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Der Film als Mittel der nationalsozialistischen Formationserziehung

Untersuchung zum Unterrichtseinsatz ausgewählter Filme Leni Riefenstahls

Masterarbeit 2013 80 Seiten

Pädagogik - Medienpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Ehrenwörtliche Erklärung

Vorwort

Kurzfassung

Abstract

1 Einleitung

2 Bildungshistorischer Kontext
2.1 Erziehung und Schule im nationalsozialistischen Staat
2.1.1 Lehrer und Unterricht unter der Diktatur Hitlers
2.1.2 Formationserziehung
2.1.3 Zusammenfassung
2.2 Der Film im nationalsozialistischen Staat
2.2.1 Begriffsklärung: Audiovisuelle Lehr- und Lernmittel
2.2.2 Der Schul- und Unterrichtsfilm
2.2.3 Reichsstelle für den Unterrichtsfilm
2.2.4 Reichspropagandaleitung der NSDAP / Amtsleitung Film
2.2.5 Leni Riefenstahl
2.2.6 Zusammenfassung
2.3 Begleitmaterialien zu Filmen für Lehrer im nationalsozialistischen Staat
2.3.1 Lehrerbegleitheft-Reihe Staatspolitische Filme
2.3.2 Zusammenfassung

3 Untersuchung ausgewählter Exemplare der Lehrerbegleitheft-Reihe Staatspolitische Filme
3.1 Heft 4: Wolkenstürmer und Tag der Freiheit!-Unsere Wehrmacht!
3.1.1 Aufbau des Heftes
3.1.2 Grundlegende Intentionen des Heftes
3.1.3 Analyse des Teilabschnittes Zum unterrichtlichen Gebrauche
3.1.3.1 Aufbau
3.1.3.2 Didaktische Bewertung
3.1.4 Zusammenfassung
3.2 Heft 8/9: Olympia
3.2.1 Aufbau des Heftes
3.2.2 Grundlegende Intentionen des Heftes
3.2.3 Analyse des Teilabschnittes Zum unterrichtlichen Gebrauche
3.2.3.1 Aufbau
3.2.3.2 Didaktische Bewertung
3.2.4 Zusammenfassung
3.3 Bezug der Einzelanalysen zur Formationserziehung des nationalsozialistischen Staates
3.3.1 Kriterien für die Bezugnahme
3.3.2 Wolkenstürmer und Tag der Freiheit!-Unsere Wehrmacht! – Filmarbeit und Formationserziehung
3.3.3 Olympia – Filmarbeit und Formationserziehung
3.4 Zusammenfassung der Untersuchung

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

Ehrenwörtliche Erklärung

Ich versichere:

- dass ich die Masterarbeit selbstständig verfasst, andere als die angegebenen Quellen und Hilfsmittel nicht benutzt und mich auch sonst keiner unerlaubten Hilfe bedient habe.
- dass ich dieses Thema bisher weder im In- und Ausland zur Begutachtung in irgendeiner Form als Prüfungsarbeit vorgelegt habe.
- dass diese Arbeit mit der vom Begutachter beurteilten Arbeit übereinstimmt.

Datum Unterschrift

Vorwort

Den ersten Zugang zum Thema Film im Nationalsozialismus erhielt ich bereits in meiner eigenen Schulzeit, während der ich im Rahmen einer Prüfungsersatzleistung eine schriftliche Arbeit über das Leben der Regisseurin, Schauspielerin und Tänzerin Leni Riefenstahl anfertigte. Unter dem Arbeitstitel Leni Riefenstahl – Geniale Regisseurin oder unbelehrbare Propagandistin beschäftigte ich mich intensiv mit ihrer Person und den heute immer noch ungeklärten Kontroversen, die ihr Wirken begleiteten.

Die hier vorliegende Masterarbeit hat mir nun die Möglichkeit gegeben, mein Interesse an dieser Thematik mit Fragen der Didaktik zu verknüpfen. In Seminaren und Vorlesungen des Masterstudienganges wie z. B. Bilder als Quellen der Erziehungsgeschichte von Herrn Dr. Link oder Wege zum Abitur im 19. und 20. Jahrhundert von Herrn Prof. Dr. Tosch konnte ich dahingehend erste Anregungen erhalten. Aus diesem Grunde beschloss ich, meine Masterarbeit in der historischen Bildungsforschung anzufertigen und den für mich spannenden Einsatz von Lehrerbegleitheften zu Filmen Leni Riefenstahls vor dem Hintergrund der damaligen Formationserziehung näher zu beleuchten.

Ich möchte mich an dieser Stelle für die Anregungen, Unterstützungen sowie kritischen Begutachtungen aller Art und in allen Phasen der Arbeit vor allem bei Herrn Dr. Jörg Link und Herrn Prof. Dr. Frank Tosch bedanken. Mein Dank gilt weiterhin meiner Familie sowie meinen Freunden, die mich während der gesamten Arbeitszeit unterstützt und motiviert haben.

Kurzfassung

Die vorliegende Masterarbeit geht der Frage nach, inwieweit die hier ausgewählten Lehrerbegleithefte zu Werken Leni Riefenstahls Wolkenstürmer und Tag der Freiheit!-Unsere Wehrmacht! sowie Olympia der didaktischen Reihe Staatspolitische Filme die Formationserziehung der Nationalsozialisten, umgesetzt durch den unterrichtlichen Filmeinsatz, unterstützen.

Es ließ sich im Rahmen dieser Masterarbeit herausfinden, dass dies zumindest zum Teil erfolgreich umgesetzt werden konnte, da ein Großteil der Elemente der Formationserziehung in den beiden Heften vorgefunden wurde. Die Tatsache, dass die verschiedenen Kriterien dort in unterschiedlicher Weise und Häufigkeit angesprochen werden, belegt, dass die Begleithefte im Zusammenhang mit den entsprechenden Filmen im Unterricht im Sinne der nationalsozialistischen Formationserziehung wirken konnten.

Abstract

The Master´s Thesis at hand considers the question to what extent the selected Teacher’s Guides to works of Leni Riefenstahl (Wolkenstürmer und Tag der Freiheit!-Unsere Wehrmacht! and Olympia) published in the educational series Staatspolitische Filme support the National Socialist concept of “Formationserziehung” through the use of film in teaching.

Findings within the framework of this Master’s Thesis showed that to some extent this was the point since a majority of elements connected to “Formationserziehung” have been found in both Teacher’s Guides. The fact that both books employ the different criteria in various ways and frequency proves that in combination with the corresponding films both Teacher’s Guides were able to support the National Socialist “Formationserziehung” in teaching.

1 Einleitung

Audiovisuelle Medien, insbesondere der Film, werden häufig im Unterricht verwendet. In der Regel erfolgt dieser Einsatz zur Einführung oder fachlichen Vertiefung einer Thematik, oft ist es aber auch einfach nur ein Mittel, um z. B. Vertretungsunterricht oder ausstehende Stunden vor den nächsten Ferien füllen zu können. Aus meiner eigenen bisherigen Erfahrung als Lehrerin weiß ich, dass zumindest Letzteres die am weitesten verbreitete Sichtweise von Schülerinnen und Schülern zum Stellenwert von Filmen im Unterricht darstellt.

Dieser Sachverhalt ist bedauerlich, da Filme, richtig eingesetzt, sich vermutlich mit großer Sicherheit positiv auf das Lerngeschehen und somit die Leistungen der Schüler auswirken können. Doch was heißt es, Filme richtig im Unterricht einzusetzen? Ist man sich als Lehrer der Wirkung von Filmen immer gänzlich bewusst? Diese Frage lässt sich mit Sicherheit nur schwer beantworten, bot jedoch auch einen ersten Ausgangspunkt für die Spezifizierung der Themenstellung dieser Masterarbeit.

Der Film im Nationalsozialismus ist ein weitreichendes Thema, das verschiedene Ansätze für wissenschaftliche Arbeiten bietet. Es existieren Werke zum Unterrichtsfilm im Nationalsozialismus, zum Spielfilm im Nationalsozialismus, sowie zu den staatlichen Einrichtungen (Reichstelle für den Unterrichtsfilm; Reichspropagandaleitung der NSDAP / Amtsleitung Film), die zur damaligen Zeit Unterrichts- und Spielfilme produziert haben und auf die in den nachfolgenden Kapiteln der Arbeit noch näher eingegangen wird.

Grundlage für die hier vorliegende Masterarbeit stellt ein Material dar, welches bisher noch nicht untersucht wurde. Die Lehrerbegleitheft-Reihe Staatspolitische Filme (1936-1941) bietet die Möglichkeit, didaktische Konzepte zu den im Nationalsozialismus produzierten Filmen zu untersuchen. Dazu werden zunächst Begrifflichkeiten und Zusammenhänge zur Erziehung sowie zum Film im nationalsozialistischen Staat vorgestellt. Dies dient der Schaffung eines Kontextes für den Untersuchungsgegenstand. Der Unterricht sowie die Formationserziehung unter der Herrschaft Hitlers nehmen hierbei einen besonderen Stellenwert ein, da deren nähere Erläuterung für die Beantwortung der Forschungsfrage essenziell ist. Darüber hinaus gilt es, auf den Unterrichtsfilm allgemein, die bereits erwähnten Einrichtungen für die Produktion der nationalsozialistischen Filme sowie auf Leni Riefenstahl als Regisseurin vertiefend einzugehen.

Im Anschluss werden dann die Hefte, die Begleitmaterialien zu Werken von Leni Riefenstahl darstellen (Heft 4, 1937 & Heft 8/9, 1938) auf selbst zusammengestellte Elemente, welche die Formationserziehung zusammenfassen, hin untersucht, um die Forschungsfrage zu beantworten, ob und inwieweit die vorliegenden Materialien die nationalsozialistische Formationserziehung beim Einsatz von Filmen im schulischen Kontext unterstützen.

Die Ergebnisse dieser Arbeit sollen einen Einblick in den schulischen Mediengebrauch der Nationalsozialisten zu Propagandazwecken geben. Sie sind als Versuch zu verstehen, eine mögliche Form der Umsetzung der Formationserziehung in der Schule aufzuzeigen.

2 Bildungshistorischer Kontext

2.1 Erziehung und Schule im nationalsozialistischen Staat

„Hitler über Erziehungsziele: »Meine Pädagogik ist hart. Das Schwache muss weg gehämmert werden. In meinen Ordensburgen wird eine Jugend heranwachsen, vor der sich die Welt erschrecken wird[…].«“ (Gutjahr, 2007, S. 370).

In diesem Zitat, welches aus dem Jahre 1941 stammt und der Programmschrift „Mein Kampf“ entnommen wurde, beschreibt Adolf Hitler, welche Ziele er sich für die Erziehung unter seiner Diktatur vorstellt. Die Bildung des Einzelnen, also die individuelle Förderung von Persönlichkeiten, wird hierbei gänzlich außer Acht gelassen. Noch zu Zeiten der Weimarer Republik enthielt das Parteiprogramm der Nationalsozialisten folgendes: „…»jedem fähigen und fleißigen Deutschen das Erreichen höherer Bildung und damit das Einrücken in führende Stellungen zu ermöglichen«, »Ausbau unseres gesamten Volksbildungswesens«, »Anpassung der Lehrpläne an die Erfordernisse des praktischen Lebens…«“ (Keim, 1997, S. 9) sowie weitere Unterpunkte, die alle das Ziel verfolgten, jedem Bürger die gleichen Chancen auf Bildung zu gewährleisten. Nach der Machtergreifung und der Verdrängung anderer Parteien wurde es abgelöst und durch oben erwähnte, radikalere Maßnahmen und Vorstellungen ersetzt. Hitler verdeutlichte zudem, welchen Bildungszielen er einen höheren Stellenwert einräumte, indem er festlegte, dass die Aufrechterhaltung der Gesundheit vor der charakterlichen Schulung der Einzelpersonen einzuordnen sei. Erst an dritter Stelle stand die wissenschaftliche Bildung (vgl. ebd., S. 16).

Was auf dieser Basis folgte, war ein Parteiprogramm, welches geprägt war von Rassedenken und Forderung nach Rasseerhaltung, dem Aufbau des Staates und seiner Einrichtungen im Sinne der absoluten Untertänigkeit dem Führer Adolf Hitler gegenüber (Hitlerjugend, SA, SS etc.) sowie dem ständigen Anspruch des deutschen Volkes an der Verteidigung und dem Ausbau des Staatsgebietes (vgl. ebd., S. 15). Alle diese Punkte stellten eine Grundlage für die Erstellung und Rechtfertigung nationalsozialistischer Erziehungsgrundsätze dar, „angefangen bei der – zur ersten Aufgabe des Staates bestimmten - »Erhaltung, Pflege und Entwicklung der besten rassischen Elemente« sowie deren Züchtung zu wertvollen Gliedern »für eine spätere Weitervermehrung«, über die Neubewertung des Verhältnisses von geistiger, körperlicher und charakterlicher Erziehung bis hin zu den bereits in »Mein Kampf« fixierten Grundsätzen für Sport und Geschichtsunterricht sowie der Orientierung am Heer als der »höchsten Schule vaterländischer Erziehung«“ (ebd., S. 15f.).

Aus dieser Zusammenfassung der Erziehungsgrundsätze geht bereits die Bedeutung des Geschichts- sowie Sportunterrichts hervor, welche auch in den folgenden Kapiteln dieser Arbeit eine Rolle spielen wird. Die als Analysematerial dienenden Lehrerbegleithefte zu Riefenstahl-Filmen sind zwar nicht eindeutig für den Geschichts- oder Sportunterricht ausgewiesen, jedoch sollte aufgrund der speziellen Bedeutung, welche die Nationalsozialisten diesen Unterrichtsfächern beimaßen, z. T. ein besonderes Augenmerk auf sie gerichtet werden.

Genauso ist in dieser Masterarbeit auf Basis der Forschungsfrage der Bezug zur Formationserziehung der Nationalsozialisten zu ziehen. Da dieser im weiteren Verlauf der Masterarbeit ein eigenes Unterkapitel zukommt, sei an dieser Stelle nur kurz erwähnt, dass es ein zentrales Anliegen der Nationalsozialisten war, neben der bereits erwähnten charakterlichen Schulung für eine absolute Gefolgschaft der Heranwachsenden gegenüber dem Reich auch nach- und außerschulisch in Parteiorganisationen zu sorgen, wie z. B. der Hitler-Jugend (HJ) oder dem Bund Deutscher Mädel (BDM) (vgl. ebd., S. 17f.).

Alles in allem nimmt die Gewalt im Erziehungsprogramm der Nationalsozialisten einen sehr großen Stellenwert ein. Platner (1988) schreibt dazu, dass „Gewalt […] als zentrale menschliche Lebensäußerung, ja als Sinn des Lebens schlechthin dargestellt“ (S. 19) wird. Diese Aussage bestätigt den Anspruch Hitlers, dass Bildung im wissenschaftlichen Sinne an letzter Stelle stehen sollte bzw. zu vernachlässigen sei. Es geht ihm einzig und allein um die Vorbereitung auf den bevorstehenden Krieg.

„Damit wird das Individuum zum »Volksgenossen« - als Bestandteil einer anonymenMasse. Erziehung heißt in diesem Sinne nicht Entfaltung der Persönlichkeit,sondern geistige und seelische Verengung [….] Durch absolute Außensteuerung wird der Mensch der primitivsten Gewaltideologie verfügbar gemacht. Die völlige Selbstaufgabe, die vor allem von der Jugend verlangt wurde, is eiHitler Bestandteil eines Menschenbilds, das eindeutig sadomasochistische Züge trägt: »Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend wil ch.[…] Schmerzen muss sie ertragen. Es darf nichts Schwaches und Zärtliches an ihr sein.«“ (ebd., S. 21)

Lehrbücher sowie Lied- und Gedichttexte, die zur Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft verfasst wurden, hatten die Aufgabe, dieses Denken zu verbreiten. Gewalt, Grausamkeit und Tod sollten für die Heranwachsenden zu etwas Alltäglichem werden. Sie sollten es nach und nach als Mittel für die Durchsetzung der nationalsozialistischen Lebensweise verstehen und dementsprechend zu gebrauchen lernen. Die Schule nahm in diesem Zusammenhang die wichtige Funktion der vermittelnden Instanz ein und sorgte so für die Umsetzung nationalsozialistischer Zukunftsvorstellungen (vgl. ebd., S. 21f.).

Der Schriftsteller Heinrich Böll, der zur Zeit der Nationalsozialistischen Diktatur selbst zur Schule ging, brachte später die eben beschriebenen Erziehungsgrundsätze auf den Punkt, indem er sagte: „Wir lernen nicht fürs Leben in der Schule, sondern für den Tod“ (ebd., S. 25).

2.1.1 Lehrer und Unterricht unter der Diktatur Hitlers

„Nanu, Studienrat, dunklen Anzug an. Trauerfall?

Keineswegs, keineswegs. Feier gehabt. Jungens gehen an die Front. Kleine Rede gehalten. [….] Ergreifende Feier. Ganz ergreifend. Jungens haben gesungen: Gott, der Eisen wachsen ließ. Augen leuchteten. Ergreifend. Ganz ergreifend.

Mein Gott, Studienrat, hören Sie auf. Das ist ja gräßlich [sic].

Der Studienrat starrte die anderen entsetzt an. Er hatte beim Erzählen lauter kleine Kreuze auf das Papier gemacht.“ (Wolfgang Borchert, in: ebd., S. 18)

Dieses Zitat vom Schriftsteller Wolfgang Borchert bietet einen Einstieg in die Thematik Lehrer und Unterricht unter der Diktatur Hitlers. Es handelt sich hierbei um ein Zitat aus den Lesebuchgeschichten (1949) Borcherts, welches Platner (1988) aufgegriffen hat. Es zeigt eine von mehreren Möglichkeiten auf, wie Lehrer im Nationalsozialismus eingestellt waren. In diesem Falle hat der Lehrer eine zentrale Aufgabe, nämlich die Vermittlung der Grundsätze „Entwicklung und Stärkung des »Wehrwillens«, »zu töten wie zu sterben bereit sein«“ (ebd., S. 18).

Diese Ansicht über die Rolle eines Lehrers im Nationalsozialismus deckt sich nicht mit dem Bild, dass mit dem Lehrerberuf im eigentlichen Sinne assoziiert werden sollte, nämlich die uneingeschränkte Vermittlung von Wissen sämtlicher Fachrichtungen sowie die bedingungslose Förderung aller Schülerinnen und Schüler. Unter der Herrschaft Hitlers war es eher der Fall, dass der Lehrer nur einen Teil davon ausüben und diesen auch nur unter der Beachtung strenger Auflagen der nationalsozialistischen Führung umsetzen durfte. Scholz (1989) hat dazu Folgendes geschrieben: „[D]er Unterrichtsbeamte selber hatte vor lauter Anpassungsbereitschaft seine Identität verloren, leergebrannt in Pflichterfüllung. Dennoch wollte er, mußte [sic] er weiter seines Amtes walten“ (S. 2). Selbstverständlich ist auch zur heutigen Zeit der Lehrer an Vorschriften, Vorgaben der Bildungspolitik und Lehrpläne gebunden, jedoch war dies, vor allem in den späteren Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft, z. B. als ab 1937 die Lehrpläne an die Ideologie angepasst wurden, mit zunehmender Intensität der Fall. Darüber hinaus gilt die hier getroffene Aussage auch in Hinblick auf die Einschränkungen jüdischer Lehrer sowie z. B. auch das Verbot jüdische Schüler zu unterrichten.

Der Lehrer wurde zum „Mitproduzenten von Ideologie“ (ebd., S. 2). Jedenfalls war das die Absicht der Staatsspitze. In den meisten Fällen war dies wohl auch der Fall. Scholz (1989) deutet jedoch an, dass es auch Lehrer gab, die sich dem zu widersetzen versuchten bzw. Forderungen, die ihnen widerstrebten, absichtlich nur in einem Mindestmaß erfüllten, denn „[o]ffensichtlich war sich die Führungsspitze keineswegs so sicher, daß [sic] die Lehrer als Agenten eines Unterdrückungsapparates funktionierten“ (S. 7). Folglich musste es, wenn auch aufgrund der Überwachung durch den Staat eher selten, Lehrer gegeben haben, die nicht vollkommen mit der Umfunktionierung ihres Berufes einverstanden waren. In einem so totalitären Staat wie dem Dritten Reich ist es jedoch aus heutiger Sicht schwer vorstellbar, dass Lehrer den Mut aufbrachten, dies auch durchzuführen. So schreibt Flessau (1987) dazu Folgendes: „»So etwas wie Opposition oder gar Widerstand gegen das Regime war unter den Lehrern nicht festzustellen, nicht einmal Formen einer echten Diskussion gab es«“ (S. 68).

Der Unterricht unter der Diktatur Hitlers diente im Allgemeinen der Verbreitung und Umsetzung der nationalsozialistischen Ideologie und sollte zur „Formung des nationalsozialistischen Menschen durch Typenprägung und Typenzucht“ (Gies, 1992, S. 8) dienen. Gemeint war eine Formung des Menschen im Sinne eines treuen Anhängers, gleichzeitig aber auch eines pflichtbewussten Soldaten, der jederzeit in einem Kampf sein Leben für den Staat und dessen Prinzipien einsetzen würde. Grundlage dafür war die „Weckung von Rassenstolz und Rassenbewusstsein“(ebd.,S. 8). Hitler wollte, dass die Bevölkerung lernt, die eigene Rasse als die einzig Wahre anzusehen und deshalb andere Rassen auch ausschließlich als fremd und somit feindlich zu behandeln. Der Schulunterricht sollte dies vermitteln mit der zielführenden Absicht die „»rassische Urteilskraft«“(ebd.,S.8) zu schärfen.

Sofort mit der Machtübernahme im Jahr 1933 konnten die Nazis jedoch nicht alle vorher bestehenden Reformen und Systeme in ihrem Sinne umformen. Aus diesem Grund konnte Hitler für seinen Staat vor allem zu Beginn seiner Herrschaft nur immer wieder kurzfristige politische Ziele setzen (vgl. ebd., S. 8f.). Ausnahmen stellten die sogenannten „Adolf-Hitler-Schulen“ (ebd., S. 9) sowie die „[n]ationalpolitischen Erziehungsanstalten“ (ebd., S. 9) dar, in deren Schul- und Unterrichtskonzepten Planungen für das ewige Bestehen des Dritten Reiches vorlagen (vgl. ebd., S. 8f.).

Auch aus diesem Grunde lagen zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft keine konkret formulierten Lehrpläne für den Schulunterricht vor. Dithmar (1989) gibt an, dass es den Nationalsozialisten vor allem darum ging, „die „machthungrige[…] und menschenverachtende[…] »Mentalität« durch verschiedenste Lehrinhalte zu füllen“ (S. VIII), was wiederum eine „in sich konsistente Didaktik“ (ebd., S. VIII) ausschloss. In diesem Zusammenhang muss außerdem erwähnt werden, dass die Verbreitung aller ideologischen Konzepte als Lernprozess verstanden wurde, der die theoretische Schulung in den Mittelpunkt stellte und dem sich nicht nur Jugendliche, sondern auch Erwachsene unterziehen sollten (vgl. Scholz, 1989, S. 8).

Neuerungen im Schulunterricht gingen mit Beginn des Zweiten Weltkrieges ganz automatisch einher. „Die Gesellschaft war mobil geworden; Veränderungen im Innern konnten nicht mehr viel Aufmerksamkeit beanspruchen gegenüber der Lage an den Fronten. Der Krieg wurde mit Recht zur eigentlichen erzieherischen Macht erklärt. Radikale Maßnahmen ließen sich jetzt besser durchsetzen“ (ebd., S. 9). Dies machte sich auch im Unterricht bemerkbar. Die Unterrichtszeit wurde verkürzt, um eine ganzheitlich aktive Beteiligung an der Front gewährleisten zu können. Im Gegenzug wurde jedoch die Schulung speziell für den Kampf an der Front weiter ausgebaut (vgl. ebd., S. 8 ff.).

Die Staatsspitze sorgte sich bei all diesen Kriegseinsätzen sowie umfangreichen -vorbereitungen jedoch in den letzten Kriegsjahren, um eine adäquate Nachfolge kompetenter Fachkräfte in »Führungsaufgaben auf allen geistigen Gebieten ([…] Technik, Verwaltung, Justiz und ärztliche Versorgung)«“ (ebd., S. 11), welche nach einem für die Nationalsozialisten erfolgreichen Kriegsende eine genauso wichtige Funktion für sie gehabt hätten, wie die Soldaten im Krieg. Es wurde deshalb beschlossen, „daß [sic] der Unterricht auch in den Gefechtsstellungen fortzuführen sei, freilich auf 18 Wochenstunden reduziert“ (ebd., S. 11).

Bezüglich der Unterrichtsinhalte ist es nicht schwer vorstellbar, dass diese einer strengen Kontrolle durch den Staatsapparat unterlagen, nachdem sie ab 1937 für die nationalsozialistischen Leitsätze und deren Verbreitung umgestaltet wurden. Dementsprechend einseitig waren dann auch die Ansichten, die die Schüler vermittelt bekamen. Lehrbücher und sonstige Unterrichtsmedien wie Bilder, Filme, etc. unterlagen strengsten Kontrollen. Eine eigene Meinung zu bestimmten Sachverhalten zu entwickeln, war bei solch einer vorbestimmten und vorgegebenen Sach- und Materiallage kaum möglich. Nach Flessau (1987) sahen viele Schüler dies folgendermaßen:

„»Wir waren als Schüler ja nicht in der Lage, mit kritischen Fragen aufzutreten[…] Wir haben doch keine alternative Literatur gehabt zu der offiziell zugelassenen, daz am das einseitige Informieren durch die Presse, die ja völlig gleichgeschaltet war, und den Rundfunk. Man hörte und sah immer nur dasselbe und musste dann schließlich auch einfach alles glauben.«“ (ebd., S. 68)

Hitler hatte sich genau das zum Ziel gesetzt, nämlich die Manipulation des Volkes und seiner kommenden Generationen von Kindheit an, eine durch die Institution Schule und dessen Unterricht Formung der Gedanken jedes Einzelnen: „Die Parteilehren wirkten auf viele junge Menschen so überzeugend, daß [sic] ihnen an diesem System nichts verdächtig oder rätselhaft vorkam“ (ebd., S. 68).

Eine logische Folge waren die Prüfungsschwerpunkte, welche natürlich aus diesen Leitsätzen und einem entsprechend gestalteten Lehrplan resultierten. „[D]ie Aufsatz- und Abiturthemen spiegeln nationalsozialistisches Denken und Wollen sowie den Personenkult um den »Führer« wieder“ (ebd., S. 69). So war es selbstverständlich, dass Reden von Adolf Hitler „über Rundfunk in die Aula übertragen [und] Propagandafilme allmonatlich vorgeführt wurden“ (ebd., S. 69). Vor allem Letzteres spielt für die vorliegende Masterarbeit eine wichtige Rolle. Flessau (1987) bestätigt die Bedeutung, die vor allem Propagandafilme für die Schule und den Unterricht hatten. Darauf wird auch in den nachfolgenden Teilen dieser Arbeit näher eingegangen.

Natürlich gab es auch Schülerinnen und Schüler, die sich nicht ohne weiteres in das System, welches in der Schule propagiert wurde, einfügen wollten. Diese galten in den Augen der Nationalsozialisten als „ideologisch unangepaßte [sic] Schüler“ (ebd., S. 69). Der Ansicht der Staatsspitze nach, lag die Schuld an diesem Schülerverhalten nicht am Unterricht oder den Lehrmitteln, „es lag vielmehr an jenen Faktoren, über die Staat und Schulverwaltung […] nicht nach Belieben verfügen konnten: an den Eltern“ (ebd., S. 70). Genauso verhält es sich bei den Lehrern, die sich nicht dem neuen und an nationalsozialistische Grundsätze angepassten Lehrplan unterordnen wollten, weil sie, wie im Teilabschnitt Lehrer unter der Diktatur Hitlers bereits erwähnt, ihren Beruf ohne Einschränkungen und Zwänge ausüben wollten, was wiederum die Nationalsozialisten dazu veranlasste „durch einschneidende Veränderungen in Schulorganisationen und Lehrerbildung das Schulwesen auf ihren Kurs festzulegen“ (ebd., S. 71).

Und nicht nur die Umgestaltung der Lehrerausbildung, sondern auch die Gründung neuer Schultypen wie „die acht Sekundarschulklassen umfassende Nationalpolitische Erziehungsanstalt (NPEA)“ (ebd., S. 71) veränderten das Schulsystem und somit den Unterricht entscheidend. Diese sowie die ab 1937 aufkommenden sogenannten „Adolf-Hitler-Schulen“ (ebd., S. 72) wiesen durch ihre starke Bindung an den Staat, später die Partei und den Führer Adolf Hitler, einen ganz eigenen Unterrichtsstil auf. Hier musste die Schule nicht umgestaltet werden, sondern es konnte von Anfang an im Sinne des neuen Machtapparates gelehrt werden (vgl. ebd., S.72). Was der Schüler vorfand war eine „technische, wehrkundliche, sportliche, charakterliche, musische und intellektuelle Ausbildung“ (ebd., S. 72). Geschaffen werden sollte dadurch ein „Führernachwuchs […] für alle Bereiche von Partei, Staat und Wirtschaft“ (ebd., S. 71). Diese Art der Ausbildung bestätigt die bereits zu Beginn der Arbeit angesprochenen Ziele, die Hitler für die Erziehung festlegte, wie sie von Flessau et al. zusammengefasst werden: „Angestrebt werden weniger intellektuelle Leistungsfähigkeit als vielmehr Körperertüchtigung, Charakterbildung und politische Zuverlässigkeit“ (ebd., S. 73). Was Hitler nicht wollte, war, dass „»das jugendliche Gehirn im allgemeinen nicht mit Dingen belastet [wird], die es zu fünfundneunzig Prozent nicht braucht und daher auch wieder vergißt [sic]«“ (ebd., S. 80).

Grundlage für eine solche Formung der Jugendlichen waren natürlich Lehrmittel, die das nationalsozialistische Gedankengut in jedem Unterrichtsfach verbreiten konnten. Bilder, Filme, Texte und sämtliche Schulbücher vermittelten auf unterschiedliche Art und Weise die politischen Zielstellungen der Partei. Von Jahr zu Jahr enthielten sie immer mehr „antisemitische Texte und Rechenaufgaben. [...] Dem Einfluss solcher Aufgaben und Texte konnten sich Schüler nur vereinzelt und nur dort entziehen, wo sich Lehrer- und Elternschaft, wenn auch nicht geschlossen, den Absichten von Staat und Partei widersetzten“ (ebd., S. 79). Auch hier wird die Elternschaft als letzte Instanz angesprochen, die das Unterrichtsmaterial und dessen didaktische Absichten in Frage stellen konnte, immerhin „[trugen gegen] Ende des Tausendjährigen Reichs annähernd 75 % der Lehrer das Parteiabzeichen“ (ebd., S. 79) und waren somit als Störfaktor bei der Vermittlung des nationalsozialistischen Gedankenguts weitestgehend ausgeschaltet (vgl. ebd., S. 79f.).

Nach dieser allgemeinen Betrachtung der Rolle des Lehrers sowie des Unterrichts im Dritten Reich, folgt nun ein kurzer Abschnitt über die Unterrichtsfächer Geschichte und Sport, um eine Grundlage für die spätere Betrachtung und didaktische Analyse der ausgewählten Lehrerbegleithefte zu schaffen.

Der Geschichtsunterricht im Dritten Reich hatte nach und nach eine besondere Stellung in der Verbreitung der nationalsozialistischen Propaganda eingenommen. Geschichtliche Daten und Fakten sollten dem Schüler nicht im Detail näher gebracht werden. Der Unterricht sollte regelrecht umfunktioniert werden, um „als Waffe im Kampf gegen politische Feinde nützlich [zu sein]“ (Gies, 1989, S. 43). Adolf Hitler, der aus seiner Schulzeit keine positive Assoziationen zog (vgl. Gies, 1992, S. 17), machte diesbezüglich vor allem beim Geschichtsunterricht eine Ausnahme. In »Mein Kampf« schrieb er zur Bedeutung des Geschichtsunterrichts:

„»Noch heute erinnere ich mich mit leiser Rührung an den grauen Mann, der uns im Feuer seiner Darstellung manchmal die Gegenwart vergessen ließ, uns zurückzauberte in vergangene Zeiten und aus dem Nebelschleier der Jahrtausende die trockene geschichtliche Erinnerung zur lebendigen Wirklichkeit formte [….] Unser kleiner nationaler Fanatismus ward ihm ein Mittel zu unserer Erziehung, indem er öfters als einmal an das nationale Ehrgefühl appellierend, dadurch allein uns Rangen schneller in Ordnung brachte, als dies durch andere Mittel je möglich gewesen wäre. Mir hat dieser Lehrer Geschichte zum Lieblingsfach gemacht.«“ (zit. nach Gies, 1989, S. 39)

Die Geschichtslehrer, die unter der Herrschaft Hitlers unterrichteten, waren dementsprechend ein „mitreißender Erzähler[, der] nicht Wissen, sondern Erlebnisse zu vermitteln hatte“ (vgl. ebd., S. 43).

Auch die inhaltliche Gestaltung hat mit Geschichtsunterricht aus heutiger Sicht eher wenig zu tun. Zum Beispiel lebte eine Stunde von Berichten oder Direktübertragungen aktueller Ereignisse, Veranstaltungen oder politische Reden. „Von solchen schulischen und besonders außerschulischen Veranstaltungen versprachen sich die Nationalsozialisten eine viel größere Wirkung auf das Geschichtsbewußtsein [sic] als vom herkömmlichen Unterricht“ (ebd., S. 42). Darüber hinaus wurden Gedenkfeiern abgehalten sowie Filmvorführungen veranstaltet. Es handelte sich hierbei u. a. um die Filme, welche in der hier vorgestellten Lehrerbegleitheft-Reihe Staatspolitische Filme thematisiert werden sowie auch andere Spiel- und Dokumentarfilme, die unter der nationalsozialistischen Führung produziert wurden. Als Beispiele zu nennen sind die beiden Filme über die Reichsparteitage in Nürnberg »Sieg des Glaubens« und »Triumph des Willens«, deren Produktion ebenfalls Leni Riefenstahl innehatte.

Diese Art des Geschichtsunterrichts, also ein Unterricht, in dem Rituale und aktuelle Geschehnisse mehr Raum einnahmen als die eigentliche Lehre der Geschichte, „hatte zwei Konsequenzen: die »Kürzung des Stoffes« auf die »großen Entwicklungslinien« im Hinblick auf den »Fortbestand des eigenen Volkstums« und die Aufwertung der Bedeutung des Geschichtslehrers, weil er als Gesinnungsführer besonders gut zur Instrumentalisierung der Lerninhalte und zur Emotionalisierung der Vermittlungsprozesse beitragen konnte“ (ebd., S. 44). Der Geschichtslehrer hatte also die Möglichkeit, sich durch die Maßnahmen des Staates zur Veränderung des Geschichtsunterrichts etablieren zu können, indem er sich als Vermittler der nationalsozialistischen Ideologie auf die von Hitler verordnete Art und Weise unabdingbar gemacht hatte. Im Jahre 1933 empfahlen die Landesschulbehörden sogar, im Geschichtsunterricht auf die Nutzung des Lehrbuches zu verzichten und „ausschließlich historische Romane […] als Textgrundlage“ (ebd., S. 44) zu verwenden. Somit wäre dem Lehrer ein noch größerer Stellenwert beizumessen.

Ein weiteres Merkmal nationalsozialistischen Geschichtsunterrichts war die immer intensivere Vorbereitung auf den Zweiten Weltkrieg, z. B. in „zahlreiche[n] Oberstufen- und Abituraufsätze[n]“ (ebd., S. 44). Folgende Themen wurden in diesem Zusammenhang z. B. behandelt: „»Inwiefern trägt der Krieg zur Charaktererziehung bei?« (1939); »Welchen Umschwung brachte der Nationalsozialismus für die Bewertung des Krieges, nachzuweisen an der modernen Kriegsliteratur« (1938)“ (ebd., S. 44).

Neben den bisher erwähnten Schwerpunkten lässt sich zum Inhalt des Geschichtsunterrichts im Allgemeinen folgendes sagen:

„Das nationalsozialistische Geschichtsbild war an den drei Grundkomponenten in Hitlers Weltbild orientiert: 1. dem Totalitarismus des »Führerprinzips« und der »Volksgemeinschaft«, 2. dem Chauvinismus der »Lebensraumerweiterung« und des Weltmachtstrebens, 3. dem Rassismus der »Aufnordung« und der Judenvernichtung.“ (ebd., S. 44)

Im Angesicht dieser Tatsache wird schnell klar, dass Hitler für den Geschichtsunterricht lediglich die Thematisierung der deutschen Geschichte vorgesehen hatte. „Die Geschichte anderer Staaten und Völker war nur dann interessant, wenn diese Einfluss auf die deutsche Geschichte hatten“ (ebd., S. 45).

In Bezug auf die Bedeutung dieses Unterrichtsfaches ist aus heutiger Sicht ein Widerspruch vorzufinden. Die nationalsozialistische Staatsführung machte zwar immer wieder klar, dass ein Schüler nur durch dieses Fach die Tragweite der Weltbedeutung des deutschen Staates in der Vergangenheit sowie in der Zukunft begreifen könne, jedoch „wirkte sich das auf den Stundenanteil nur verhältnismäßig gering aus“ (ebd., S. 46). Im Vergleich mit den Fächern Leibeserziehung und Deutschunterricht ist der Anteil des Geschichtsunterrichtes tatsächlich als gering einzustufen: Es gab in der „Volksschule vom 5. bis 8. Schuljahr: für Geschichte 10 Wochenstunden, 20 Wochenstunden Leibeserziehung und 27 Wochenstunden Deutschunterricht“ (ebd., S. 46). Im Abitur hingegen vertrat die Geschichte des deutschen Staates einen sehr hohen Anteil: „Selbst bei der Wahl aus drei Möglichkeiten blieb für die Abiturienten meist kaum eine Ausweichmöglichkeit in unverfänglichere, Bildung und Denkfähigkeit nachweisende Aufgaben“ (ebd., S. 49).

Gies (1992) zitiert Hitler, der mit diesen Worten die Bedeutung des Geschichtsunterrichts zusammenfasst und eindringlich verdeutlicht: „Geschichte ist um der »Nutzanwendung für die Gegenwart« willen interessant, man lernt Geschichte, um eine »bessere Erziehung zur Politik« zu erreichen“ (S. 17).

Der Sportunterricht war aufgrund der körperlichen Schulung von einer ähnlich hohen Relevanz für die Nationalsozialisten. Nicht umsonst sprechen Heymen et al. (1989) von der „Erziehung zur Wehrhaftigkeit im Sportunterricht“ (S. 163). Immer wieder ist die Rede von der Erziehung durch körperliche Ertüchtigung, je mehr desto besser. „[D]ie Leibeserziehung wurde zum wichtigsten Schulfach, der Turnlehrer zum Erzieher der Nation deklariert“ (S. 163). Die Erziehung sollte nicht einfach nur einen wehrsportlichen Charakter haben, sie sollte eher „wehrsportlich unterbaut sein: straffe Kommandos, unbedingter Gehorsam, Pünktlichkeit, kurz, in soldatischem Geist, Sinn und Form muß sie erfolgen«“ (ebd., S. 164).

Ebenso wichtig war eine Anpassung der Lehrerausbildung und -weiterbildung an die neuen Grundsätze des Sportunterrichtes. „[Es] wurden in Preußen zwischen 1935 und 1939 rd. 10.000 Turnlehrer in Schulungslagern »umerzogen«. […] Charakterschulung und soldatische Tugenden – Voraussetzung für das Sportstudium war z. B. das SA-Sportabzeichen – standen im Vordergrund“ (S. 175). Um dem Begriff Wehrerziehung gerecht zu werden, sollten die Schüler möglichst umfangreich auf den bevorstehenden Wehrdienst sowie den Krieg vorbereitet werden. So wundert es nicht, dass dies auch in aller Härte umgesetzt wurde: „Im Oktober 1933 wurde […] vom Preußischen Kultusminister angeordnet, daß [sic] »zur Einführung einer einheitlichen Befehlssprache […] bei den Schulen die Kommandos der SA anzuwenden sind«“ (ebd., S. 166). Weiterhin gab es unter der Herrschaft der Nationalsozialisten eine ausdrückliche Erlaubnis oder Empfehlung für die Ausübung des Boxsports, aufgrund dessen hohen militärischen Wertes. Lehrer erhielten dafür eine zusätzliche Weiterbildung (vgl. ebd., S. 166).

Mit Fortschreiten der nationalsozialistischen Herrschaft gewann vor allem die Hitlerjugend immer mehr an Bedeutung und sorgte somit für einen Zuständigkeitskonflikt mit der Schule im Bereich der Wehrerziehung. Dabei sah die Schule sich jedoch nie im Nachteil: „Auch wenn der Wehrsport im engeren Sinn, z. B. Geländesport mit Exerzieren, Marschieren und Orientieren oder Kleinkaliberschießen, in das Ausbildungsprogramm der HJ und der SA gehörte, glaubte die Schule, durch die Vermittlung von spezifischen körperlichen Voraussetzungen und soldatischen Tugenden doch einen unverzichtbaren Beitrag zur Wehrtüchtigkeit des deutschen Volkes zu leisten“ (ebd., S. 167). Auf diesen Konflikt zwischen Hitlerjugend und Schule wird jedoch im folgenden Unterkapitel näher eingegangen.

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Details

Seiten
80
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656420279
ISBN (Buch)
9783656421030
Dateigröße
703 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v213756
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,7
Schlagworte
film mittel formationserziehung untersuchung unterrichtseinsatz filme leni riefenstahls

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Titel: Der Film als Mittel der nationalsozialistischen Formationserziehung