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John Rawls Theorie der Gerechtigkeit: Der Urzustand

Fiktive Situation mit Möglichkeit zur realen Umsetzung?

Hausarbeit 2013 13 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Mensch im Urzustand
2.1 Der Schleier des Nichtwissens
2.2 Die Vorstellung des Guten
2.3 Motivation und Vernünftigkeit im Urzustand
2.3.1 Rationalität
2.3.2 Gegenseitiges Desinteresse
2.3.3 Neidfreiheit
2.3.4 Gerechtigkeitssinn

3. Bedingungen für die Grundsätze der Gerechtigkeit
3.1 Allgemeinheit
3.2 Unbeschränkte Anwendbarkeit
3.3 Öffentlichkeit
3.4 Rangordnung
3.5 Endgültigkeit

4. Entscheidung und Argumentation im Urzustand
4.1 Entscheidung unter Unsicherheit
4.1.1 Die Laplace-Regel
4.1.2 Die Maximin-Regel
4.2 Entscheidung für die Maximin- Regel

5. Fazit

6. Bibliographie

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den vorherrschenden Bedingungen in einem fiktiven Urzustand, beschrieben im Werk „ Eine Theorie der Gerechtigkeit “ von John Rawls. John Rawls war ein US- Amerikanischer Philosoph, der 1971 in seinem Werk „ A Theory of Justice “ die Thesen seiner Aufsätze wieder aufnahm und sie ausführlicher darstellte. Rawls wurde durch dieses Werk einer der bekanntesten Politologen und Philosophen der Gegenwart und schuf damit eines der wichtigsten Werke über die Grundlagen einer liberalen Gesellschaft. Er versuchte „ die herkömmliche Theorie des Gesellschaftsvertrages von John Locke, Kant und Rousseau zu verallgemeinern und auf eine höhere Abstraktionsstufe zu heben.“[1] Hierfür nutzt er ein beliebtes Gedankenexperiment, den Urzustand, der auch von seinen Vorgängern bereits angewendet wurde um ihre Theorien zu begründen. Damit die Menschen einer gerechten Umverteilung der natürlichen-, sozialen-und ökonomischen Grundgüter zustimmen muss nach John Rawls eine gerechte und für alle Parteien gleiche Ausgangssituation geschaffen werden, nämlich der schon erwähnte Urzustand mit dem Schleier des Nichtwissens. Rawls hoffte, dass sein Experiment einmal wegweisend für die Bildung einer gerechten Gesellschaft sein könnte. Er wollte eine realistische Utopie schaffen und hoffte, dass diese in unserer realen Welt tatsächlich funktioniert.[2] Doch ist dieser Urzustand eine fiktive Situation, die in der Realität umgesetzt werden könnte? Um diese Frage zu klären, betrachtet die vorliegende Arbeit die Bedingungen, die Rawls für sein Gedankenexperiment aufstellt. Das Thema ist auch heute von aktueller Brisanz, wie mir durch einen Artikel in „ Spiegel Online “ bewusst wurde, der sich mit der Kluft zwischen Arm und Reich beschäftigt.[3] Die Einkommensungleichheit nimmt auch 2013 wieder rapide zu und macht deutlich, dass man sich auch heute noch mit Gerechtigkeitstheorien beschäftigen muss.

2. Der Mensch im Urzustand

Der Mensch ist in John Rawls „ Eine Theorie der Gerechtigkeit “ die entscheidende Komponente. Um seine Theorie wirksam zu testen und eine möglichst realistische fiktive Situation zu erstellen, nutzt er ein Gedankenexperiment. Durch den Aufbau eines Urzustandes, hofft Rawls eine Gerechtigkeitstheorie zu erstellen, die der Gesellschaft ein friedlicheres Zusammenleben ermöglichen kann.

2.1 Der Schleier des Nichtwissens

Den Schleier des Nichtwissens baut Rawls bewusst in sein Gedankenexperiment ein. Er soll verhindern, dass die Menschen im Urzustand versuchen natürliche und gesellschaftliche Vorteile auszunutzen um damit Grundsätze durchzusetzen, die ihrem persönlichen Vorteil dienen.[4] In diesem Schleier des Nichtwissens kennt niemand seinen Platz in der Gesellschaft, seinen Status oder seine Klasse. Wissen über die eigene Körperkraft, Intelligenz oder natürliche Gaben sind nicht vorhanden. Ebenso gibt es keine Idee vom Guten, der eigenen Psyche oder davon ob man Pessimist oder Optimist ist. Rawls setzt desweiteren voraus, dass einem die Lage in der eigenen Gesellschaft unbekannt ist, somit sind einem die wirtschaftliche und politische Lage und der Entwicklungsstand der Kultur und Zivilisation nicht vertraut. Den Menschen im Urzustand ist auch nicht bewusst, zu welcher Generation sie gehören.[5] Durch diese Voraussetzung sind alle gleich vernünftig und in der gleichen Lage, sie können also von den gleichen Argumenten überzeugt werden, da ihnen keinerlei Unterschiede zueinander bewusst sind. Der Schleier des Nichtwissens ermöglicht im Urzustand also eine einstimmige Entscheidung über die Gerechtigkeitsgrundsätze.[6] Um jedoch eine Gesellschaftsbildung zu ermöglichen, gibt Rawls vor, dass die Beteiligten über gewisse Tatsachen informiert sein müssen. Trotz des Schleiers des Nichtwissens ist es nötig, dass die Menschen Grundzüge der Wirtschaftstheorie, Grundfragen der gesellschaftlichen Organisation und politische Fragen verstehen. Desweiteren sollen die Gesetze der Psychologie des Menschen bekannt sein, um die Festsetzung von Gerechtigkeitsgrundsätzen zu ermöglichen.[7]

2.2 Die Vorstellung des Guten

Wie bereits im vorhergehenden Absatz erläutert, sollen die Menschen im Urzustand durch die Wahl ihrer Gerechtigkeitsgrundsätze die eigenen Interessen fördern, wissen aber wegen dem Schleier des Nichtwissens nicht, welche Interessen sie haben. Um dennoch die Möglichkeit einer Entscheidung zu haben, müssen die Beteiligten gewisse Vorstellungen über das Gute besitzen. Rawls setzt bei diesen Vorstellungen lediglich voraus, dass es vernünftige und langfristige Pläne sein sollen.[8] Den Beteiligten soll somit bewusst sein, dass sie einen vernünftigen Lebensplan haben. Die Einzelheiten, die eigenen Ziele und Interessen, bleiben jedoch verborgen.[9] Abgeleitet hieraus erstellt Rawls eine „ Schwache Theorie des Guten “, welche die gesellschaftlichen Grundgüter festlegt. Unter diesen Grundgütern versteht Rawls Dinge, von denen ein vernünftiger Mensch lieber mehr als weniger haben möchte.[10] Die wichtigsten Grundgüter sind laut Rawls Rechte, Freiheiten, Chancen, Einkommen, Vermögen und auch das Selbstwertgefühl.[11]

2.3 Motivation und Vernünftigkeit im Urzustand

In seinem gesamten Werk und Gedankenexperiment setzt Rawls die Theorie des Guten und die Vernunft des Menschen voraus. Die Bedeutung des Begriffs Vernunft führt Rawls auf den Standardbegriff aus der Sozialwissenschaft zurück. Obwohl die Menschen sich im Urzustand in einem Schleier des Nichtwissens befinden und bestimmt Ziele nicht kennen, ist es ihnen möglich, ihre Möglichkeiten in eine Rangordnung zu bringen. Diese Rangordnung möchte ich in den folgenden Absätzen vorstellen.[12]

2.3.1 Rationalität

Ein vernunftgeleiteter Mensch hat ein System von Präferenzen der ihm offenstehenden Möglichkeiten. Er erstellt sich eine Rangordnung und sortiert die Möglichkeiten nach der Dienlichkeit für seine Zwecke. Der Plan dem er folgt, soll möglichst viele seiner Wünsche erfüllen und ihm eine gute Aussicht auf eine erfolgreiche Umsetzung und Verwirklichung bieten. Die Menschen in Rawls Gedankenexperiment, dem Urzustand, gehen davon aus, dass sie von den gesellschaftlichen Grundgütern lieber mehr als weniger haben möchten. Ihnen ist bewusst, dass sie ihre Freiheiten schützen müssen, ihre Möglichkeiten verbessern und die Mittel zur Verfolgung ihrer noch unbekannten Ziele vermehren sollen.[13] Sie wollen natürlich gemäß ihren Vorstellungen des Guten handeln, jedoch kennen sie keine moralischen Bindungen aneinander.[14]

2.3.2 Gegenseitiges Desinteresse

In der Situation des Urzustandes sind die Menschen gegenseitig desinteressiert. Den Beteiligten liegt also nichts an den Interessen des anderen. Dieses Verhalten impliziert keineswegs, dass alle Menschen im Urzustand Egoisten sind, durch das gegenseitige Desinteresse soll gewährleistet werden, dass die Grundsätze der Gerechtigkeit von schwachen Bedingungen gekennzeichnet sind. Hierunter versteht man, dass verbreitete natürliche Gefühle zwischen Menschen nicht vorausgesetzt werden sollen.[15]

2.3.3 Neidfreiheit

Eine Zusatzannahme Rawls ist es, dass vernunftgeleitete Menschen keinen Neid kennen.[16].Hierfür liefert er jedoch keinen Hinweis, wie diese Annahme zu begründen oder zu gewährleisten ist. Man kann jedoch aus den vorhergehenden Annahmen ableiten, dass die Menschen im Urzustand gerade durch ihr gegenseitiges Desinteresse und das Unwissen über Vorteil und Nachteil kein Motiv für Neid haben, da ihnen ja nicht bewusst ist, ob die verpasste Möglichkeit oder das vorenthaltene Gut ihnen genutzt hätten.

[...]


[1] John Rawls: Eine Theorie der Gerechtigkeit, S.12.

[2] Thomas W. Pogge: John Rawls, S.34 f.

[3] Spiegel Online: Kluft zwischen Arm und Reich gefährdet Weltwirtschaft. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/weltwirtschaftsforum-global-risks-report-zeigt-groesste-gefahren-a-876236.html . [Stand 3.3.2013]

[4] Josef Lindner: Theorie der Grundrechtsdogmatik, S.101.

[5] Rawls: Eine Theorie der Gerechtigkeit, S.160.

[6] Ebd., S.162.

[7] Ebd., S.160f.

[8] Rawls: Eine Theorie der Gerechtigkeit, S.151.

[9] Thomas Pogge: John Rawls, S.55.

[10] Rawls: Eine Theorie der Gerechtigkeit, S.112f.

[11] Bernd Ladwig: Gerechtigkeit und Verantwortung, S.48.

[12] Rawls: Eine Theorie der Gerechtigkeit, S.166.

[13] Ebd., S.166f.

[14] Ebd., S.150f.

[15] Ebd., S.152.

[16] Ebd., S.167.

Details

Seiten
13
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656418177
ISBN (Buch)
9783656419327
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v213329
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Politikwissenschaft
Note
Schlagworte
john rawls theorie gerechtigkeit urzustand fiktive situation möglichkeit umsetzung

Autor

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Titel: John Rawls Theorie der Gerechtigkeit: Der Urzustand