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Analyse des Einsatzes von Raumtheorien im Text "Der Blick des Bildes in der Fotografie. Zur Kunst und Erkenntnis visueller Raumerfahrung" (Wolfgang Kersten)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 18 Seiten

Kulturwissenschaften - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Vorstellung des gewählten Artikels

2. Darlegung der raumtheoretischen Überlegungen im untersuchten Text

3. Die Phänomenologie nach Maurice Merleau-Ponty
3.1. Exkurs - der Begriff des Leibes nach Maurice Merleau-Ponty
3.2. Der Raumbegriff in der Phänomenologie nach Maurice-Merleau Ponty

4. Bewertung der gewählten raumtheoretischen Bezüge

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Vorstellung des gewählten Artikels

Der ausgewählte Aufsatz „Der Blick des Bildes in der Fotografie. Zur Kunst und Erkennt­nis visueller Raumerfahrung“ von Wolfgang Kersten wurde 2008 in der zweiten Ausgabe der Zeitschrift für Kulturwissenschaften veröffentlicht. Die Ausgabe trägt den Titel „Räu­me“ und beinhaltet zehn Kapitel. Die ersten acht setzen sich sowohl aus rein wissenschaft­lich empirischen Studien als auch aus kunst- und kulturwissenschaftlichen Essays zusam­men. Die Kapitel neun und zehn umfassen einen Debattenteil zum Thema „Medienwissen­schaften. Eine transatlantische Kontroverse.“

Die ersten acht Kapitel sind von unterschiedlichen Autorinnen verfasst. Eine Studie über den Südseestrand als Begegnungsraum bei James Cook und Georg Forster wird hier zu­sammengebracht mit einer Darstellung des Wandels von Raumkonzepten in der Vermes­sungstechnik des 20. Jahrhunderts und einer Arbeit über die Raumbegrenzung als Tu­gendmotiv zu Zeiten Ludwigs XIV. Vermeintlich willkürlich zusammengestellt, wird doch rasch deutlich, dass sich der rote Faden der „Raumthematik“ durch die transdisziplinären Arbeiten hindurchzieht. Auf dem Rückseitentext der Publikation verweisen die Autorinnen darauf, dass der Titel „Räume“ absichtlich im Plural gewählt ist. Ihre Intention ist, den abstrakten Begriff Raum vorübergehend außer Acht zu lassen und mithilfe individueller Beiträge die verschiedenen Räume zu analysieren, zu diskutieren und zu begreifen. Der Begriff soll so durch die Gegenüberstellung verschiedener Herangehensweisen unter­schiedlicher Disziplinen mit anschaulichen Beispielen konkretisiert werden.

Der Autor des Artikels, Wolfgang Kersten, ist Titularprofessor am Kunsthistorischen Insti­tut der Universität Zürich. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Kunstge­schichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Des Weiteren befasst er sich mit allgemeiner Kunst­theorie, Kulturkritik sowie problemgeschichtlichen Fragestellungen im Bereich der Kunst­geschichte (khist.uzh.ch).

Im ersten Teil des Aufsatzes schreibt Kersten über die Erzeugung illusionistischer Räume durch die Bildkünste. Er geht zunächst auf bildnerische Techniken ein, die zur Erzeugung räumlicher Eindrücke dienen. Dazu zählen die Verkürzung, der Texturgradient, Licht- und Schattenverhältnisse, Verdeckung, die Erfahrungs-, Luft- und Farbperspektiven sowie die Zentralperspektive, welche von Brunelleschi und Alberti im 15. Jahrhundert erstmals theo­retisch und mathematisch fundiert Verbreitung findet (Kersten 2008: 90). Weiter stellt er die These auf, dass die Unterscheidung zwischen erfahrbarem Zweidimensionalen und Dreidimensionalen hinfällig sei, da das Abbild auf der menschlichen Netzhaut ohnehin weitgehend in zwei Dimensionen entsteht und erst im Gehirn wieder zu einem dreidimen­sionalen Raum zusammengesetzt wird (Kersten 2008: 90).

Haben wir also die gleiche Vorstellung eines Raumes, ganz gleich ob wir ein Foto dessel­ben sehen oder ihn aber im Raum stehend wahrnehmen? Diese Frage verneint Kersten, indem er sich auf Joel Snyder bezieht. Ein Foto oder sonstiges Abbild kann laut Snyder niemals den Akt des Sehens ersetzen (Snyder 2002: 35). In einer nächste These führt Ker­sten aus, dass heutzutage grundsätzlich „[...] zwischen dem visuell und dem materiell er­zeugten Raum und einer entsprechenden Raumerfahrung unterschieden werden [kann].“ (Kersten 2008: 91). Während des Betrachtens eines Bildes stellt sich Raumerfahrung zu­nächst über die visuelle Ebene ein. Diese differenziert sich in drei Bestandteile: Den Bild­raum oder den abgebildeten Raum, den realen Raum des oder der Betrachtenden sowie den materielle Raum, der sich zwischen den Malschichten und dem Bildträger befindet (Ker- sten 2008: 91).

Den Bildraum bezeichnet Kersten auch als illusionistischen Raum. Die Erzeugung dessel­ben wird anhand dreier Beispiele veranschaulicht. Als erstes geht Kersten auf den fotogra­fischen Raum ein, welcher optisch bedingt stets zentralperspektivisch ist. Hier führt er als Beispiel die Arbeiten der Fotografin und Künstlerin Candida Höfer an. Sie thematisiert in ihren Arbeiten den fotografischen Innenraum, beispielsweise von Museen und Bibliothe­ken. In einer Fotografie ihres Weimar-Projekts stellt Höfer eine zentralperspektivische Fotografie her, in welcher sich der Raum in einem Spiegel wiederspiegelt (Kersten 2008: 92). Der Raum kann sich durch das absichtliche Einsetzen des Spiegelmotivs scheinbar bis ins Unendliche vervielfältigen. Im zweiten Beispiel wird der Bildraum anhand des Gemäl­des „Selbstbildnis mit Frau und Töchtern“ von Franz von Lenbach analysiert. Im Gegen­satz zum fotografischen Raum breitet sich der Bildraum nicht mehr in die Tiefe der Kom­position aus, sondern von der Bildoberfläche zu den Augen des Betrachters oder der Be­trachterin (Kersten 2008: 94). Kersten erläutert, dass sich der Begriff „Raum“ am Beispiel des Familienporträts auf drei Ebenen finden lässt. Er nennt neben dem kompositionellen Bildraum den bildkünstlerisch abgeänderten fotografischen Raum und den realen Raum des Geschehens (Kersten 2008: 95). Als drittes Beispiel erwähnt Kersten den Raum des oder der Betrachtenden. Er schreibt, dass „[...] die visuelle Erfahrung eines Bildes auch in Abhängigkeit zu dem Raum, in dem es eine Person von unterschiedlichen Standorten aus betrachtet [, steht].“ (Kersten 2008: 95). Er kritisiert, dass sich die Personen beim Betrach­ten eines Bildes fast immer in einem „konventionellen musealen Raum“ (Kersten 2008: 95) befinden, welcher ausschließlich einer ästhetischen Erfahrung dient.

Im letzten Abschnitt resümiert Kersten seine Thesen. Seiner Auffassung nach findet eine Angleichung der kulturellen Erfahrung von Bildräumen gemalter Bilder und denen von Fotografien statt. Dies geschieht insbesondere, wenn die Werke in reproduzierter Form angesehen werden. Seine abschließende Schlussfolgerung legt dar, dass die Erzeugung illusionistischer Bildräume immer einher geht mit Techniken und Betrachtungsweisen, verbunden mit der Materialität des jeweiligen Kunstwerks (Kersten 2008: 98).

2. Darlegung der raumtheoretischen Überlegungen im untersuchten Text

Kersten bezieht sich in seinem Aufsatz auf verschiedene Autorinnen und deren jeweilige Raumkonzepte. Gleich im ersten Absatz verweist er auf einen 1932 gehaltenen Vortrag von Erwin Panofsky. Inhalt des Vortrags war die Wahrnehmung von Bildräumen und in­wieweit diese Wahrnehmung an historische Voraussetzungen gebunden ist. 1974 wurde der Vortrag unter dem Titel „Zum Problem der Beschreibung und Inhaltsdeutung von Werken der bildenden Kunst“ in einem Sammelband veröffentlicht (Panofsky: 1974).

Erwin Panofsky (1892-1968) stand in engem Kontakt mit namhaften Kunsthistorikern wie Aby Warburg, Fritz Saxl und dem Philosophen Ernst Cassirer und war Mitbegründer des Hamburger kunsthistorischen Seminars bevor er aufgrund der Machtübernahme der Natio­nalsozialisten im Jahr 1933 zur Emigration gezwungen wurde (warburg-haus.de). Pa- nofskys raumtheoretische Überlegungen gründen demnach auf einer kunsthistorischen Perspektive. Seiner Auffassung nach ist eine Wahrnehmung von Bildräumen zwangsläufig an historische Voraussetzungen geknüpft. Er stellt die These auf, dass nur Betrachterinnen, die sich der raumdarstellerischen Möglichkeiten zur Zeit der Bildentstehung bewusst sind, das jeweilige Kunstwerk adäquat bewerten können. Diese These argumentiert er mit Les­sings Antiquarischen Briefen, in welchen der Autor ein Beispiel für gescheiterte Bildanaly­se anführt: Lukian beschreibt das Gemälde „Zentaurenfamilie“ von Zeuxis von Herakleia, doch es misslingt ihm, da er die Historie des Werkes außer Acht lässt und es ohne Einbe­ziehen der Entstehungsgeschichte deutet (Lessing 1886: 65).

Weiter beschäftigt sich Panofsky mit Bildbeschreibung, wobei er die rein „formale“ von einer „gegenständlichen“ abgrenzt (Panofsky 1974: 86). Er schreibt, dass man in einer formalen Beschreibung eines Bildes keine Ausdrücke wie „Stein“ gebrauchen dürfe, son­dern sich vielmehr darauf beschränken müsse, „die Farben, die sich in mannigfacher Nu­ancierung gegeneinander absetzen, miteinander [zu] verbinden und sich höchstens zu quasi ornamentalen oder quasi tektonischen Formkomplexen zusammenbeziehen lassen, als völ­lig sinnleere und sogar räumlich mehrdeutige Kompositionselemente zu deskribieren“ (Pa- nofsky 1974: 86). Panofsky kritisiert, dass durch Beschreibung Raum generiert wird, der auf diese Art und Weise nicht vorhanden ist. Er nennt als Beispiel eine Abbildung des schwebenden Christus von Grünewald; dieser schwebt vermeintlich auf dem Bildgrund, tut es in der Realität dennoch längst nicht (Panofsky 1974: 88). Hier sind klare Bezüge zu Maurice Merleau-Pontys phänomenologischer Theorie zu sehen. Merleau-Ponty führt in seinem Aufsatz „Die Unhintergehbarkeit der Wahrnehmung“ (Merleau-Ponty 2002) das Beispiel eines Würfels an. Im Betrachten eines Würfels ist es unmöglich, alle Seiten gleichzeitig aus der selben Perspektive wahrzunehmen (Merleau-Ponty 2002: 285f). Ob­wohl wir nur einen Teil der Würfelseiten sehen, behaupten wir, einen ganzen Würfel zu sehen.

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Details

Seiten
18
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656421641
ISBN (Buch)
9783656422662
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v213676
Institution / Hochschule
HafenCity Universität Hamburg – Kultur der Metropole
Note
1,3
Schlagworte
Maurice Merleau-Ponty Phänomenologie Alberti Snyder Panofsky Raumtheorie Bildtheorie

Autor

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Titel: Analyse des Einsatzes von Raumtheorien im Text "Der Blick des Bildes in der Fotografie. Zur Kunst und Erkenntnis visueller Raumerfahrung" (Wolfgang Kersten)