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Psychologische Literatur - Psychologische Grundlagen der Figurenzeichnung im Schaffen Patrick Süskinds

Bachelorarbeit 2011 43 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Das Werk
2.1 Texte vor Das Parfum
2.2 Texte nach Das Parfum

3. Fallanalysen
3.1 Der Kontrabaß
3.1.1 Figurencharakterisierung
3.1.2 Literarische & psychologische Aspekte
3.2 Die Taube
3.2.1 Figurencharakterisierung
3.2.2 Literarische & psychologische Aspekte

4. Vergleichende Analyse
4.1 Kontinuitäten im Werk
4.2 Unterschiede & Entwicklungen

5. Zusammenfassende Betrachtung

Siglenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Eigenständigkeitserklärung

1. Einleitung

Als Patrick Süskind im Jahre 1985 seinen Roman Das Parfum veröffentlichte, löste er eine Welle der Begeisterung und des Erfolges sowohl bei Presse als auch Publikum aus, wie sie nur mit wenigen anderen Ereignissen in der neueren Literaturgeschichte vergleichbar ist. Das Buch wurde „bereits 1994, vor Erscheinen des Taschenbuches, in über 30 Sprachen übersetzt“[1] und avancierte „mit über 8 Millionen Exemplaren zum zweitmeistverkauften deutschsprachigen Roman des 20. Jahrhunderts“[2]. So sicherte sich der Autor, der 1949 am Starnberger See geboren wurde, endgültig einen Platz an der Spitze der deutschsprachigen Literaturszene.

Über die rein ökonomischen und gesellschaftlichen Folgen hinaus lässt sich der große Einfluss, den Das Parfum auf seine Zeit ausgeübt hat, auch an der seit damals stattfindenden Forschungstätigkeit erkennen: Kaum ein Roman wurde in so kurzer Zeit von so vielen Literaturwissenschaftlern analysiert, interpretiert und auf vielfältigste Art und Weise in einen historischen, literarischen und philosophischen Kontext eingebettet. Die Menge der einzelnen Arbeiten über den Roman ist kaum überblickbar; und auch die Zahl der jeweiligen Schwerpunktsetzungen differiert stark.

So vielseitige Untersuchungen es dazu auch gibt, lässt sich der Hauptstandpunkt der meisten Arbeiten jedoch in eine bestimmte Richtung verfolgen: Das Parfum, ebenso wie die Novellen und Dramen Süskinds, wird von den meisten Kritikern und Theoretikern als ein typisches Produkt der literarischen Postmoderne angesehen.

Die Definition dieses Begriffes wiederum ist eine bis heute sehr strittige Angelegenheit, die durchaus einer eingehenderen Untersuchung bedürfte, hier jedoch nur knapp angerissen werden soll. Es soll bei der Notiz bleiben, dass es eine ganze Reihe teils stark abweichender Meinungen und Einordnungsversuche gibt, die in den letzten Jahrzehnten unternommen wurden. Orientiert man sich am Metzler Literaturlexikon und nimmt als ein Hauptmerkmal der Postmoderne den „Pluralismus von Wissensmodellen und Kunstformen“[3] an, so eröffnet sich bereits ein Hinweis auf die Themensetzung, die in dieser Arbeit eine zentrale Rolle spielen soll.

Denn um die Einordnung und Interpretation eines Werkes korrekt nachvollziehen zu können, scheint es unerlässlich, über den einzelnen Text hinaus eine Untersuchung der verschiedenen Veröffentlichungen des Autors anzustreben. Im intertextuellen Vergleich – gerade bei einem Autor wie Patrick Süskind – eröffnet sich stets die Möglichkeit, Kontinuitäten oder Veränderungen, bemerkenswerte Entwicklungen in den literarischen Techniken, der Erzählweise oder der Art der Figurenpsychologisierung, zu entdecken. So soll das Hauptaugenmerk dieser Arbeit nicht auf dem inzwischen beinahe zerredeten Roman Das Parfum liegen, sondern, wiewohl ausgehend von diesem sicherlich zentralen Werk im Schaffen Süskinds, auf seine Novellen und Dramen fokussiert bleiben. Das Parfum bleibt dabei der Angelpunkt, um den sich die Betrachtung seiner weiteren Werke dreht. Insbesondere das Drama Der Kontrabaß, als typisches Beispiel für ein Werk vor, und die Novelle Die Taube als Beispiel für ein Werk nach besagtem Angelpunkt stehen dabei im Zentrum der Untersuchung.

Doch diese Arbeit soll sich keinesfalls auf die ganz allgemeinen Aspekte der Frage beschränken, ob Süskinds Werk in die Postmoderne eingeordnet werden kann oder nicht; sondern, quasi als Konterkarierung der Ausweitung der Untersuchungsobjekte von einem Roman auf eine ganze Werkreihe, soll sie sich auf die Frage spezialisieren, inwieweit die Anwendung konkreter psychologischer Theorien und Modelle in der Figurencharakterisierung eben dieser Texte zu erkennen ist. Denn die zunehmende Orientierung an psychologischem Wissen in der postmodernen Literatur ist wohl kaum von der Hand zu weisen, und gerade bei einem Autor, der Protagonisten wie „Jean-Baptiste Grenouille, Jonathan Noel und Herrn Sommer“[4] agieren lässt, die ja bis zu einem gewissen Grad durch ihre bloße charakterliche Situierung die Geschehnisse und Entwicklungen ihrer Geschichten determinieren, dürfte die Frage, inwieweit hier tatsächlich fundierte psychologische Kenntnisse in den Aufbau und die Darstellung der Figuren eingeflossen sind, eine große Bedeutung haben.

Die Untersuchung der psychologischen Situierung der Figuren – natürlich vorrangig aus literaturwissenschaftlicher Perspektive – soll also das Zentrum dieser Arbeit bilden. Dabei wird die Frage zu klären sein – immer unter der Vorraussetzung, dass die tatsächlich nachweisbare Anwendung psychologischer Theorien in den Texten vorliegt – welcher bestimmten Strömung innerhalb der Psychologie diese Anwendungen folgen oder ob es vielleicht einen Pluralismus auch auf diesem Gebiet gibt. Auf die näheren Aspekte dieser Fragestellung und der damit verbundenen Inhalte – möglicherweise angewandte Modelle, theoretische Grundlagen für textlich realisierte Details – soll an geeigneter Stelle eingegangen werden. Zunächst einmal möchte ich die Frage klären, weshalb gerade die beiden Texte Der Kontrabaß und Die Taube von mir als beinahe prototypische Beispiele für die nähere Analyse herangezogen werden sollen. Dazu im Folgenden ein kurzer Überblick über Patrick Süskinds Schaffen.

2. Das Werk

An biographischem Hintergrundwissen gibt es sehr wenig über Patrick Süskind zu finden. Er lebt sehr zurückgezogen, verweigert sich Interviews und scheut allgemein das Licht der großen Öffentlichkeit. Will man also eine – zunächst – rein historisch angelegte Verfolgung seines literarischen Schaffens starten, ist man auf wenige Informationen über frühe Beteiligungen vor allem an Fernsehproduktionen angewiesen, bei denen er sich sozusagen für den größeren Kunstbetrieb etablierte.

Süskinds Werk lässt sich grob in einige verschiedene, sehr weitläufige Bereiche unterteilen. So ist er über den gesamten Verlauf seiner Karriere hinweg immer wieder als Drehbuchautor aufgetreten, hat in den 1980er-Jahren Drehbücher für verschiedene Episoden mehrerer Fernsehserien verfasst und war auch an der Erstellung der Filmdrehbücher zu Rossini – oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief und Vom Suchen und Finden der Liebe beteiligt.

Daneben verfasste er jedoch ebenso Dramen, Novellen, Kurzprosa und, wohl kaum nötig zu erwähnen, natürlich seinen berühmten Roman Das Parfum. Als „Vielschreiber“ kann man ihn wohl dennoch nicht zwingend bezeichnen, erfolgten seine Veröffentlichungen doch stets im Rhythmus mehrerer auseinander liegender Jahre.

Um nun aber einen Grundstein für die Frage zu legen, inwieweit sich literarische Techniken und psychologisches Hintergrundwissen im Schaffen Süskinds verändert oder etabliert haben mögen, soll hier nun ein kurzer Abriss seiner Veröffentlichungen erfolgen.

2.1 Texte vor Das Parfum

Wie bereits erläutert, soll der Roman Das Parfum als Angelpunkt dieser Arbeit fungieren - der große Erfolg dieses Werkes in der Öffentlichkeit, wenn schon nicht die doch stark subjektive literarische Wertsetzung, soll Begründung dafür sein, seine anderen, hier im Mittelpunkt stehenden Werke am Erscheinen dieses Romans zu orientieren. Da Das Parfum bereits 1985, also durchaus noch in einer relativ frühen Phase seiner Karriere, erschien, eröffnet sich hierdurch die Möglichkeit, eine Frühphase seines Schaffens mit einer mittleren bis späteren Phase zu vergleichen – insofern dies von einem Autor gesagt werden kann, der immer noch im Schaffen begriffen ist.

Süskinds erste an die Öffentlichkeit getragene Arbeiten (wenn dies auch noch auf indirektem Wege geschah) sind Drehbücher, die er zumeist in Gemeinschaftsarbeit mit dem Autor Helmut Dietl verfasste. Bereits Anfang der 80er-Jahre entstanden so Texte, die als Vorlage für Fernsehserien dienten, wenn dies auch jeweils nur für wenige Episoden geschah. Die meisten dieser Werke sind Auftragsarbeiten, ein Umstand, dessen Bedeutung für die hier getroffene Auswahl der näher untersuchten Texte an späterer Stelle noch einmal kurz angerissen werden soll.

Zeitgleich zu dieser Annäherung an das Fernsehen eröffnete sich der Autor aber auch die Wege zum Theater. Sein so genannter Durchbruch gelang ihm mit dem „sehr erfolgreichen Ein-Personen-Stück Der Kontrabaß“[5], welches laut einer editorischen Notiz Süskinds „im Sommer 1980“[6] entstand und nur „ein Jahr später, am 22. September 1981“[7], am Theater in München uraufgeführt wurde. Das Stück feierte über Jahre hinweg große Erfolge, „zählte auch noch nach zehn Jahren zu den erfolgreichsten deutschen Stücken“[8] und sicherte Patrick Süskind einen festen Platz im deutschsprachigen Kulturbetrieb.

Der Kontrabaß erzählt dabei keine große Geschichte, sondern beschränkt sich auf einen langen Monolog der Hauptfigur, die über ihr Dasein, ihre Nöte, Ängste und Sehnsüchte reflektiert. Da diese zentrale Person, ein junger Mann, als Kontrabassist im Staatsorchester beschäftigt ist und in dieser Funktion auch bis zu einem gewissen Grad den Sinn seines Lebens sieht, orientiert sich dieses dramatische Werk in vielerlei Form an musikalischen Fixierungspunkten: Auf einer Ebene wird der Monolog immer wieder von musikhistorischen oder theoretischen Ausführungen unterbrochen, denen die Hauptfigur nachhängt. Von einigen Literaturkritikern wird darüber hinaus auch dahingehend argumentiert, der Text sei von musikalischen Grundmotiven geleitet, sei also nicht nur in Hinsicht auf seine Aufführung am Theater als Bühnenstück, sondern ebenso als Hörspieltext interpretierbar. Dazu passt, dass Der Kontrabaß tatsächlich ebenfalls als Hörspielfassung veröffentlicht wurde – die „Erstausstrahlung des Hörspiels durch den Westdeutschen Rundfunk […] datiert auf den 11. 10. 1981“[9], ist also zeitlich nur marginal von der Uraufführung des Theaterstückes in München getrennt.

Neben dieser großen Erfolgswirkung, die schon Der Kontrabaß von seiner Veröffentlichung an erreichte, liegt ein Grund für seine Eignung zum prototypischen Süskind-Beispiel auch in der Themensetzung, die geradezu paradigmatisch für das gesamte Schaffen des Autors ist: Es geht um die Einsamkeit und um Gründe dafür, wie ein Mensch in diese Einsamkeit hinein geraten konnte ebenso wie um die Möglichkeiten oder Unmöglichkeiten, aus dieser sozialen, zuweilen emotionalen Isolation herauszukommen. Dieses Motiv, das sich an Jean-Baptiste Grenouille in Das Parfum ebenso wieder findet wie bei Jonathan Noel in Die Taube, dürfte als ein zentrales Leitthema fungieren. Diese Behauptung nachzuweisen freilich, ist Aufgabe späterer Ausführungen.

Daneben spielt auch die Tatsache eine Rolle, dass Der Kontrabaß als einziges Werk seines frühen Schaffens keine Auftragsarbeit war. Zwar wäre die Behauptung, literarische oder allgemein künstlerische Auftragsarbeiten seien in den meisten Fällen weiter von den wahren Intentionen eines Künstlers entfernt, allzu verallgemeinernd und bedürfte einer eigenen wissenschaftlichen Verfolgung. Doch die inhaltliche und formale Situierung dieses Werkes (auf die an späterer Stelle genauer eingegangen werden soll) prädestiniert es geradezu für die Rolle eines Schlüsseltextes zum Verständnis von Süskinds Schaffen. Die psychologischen Aspekte, die im Monolog dieses einsamen Mannes immer wieder durchscheinen – und die sich, um der späteren Beantwortung einer der Hauptfragen dieser Arbeit voraus zu greifen, vornehmlich tiefenpsychologisch definieren und verankern lassen – erweisen sich ebenfalls als von solcher Komplexität, dass es einer genaueren Untersuchung benötigt, um ein korrektes Verständnis dieses dramatischen Werkes zu erlangen.

Das erste größere Werk, das nach Der Kontrabaß von Süskind veröffentlicht wurde, war Das Parfum. Ein Überblick über diese erste Phase, die sich vorrangig durch Fernseharbeiten auszeichnete, ist damit also gegeben. Um die Entwicklung im Schaffen Süskinds nachzuvollziehen, wenden wir uns nun also den Werken zu, die er nach seinem Erfolgsroman veröffentlichte.

2.2 Texte nach Das Parfum

Als eine besonders zu erwähnende Veränderung, die nach dem Welterfolg seines Romans eintrat, ist zunächst zu bemerken, dass Süskind sich immer weniger mit dem Verfassen oder auch nur der Beteiligung an Fernsehdrehbüchern beschäftigte. Sicherlich lässt sich dieser Umstand mit der Tatsache erklären, dass er auf diese Art des Lebensunterhalts nicht mehr zwingend angewiesen war. Erst 1997 wandte er sich wieder dem Drehbuch zu, als er zusammen mit Helmut Dietl Rossini – oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief verfasste.

Die erste eigenständige Arbeit, die nach Das Parfum erschien, war die Novelle Die Taube, deren Erstausgabe im Jahre 1987 veröffentlicht wurde. Wie die meisten seiner Werke erfuhr auch sie ausführliche Besprechungen in den Feuilletons der führenden Zeitungen – und wie schon Der Kontrabaß und Das Parfum konnte auch sie zum größten Teil positive Kritiken einstreichen.

Die Novelle gibt, ähnlich wie das Theaterstück Der Kontrabaß, einen Einblick in das Innenleben des Hauptprotagonisten. Jonathan Noel, so der Name der Hauptfigur, ist ein älterer Herr, der seit vielen Jahren als Wachmann in einer Bank arbeitet. Das Ereignis, das sein Leben auf fürchterliche Weise auf den Kopf stellen soll, ist nichts anderes als die unerwartete Begegnung mit einer Taube auf dem Flur seines Hauses.

Die Parallelen zu seinem erfolgreichen Theaterstück, so viel sei bereits an dieser Stelle bemerkt, sind auffallend: Die Handlung ist in ihrer temporalen und lokalen Situierung stark minimalisiert, ebenso beschränkt sich das Figurenarsenal auf eine möglichst kleine Gruppe. Die Geschichte selbst wird nicht oder kaum durch äußere Einflüsse geleitet, sondern entwickelt sich aus der psychischen Haltung der Protagonisten.

Der Text orientiert sich „am klassischen Novellenschema“[10], bricht dieses jedoch zuweilen durch „Süskinds subtile Ironie“[11] auf – so sei die „‚unerhörte Begebenheit’ das entscheidende Charakteristikum dieser Form von Prosa“[12]. Dass aber hier eine unerhörte Begebenheit in etwas so Alltäglichem wie dem Auftauchen einer Taube besteht, zeigt nicht nur die erwähnte ironische Brechung Süskinds auf, sondern lässt sich auch gleich als erster von vielen mehr oder minder im Text versteckten psychologischen Hinweisen deuten. So stellt auch Die Taube wieder ein typisches Beispiel für das erzähltechnische Vorgehen Süskinds in seinen Werken dar.

Nach der Veröffentlichung dieser Novelle blieb es einige Jahre still um den Autor, bevor er im Jahre 1991 wieder eine Novelle ans Licht der Öffentlichkeit brachte, diesmal eine stilistisch stark an Kinderliteratur angelehnte Geschichte mit dem Titel Die Geschichte von Herrn Sommer.

Die Kritiken zu diesem Werk „sind in den Feuilletons weniger positiv ausgefallen, als seine vorhergehenden Texte“[13], was möglicherweise mit der formalen aber auch inhaltlichen Abweichung von diesen früheren Werken zusammenhängt.

Die Geschichte von Herrn Sommer erzählt eine Kindheitserinnerung aus einer ländlichen Gegend – eine Kindheit, die durch die Begegnung und vor allem den Verlust eines Herrn Sommers, über den man eigentlich nichts außer seinem Namen weiß, tief geprägt wird. Wieder geht es hier um Einsamkeit und Isolation von der Umwelt, doch ist diesmal der Standpunkt des Erzählers ein ganz anderer – diesmal nämlich wird in der Ich-Form eines Kindes erzählt, das besagtem Herrn Sommer zufällig begegnet. Durch diese Distanz und durch die Tatsache, dass die Erzählerfigur neben der Geschichte des Herrn Sommer noch eine ganze Menge weiterer, davon mehr oder weniger unabhängiger Erlebnisse zu überstehen hat, erfolgt im Vergleich zu den früheren Werken eine deutliche thematische Schwerpunktverschiebung, ohne indes vollständig vom alten Kern Süskindscher Erzählungen abzulassen.

Diese Hybridität der Geschichte wurde sowohl in Kritiken und Rezensionen als auch in Sekundärwerken als wichtiger Bestandteil zum Verständnis dieses Textes aufgegriffen: „Die Erinnerungsgeschichte über die eigene Kindheit mit dem obligatorischen und letztendlich überhaupt Spannung schaffenden Geheimnis, ist durch eine seltsame Mischung geprägt.“[14] Diese Mischung besteht einerseits aus der sprachlichen Gegenüberstellung erwachsener Perspektive und kindlicher Interpretationen – denn der Zeitpunkt des Erzählens liegt ja in einer Gegenwart, in der der Erzähler als erwachsener Mensch auf seine Kindheit zurückschaut – und andererseits, als wesentlich interessanterer und wohl auch zentralerer Punkt, in der Gegenüberstellung der ausführlich erläuterten kindlichen Probleme und den höchstenfalls angedeuteten Sorgen und Qualen des Herrn Sommer.

Dass Die Geschichte von Herrn Sommer mit dem vom kindlichen Erzähler beobachteten Selbstmord des Herrn Sommer endet, ist dabei als intensivierte Konsequenz der vorhergegangenen Geschichten beinahe unumgänglich. Im krassen Unterschied zu den erfolgreichen Stücken Der Kontrabaß und Die Taube wird dem Leser hier jedoch kein einziger Blick ins Innenleben der implizierten Hauptfigur gestattet. Alles, was der Leser erfährt, erfährt er durch das naive Gebaren und Denken des Kindes.

In diesem Sinne findet die Geschichte ihren Höhepunkt in einer Szene im Wald: Der Kind-Erzähler ist auf einen Baum geklettert, um, entnervt von der Welt und ihren Anforderungen an ihn, Selbstmord zu begehen. Oben angekommen zögert er jedoch lange genug, um Zeuge zu werden, wie Herr Sommer sich ausgerechnet unter diesem Baum zu einer kurzen Pause von einer Wanderung niederlegt. Diese Stelle dürfte die intensivste sein, wenn es um das Seelenleben Herrn Sommers geht: „[…] er stieß, kaum daß er lag, einen langen, schauerlich klingenden Seufzer aus – nein, es war kein Seufzer, in einem Seufzer klingt schon Erleichterung mit, es war eher ein ächzendes Stöhnen, ein tiefer, klagender Brustlaut, in dem sich Verzweiflung und die Sehnsucht nach Erleichterung mischten. Und ein zweites Mal dieser haarsträubende Laut, dieses flehentliche Stöhnen wie von einem schmerzgequälten Kranken, und abermals keine Erleichterung, keine Ruhe, keine einzige Sekunde des Ausruhens […]“ (DGvHS, 104 f.).

Doch selbst hier wird kein tatsächlicher Einblick in die tieferen Gründe für das offenkundige Leiden Herrn Sommers erlaubt, nein, der Erzähler beschränkt sich auf die Beschreibung physischer Geschehnisse, in die er einzelne eigene Interpretationen mischt. Einer eindeutigen Deutung oder auch nur Vermutung entzieht sich der Text an jeder Stelle. Mehr noch: Hier wird durch den „Kontrast zwischen dem naiven Selbstmordgedanken des Jungen und den Qualen und dem Suizid Sommers“[15] eine Relativierung früherer psychologisch fundierter Grundgedanken in Texten wie Die Taube vorgenommen. Und in dem einzigen, möglicherweise erklärenden Satz, den Herr Sommer spricht, steckt zugleich sehr viel von Süskinds eigenem Verhalten der Öffentlichkeit gegenüber, sodass hier beinahe zwingend auf eine selbstreflexive Darstellung gepocht werden kann: „‚Ja so laßt mich doch endlich in Frieden!’“ (DGvHS, 129)

Dies ist natürlich ein höchst interessantes Phänomen, das durchaus einer genaueren Besprechung wert wäre. Im Hinblick auf die Ziele dieser Arbeit jedoch scheint sich Die Geschichte von Herrn Sommer aber weniger zu eignen. Ausgehend von den Intentionen und Techniken in Das Parfum, lässt sich wohl anhand der Novelle Die Taube deutlicher aufzeigen, welche Mittel Patrick Süskind zur Psychologisierung seiner Figuren verwendete. Die Verwerfung früherer Techniken im Falle des Herrn Sommer ist jedoch wohl unbestreitbar von solch grundlegender Bedeutung für die Entwicklung des Autors, dass sie im Kapitel 4 dieser Arbeit noch einmal aufgegriffen und näher beleuchtet werden wird.

Allerdings soll an dieser Stelle trotz der etwas ausführlicheren Besprechung seiner beiden dem Parfum folgenden Novellen nicht versäumt werden, auch Süskinds weitere Werke einer kurzen Betrachtung zuzuführen.

Nach der Veröffentlichung und, wie bereits erwähnt, eher negativen Aufnahme der Novelle Die Geschichte von Herrn Sommer dauerte es wieder einige Jahre, bis Süskind neue Veröffentlichungen vornahm. Zunächst erschien 1995 eine Sammlung von Erzählungen unter dem Titel Drei Geschichten. Hier sind drei kurze Erzählungen vereint, die sich vorrangig wieder mit der psychischen Situation und dem Hinterfragen als selbstverständlich angenommener Lebensentwürfe beschäftigen. Hier wird bereits deutlich, dass sich Süskind immer mehr mit seiner eigenen Situation beschäftigt bzw. den Fragen nachspürt, ob und wie Kunst und Künstler den Sinn ihrer Existenz rechtfertigen können. Die früher allgemeine Frage nach der Sinnhaftigkeit des menschlichen Alltags wird hier immer mehr auf philosophische Betrachtungen der Kunst, insbesondere natürlich der Literatur, spezialisiert.

Mit diesem Band ist, zumindest bis zum heutigen Tage, mehr oder minder ein Ende des Süskindschen Erzählens eingeläutet. Im Jahre 2006 veröffentlichte er ein Essay mit dem Titel Über Liebe und Tod, in dem er über die Rolle von Liebe und Tod in der Literatur und Kunst spricht – ein Thema also, dem er sich zuvor selbst ausgiebig gewidmet hatte.

Neben den bereits erwähnten Filmdrehbüchern, die er zusammen mit Helmut Dietl verfasste, lässt sich nach diesem Zeitpunkt jedoch keine weitere Veröffentlichung mehr datieren. Es dürfte an dieser kurzen Übersicht deutlich geworden sein, dass sich Das Parfum als Angelpunkt zwar durchaus in einer frühen Phase seines Schaffens befindet, jedoch deswegen keinesfalls als solcher verworfen werden muss. Viel mehr scheint es zu diesem Zeitpunkt, dass die Novelle Die Taube als fließender Übergang hin zu den Meta-Betrachtungen des eigenen Werkes anzusehen ist, als welche Texte wie Die Geschichte von Herrn Sommer, besonders aber schließlich die Drei Geschichten interpretiert werden können.

Aus diesem Grunde scheint Die Taube wohl der interessanteste Ansatz, die Kontinuitäten und Entwicklungen in Süskinds Schaffen nachzuvollziehen. Dazu soll im Folgenden im Detail auf literarische Erzähltechniken und psychologische Anwendungen zur Charakterisierung der Figuren zunächst im Drama Der Kontrabaß und dann in der Novelle Die Taube eingegangen werden.

3. Fallanalysen

Um also die literarischen und psychologischen Techniken Süskinds zu analysieren, wenden wir uns nun den beiden zur näheren Untersuchung bestimmten Texten zu. Das Drama Der Kontrabaß soll dabei als Vertreter der Phase vor Erscheinen des Romans Das Parfum gelten. Dieses Werk soll ebenso wie die spätere Novelle Die Taube mit dem Fokus auf den Verfahren zur Charakterisierung und Psychologisierung der handlungstragenden Figuren untersucht und interpretiert werden. Zunächst also die Betrachtung des Dramas.

3.1 Der Kontrabaß

Dieses Ein-Personen-Stück gibt, wie bereits an früherer Stelle erwähnt, Einblick in das Seelenleben eines Kontrabassisten, der im Staatsorchester angestellt ist. Der Name des Musikers wird nie genannt, die einzigen grundlegenden Fakten, die der Leser über seine Person und seine aktuelle Lage erfährt, sind sein Alter – er ist 35 Jahre alt – und die Tatsache, dass er allein lebt.

Die besondere Herausforderung, die das Stück sowohl an den Autor als auch an den Leser stellt, liegt darin, dass die gesamte Geschichte in Form eines Monologs ausgebreitet wird. Diese Darstellungsweise ermöglicht es auf der einen Seite, extrem tief und direkt in die Gedanken- und Gefühlswelt des Protagonisten einzutauchen, verhindert jedoch auf der anderen Seite die Möglichkeit, eine für textimmanente reflexive Betrachtungen nötige Distanz zwischen Erzähler und Figur zu schaffen. Zwar wird der Monolog immer wieder durch notwendige Regieanweisungen durchbrochen, doch diese beschränken sich lediglich auf lokale und temporale Beschreibungen, und selbst dabei bleiben sie auf einem beinahe asketischen Niveau: „ Zimmer. Eine Schallplatte wird gespielt, die Zweite Sinfonie von Brahms. Jemand summt mit. Schritte, die sich entfernen, wiederkommen. “ (DK, 7)

Diese Beschreibung lässt der Fantasie des Lesers jeglichen Spielraum in Fragen der Einrichtung des Zimmers und allgemein der örtlichen Begebenheiten. Erst im Verlauf der Geschichte erfährt man durch den Protagonisten selbst genauere Details über die Wohnung: „Schauen Sie, ich habe hier bei mir zuhause alles ausgelegt mit Akustikplatten, Wände, Decken, Boden.“(DK, 25) Diese Reduzierung rein lokaler Beschreibungen auf das Allernötigste richtet einerseits die Zentralität des Textes auf die Handlung, also auf den Rede- und Gedankenfluss der Figur, sorgt andererseits sogleich dafür, dass, sollte schließlich doch an einigen wenigen Stellen eine genauere Erörterung der Räumlichkeiten erfolgen, sofort eine interpretatorische Bedeutung dieser Erwähnung nahe gelegt wird. So sind die erwähnten Akustikplatten, wie später noch einmal ausführlich dargelegt werden soll, ein in die Textwirklichkeit übertragenes Symbol für die teilweise selbst herbeigeführte Isolation des Protagonisten von seiner Umwelt.

[...]


[1] Freudenthal, David: Zeichen der Einsamkeit. Sinnstiftung und Sinnverweigerung im Erzählen Patrick Süskinds. Hamburg: Verlag Dr. Kovač, 2005: S. 3

[2] Ebd.

[3] Burdorf, Dieter u.a. (Hrsg.): Metzler Lexikon Literatur. Stuttgart: Verlag J. B. Metzler, 2007: S. 602

[4] Freudenthal, David: Zeichen der Einsamkeit. Sinnstiftung und Sinnverweigerung im Erzählen Patrick Süskinds. Hamburg: Verlag Dr. Kovač, 2005: S. 1 f.

[5] Freudenthal, David: Zeichen der Einsamkeit. Sinnstiftung und Sinnverweigerung im Erzählen Patrick Süskinds. Hamburg: Verlag Dr. Kovač, 2005: S. 3

[6] Süskind, Patrick: n. n. (Biographische Notiz). In: Theater / heute (11), 1981: S. 42

[7] Degler, Frank: Aisthetische Reduktionen. Analysen zu Patrick Süskinds ‚Der Kontrabaß’, ‚Das Parfum’ und ‚Rossini’. Berlin: de Gruyter, 2003: S. 17

[8] A. a. O.: S. 19

[9] Ebd.

[10] Freudenthal, David: Zeichen der Einsamkeit. Sinnstiftung und Sinnverweigerung im Erzählen Patrick Süskinds. Hamburg: Verlag Dr. Kovač, 2005: S. 104

[11] Ebd.

[12] Ebd.

[13] A. a. O.: S. 18

[14] A. a. O.: S. 109

[15] A. a. O.: S. 111

Details

Seiten
43
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656430339
ISBN (Buch)
9783656439028
Dateigröße
578 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v213258
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
2,0
Schlagworte
Der Kontrabaß Patrick Süskind Psychologie

Autor

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