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Semantischer Sprachwandel in der Jugendsprache

Aufbereitung von Hip-Hop Texten

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 23 Seiten

Germanistik - Semiotik, Pragmatik, Semantik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Grundlegende und relevante Begriffe
2.1 Definition Sprachwandel
2.2 Der semantische Wandel

3 Typen des Bedeutungswandels
3.1 Bedeutungswandel nach quantitativen Aspekten
3.1.1 Bedeutungserweiterung
3.1.2 Bedeutungsverengung
3.1.3 Bedeutungsverschiebung
3.1.4 Bedeutungsübertragung (Metapher und Volksetymologie)
3.1.5 Bedeutungsverhüllung (Euphemismus)
3.1.6 Metonymischer Wandel
3.1.7 Implikatur
3.1.8 Ellipse
3.2 Bedeutungswandel nach qualitativen Aspekten
3.2.1 Bedeutungsverschlechterung (Pejorisierung)
3.2.2 Bedeutungsverbesserung (Meliorisierung)

4 Definition Jugendsprache

5 Analyse: Semantischer Sprachwandel in HIP-HOP-Texten
5.1 Songtext: „Immer wenn ich Rhyme“ (Kool Savas)
5.2 Songtext: „Haus aus Gold“ (Bushido & SIDO)

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Gegenstand der vorliegenden Hausarbeit ist der semantische Sprachwandel in der deutschen Jugendsprache. Semantischer Sprachwandel findet grundsätzlich in jeder Sprache, zu allen Zeiten und in allen Bereichen statt. Zu diesen gehören die Morphologie, die Phonologie, die Grammatik und eben die Semantik. Der semantische Sprachwandel, der auch als Bedeutungswandel bezeichnet wird, stellt einen Spezialfall von Sprachwandel dar, denn hier verändern die Sprecher die Gebrauchsregeln eines Wortes dadurch, dass sie einen zunächst gelegentlichen Sinn so häufig erzeugen, dass mit der Zeit in der Sprachgemeinschaft ein Umlernen erfolgt. Alle weiteren Formen des Sprachwandels basieren auf anderen Prinzipien, die aus quantitativen Gründen in dieser Arbeit nicht weiter ausgeführt werden können. Die Untersuchung der Jugendsprache auf einen semantischen Wandel hin hat sich als besonders interessant und sinnvoll herausgestellt, da sie eine Fülle an Sprachinnovation beinhaltet. Dieses Phänomen sowohl auf semantischer als auch auf grammatikalischer Ebene, ist es auch, das immer wieder für Aufruhr sorgt. Dies lässt sich gleichermaßen am Interesse der Medienöffentlichkeit wie auch am darauf basierenden Interesse der Sprachwissenschaft für das Phänomen Jugendsprache belegen. Aufgrund dessen wird ebenfalls kurz auf die Gleichsetzungs-Tendenz zwischen Sprachwandel und Sprachverfall und dem damit zusammenhängenden Generationenkonflikt eingegangen.

Kernthema und zugleich Motivation meiner Arbeit ist es, zu untersuchen, inwiefern semantischer Sprachwandel in der heutigen Jugendsprache zum Tragen kommt und welche Funktion die bewusste Anwendung für die jugendlichen Sprecher erfüllen soll. Um dieses zentrale Anliegen zu untersuchen, befasse ich mich zu Beginn mit den grundlegendsten und wichtigsten Begriffen, die die Basis für ein Verständnis des vorliegenden Themas liefern. Daraufhin werden die verschiedenen Typen des Bedeutungswandels erläutert und in Bezug auf quantitative und qualitative Aspekte unterschieden. Im letzten Abschnitt werden der Song-Text „Immer wenn ich Rhyme“ der Hip-Hop-Interpreten Kool Savas sowie der Text „Haus aus Gold“ von Sido und Bushido herausgegriffen und vertiefend und konkretisierend auf semantischen Bedeutungswandel hin analysiert.

2 Grundlegende und relevante Begriffe

Folgend wird der Begriff des Sprachwandels kurz eingegrenzt und definiert und in Anbetracht des Themas Jugendsprache das Gleichsetzungs-Phänomen zwischen Sprachwandel und Sprachverfall angeschnitten. Anschließend wird der semantische Wandel, das Kernthema der vorliegenden Arbeit, als eine Form des Sprachwandels detailliert vorgestellt. Zudem wird auf seine verschiedenen Typen sowie auf die ihn begünstigenden Faktoren eingegangen.

2.1 Definition Sprachwandel

Laut Terminologie der neueren Linguistik ist Sprachwandel oder auch Sprachdynamik Gegenstand der historischen Sprachwissenschaft, die die Bedingungen und Einschränkungen untersucht, unter denen sich Einzelsprachen historisch verändern. Es gibt verschiedene Anstöße, die Sprachwandel bedingen, so kann dieser aufgrund äußerer Einflüsse und/oder äußerer Bedingungen vorliegen. Externe Faktoren beziehen sich beispielsweise auf Wortentlehnungen, die durch Sprachberührung zustande kommen oder auf materiell-soziale Änderungen (vgl. Abraham 1988, S.793). Bei Letzteren verändert sich die Wort-Bedeutungs-Relation und somit entstehen für bestimmte Wörter neue Bedeutungen. Als interne Bedingungen werden die Optimierung des Sprachsystems durch den Sprecher anhand verstärkter Ökonomie und Transparenz bezeichnet.

Alle oben angesprochenen Faktoren, die Sprachwandel bedingen können, vollziehen sich immer über längere Zeiträume und dem Sprachwandel wird aufgrund dessen auch ein prozesshafter sowie diachroner Charakter zugesprochen. Sprachen, die noch in aktivem Gebrauch sind, können sich zudem nur allmählich und kontinuierlich wandeln. Natürlich existieren zeitliche Abschnitte, in denen sich eine Sprache mehr oder weniger stark verändert, aber es gibt keine, in denen sich eine Sprache überhaupt nicht verändert. Dennoch wäre es für uns schwierig, die Frage zu beantworten, welche Sprachwandelprozesse momentan in unserer Sprache ablaufen, da der Sprachwandel ein Phänomen ist, das nicht bewusst und absichtlich vom Sprecher initiiert werden kann. D.h. eine willentliche Beeinflussung des Sprachwandels ist nicht möglich, der Sprecher ist weder in der Lage, den Wandel anzuhalten, noch ihn in irgendeiner Form zu begünstigen bzw. zu beschleunigen (vgl. Keller/Kirchbaum 2003, S.8). Hinzu kommt, dass er in der Regel nicht bemerkt wird, was ebenfalls seinem prozesshaften Charakter geschuldet ist. Wird er dennoch realisiert, dann nur aufgrund einer systematischen Fehlerhaftigkeit, aus der dann häufig ein vermeintlicher Sprachverfall diagnostiziert wird. In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass dem Sprachwandel an sich etwas Verwerfliches anhaftet, denn die meisten Menschen assoziieren mit dem Sprachwandel keine positive Innovation, sondern grundsätzlich einen negativ konnotierten Verfall, der für den Niedergang der deutschen Sprach-Kultur verantwortlich ist.

Des Weiteren verwechseln viele Menschen die Aufnahme von Neologismen in unseren Sprachgebrauch mit dem Sprachwandel an sich. Hierbei wird sich häufig auf die Entlehnung von Anglizismen bezogen, die ebenfalls ausschließlich negativ bewertet werden (vgl. Nübling u. a. 2010, S.1). Keller umschreibt dieses Phänomen sehr anschaulich, indem er es mit der Handhabung der Kleidermode vergleicht. Auch hier kommen uns Neuerungen zunächst barbarisch und erschreckend vor. Sobald sie sich dann in den Alltag integriert haben, wird nur noch die Vorgängerversion belächelt (vgl. Keller 2003, S.19). Genauso verhält es sich beim Sprachwandel, eine Innovation, egal, ob sie zunächst fehlerhaft ist oder nicht, wird erst dann zum Sprachwandel, wenn sie sich im Sprachgebrauch etabliert und somit konventionalisiert hat. Die Konvention impliziert die Kenntnis des Sprechers darüber, in welcher Situation er welches Wort angemessen verwendet und wird beim Erwerb der Sprache erlernt (vgl. Keller/Kirschbaum 2003, S.11).

Das oben bereits angesprochene Phänomen des Sprachverfalls wird seit den Jugendrevolten in den 70er-Jahren in Verbindung mit Jugendsprache gebracht, denn seit diesem Zeitpunkt beklagen Vertreter aus Politik und Wirtschaft eine angebliche Dialogunfähigkeit der Jugendlichen und machen diese für ein Scheitern des „Jugend-Dialogs“ verantwortlich (vgl. Neuland 2007, S. 261f.). Diese, den Generationen-Konflikt beinhaltende Diskussion, führte dazu, dass die sprachlichen Äußerungsformen der Jugendlichen zum ersten Mal Gegenstand der öffentlichen Auseinandersetzung wurden.

2.2 Der semantische Wandel

Semantischer Wandel oder auch Bedeutungswandel ist neben der Wortbildung und der Wortentlehnung eines der drei Hauptverfahren des Bezeichnungswandels, der Gegenstand der Historischen Onomasiologie (Bezeichnungslehre) ist.

Dass sich ein semantischer Wandel, also ein Bedeutungswandel vollzogen hat, würde uns heute auffallen, wenn wir z.B. eine Zeitung aus der Vergangenheit lesen. Wir würden die Erfahrung machen, dass uns zwar viele Wörter bekannt vorkommen, diese aber damals eine andere Bedeutung hatten. So ist ein krankes Pferd im Mhd. lediglich ein schwaches Tier, das zurzeit nicht zur Arbeit zu gebrauchen ist. Heutzutage würde man darunter verstehen, dass das Pferd erkrankt und auf ärztliche Hilfe angewiesen ist (vgl. Nübling u.a. 2010, S.108). In diesem Fall hat also ein Bedeutungswandel stattgefunden, da das Wort, also der materielle Wortkörper an sich, bekannt ist und sich nicht verändert hat. Das ist daran zu erkennen, dass das Wort krank nach wie vor so geschrieben und verwendet wird. Dennoch hat es seinen Inhalt verändert, da es nun eine notwendige ärztliche Hilfe impliziert (s.o.). Eben diese ausschließlich inhaltsseitliche Veränderung wird als Bedeutungswandel definiert.

Bevor im nächsten Abschnitt auf die verschiedenen Typen des semantischen Wandels näher eingegangen wird, muss zunächst geklärt werden, warum und wie sie überhaupt entstehen, zumal ein Bedeutungswandel vom Sprecher nicht bewusst initiiert wird. In diesem Zusammenhang existieren zwei Arten von Bedeutung, die zum besseren Verständnis deutlich voneinander abgegrenzt werden müssen. Zunächst gibt es die Bedeutung eines Wortes im Wortschatz einer Sprache und zum zweiten die Bedeutung des Wortes, die ein Sprecher in einer spezifischen Situation meint. So beschreibt das Wort Feuer im Wortschatz der deutschen Sprache grundsätzlich eine Verbrennung unter Abgabe von Wärme und der Entstehung von Licht und die meisten Menschen denken bei diesem Wort wahrscheinlich an ein Lagerfeuer. Trotzdem kann das Wort in verschiedenen Situationen auch andere Bedeutungen haben. So fragen Jugendliche, die sich eine Zigarette anmachen wollen, beispielsweise jemanden nach Feuer, was in diesem Fall ein Feuerzeug bzw. ein Streichholz bedeutet. Eine Nutzung des Begriffes im Militärjargon beinhaltet beispielsweise den Schießbefehl. Die Bedeutung des Ausdrucks lernen wir, wenn wir die Sprache beherrschen, so wie z.B. bei unserer Muttersprache der Fall ist. Möchten wir aber die Bedeutung des Ausdrucks bezogen auf eine spezifische Situation verstehen, gibt es zwei Faktoren, die erfüllt werden müssen. Zum Einen müssen wir die Bedeutung des Ausdrucks kennen und zweitens ist es erforderlich, dass wir die Situation sowie den vorherigen Kontext richtig einschätzen. So kann ein Sprecher mit der Aussage „super Leistung!“ z.B. ein Lob für sein Team ausgesprochen haben, er könnte damit jedoch genauso ein vernichtendes Urteil über seine Mannschaft geäußert haben, wenn er sie auf ironische Art und Weise nach einer 0:5- Niederlage direkt nach seinem Stadionbesuch ausgesprochen hätte. Man sieht an diesem Beispiel, dass es nicht möglich ist, allein auf Basis der Sprachkenntnis über die Bedeutung des Ausdrucks zu entscheiden, denn das entsprechende Situationswissen ist in diesem Fall unbedingt notwendig. Keller hat diesen wichtigen Unterschied zwischen der Bedeutung eines Wortes und der Bedeutung, die der Sprecher in einer bestimmten Situation meint, auf den Punkt gebracht. Für ihn ist die Bedeutung eines Wortes die Regel oder auch Konvention des Gebrauches in der Sprache. Wie bereits angesprochen, lernen wir den Gebrauch des Wortes, wenn wir uns unsere Muttersprache aneignen. Die Bedeutung, die jemand hingegen in einer bestimmten Situation mit einer spezifischen Wortverwendung erzielen möchte, bezeichnet er als Sinn (vgl. Keller/Kirchbaum 2003, S.11). Nun bleibt noch zu klären, welche Faktoren einen Bedeutungswandel begünstigen. Der zunächst den Wandel auslösende Faktor ist die Abweichung des Sprechers bzw. Hörers von dem bis dahin üblichen Sprachgebrauch. Der Sprecher weicht in seiner Rede von diesem ab und der Hörer wiederum interpretiert dies auf seine eigene Art und Weise. Es gibt verschiedene Gründe für eine Abweichung. Die Sprecher wollen durch sie beispielsweise eine möglichst große Sprach-Effizienz bzw. Ökonomie erzielen oder ihre eigenen Intentionen bestmöglich ausdrücken bzw. ihre grundsätzlichen Gesprächsziele optimal verfolgen. Das Ziel einer möglichst großen Spracheffizienz ist dadurch begründet, dass es viele Wörter gibt, die ein erhöhtes Maß an Konzentration erfordern, um sie richtig zu artikulieren. Aufgrund dessen werden sie im Redefluss abgeändert bzw. verkürzt. Wird diese abgeänderte ökonomisierte Form über einen ausreichend langen Zeitraum verwendet, geht sie irgendwann in den Sprachgebrauch über. Nach diesem Prinzip kann ebenfalls Bedeutungswandel entstehen. Dieser wird nämlich dann eingeleitet, wenn viele Menschen über einen längeren Zeitraum versuchen, ihre kommunikativen Ziele anhand gleicher Strategien bzw. der gleichen Wahl der sprachlichen Mittel zu realisieren. Auch in diesem Fall wird der angewendete Sprachgebrauch irgendwann zu einer neuen Konvention bzw. Regel und der Bedeutungswandel ist abgeschlossen.

3 Typen des Bedeutungswandels

In obigen Abschnitt wurde erläutert, wie Bedeutungswandel im Sprachgebrauch initiiert wird und welche Gründe den Sprecher bzw. Hörer dazu veranlassen. Folgend werden nun die verschiedenen Arten des Bedeutungswandels vorgestellt und auf ihre Funktion eingegangen. Hierbei wird nach quantitativen und qualitativen Aspekten unterschieden. Zu den Arten des Bedeutungswandels mit quantitativen Aspekten gehören die Bedeutungs-Erweiterung, die –Verengung sowie die –Verschiebung. Die Bedeutungsverschlechterung (Pejorisierung) und die Bedeutungsverbesserung (Meliorisierung) sind die Arten, die sich durch qualitative Aspekte auszeichnen.

3.1 Bedeutungswandel nach quantitativen Aspekten

3.1.1 Bedeutungserweiterung

Bei diesem Typ der semantischen Erweiterung werden semantische Merkmale reduziert, wodurch der Grad der Anwendbarkeit des Wortes steigt. Die Bedeutungserweiterung kann sich hierbei auf einzelne lexikalische Wörter oder auf semantische Verallgemeinerungen beziehen. Letztere werden in der Fachliteratur auch als Verblassung, Ausbleichung oder Entkonkretisierung bezeichnet und implizieren, dass das ursprünglich autonome Wort langfristig als Funktionswort für grammatische Konstruktionen genutzt werden kann (vgl. Nübling u.a. 2010, S.110). Die Bedeutungserweiterung eines lexikalischen Wortes lässt sich z.B. anhand des Begriffes „Maus“ verdeutlichen. Er meinte zunächst ausschließlich das Tier, wird aber mittlerweile auch für die Bezeichnung eines Eingabegerätes in der Computertechnologie verwendet. Als Beispiel für eine Reduzierung der semantischen Merkmale und den Übergang des Wortes in ein Funktionswort (Verblassung) eignet sich am besten ein Intensitätspartikel, was im Folgenden anhand des Partikels einigermaßen verdeutlicht werden soll. Das Wort hat seine Herkunft in dem Wort līdelich (spätmittelhochdeutsch), eigentlich, also das, was zu leiden, zu ertragen ist (vgl. DUDEN online 2012, ,eigentlich´) und man erkennt die Bedeutungserweiterung daran, dass es heute für jede Formulierung genutzt werden kann, in der es darum geht, den Intensitätsgrad eines Sachverhaltes auszudrücken bzw. einzuschränken. So kann heutzutage eine Leistung einigermaßen gelungen sein oder eine Person einigermaßen zufrieden sein.

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Details

Seiten
23
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656418641
ISBN (Buch)
9783656419747
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v213428
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau – Institut für Germanistik
Note
2,0
Schlagworte
Sprachwissenschaft Bachelor Semantik Jugendsprache SIDO Kool Savas Hip-Hop Sprachwandel semantischer Wandel Bushido Bedeutungswandel

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