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Der Begriff Öffentlichkeit. Kontinuität und Wandel

Hausarbeit 2011 16 Seiten

Politik - Grundlagen und Allgemeines

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definition, Begriffsgeschichte und aktuelle Tendenzen

3 Öffentlichkeitsmodelle und der Strukturwandel

4 Ebenen von Öffentlichkeit und das Konstrukt der öffentlichen Meinung

5 Europäische Öffentlichkeit und Öffentlichkeit im Internet

6 Reflexion und Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der Begriff der Öffentlichkeit mag auf den ersten Blick selbsterklärend scheinen. Ein jeder hat eine wage Vorstellung davon, was unter Öffentlichkeit zu verstehen ist; insbesondere in Abgrenzung zur wertgeschätzten Privatsphäre, die sich scheinbar strikt vom öffentlichen Leben abgrenzen lässt und hiervon unberührt bleibt. Hinsichtlich dieser klaren Differenzierung erhält der Begriff Öffentlichkeit eine eher negativ geprägte Konnotation - ein Störfaktor, der den individuellen Menschen und dessen Intimität einschränkt und bedroht. Doch Öffentlichkeit, insbesondere politische Öffentlichkeit, kann auch als eine bedeutsame demokratische Errungenschaft anerkannt werden, die keineswegs so selbstverständlich ist, wie sie heutzutage erscheint. Die Tatsache, dass individuelle Bürgerinnen und Bürger ihre politische Meinung frei und öffentlich kommunizieren dürfen, enthält die positive Eigenschaft, den politischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozess maßgeblich zu beeinflussen. Was in der Speakers’ Corner des Londoner Hyde Parks per Parlamentsbeschluss im Jahre 1872 erstmals mit räumlicher und inhaltlicher Eingrenzung erlaubt wurde, das gilt heute weitestgehend für alle modernen demokratischen Systeme: die öffentliche Aussprache der eigenen Meinung und politischen Ansichten.

Der Begriff der politischen Öffentlichkeit wird in der soziologischen und politischen Forschung seit vielen Jahren behandelt. Diese Referatsausarbeitung befasst sich mit den wesentlichen wissenschaftlichen Erkenntnissen bezüglich der Eigenschaften und des Wandels von Öffentlichkeit. Zu Beginn wird die Entstehung des Öffentlichkeitsbegriffs in ihrem historischen Kontext dargelegt. Hierbei erfolgt ein Definitionsversuch, der die konkrete Ausgangslage für weitere Erkenntnisse bildet. Daraufhin soll diskutiert werden, welches Maß an Öffentlichkeit erwünscht beziehungsweise förderlich ist. Im Folgenden werden verschiedene Modelle von Öffentlichkeit in Hinblick auf ihre jeweilige Funktion dargelegt und der voranschreitende Strukturwandel nach Habermas erläutert. Zudem sollen die verschiedenen Ebenen, auf denen Öffentlichkeit stattfindet, abgebildet werden. Dies soll anhand von Beispielen und der Einbeziehung der Rollenverteilung im öffentlichen Diskurs geschehen. Schließlich soll erörtert werden, was unter öffentlicher Meinung zu verstehen ist und woraus sich diese zusammensetzt. Daraufhin soll das Vorhandensein einer europäischen Öffentlichkeit diskutiert werden. Zum Schluss wird die Bedeutung des noch jungen Mediums Internet für den Öffentlichkeitsbegriff herausgearbeitet und dessen Potential kritisch hinterfragt.

2 Definition, Begriffsgeschichte und aktuelle Tendenzen

Der Begriff des Öffentlichen und der Öffentlichkeit findet seinen Ursprung im deutschen Sprachraum im 18. Jahrhundert. Die Begrifflichkeit stand für all’ jenes, zudem der Allgemeinheit, d.h. den Bürgerinnen und Bürgern, Zugang gewährt sein sollte.1 In Abgrenzung hierzu standen die geheimen staatlichen Abläufe. Mit der Zeit wurden zunehmend mehr staatliche Prozesse und Sachverhalte der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, wie beispielsweise Parlamentstagungen, an denen Bürgerinnen und Bürger als Zuschauer teilnehmen dürfen. Dieser zunehmende Ausdifferenzierungsprozess des Öffentlichen wurde insbesondere von der liberal-bürgerlichen Bewegung des 18. Jahrhunderts angestrebt und vorangetrieben, so dass die absolute Staatlichkeit schrittweise zurückgefahren wurde.2 Innerhalb dieses Prozesses spielte die kontroverse Frage eine Rolle, welche Bereiche einer politischen Gemeinschaft generelle öffentlich Regelung erlauben und welches Maß an privater Handlungsfreiheit dem Staat erhalten bleiben soll. Durch die Ausgestaltung der Gesellschaft zur „modernen Massengesellschaft“ mit ihren sozialen Gruppierungen, wurde dem Begriff der Öffentlichkeit eine sozial-räumliche Bedeutung verliehen.3 Für den Soziologen und Philosophen Jürgen Habermas ist der heutige Öffentlichkeitsbegriff demnach als „ein Netzwerk für die Kommunikation von Inhalten und Stellungnahmen, also von Meinungen“ zu verstehen.4 Eine Definition der politischen Öffentlichkeit knüpft an diese Vorstellung an, denn sie lässt sich als eine „Vielzahl von Kommunikationsforen“ ohne Mitgliedschaft und mit freiem Zugang beschreiben, deren Produkt die öffentliche Meinung ist - hergestellt von individuellen und kollektiven Akteuren.5 Aktuell etabliert sich ein Trend, der das Öffentliche zunehmend privatisiert. Dies geschieht vornehmlich durch medialen Einfluss, der den Betroffenheitsjournalismus und die boulevardisierende Berichterstattung in den Vordergrund drängt und echte, politische Thematiken marginalisiert beziehungsweise ausblendet.6 So werden unter anderem in Polit-Talk Sendungen, wie beispielsweise Anne Will, oftmals Filmausschnitte eingespielt, die stereotypisch wirkende Einzelschicksale auf stark emotionalisierte Weise darstellen. Hierdurch werden die politischen Probleme und Lösungsvorschläge in den Hintergrund gedrängt, während Empathie und Betroffenheit offenbar große Popularität erfahren. Ebenso wird oftmals Neuigkeiten, die Prominente betreffen, große Aufmerksamkeit geschenkt. So wird dem Sexskandal des Profigolfers Tiger Woods beispielsweise größere Aufmerksamkeit gewidmet, als diversen politischen Brennpunkten, die durchaus größere Bedeutung für eine Vielzahl an Bürgerinnen und Bürger haben. Dieser zunehmend kritisierte Trend ist seit den 70er Jahren zu verzeichnen. Er wird in erster Linie durch Radio und Fernsehen gefördert und hat offenbar bisher noch nicht seinen Höhepunkt erreicht. Inzwischen hat sich eine Skandalierungsexpertise herauskristallisiert, die vor allem moralischen Verfehlungen - die der privaten Sphäre entspringen - nachgeht und diese publiziert.7 Der amerikanische Soziologe Richard Sennett beschreibt diese Tendenz zur Privatisierung der Öffentlichkeit als „tyranny of intimacy“ (Tyrannei der Intimität) und sieht in ihr eine Gefahr für den Fortbestand des öffentlichen Lebens, da der Mensch zunehmend an Privatsphäre einbüßt - laut Sennett die Basis für die Teilhabe an der Öffentlichkeit.8 Unabhängig von der aktuellen Entwicklung hin zur Privatisierung der Öffentlichkeit, ist für die Gesellschaft die Durchsichtigkeit und Nachvollziehbarkeit des politischen Handlungssystems und der Ablauf politischer Prozesse von sehr großer Bedeutung. Die Einhaltung dieser Ansprüche an die Öffentlichkeit legitimieren letztlich das demokratische Herrschaftssystem. Daraus ergibt sich eine stark normativ geprägte Betrachtungsweise des Öffentlichkeitsbegriffs, da dieser durch gewisse Erwartungshaltungen und Voraussetzungen demokratischer Gesellschaften bestimmt wird.9

3 Öffentlichkeitsmodelle und der Strukturwandel

Die Öffentlichkeit, als Kommunikationsnetzwerk betrachtet, wirkt durch einen dreigliedrigen Mechanismus bestehend aus Input (Meinungs- und Themensammlung) Throughput (deren Verarbeitung) und Output (deren Weitergabe).10 Diese normative Herangehensweise an den theoretischen Begriff führt zu der Herausstellung dreier zentraler Funktionen der Öffentlichkeit. Die Transparenzfunktion fordert die Offenheit gegenüber allen gesellschaftlichen Mitgliedern und deren Themen, so lange diesen ein Mindestmaß an Relevanz für einzelne gesellschaftliche Gruppen beigemessen werden kann. Die Validierungsfunktion fordert die Leistungsträger beziehungsweise Akteure der Öffentlichkeit dazu auf, thematische Inhalte stets diskursiv zu behandeln, gegebenenfalls die eigene Meinung kritisch zu prüfen und im Zweifelsfall zu revidieren. Die Orientierungsfunktion betrifft die Erzeugung und Akzeptanz dessen, was als öffentliche Meinung angesehen wird von Seiten der Bürgerinnen und Bürger. Ein Einverständnis der Bevölkerung kann darüber erreicht werden, indem die Akteure die thematischen Inhalte ernstnehmen und deren Diskussion gewissenhaft betreiben.11 Abhängig davon, auf welche der drei Funktionen der Schwerpunkt für den normativen Öffentlichkeitsbegriff gelegt wird, lassen sich unterschiedliche Öffentlichkeitsmodelle voneinander unterscheiden. Das systemtheoretische Spiegelmodell nimmt die Öffentlichkeit als Rückprojektion der gesellschaftlichen Ansichten wahr, die es ermöglicht, sich selbst zu beobachten und zu beschreiben. Dies gilt nicht nur für individuelle Beobachter, die sich selbst im öffentlichen Meinungsbild wiederfinden, sondern der Spiegel bietet zudem einen Blick auf konträre Positionen, die beispielsweise von Konkurrenten vertreten werden.12 Für die politischen Akteure mit breitem Publikum spielen diesbezüglich die Medien eine große Rolle, da sie über die mediale Berichterstattung erfahren, welchen Inhalten in der Gesellschaft am meisten Beachtung geschenkt wird. Hieraus ergibt sich wiederum ihr eigenes politisches Handlungsmuster. Dies kann auch in umgekehrter Weise stattfinden, so dass Akteure die mediale Berichterstattung dahingehend nutzen, die Gesellschaft auf gewisse Thematiken vorzubereiten.13

[...]


1 Vgl.Jarren,OttfriedundDongesPatrick(2006): PolitischeKommunikationinder Mediengesellschaft.VSVerlag:Wiesbaden.95.

2 Vgl.ebd.

3 Ebd.

4 Habermas,Jürgen(1992): FaktizitätundGeltung.BeiträgezurDiskurstheoriedesRechtsunddes demokratischenRechtsstaats. SuhrkampVerlag:Frankfurt/Main.436.

5 Gerhards,Jürgen(2002):„Öffentlichkeit.InJarren,Ottfried/Sarcinelli,UlrichundSaxer,Ulrich(Hrsg.): PolitischeKommunikationinderdemokratischenGesellschaft.EinHandbuchmitLexikonteil. Opladen: Wiesbaden.694.

6 Vgl.vonLojewski,Günther(2008):„Betroffenheitsjournalismus2.0”. DieZeit 08.

7 Vgl.Jarren,OttfriedundDongesPatrick(2006):97.

8 Sennett,Richard(1986): VerfallundEndedesöffentlichenLebens.DieTyranneiderIntimität. Fischer: Frankfurt/Main.18.

9 Vgl.Jarren,OttfriedundDongesPatrick(2006):97.

10 Vgl.Neidhardt,Friedhelm(1994):„Öffentlichkeit,öffentlicheMeinung,sozialeBewegung“.In:Neidhardt, Friedhelm(Hrsg.): Öffentlichkeit,öffentlicheMeinung,sozialeBewegungen.(KölnerZeitschriftfürSoziologie undSozialpsychologie,Sonderheft34).VSVerlag:Opladen.8.

11 Vgl.ebd.9.

12 Vgl.Jarren,OttfriedundDongesPatrick(2006):98.

13 Vgl.ebd.99.

Details

Seiten
16
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656420347
ISBN (Buch)
9783656421146
Dateigröße
652 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v213803
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Politikwissenschaften
Note
14
Schlagworte
begriff öffentlichkeit kontinuität wandel

Autor

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