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Bayles Skeptizismus

Bayles Strategien zur Destruktion theonomer Ethik

Seminararbeit 2012 13 Seiten

Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsübersicht

1. Einleitung

2. Bayles Ziel: Religiöse Toleranz

3. Bayles Skeptizismus

4. Skepsis im Dienst der Toleranz

5. Moral ohne Gott

6. Schluss

7. Literaturverzeichnis

Bayles Strategien zur Destruktion theonomer Ethik

1. Einleitung

Das 1696 erschienene Dictionnaire historique et critique[1] von Pierre Bayle ist von herausragender Bedeutung für das Verständnis des neuzeitlichen Skeptizismus und für die weitere Entwicklung der neuzeitlichen Philosophie insgesamt. Der neuzeitliche Skeptizismus, der anknüpft an die Ideen der antiken Skepsis[2], die der mittelalterlichen Scholastik weitestgehend unbekannt war, konnte sich erst im 16. Jahrhundert durch Abschriften und Übersetzungen der Werke von Sextus Empiricus in der europäischen Philosophie etablieren[3]. Der Skeptizismus in der frühen Neuzeit, zu dessen herausragendsten Vertretern Charron, Montaigne, Huet und Bayle zählen und der sich gegen die dogmatischen Systeme sowohl der cartesianischen als auch der aristotelisch-scholastischen Philosophie richtete, teilt mit der antiken Skepsis – bei aller Unterschiedlichkeit im Detail[4] – die Instrumentalisierung der Skepsis[5]. Die Skepsis ist nicht Endzweck, sondern Mittel zum Zweck. Das Ziel der antiken Skepsis war die Ataraxie. Durch den Zweifel an gesicherter Erkenntnis und der daraus sich ergebenden Urteilszurückhaltung sollte das praktische Ideal der unerschütterlichen Seelenruhe erreicht werden. Die Nouveaux Pyrrhoniens des 16. und 17. Jahrhunderts dagegen weisen hin auf die Unzulänglichkeit und Inkompetenz der Vernunft im Bereich der Philosophie und insbesondere der Theologie, was zur Folge hat, dass der Glaube allein die exponierte Stellung in ihrem Denken einnimmt und die Vernunft das Terrain der Religion, die sich nun ausschließlich auf den Glauben gründet, verlassen muss. Glaube und Vernunft sind demzufolge unvereinbar. Wurde dieses Argumentationsschema noch von Pierre Charron benutzt, um dem römisch-katholischen Glauben in der Auseinandersetzung mit den reformatorischen Bewegungen, insbesondere dem dogmatisierten Calvinismus, einen Vorteil zu verschaffen[6], so hat sich Pierre Bayle ein ganz anderes Ziel gesetzt. Bayles Primärziel ist das Erwirken religiöser Toleranz. Seiner Meinung nach wurzelt religiöse Intoleranz in theonomer Ethik, weshalb er um deren Destruktion bemüht ist. Untersuchungsgegenstand dieser Hausarbeit sind Bayles Strategien zur Destruktion theonomer Ethik.

2. Bayles Ziel: Religiöse Toleranz

Dem Calvinisten Pierre Bayle geht es in erster Linie um das Erwirken religiöser Toleranz[7]. Zunächst setzt sich Bayle für die Glaubens- und Gewissensfreiheit der Reformierten ein, später dann erweitert sich sein Ziel und umfasst sein Toleranzbegriff unterschiedslos jede Glaubensrichtung.[8] Bayles vehementes Eintreten für religiöse Toleranz lässt sich zurückführen sowohl auf seine Biografie als auch auf die politischen Verhältnisse des späten 17. Jahrhunderts. Im Zuge der rigiden Religionspolitik unter Ludwig XIV., der sich um die Stärkung des katholischen Glaubens bemühte und 1685 das Toleranzedikt von Nantes aufhob[9], verlor Bayle seinen Bruder, der sich in Gefangenschaft einer Konversion zum Katholizismus widersetzte. Die Strapazen der Haft überlebte Bayles Bruder nicht und fiel somit gleichsam der religiösen Intoleranz zum Opfer. Bereits in seinen ersten Schriften, den Pensées diverses sur la cométe (1682), der Abhandlung Ce que c’est que la France toute catholique sous le régne de Louis le grand (1686) und vor allem dem Commentaire philosophique sur ces paroles de Jesus-Christ »Contrain-lesund d’entrer« (1686) kommt Bayles Bestrebung, religiöse Toleranz zu erwirken, zum Ausdruck, doch erst in den frühen neunziger Jahren des 17. Jahrhunderts macht er den Skeptizismus für dieses Ziel fruchtbar[10]. Doch wie kann mithilfe des Skeptizismus religiöse Toleranz sichergestellt werden?

3. Bayles Skeptizismus

Zentral für das Verständnis von Bayles Skeptizismus ist der Artikel PYRRHO, der aus diesem Grund auch einer der meistdiskutierten Artikel des Dictionnaire ist. In diesem Artikel stellt Bayle die geoffenbarten Wahrheiten der christlichen Religion, wie etwa die Trinitätslehre, die Abendmahlslehre und die Transsubstantiationslehre, den evidenten Vernunftwahrheiten gegenüber und zeigt, dass Glaubenswahrheiten vermittels der Vernunft nicht nachvollzogen werden können. Zu diesem Zweck entwirft Bayle einen Dialog zwischen zwei Äbten, von denen der eine sagt, dass er „nicht verstehen könne, wie es angesichts des Lichts des Evangeliums noch erbärmliche Pyrrhoneer geben könne.“[11] Für ihn scheint evident zu sein, dass die heiligen Wahrheiten von solcher Art sind, dass sie sich auch vor dem Gericht der Vernunft bewähren und jedem vernünftigen Menschen unmittelbar einleuchten. Demzufolge dürfte es den Skeptizismus nach Christi Geburt nicht mehr geben. An dieser Stelle nun erhebt sein Gegenüber Einspruch und merkt an, dass Arkesilaos, welcher der platonischen Akademie im dritten vorchristlichen Jahrhundert ihre skeptische Ausrichtung gab, gerade mit der christlichen Theologie leichtes Spiel gehabt hätte. Denn „die christliche Theologie würde ihn mit unwiderleglichen Argumenten versorgen.“[12] Um diese Behauptung zu verifizieren, stellt er die evidenten Vernunftwahrheiten den geoffenbarten Glaubenswahrheiten gegenüber. Er argumentiert, es sei offenkundig, „dass Dinge, die nicht von einem Dritten verschieden sind, nicht voneinander verschieden sind“.[13] Ebenfalls liege auf der Hand, „dass es keinen Unterschied zwischen Individuum, Natur und Person gibt.“[14] Da die Trinitätslehre aber zeigt, dass diese Axiome, die in der Logik und Metaphysik von immenser Bedeutung sind, falsch sind, hat sich die Evidenz als criterium veritatis disqualifiziert. Dies ist der Fall, weil Bayle nicht, wie vielleicht zu erwarten wäre, die Glaubenswahrheiten zugunsten der Evidenz, die Bayle als einzig mögliches Wahrheitskriterium betrachtet, aufgibt. Im Gegenteil: die geoffenbarten Glaubenswahrheiten widerlegen die Vernunftwahrheiten. Wir können folglich, so Bayle, die Glaubenswahrheiten, die nicht nur übervernünftig, sondern auch widervernünftig sind, vermittels der Vernunft nicht nachvollziehen. Es bleibt einzig und allein der Sprung in den Glauben.

Bayle belässt es jedoch nicht bei dem Nachweis, dass die Vernunft der Theologie von keinerlei Nutzen ist und folglich rationale Theologie im Sinne eines vernünftigen Nachdenkens über Gott, seine Existenz und seine Attribute nicht möglich ist. Auch in der rationalen Psychologie, deren Hauptthema der Nachweis einer unsterblichen Seele ist, kann die Vernunft zu keinen gesicherten Ergebnissen gelangen. Weder die Sterblichkeit noch die Unsterblichkeit der Seele kann schlüssig bewiesen werden[15]. Auch hier bleibt uns nichts anderes übrig, als den Sprung in den Glauben zu wagen. Gleiches gilt für die Themen der rationalen Kosmologie[16]. Was die konstruktiven Fähigkeiten der theoretischen Vernunft angeht, ist Bayle ein Skeptizist.

[...]


[1] Zitiert wird nach Pierre Bayle: Historisches und kritisches Wörterbuch, übersetzt, herausgegeben und Artikelauswahl von Günter Gawlick und Lothar Kreimendahl.

[2] Angeknüpft wird vor allem an die Ideen der pyrrhonischen Skepsis und an die Skepsis der platonischen Akademie des 2. vorchristlichen Jahrhunderts.

[3] Vgl. R. Popkin, The History of Scepticism from Savonarola to Bayle, New York 2003, S. 17 ff.; außer-dem C. B. Schmitt, Rediscovery of Ancient Skepticism, in: The Skeptical Tradition, M. Burnyeat (Hg).

[4] Vgl. R. Popkin, Scepticism, Old and New, in: The Third Force, Leiden 1992, S. 237-245.

[5] Vgl. M. Hossfelder, Antiker und baylscher Skeptizismus, in: Jahrbuch der Aufklärung, Hamburg 2004, S. 21 ff.

[6] Vgl. R. Popkin, The History of Scepticism from Savonarola to Bayle, New York, 2003, S. 44 ff.

[7] Vgl. S. Neumeister, Pierre Bayle: Ein Kampf für religiöse und politische Toleranz, in: Philosophen des 17. Jahrhunderts, Lothar Kreimendahl (Hrsg.), Darmstadt 1999, S. 222-237.

[8] Vgl. E. Cassirer, Die Philosophie der Aufklärun g, Hamburg 2007, S. 174

[9] Das Edikt von Nantes sicherte den Protestanten weitestgehend freie Religionsausübung zu.

[10] Vgl. L. Kreimendahl, Hauptwerke der Philosophie Rationalismus und Empirismus, Stuttgart 1994, S. 317.

[11] Artikel PYRRHO, S. 344.

[12] A.a.O., S. 344.

[13] A.a.O., S. 347.

[14] A.a.O., S. 347

[15] Vgl. beispielsweise den Artikel BONFADIUS.

[16] Vgl. beispielsweise den Artikel EPIKUR.

Details

Seiten
13
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656413769
ISBN (Buch)
9783656438106
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v213246
Institution / Hochschule
Universität Mannheim – Prof. Dr. Kreimendahl
Note
1,0
Schlagworte
bayles skeptizismus strategien destruktion ethik

Autor

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Titel: Bayles Skeptizismus