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Untersuchungen zur Mauerflora in Westsachsen

2010 - 2012

Projektarbeit 2013 90 Seiten

Biologie - Botanik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

0 Einleitung

1 Das Untersuchungsgebiet

2 Methodik

3 Flora der Mauern
3.1 Standortbedingungen
3.2 Flora
3.2.1 Arten der Stütz-, Umfassungs- und Ufermauern
3.2.2 Arten der Mauerkronen, Mauerspalten und Mauerfüße
3.4 Familienzugehörigkeit
3.5 Status
3.6 Rote Liste-Arten
3.7 Verhalten ausgewählter Arten
3.8 Zugehörigkeit der Flora der Mauern zu den soziologischen Artengrup- pen sowie den krautigen Zier- und Nutzpflanzen und Ziergehölzen
3.9 Vergleich der Flora der Mauern in Westsachsen mit Mauern im Raum Mannheim-Heidelberg, der Stadt Braunschweig, Dörfern im Kreis Halberstadt und Dörfern des nördlichen Harzvorlandes

4 Moose

5 Ökologie
5.1 Ausbreitungsarten, ökologische Strategietypen, Lebensformen, Hemerobie, Urbanität
5.1.1 Ausbreitungsarten
5.1.2 Ökologische Strategietypen
5.1.3 Lebensformen
5.1.4 Hemerobie
5.1.5 Urbanität
5.1.6 Zusammenfassende Betrachtung der Ausbreitungsarten, ökologischen Strategietypen, Lebensformen, Hemerobie und Urbanität
5.2 Licht-, Kontinentalitäts-, Temperatur-, Feuchte-, Reaktions- und Nährstoffzeiger
5.2.1 Lichtzahlen der Flora der Mauerkronen, Mauerspalten, Mauerfüße sowie der verfugten und unverfugten Mauern
5.2.2 Temperaturzahlen der Flora der Mauerkronen, Mauerspalten, Mauerfüße sowie der verfugten und unverfugten Mauern
5.2.3 Kontinentalitätszahlen der Flora der Mauerkronen, Mauerspalten, Mauerfüße sowie der verfugten und unverfugten Mauern
5.2.4 Feuchtezahlen der Flora der Mauerkronen, Mauerspalten, Mauerfüße sowie der verfugten und unverfugten Mauern
5.2.5 Bodenreaktionszeiger der Flora der Mauerkronen, Mauerspalten, Mauerfüße sowie der verfugten und unverfugten Mauern
5.2.6 Nährstoffzeiger der Flora der Mauerkronen, Mauerspalten, Mauerfüße sowie der verfugten und unverfugten Mauern
5.2.7 Zusammenfassende Betrachtung der Licht-, Kontinentalitäts-, Temperatur-, Feuchte-, Reaktions- und Nährstoffzeiger

6 Einfluss von Soziabilität, Exposition und Verfugung bezogen auf die Asplenietea-Arten und deren häufigsten Begleiter
6.1 Soziabilität
6.2 Exposition
6.3 Verfugung

7 Vegetation
7. 1 Potentilletalia caulescentis Br.-Bl. in Br.-Bl. et Jenny 1926
7.1.1 Asplenium trichomanes-Asplenium ruta-muraria-Gesellschaft
7.1.2 Cystopteridetum fragilis
7.1.3 Ausbildung mit Sedum spurium
7.2 Parietarietalia judaicae Rivas-Martinez ex Br.-Bl. 1963 corr. Oberd. 1977
7.2.1 Cymbalario-Asplenion Segal 1969
7.2.1.1 Cymbalaria muralis-Gesellschaft
7.2.1.2 Pseudofumaria lutea-Gesellschaft
7.3 Ranglose Gesellschaften
7.4 Ökologische Zeigerwerte der untersuchten Gesellschaften

8 Gefährdungsursachen, Nutzungskonflikte und Möglichkeiten einer
sachgerechten Reparatur

9 Danksagung

10 Quellenverzeichnis

11 Anhänge

Zusammenfassung

Die Erfassung von Flora und Vegetation von Mauern in Westsachsen und die ökologische Auswertung sind der Versuch, diesbezügliche Defizite abzubauen.

Für das untersuchte Gebiet werden die Naturräume, die klimatischen Bedingungen und der geologische Untergrund erläutert.

Erfasst sind 248 Mauern, davon 191 Stütz-, 40 Umfassungs- und 17 Ufermauern, an denen 265 Farn- und Samenpflanzen ausgewiesen werden. Nach Anmerkungen zu den Standortbedingungen schließt sich eine Auswertung des Artenspektrums der Stütz-, Umfassungs- und Ufermauern, der Mauerkrone, Mauerspalten und der Mauerfüße an. Ausgewiesen werden Familienzugehörigkeit, Status (Sachsen, BRD), Rote Liste-Arten (Sachsen, BRD).

Tendenziell lassen sich zunehmend Mauern in Gabionenbauweise beobachten. An einem Beispiel wird die Phase der Erstbesiedlung erläutert.

Die Pflanzen der Mauern gehören mehrheitlich zum Wirtschaftsgrünland der Wiesen und Weiden, den Laubwäldern, den Ackerwildkrautgesellschaften sowie den ausdauernden Ruderalgesellschaften.

Die ermittelte Artenidentität mittels Sörensen- und Jaccard-Index verglichen mit der Flora der Mauern in Westsachsen, mit den Mauern im Raum Mannheim-Heidelberg, der Stadt Braunschweig, den Dörfern im Kreis Halberstadt und den Dörfern des nördlichen Harzvorlandes zeigt, dass die größte Übereinstimmung der Mauern Westsachsens mit der Mauerflora der Dörfer des nördlichen Harzvorlandes besteht.

Bei der Moosflora sind nur die häufigsten Arten der verfugten und unverfugten Mauern erfasst.

Die Untersuchungen zur Ökologie umfassen Ausbreitungstypen, ökologische Strategietypen, Lebensformen, Hemerobie und Urbanität und die arithmetischen Mittelwerte für die Licht-, Kontinentalitäts-, Temperatur-, Feuchte-, Reaktions- und Nährstoffzahlen getrennt nach Mauerkronen, Mauerspalten und Mauerfüßen sowie verfugten und unverfugten Mauern.

Parallel dazu wird das Verhalten der Arten des Asplenietea trichomanis und der häufigeren Begleiter analysiert. Anschließend wird diese Gruppe bezüglich Soziabilität, Exposition und Verfugung der Mauerspalten untersucht.

Die soziologische Untersuchung zeigt, dass sich die Vegetation der untersuchten Mauern der Asplenium trichomanes-Asplenium ruta-muraria-Gesellschaft, dem Cystopteridetum fragilis, der Cymbalaria muralis-Gesellschaft und der Pseudofumaria lutea-Gesellschaft zuordnen lässt. Zusätzlich erfolgt die Ausweisung einer Sedum spurium-Ausbildung.

Der überwiegende Teil der Mauerflora lässt sich soziologisch keiner Gesellschaft zuordnen, was mit 18 Vegetationsaufnahmen belegt wird.

Abschließend aufgezeigt sind Gefährdungsursachen, Nutzungskonflikte sowie Möglichkeiten einer sachgerechten Reparatur der Mauern.

0 Einleitung

Die biologisch-ökologische Erforschung der Städte einschließlich der Mauern in Deutschland (Brandes 1992 a) begann Mitte des 19. Jahrhunderts.

In den letzten Jahrzehnten hat sich vor allem Prof. Brandes intensiv mit der Flora und Vegetation der Mauern in Deutschland und Europa beschäftigt. Ein Großteil seiner Arbeiten (Brandes: 1982, 1983, 1987, 1992 a, 1992 b, 1996, Brandes & Brandes: 1996 a, 1996 b, 2010 sowie Brandes et al. 1998) sind im Internet zugänglich und waren für den Autor Anregung, sich mit dieser Thematik im Gebiet, in dem diesbezügliche Untersuchungen fehlen, intensiver zu beschäftigen.

Das Ziel der Erfassung von Flora und Vegetation der Mauern sowie einer ökologischen Wertung in Westsachsen ist der Versuch, diesbezügliche Defizite abzubauen.

Mauern in Dörfern und Städten, an Friedhöfen, Brücken, an Burgen und Klöstern, prägen seit Jahrhunderten das Erscheinungsbild unserer Städte und Dörfer. Sie sind wichtige Refugialstandorte für Pflanzen, deren primäre Standorte Fels- und Geröllfluren der Gebirge sind. Angesichts der schnell um sich greifenden Vernichtung natürlicher Lebensräume wird diesen Ersatzlebensräumen perspektivisch eine größere Bedeutung als bisher zukommen.

Bei den Untersuchungen konnten drei unterschiedliche Mauertypen festgestellt werden: Stütz-, Umfassungs- und Ufermauern. Wände mit nennenswertem Pflanzenbewuchs an Mauern von Gebäuden ließen sicht nicht beobachten.

Das untersuchte Gebiet wird geprägt durch das wechselnde Relief des Mittelgebirges. In der Mehrzahl lassen sich deshalb Stützmauern beobachten, die zum Ausgleich des unterschiedlichen Niveaus im Siedlungsbereich dienen. Weit weniger trifft man Umfassungsmauern auf Friedhöfen und an alten Gehöften an. Viele der Mauern an Fließgewässern wurden durch das Hochwasser 2002 mehr oder weniger stark in Mitleidenschaft gezogen und in den Folgejahren aufwendig repariert. Nur an den von Reparaturen ausgenommenen Mauern ist noch eine nennenswerte Vegetation anzutreffen.

Viele der Mauern, besonders die Stützmauern, befinden sich in einem beklagenswerten Zustand.

Bei einer anstehenden Sanierung sind deshalb Flora und Vegetation akut gefährdet.

Der Beitrag soll deshalb zum einem die noch vorhandene Flora und Vegetation für den westlichen Teil von Sachsen erfassen und zum anderen Wege einer schonenden Sanierung aufzeigen.

1 Das Untersuchungsgebiet

Das untersuchte Gebiet lässt sich naturräumlich nach Bastian & Syrbe (o. J.) dem Altenburg-Zeitzer-Lösshügelland, dem Erzgebirgsbecken, dem Vogtland, dem Westerzgebirge sowie dem Mittleren Erzgebirge zuordnen.

Die tiefst gelegene untersuchte Mauer liegt mit 235 m über Normalnull (NN) in Waldenburg, die höchstgelegene Mauer bei 815 m über NN in Hammerunterwiesenthal.

Das Klima der unteren Lagen des untersuchten Gebietes ist feucht bis mäßig feucht, mäßig kühl und meist schwach kontinental sowie vereinzelt mäßig warm ausgeprägt. Die mittleren Berglagen ab 500 m über NN sind feucht und kühl sowie schwach maritim beeinflusst, die höheren Berg- und Kammlagen sehr feucht, kühl und rau.

Die Durchschnittstemperaturen werden mit 5 bis 9 Grad Celsius ausgewiesen, es fallen jährlich im Durchschnitt 600 bis 1050 mm Niederschlag.

Basis der angegebenen klimatischen Daten sind die Übersichtskarten von Sachsen (Sächsische Landesanstalt für Forsten Graupa): Mittlerer Jahresniederschlag (2000), Messperiode 1961 - 1991, 1:300 000 sowie die Karte der Mittleren Jahrestemperatur (2000) der gleichen Messperiode.

Der geologische Untergrund des untersuchten Gebietes auf der Grundlage der geologischen Karten von Sachsen (1 : 25 000, 1875-1938), besteht mehrheitlich aus basenarmen Gesteinen, nur kleinere Gebietsteile werden von Diabasen und Melaphyr, sehr selten von Basalttuff und Phonolith bestimmt. Die Mauern sind meist aus den anstehenden Gesteinen errichtet.

2 Methodik

Schwerpunkte bei der Untersuchung in den Jahren 2010 bis 2012 waren die Erfassung aller Farn- und Samenpflanzen und der häufigsten Moose, der Mauerart
(Stütz-, Umfassungs- oder Bachmauer) und des jeweiligen Mauerabschnittes (Mauerkrone, Mauerspalten, Mauerfuß), die Art der Verfugung, die Exposition, die jeweilige Höhe über NN und die Soziabiltät der Arten.

Wo die entsprechenden Voraussetzungen vorhanden waren, erfolgte die Anfertigung von Vegetationsaufnahmen.

Hinsichtlich der Farn- und Samenpflanzen wird Gutte et al. (2013), bei den Moosen Müller (2004) und bei den Vegetationseinheiten Böhnert et al. (2001) gefolgt.

Die biologisch-ökologischen Auswertungen für die Zeigerwerte Licht-, Temperatur-, Feuchte-, Reaktions- und Nährstoffzahl basieren auf Ellenberg et al. (1992).

Bei den Strategie- und Ausbreitungstypen, den Lebensformen, der Hemerobie sowie der Urbanität wird Frank & Klotz (1990), ergänzt durch Klotz et al. (2002), gefolgt.

Alle Berechnungen erfolgten mit dem weiterentwickelten Programm „BIODAT“ (Hermann et al. 2001) und dem Tabellenkalkulationsprogramm „Excel“.

Bei den Angaben zum Status für Sachsen wird sich auf den Atlas der Farn- und Samenpflanzen Sachsens (Hardtke & Ihl 2000), für die BRD auf die Rote Liste der Pflanzen Deutschlands (LUDWIG & SCHNITTLER 1996) bezogen.

Die Neophyten werden nach eingebürgerten und nicht eingebürgerten Arten unterschieden. Die Angaben beziehen sich auf die gleichen Quellen wie die Angaben zum Status.

Die Vegetationsaufnahmen erfolgten nach der Methode von Braun-Blanquet (1951). Die Flächen haben eine Größe zwischen 5 und 20 m2.

3 Flora der Mauern

Mauern mit sehr unterschiedlichem Erhaltungszustand gibt es gegenwärtig in Westsachsen noch in verhältnismäßig großer Zahl. Es war allerdings nicht möglich, diese in ihrer Gesamtheit flächendeckend zu erfassen.

Die untersuchten Mauertypen zeigt Abbildung 1.

Die Bearbeitung erstreckte sich auf 45 Städte und Gemeinden mit insgesamt 248 Mauern, davon 191 Stützmauern, 40 Umfassungsmauern und 17 Ufermauern. Die prozentualen Anteile der Mauertypen sind aus Abbildung 2 ersichtlich.

Das Gebiet ist aus morphologischer Sicht meist hügelig und zertalt, es sind daher vorwiegend Stützmauern zum Ausgleich des Höhenniveaus anzutreffen, die teils mit Kalkmörtel verputzt, oft aber auch als Trockenmauern ausgeführt sind. Viele dieser Mauern sind meist schon über hundert Jahre alt.

Umfassungsmauern sind meist nur an Friedhöfen und alten Bauerngehöften anzutreffen. Flüsse und Bäche sind meist reguliert und oft beiderseits von Mauern begrenzt. Das Hochwasser 2002 beschädigte viele dieser Mauern, die ab 2003 repariert oder vollständig erneuert wurden. Die Anzahl der Ufermauern ist deshalb relativ gering.

Stütz- und Ufermauern weisen aus Stabilitätsgründen in der Regel eine Neigung zwischen 80 und 90 Grad auf.

Abb. 1 — Mauertypen im untersuchten Gebiet

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Brandes et al. 1998: Die Mauerflora der Stadt Braunschweig. Braunschweiger naturkundliche Schriften. 5. H. 3: 629-639. Zeichnung leicht verändert.)

Abb. 2 — Prozentuale Anteile der Mauertypen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.1 Standortbedingungen

Die Standortbedingungen der Mauern sind zum einen von den mikroklimatischen Faktoren abhängig, zum anderen von den Diasporenquellen und den Besiedlungsmöglichkeiten.

Die Strahlungswärme der Sonne heizt die Mauern je nach ihrer Exposition am Tage mehr oder weniger stark auf. Die Gesteine der Mauern sind schlechte Wärmeleiter und erwärmen sich nur langsam, geben aber nachts diese Wärme entsprechend langsam wieder ab. In Folge sind die Temperaturverläufe an einer Mauer ausgeglichener als die in ihrer mittelbaren Umgebung. Auch die Farbe der Steine der Mauern hat einen Einfluss auf die Oberflächentemperatur, da hellere Steine ein höheres Reflektionsvermögen als dunklere haben.

Die Feuchteverhältnisse der Stütz- und Ufermauern werden von der Neigung der Mauern beeinflusst. Ein geringerer Neigungswinkel verstärkt dabei die Einwirkung von Niederschlägen. Begünstigend wirkt sich aber auch das hinter den Stützmauern vorhandene Hangwasser aus, das bei ungenügender Drainage nach Starkniederschlägen und im Frühjahr nicht abgeleitet werden kann.

Letztendlich führt aber auch die Kapillarwirkung von Steinen und Mörtel zu einer Speicherung von Wasser.

Der geologische Untergrund hinter den Stütz- und Ufermauern hat einen nicht zu vernachlässigenden Einfluss. Durch das dahinter anstehende Verwitterungssubstrat wird in Verbindung mit Wasser Feinerde mit unterschiedlichem Nährstoffgehalt in die Mauerfugen transportiert.

Tabelle 1 zeigt die untersuchten Orte, die jeweilige Anzahl der Mauern und Pflanzenarten sowie die Mauertypen. Kirchberg, die „Sieben-Hügel-Stadt“ mit 30 untersuchten Mauern nimmt dabei einen Spitzenplatz ein gefolgt von Wildenfels, Schneeberg, Waldenburg, Hartenstein, Wilkau-Haßlau und Plauen.

Tab. 1 — Tabelle der untersuchten Orte, der Anzahl der Mauern und des Mauertyps

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.2 Flora

Im Ergebnis der Bestandsaufnahmen konnten an den Mauern einschließlich der Mauerkronen, Mauerspalten und Mauerfüße 265 Farn- und Samenpflanzen registriert werden, die in der Gesamtliste im Anhang aufgeführt sind. Weiterhin dargestellt sind absolute Anzahl, Stetigkeit in Prozent, Auftreten an Stütz-, Umfassungs- und Ufermauern, Vorkommen an Mauerkronen, Mauerspalten und Mauerfüßen sowie Ausbreitungstyp, Lebensform, Status (Sachsen), Rote Liste Sachsen und BRD.

Von den 265 Arten weisen nur 25 eine Stetigkeit von über 10 Prozent auf.

Bei den 11 Asplenietea-Arten erreichen nur 6 eine Stetigkeit von über 10 %.

Die Begleiter sind überwiegend Pflanzen, die nicht an Mauerhabitate gebunden sind und eine Vielzahl von Lebensräumen besiedeln können.

In Tabelle 2 sind alle Asplenietea-Arten und die häufigen Begleiter aufgelistet.

Tab. 2 — Liste der Asplenietea-Arten und der Begleiter mit einer Stetigkeit von über 10 Prozent

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.2.1 Arten der Stütz-, Umfassungs- und Ufermauern

Wie sich die Artenzahlen auf Stütz-, Umfassungs- und Ufermauern und auf Mauerkrone, Mauerwand und Mauerfuß verteilen, ist aus Tabelle 3 ersichtlich.

Tab. 3 — Artenverteilung auf Mauertyp und Mauerabschnitt

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Folgenden ist die Verteilung der Arten mit einer Stetigkeit von über 10 Prozent auf die verschiedenen Mauertypen dargestellt. In Klammer ist jeweils die Stetigkeit vermerkt.

Stützmauern:

Artenzahl: 243; Stetigkeit ab 10 Prozent:

Taraxacum officinale agg. (62,6), Asplenium ruta - muraria (36,6), Chelidonium majus (30,9), Geranium robertianum (30,5), Cymbalaria muralis (28,0), Urtica dioica (27,2), Epilobium montanum (24,3), Epilobium collinum (21,4), Sedum spurium (17,3), Poa nemoralis (16,9), Dryopteris filix - mas (15,2), Solidago canadensis (14,4), Sonchus oleraceus (14,4), Cystopteris fragilis (11,9), Fraxinus excelsior (11,1), Lapsana communis (11,1), Betula pendula (10,7), Sedum album (10,7), Alliaria petiolata (10,3), Dactylis glomerata (10,3).

Umfassungsmauern:

Artenzahl: 106; Stetigkeit ab 10 Prozent:

Asplenium ruta - muraria (33,0), Geranium robertianum (17,9), Chelidonium majus (17,0), Cymbalaria muralis (12,3), Epilobium montanum (12,3), Betula pendula (11,3).

Ufermauern:

Artenzahl: 73; Stetigkeit ab 10 Prozent:

Taraxacum officinale agg. (16,4), Urtica dioica (16,4), Betula pendula (15,1).

Die meisten Arten kommen an den Stützmauern vor. Dort erreichen auch die Arten der Klasse der Asplenietea trichomanis ihre größte Stetigkeit gefolgt von den Umfassungsmauern. An den Ufermauern spielen diese nur eine untergeordnete Rolle.

Die Begleiter Taraxacum officinale agg., Chelidonium majus und Geranium robertianum erreichen an den Stützmauern ebenfalls eine höhere Frequenz.

Die häufigste Gehölzart bei den Ufermauern ist Betula pendula, ein Fels- und Steinschuttkeimer mit einer breiten ökologischen Amplitude.

In Kirchberg, Wilkau-Haßlau sowie in Zwickau ist man dazu übergegangen, einsturzgefährdete Mauern abzureißen und diese durch Gabionen zu ersetzen.

Das Wort „Gabione“ (http://de.wikipedia.org/) bedeutet im italienischen: „großer Käfig“. Diese Drahtkäfige sind aus verzinktem Stahl gefertigt und mit Steinen gefüllt. Sie werden als preiswerte Alternative zu Stein- und Betonmauern vorgestellt. Eine Stabilität wird für mehrere Jahrzehnte angegeben. In der Werbung sind diese vor allem als Lärmschutzwände und zur Befestigung von Böschungen und Ufern angepriesen.

Mittlerweile kann man diese Wände vereinzelt auch an Autobahnen beobachten. Ob diese „Ersatzlebensräume“ aus ökologischer Sicht an Bedeutung gewinnen, bleibt abzuwarten.

Dieser neue Mauertyp in Gabionenbauweise wird im Folgenden am Beispiel einer Mauer in Wilkau-Haßlau näher betrachtet. Bei der Verlegung einer Eisenbahnhaltestelle erfolgte der Bau einer etwa 300 Meter langen Stützmauer mit einer Neigung von 80 Grad. Um die Stabilität zu erhöhen, hat die Mauer in etwa drei Metern Höhe einen Absatz mit einer Breite von 30 Zentimetern.

Die Erstbesiedlung begann an Mauerkrone, Mauerabsatz und Mauerfuß.

Auf der Mauerkrone und dem Mauerabsatz kommen Acer pseudoplatanus, Arrhenatherum elatius, Chenopodium album, Crepis tectorum, Echinochloa crus - galli, Epilobium montanum, Hypochoeris radicata, Polygonum arenastrum, Sonchus asper, Sonchus oleraceus, Spergularia rubra und Taraxacum officinale agg. vor.

Am Mauerfuß selbst siedeln Arrhenatherum elatius, Crepis biennis, Fallopia japonica, Geranium sylvaticum, Holcus lanatus, Lathyrus latifolius, Lathyrus pratensis, Plantago lanceolata, Ranunculus acris, Rubus idaeus, Rumex acetosa, Rumex crispus, Rumex obtusifolius, Taraxacum officinale agg., Trifolium repens, Trifolium hybridum und Trifolium pratense. Die Wand wird an einigen wenigen Stellen beschattet von Acer pseudoplatanus und Betula pendula, die bereits eine Höhe von 2 Metern erreichen.

Abb. 3 — Schnitt durch eine Gabionenwand

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: http://de.wikipedia.org/

In den Zwischenräumen der Mauerwand selbst gedeihen bisher nur einzelne Exemplare von Geranium robertianum, Hedera helix und Calystegia sepium.

Das hinter dem Mauerwerk befindliche Substrat wird durch Wasser gelöst und in die Zwischenräume transportiert. Ob sich hier auch Vertreter der Mauerfugengesell-schaften ansiedeln können, bleibt abzuwarten.

3.2.2 Arten der Mauerkronen, Mauerspalten und Mauerfüße

Die untersuchten Mauerabschnitte sind aus Abbildung 4 ersichtlich.

Mauerkronen:

Gesamtartenzahl: 38

Festuca rubra (10,5), Arabidopsis thaliana (7,9), Galium album (7,9), Betula pendula (7,9), Cerastium tomentosum (7,9), Sedum album (7,9), Pilosella officinarum (7,9).

Die Mauerkronen werden verhältnismäßig selten besiedelt, da diese oft mit Zement, teilweise aber auch mit Kalkmörtel versiegelt sind.

Abb. 4 — Mauerkrone, Mauerspalten, Mauerfuß

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Brandes et al. 1998: Die Mauerflora der Stadt Braunschweig. Braunschweiger naturkundliche Schriften 5. H. 3. 629-639. Zeichnung verändert.)

Mauernspalten:

Gesamtartenzahl: 219; Stetigkeit ab 10 Prozent:

Taraxacum officinale agg. (61,2), Asplenium ruta - muraria (58,9), Chelidonium majus (38,8), Cymbalaria muralis (34,7), Geranium robertianum (34,7), Urtica dioica (27,4), Epilobium collinum (26,0), Epilobium montanum (24,2), Dryopteris filix - mas (21,5), Betula pendula (20,1), Sedum spurium (19,6), Cystopteris fragilis (18,3), Poa nemoralis (17,4), Sonchus oleraceus (14,2), Solidago canadensis (13,7), Athyrium filix - femina (12,3), Hedera helix (12,3), Cerastium tomentosum (11,9), Fraxinus excelsior (10,5).

Die Asplenietea-Arten erreichen in den Mauerspalten ihre größte Verbreitung.

Mauerfüße:

Gesamtartenzahl: 166; Stetigkeit ab 10 Prozent:

Taraxacum officinale agg. (34,5), Urtica dioica (16,9), Geranium robertianum (13,3), Dactylis glomerata (12,7), Epilobium montanum (12,7), Lapsana communis (11,4), Geum urbanum (10,2).

3.4 Familienzugehörigkeit

Die 265 Arten lassen sich 62 Familien zuordnen. Den größten Anteil mit 15,1 % erreichen die Asteraceae, es folgen Poaceae und Brassicaceae. Die häufigsten Familien sind in Tabelle 4 aufgeführt.

Tab. 4 — Familienzugehörigkeit

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Weiter folgen:

Scrophulariaceae (3,8), Fabaceae (3,0), Dryopteridaceae (2,6), Polygonaceae, Apiaceae, Onagraceae (jeweils 3,0), Ranunculaceae (1,9), Boraginaceae (1,5), Oleaceae, Chenopodiaceae, Geraniaceae, Caprifoliaceae, Campanulaceae, Betulaceae, Convolvulaceae (jeweils 1,1), Fagaceae, Corylaceae, Dipsacaceae, Ericaceae, Euphorbiaceae, Balsaminaceae, Aspleniaceae, Aceraceae, Rubiaceae, Violaceae, Valerianaceae, Urticaceae, Tiliaceae, Solanaceae, Saxifragaceae, Salicaceae, Vitaceae, Primulaceae, Plantaginaceae, Papaveraceae, Hypericaceae, Oxalidaceae, Juncaceae (jeweils 0,8), Malvaceae, Anacardiaceae, Grossulariaceae, Apocynaceae, Araliaceae, Ulmaceae, Berberidaceae, Cannabaceae, Taxaceae, Pinaceae, Cactaceae, Fumariaceae, Cupressaceae, Celastraceae, Cucurbitaceae, Polemoniaceae, Liliaceae (jeweils 0,4).

3.5 Status

Status und Rote Liste-Arten (Tab. 5) werden jeweils für Sachsen und die BRD ausgewertet.

Betrachtet man den Status der untersuchten Arten, dann nehmen die indigenen Arten (Sachsen: 64,9 %; BRD: 73,2 %) eine dominante Stellung ein. Der Anteil der Neophyten (Sachsen: 13,2 %; BRD: 10,9 %) ist im Vergleich zu Junghans (2005) für den Raum Mannheim-Heidelberg mit 21,7 % relativ gering. Die Archäophyten (Sachsen: 9,8 %; BRD: 7,5 %) sind dagegen geringer vertreten. Die Häufigkeit der Gartenflüchtlinge (Sachsen: 7,2 %; BRD: 4,8 %) erklärt sich durch die enge Verzahnung der Mauern mit deren direkten Umgebung.

Tab. 5 — Status und Rote Liste-Arten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.6 Rote Liste-Arten

Die Rote Liste-Arten (Schulz 1999) bezogen auf Sachsen sind wie folgt vertreten.

Stark gefährdet (2): Gymnocarpium robertianum; Gefährdet (3): Anthemis tinctoria, Asplenium trichomanes, Sedum album; Vorwarnliste (V): Chenopodium rubrum, Geranium sylvaticum, Pilosella caespitosum, Inula conyzae, Origanum vulgare, Poa chaixii, Potentilla neumanniana, Pulmonaria officinalis, Sedum rupestre, Ulmus glabra.

Bundesweit gefährdet sind Taxus baccata und Pilosella caespitosum. Das trifft für T. baccata im Gebiet nur bedingt ( siehe dazu die Ausführungen unter Punkt 3.7) zu.

3.7 Verhalten ausgewählter Arten

Bäume und Sträucher werden wegen ihrer oft zerstörerischen Wirkung auf das Mauerwerk meistens schon im juvenilen Stadium von den Eigentümern entfernt.

Höhere Stetigkeiten (in Prozent) verzeichnen Betula pendula (18,5), Fraxinus excelsior (12,8) und Acer pseudoplatanus (11,7).

Wesentlich seltener sind Rubus idaeus (8,6), Sambucus nigra (6,8), Acer platanoides (5,6), Taxus baccata (5,6), Sambucus racemosa (4,1), Syringa vulgaris (3,0), Ulmus glabra (3,0), Corylus avellana (2,6), Fagus sylvatica (2,3), Mahonia x wagneri (2,3), Ribes uva - crispa (1,9), Lycium barbarum (1,5), Symphoricarpos albus (1,5), Populus tremula (1,1), Quercus robur (1,1), Alnus glutinosa (0,8), Tilia cordata (0,8), Betula pubescens (0,4), Carpinus betulus (0,4), Euonymus europaea (0,4), Pinus sylvestris (0,4), Rhus typhina (0,4) und Tilia platyphyllos (0,4) anzutreffen.

Bemerkenswert ist das Auftreten von Taxus baccata, das sich vor allem auf die Ausbreitung durch Vögel zurückführen lässt. Die Herkunft der Diasporen macht eine sichere Bestimmung dieser Gattung manchmal fraglich, wenn man in Betracht zieht, dass mittlerweile im Handel mehrere Züchtungen und Kreuzungen für den Garten verfügbar sind. Auch der Bastard Taxus × media ist keineswegs dabei auszuschließen (Breitfeld, mündlich).

Durch die Neubearbeitung der Gattung Mahonia können die verwilderten Formen nicht mehr kritiklos als M. aquifolium bezeichnet werden (Breitfeld, mündlich).

Die Determination der an Mauern vorkommenden Mahonien erfolgte durch Breitfeld (Markneukirchen) und Horbach (Bad Berneck), die alle vom Autor gesammelten Belege zu Mahonia x wagneri stellen.

An den untersuchten Mauern siedeln mehrere Farnarten. Eine höhere Stetigkeit erreichen nur Asplenium ruta - muraria (48,9), Dryopteris filix - mas (18,8), Cystopteris fragilis (15,8) und Athyrium filix - femina (10,5). Wesentlich seltener kommt Asplenium trichomanes (1,9) vor. A. trichomanes bevorzugt relativ stickstoffarme Standorte und ist vor allem an metamorphen Ergussgesteinen (z. B. Diabas) zerstreut anzutreffen. Schwerpunkte der Vorkommen in Sachsen sind das Vogtland und die Flusstäler in Mittel- und Ostsachsen. Dabei ist ein Großteil der Funde vermutlich auf Mauerstandorte beschränkt. Vor allem durch Vernichtung von Standorten und der unsachgemäßen Instandsetzung einsturzgefährdeter Mauern ist ein weiterer Rückgang zu erwarten. Die wenigen Vorkommen an den untersuchten Mauern beschränken sich auf die Orte Kirchberg, Weißbach, Wildenau, Wildenfels und Wolkenburg. Gymnocarpium dryopteris (1,9), Dryopteris dilatata (0,8), Dryopteris carthusiana (0,4) dagegen kommen in Sachsen (Hardtke & Ihl 2000) in den Wäldern vor allem im Erzgebirge und der Lausitz recht häufig vor. G ymnocarpium robertianum (0,8) ist in Sachsen vorwiegend an Sekundärstandorten präsent. Im untersuchten Gebiet gibt es noch ein größeres Vorkommen bei Wiesenburg an einer unverfugten, hinter einem dichten Gebüsch verborgenen Kalksteinmauer. Die Kulturpflanzen stammen meist aus benachbarten Gärten. Dabei ist eine Unterscheidung zwischen Ansalbung oder Aussamung nicht möglich. Auffallend oft treten kultivierte Exemplare der Gattung Aquilegia, im folgenden als Aquilegia Cv. (7,5) bezeichnet, an den Mauern auf. Die wenigen Exemplare, die das Blühstadium erreichen, zeigen Farbnuancen von gelb über rot bis blau. Hardtke & Ihl (2000) bemerken zu A. vulgaris: „ wahrscheinlich nur im Vogtland und Elbhügelland einheimisch, sonst Verwilderungen aus Gärten “.

Gutte et al. (2014) führen dazu aus: ... heimisch wohl nur EHL (Elbhügelland), ERO (Osterzgebirge), VGT (Vogtland); verwildert u. z. T. eingebürgert...). Die Anmerkungen in den Klammern sind vom Autor eingefügt.

Die weiteren Arten wie Sedum hybridum (2,6), Phlox subulata (1,9), Cymbalaria pallida (1,5), Sempervivum arachnoideum (1,1), Aubrieta Cv. (0,8), Saxifraga paniculata (0,8), Sempervivum wulfenii (0,8), Arabis alpina ssp. caucasica (0,4), Arabis caucasica (0,4), Aubrieta deltoidea (0,4), Cotoneaster horizontalis (0,4), Forsythia spec. (0,4), Sedum ewersii (0,4), Sempervivum - Hybrid (0,4) und Thuja orientalis (0,4) sind relativ selten zu beobachten und erreichen nur geringe Stetigkeiten. Cymbalaria muralis (32,3), ein eingebürgerter Neophyt und noch oft in Gärten und an Mauern kultiviert, ist erstmals für Sachsen 1770 (Hardtke & Ihl 2000) erwähnt.

In den letzten Jahren wird öfters Cymbalaria pallida in Gartencentern sowie und im Versandhandel angeboten. Das blasse Zimbelkraut konnte erstmals 2007 von Horbach (Breitfeld et al. 2009) an der Friedhofsmauer in Oberlosa bei Plauen entdeckt werden. Der Verfasser fand diese Zierpflanze öfters 2009 bei Kartierungsarbeiten in Hammerunterwiesenthal an mehreren Mauern.

Sedum spurium (19,2), gleichfalls ein eingebürgerter Neophyt (Hardtke & Ihl 2000) seit dem 19. Jahrhundert, verwildert oft und ist vorwiegend an Mauern zu finden.

Ein mit Korkeichenrinde eingeschleppter Neophyt aus Spanien (Thoss 1987), Tanacetum parthenifolium (3,8), ist häufig im Stadtgebiet von Schwarzenberg an Stützmauern und flussabwärts entlang der Zwickauer Mulde vorwiegend an Ufermauern und als Erstbesiedler auf Sukzessionsflächen zu beobachten.

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Titel: Untersuchungen zur Mauerflora in Westsachsen