’termino] término ‚Termin’

b. [ter’mino] termino ‚ich beende’

c. [termi’no] terminó ‚er/sie beendete’ (Gabriel/Meisenburg 2007: 120)

Neben dieser distinktiven Funktion kommt dem Akzent (unabhängig davon, ob er gebunden ist oder nicht) insbesondere die Funktion der rhythmischen Gliederung von Sprechakten zu, wo- durch deren Perzeption erleichtert und ihre „korrekte, möglichst eindeutige Interpretation durch den Hörer ermöglicht“ (Günther 1999: 44) wird. Auf der Ebene des Satzes dient die Akzentuie- rung oft auch der Veranschaulichung von Antithesen oder dazu, einer gefühlsbestimmten Äuße- rung Nachdruck zu verleihen. Ernst (2004: 101) und Klein (1982: 39 f.) bezeichnen diese auf Satzebene relevanten Akzentfunktionen als „logischer“ ((3) a.) und „affektiver“ beziehungsweise „affektischer“ ((3) b.) Akzent.

(3) a. Ich spreche vom ’Import, nicht vom ’Export. (Klein 1982: 39)

b. Das ist doch phan’tastisch. (Ernst 2004: 101)

Diese beiden Satzakzente werden bei Klein auch unter dem Begriff des „emphatischen“ Akzents zusammengefasst. Da sie im Gegensatz zum einfachen Wortakzent in erster Linie durch die veränderte Tonhöhe realisiert werden, sind sie als Phänomen der in 2. betrachteten Intonation anzusehen (vgl. Meibauer (2007): 115).

Im einleitenden Kapitel wurde bereits darauf hingewiesen, dass der Akzent ein suprasegmentales oder prosodisches Merkmal von Sprache ist, das über die Ebene der Phoneme hinausgeht. Des Weiteren ist er als relative Eigenschaft von Silben zu definieren, da diese immer im Vergleich zu anderen Silben des Wortes oder der Wortgruppe hervorgehoben sind. Für eine adäquate Darstel- lung des Akzentphänomens ist also ein Modell unerlässlich, das auch die Prominenzrelationen innerhalb der entsprechenden sprachlichen Einheit berücksichtigt. Das in der metrischen Phono- logie am häufigsten verwendete Beschreibungsmodell ist das der metrischen Bäume. Diese sollen unter anderem in nächsten Kapitel vorgestellt werden (vgl. Hall 2000: 275 f.).

1.1 Akzentsystem des Deutschen

Den allgemeinen Erläuterungen zum Phänomen des Akzents aus 1. soll nun eine detaillierte Be- trachtung am Beispiel des deutschen Akzents folgen. Basis für die Akzentuierung im Deutschen ist das Wort, was bedeutet, dass jedes Lexem eine Silbe enthält, die den Hauptakzent trägt und eventuell weitere Silben, die nebenakzentuiert oder unbetont sind. Funktionswörter wie Artikel oder Personalpronomina (so genannte Klitika) sind in der Regel nicht akzentuierbar. Tritt das isolierte deutsche Wort in einen Satzzusammenhang, bleibt der Wortakzent zwar erhalten, er ist dann aber nicht mehr gleichermaßen deutlich wahrnehmbar wie innerhalb eines einzelnen Wortes und teilweise unterdrückt (vgl. Graefen/Liedke 2008: 238). Das Deutsche gehört zu den Sprachen mit freiem Akzentsystem, charakteristisch für den deutschen Akzent ist jedoch die häufige Beto- nung der ersten Wortsilbe, die Initialakzentuierung. So liegt der Akzent bei 83% der Zweisilber, bei 59% der dreisilbigen Wörter und bei 54% der Viersilber auf der ersten Silbe (vgl. Kohler 1995: 225). Da im ungebundenen Akzentsystem des Deutschen ansonsten aber auch andere Ak- zentstellen vorkommen, wurden mehrere Versuche unternommen, feste Regeln der Akzentset- zung aufzustellen, mit denen diese in den meisten Fällen bestimmt werden kann. Für eine Erläu- terung dieser Ansätze sei der Leser auf Graefen/Liedke (2008: 237 f.) verwiesen.

Wie in allen freien Akzentsprachen kann auch im Deutschen allein die Variation der Hervorhebung von Silben in Wörtern mit identischer Orthographie deren unterschiedliche lexikalische Bedeutung ausmachen. Im Vergleich zu anderen freien Akzentsprachen wie dem Italienischen und Spanischen (vgl. (2)), spielt dieser distinktive Akzent in der zu untersuchenden Sprache allerdings eine eher marginale Rolle. „Der phonologische Einsatz des Wortakzents betrifft im Deutschen zusammengesetzte Verben, Adjektive sowie Wortübernahmen aus dem Lateinischen“ (ebd.: 236), wie in (4) illustriert werden soll:

(4) a. [Țm’ge:ǩn] um’gehen vs. [’Țmge:ǩn] ’umgehen

b. [‚ȓtain’raiç] ‚stein’reich vs. [’ȓtainraiç] ’steinreich

c. [ak’ti:f] akt’iv vs. [’akti:f] ’Aktiv (vgl. ebd.)

Wie in Lautschrift und Orthographie der Beispiele ersichtlich wird, sind Schreibweise und Lau- tung (bis auf die Groß- und Kleinschreibung in c.) der in (4) aufgeführten Lexeme identisch, le- diglich die unterschiedliche Platzierung des Akzents entscheidet über die jeweilige lexikalische Bedeutung. Überdies verdeutlicht das Beispiel den schon erwähnten relationalen Charakter des Akzents, der kein inhärentes, also kontextunabhängiges Merkmal von Segmenten ist, wie bei Chomsky und Halle (1968: 15-24) angenommen wird. Die von den beiden Linguisten für die einzelnen Phoneme aufgestellten Merkmalsmatrizen betrachten den Akzent als binäres Merkmal, das heißt als eine Eigenschaft, die auf manche vokalischen Phoneme immer zutrifft (mit [+betont] markiert) und auf manche nicht (durch [-betont] gekennzeichnet). Doch ein Blick auf die beiden deutschen Lexeme Mantel und Opa macht deutlich, dass ein solcher Ansatz nicht ganz korrekt ist. So ist das Phonem /a/ in Mantel akzentuiert, in Opa jedoch nicht (vgl. Hall 2000: 276). Im Rahmen der Metrischen Phonologie wurde in den siebziger Jahren von Liberman und Prince ein Modell zur Darstellung von Akzentphänomenen entwickelt, das den Wortakzent als suprasegmentale und relative Eigenschaft beschreibt.

[...]


1 Der Akzent kann auch andere lautsprachliche Einheiten wie zum Beispiel Wörter hervorheben (vgl. Bußmann 2008: 22), in der Regel werden aber Silben akzentuiert. Hall (2000: 272) erläutert, dass eigentlich nur der Nukleus, also der vokalische Silbenkern, betont werde. In der vorliegenden Arbeit wird wie bei Ernst (2004: 101), Graefen/Liedke 235), Gabriel/Meisenburg (2007: 119), Klein (1982: 35) und Meibauer (2007: 115) die gesamte Silbe als die akzenttragende Einheit betrachtet.

Details

Seiten
17
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656411000
ISBN (Buch)
9783656413622
Dateigröße
861 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v213150
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,0
Schlagworte
akzent intonation deutschen französischen kontrastive betrachtung

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Titel: Akzent und Intonation im Deutschen und Französischen