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Struktur und Funktion von Erotik/ Sexualität in Alfred Kubins „Die andere Seite“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 20 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Darstellung der Frauen im Traumreich

3. Sexualität bei den männlichen Protagonisten

4. Religiöse Triebsteuerung

5. Korrelationen zwischen dem Untergang des Traumreichs und der ausufernden Erotik
5.1 Formen der Triebentgleisung
5.2 Die Rolle des Herkules’ Bell

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Darstellung und Funktion von Erotik und Sexualität in Alfred Kubins Roman „Die andere Seite“. Aufgrund des vielfach sexuell konnotierten Räume und Figuren in dem Roman ist es sinnvoll, diesen Aspekt detailliert zu untersuchen, zumal die Ausübung der sexuellen Triebe sich im Verlauf der Erzählung verändert.

Es gibt nur wenig Sekundärliteratur zu diesem Werk. Größtenteils setzen die Texte den Schwerpunkt auf den generellen Aufbau des Traumreiches oder auf biografische Konnotationen des Autors im Roman. Einzig Andreas Geyer geht ausführlicher auf die sexuelle Konnotation bestimmter Passagen ein. Deshalb wird in dieser Hausarbeit der Schwerpunkt auf die Arbeit am Text gesetzt.

Anfangs werden die einzelnen Figuren hinsichtlich ihrer Charakteristika betrachtet. Danach erfolgt eine Beschreibung der religiösen Triebsteuerung. Schließlich wird die ausufernde Erotik in Korrelation mit dem Untergang des Traumreichs untersucht.

2. Die Darstellung der Frauen im Traumreich

Die Frauen in Kubins Roman haben alle ein charakteristisches Merkmal, dass überdeutlich betont wird. Des Weiteren neigen sie zur Hysterie (siehe Kubin 52). Andere mögliche Eigenschaften werden den Frauen im Roman gänzlich abgesprochen. Welche das sind und welche erotische Ausstrahlung die verschiedenen Frauen besitzen, soll nun eingehend betrachtet werden.

Die charakteristischste Eigenschaft der Ehefrau des Erzählers ist ihre „kränkliche Konstitution“[1]. Dieses Merkmal bringt sie schon mit, bevor sie in das Traumreich kommt. Im Traumreich selbst verschlechtert sich ihre körperliche Verfassung immer weiter, bis sie letztendlich stirbt (Kubin 115). Eine erotische Ausstrahlung beschreibt der Erzähler nicht, was merkwürdig ist, da es sich bei dieser Frau um seine Ehefrau handelt. Auch sexuelle Interaktionen zwischen den beiden bleiben aus, bzw. werden nicht beschrieben. Nur an einer Textstelle, wird der Frau eine gewisse weibliche Anziehungskraft bescheinigt, nämlich als sie ihren Ehemann mit ihrer „Sirenenstimme“ (Kubin 40) dazu auffordert mit ihr Traumreich zu gehen. Dabei ist diese Verführerstimme negativ konnotiert, da Sirenen dafür bekannt sind Männer in den sicheren Tod zu führen. Diese Beschreibung passt nicht mit der vorangegangenen Angst seiner Frau vor dem Herrscher des Traumreiches Patera zusammen, denn sie sagt über ihn: „Dieser Mensch gefällt mir nicht. Ich weiß nicht, was es ist, aber er sieht furchtbar aus!“ (Kubin 25). Als sie sein Reich betritt äußert sie den prophetischen Satz: „Nie mehr komme ich da heraus.“ (Kubin 41). Diese Einschätzung Pateras und des Traumreiches erweist sich im Verlauf des Romans als zutreffend, denn sie kann in dem Traumreich nicht überleben. Der Erzähler findet dafür folgende Erklärung: „Mich traf auch etwas die Schuld; sie war eine reale, gesunde Natur, welche in dem Boden dieses gespenstischen Reichs niemals Wurzeln fassen konnte.“ (Kubin 127). Zu einer gesunden Natur gehört auch ein funktionierendes Sexualleben, dass ihr jedoch in der Traumwelt gänzlich abgesprochen wird. Die Ehe kann somit nicht vollzogen werden, was der Erzähler durch die Bezeichnung seiner Frau als „Lebenskameraden“ (Kubin 118) unterstreicht.

Eine weitere häufig erwähnte weibliche Protagonistin ist Melitta Lampenbogen. Ihre negative Entwicklung im Verlauf der Erzählung korreliert mit dem Untergang des Traumreiches. Andreas Geyer betitelt die deshalb als „menschliche[n] Seismographen des Verfalls“.[2] Anfangs wird sie als „Hausfrau, Frau Dr. Lampenbogen“ beschrieben, wobei de Nemis Reaktion auf seine eigene Beschreibung: „Er lachte zynisch und auch die anderen Gäste schmunzelten.“ (Kubin 87) zeigt, dass Melitta nicht so seriös ist, wie man anfangs vermuten könnte. Sie wird auch als „leichtsinnig“ (Kubin 101) beschrieben. Das sich diese Eigenschaft auf ihre Sexualität bezieht, wird im weitern Verlauf der Handlung deutlich. Sie ist zwar mit Herrn Dr. Lampenbogen verheiratet und hat einen „untadeligen, schwebenden Gang“ (Kubin 104), macht aber anderen Männern schöne Augen. Durch ihre herausragende Schönheit fällt ihr das nicht schwer. An mehreren Stellen im Text werden ihre rotbraunen Haare beschrieben (siehe Kubin 123, Kubin 209). Diese Haare sind ihr Alleinstellungsmerkmal, denn bei keinem anderen Bewohner des Traumreiches werden rote Haare beschrieben. Diese könnten als Symbol für die Kunst der Verführung oder auch als Hexenindiz stehen.

Ihre Rebellion gegen die Ehe zeigt sich in ihren Varietéauftritten. Dort entkleidete sie sich und trat als „<<die neue Eva>> auf“ (Kubin 148). Dabei fürchte sie auch die Schande nicht, die ein solches Verhalten bei den anderen Traumleuten hervorrufen könnte, denn sie war „unersättlich in ihren Gelüsten“ (Kubin 148). Sie macht auch dem Amerikaner Avancen (siehe Kubin 149), was dieser aber ablehnt. Des Weiteren verführt sie den Erzähler nach dem Tod seiner Frau (siehe Kubin 123). Ihre Affäre mit Hektor von Brendel ist in Perle bekannt (siehe Kubin 167), darüber hinaus schläft sie auch mit dem ganzen Offizierskorps und wendet sich schließlich auch „den niederen Volksschichten“ (Kubin 176) zu. Laut Peter Cersowsky erfüllt Melitta so die „Rolle der triebfixierten, verderbenbringenden Frau“[3]. Sie hat sogar Sex mit dem stinkenden Anton, einem Mann ohne Ansehen. Zur Verführung der Männer und zur Auslebung ihrer Promiskuität hebt sie auf offener Straße den Rock, was außer neugierige Blicke der Passanten auch Hunde anlockt (siehe Kubin 176). Das hat eine besondere Brisanz, da sie bald darauf in ihrem Schlafzimmer tot aufgefunden wird. Eine kolossale Dogge hatte sie zerfleischt (siehe Kubin 180). Ob sie auch mit dem Tier sexuellen Kontakt hatte, lässt sich nicht genau herauslesen, steht aber im Bereich des Möglichen, Geyer geht davon aus, dass die Erwähnung des Tieres ein Zeichen für Sodomie ist.[4]

Durch die sehr präsente sexuelle Ausstrahlung Melittas ist es nur schwer andere Charakterzüge aus dem Text herauszulesen. Sie scheint sich aber in ihrer eigenen Rolle nicht zu gefallen, denn ihre Augen wirken, als „suchten sie in einem fort etwas“ (Kubin 119). Ihre Seele ist nicht im Gleichgewicht. Sie sucht Anerkennung in der Ausübung und Betonung der eigenen Sexualität. Ihre Augen werden im Text noch zwei weitere Male erwähnt. Einmal sieht die Frau des Erzählers in Melittas Augen Patera (siehe Kubin 104). Diese Verwechslung weist darauf hin, dass Melitta ebenso wie die anderen Bewohner Perles unter Pateras Bann steht und nicht autonom handeln kann. Das eine andere Person durch ihre Augen blicken kann zeigt den völligen Kontrollverlust. Dies gipfelt darin, dass ihr verwester Kopf beschrieben wird, in dessen Augenhöhlen sich Maden tummeln, sodass er belebt aussieht (siehe Kubin 209). Die Auflösung der Person geht demnach sogar über ihren Tod hinaus. Ihre Augen erlangen im Tod etwas Lebendiges, was zu Lebzeiten verloren gegangen ist, denn Pateras Augen scheinen ausdruckslos und ohne Leben (siehe Kubin 108). Die besondere Symbolik der Augen wird später noch näher beschrieben.

Eine weitere interessante weibliche Nebenfigur ist Frau Goldschläger. Sie hat als Einzige im Traumreich neun Kinder (siehe Kubin 100). Ihre äußere Gestalt ist hingegen wenig reizvoll und abgezehrt. Die Sexualität zwischen ihr und ihrem Mann scheint nur zu dem Zweck stattzufinden noch mehr Kinder zu zeugen. Die Frau wird als Gebärmaschine dargestellt, die am Ende vollkommen entkräftet stirbt (siehe Kubin 127).

Der Erzähler beschreibt anhand der neun Kinder dieser Frau, dass allen im Traumreich geborenen Kindern das Nagelglied des linken Daumens fehlt (siehe Kubin 100). Dieses Merkmal weist auch der Herrscher des Traumreiches Patera auf. Inwiefern diese Kinder nun von ihm abstammen lässt sich nicht mit Gewissheit sagen, es spricht aber viel dafür, dass die Kinder in irgendeiner Form mit Patera verbunden sind.

Generell sind Kinder in Perle nicht besonders beliebt. Für die Einwohner stellen Kinder kein erstrebenswertes Lebensziel dar, denn „Durch Kinder wollte man die Nerven nicht weiter ruinieren, die Frauen altern machen.“ (Kubin 53), des weiteren „eigneten sich auch nur die wenigsten Traumleute zu Vätern oder Müttern“ (Kubin 53). Diese Aussage spielt auf die instabile geistige Verfassung vieler Traumleute an. Ein weiteres Indiz dafür, dass Kinder keinen großen Stellenwert im Leben der Traumleute einnehmen ist, dass das Kinderhospital neben dem Kloster liegt, in dem während des Untergangs des Traumreiches Menschen mit Geschlechtskrankheiten stationiert werden (siehe Kubin 172). Die Tatsache, dass eine solche Abteilung am Anfang nicht benötigt wurde – die Menschen demzufolge wenig Geschlechtsverkehr hatten, bzw. wenn dann nicht mit mehreren verschiedenen Personen zeigt, dass das Ende der sexuellen Triebsteuerung mit dem Untergang des Traumreiches zeitlich zusammenfällt. Darauf wird später noch näher eingegangen.

Ein Bevölkerungswachstum ist im Traumreich auf natürlichem Wege kaum möglich. Sollten die gezeugten Kinder wirklich alle von Patera abstammen, dann wäre diese Aufgabe für einen Herrscher auch sicher nicht allein zu bewältigen. Sexualität zum Zweck der Fortpflanzung ist in Perle, mit Ausnahme von Frau Goldschläger kein Thema. Im Umkehrschluss heißt das, dass ausgelebte Sexualität zur Triebbefriedigung dient.

Diesen Aspekt sieht man auch anhand des Etablissements von Madame Adrienne. Sie betreibt im französischen Viertel das bessere der beiden Bordelle. Diesen Ort verlässt sie auch nicht (siehe Kubin 154). Sie ist an diesen Ort gebunden, der am Anfang noch diskret im Hintergrund gehalten wird. Während des Untergangs des Traumreichs ändert sich das jedoch, der Gang ins Bordell wird salonfähig und von der oberen Gesellschaftsschicht regelrecht zelebriert (siehe Kubin 194). Ausgelebte Sexualität ist kein Tabuthema mehr.

Die Frauen in Kubins Roman haben, wie bereits erwähnt alle ein hervorstechendes Merkmal oder einen besonderen Charakterzug, der sie kennzeichnet. Dabei sind die dargestellten Eigenschaften häufig negativ konnotiert. Bei einer der Nebenfiguren wird die Reduzierung auf ein Merkmal noch weiter zugespitzt. Es handelt sich hierbei um Anna, die Haushaltshilfe des Erzählers und seiner Frau. Bei ihr handelt es sich ursprünglich um eine ältere Frau. Innerhalb weniger Tage hat das Ehepaar aber den Verdacht „unter den alten Röcken stecke jetzt eine andere Person; es war nicht mehr die frühere Aufwärterin“ (Kubin 80). Diese Person ist somit vollständig entindividualisiert. Sie ist austauschbar und hat somit keine charakteristische Eigenschaft mehr. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Frauen im Roman mit Ausnahme von Melitta keine ausgeprägte Sexualität erleben. Sie werden auf eine einzige negative Eigenschaft reduziert und können dadurch nicht zu autonom handelnden Persönlichkeiten mit eigenen Wünschen und Bedürfnissen werden.

[...]


[1] Kubin, Alfred: Die andere Seite. Ein phantastischer Roman. Hamburg 2010, S. 22. (Aus Gründen der Lesbarkeit wird im Folgenden der Verweis auf die Primärquelle mit Kubin und der jeweiligen Seitenzahl im Fließtext angegeben.)

[2] Geyer, Andreas: Alfred Kubin. Träumer auf Lebenszeit. Wien 1995, S. 138.

[3] Cersowsky, Peter: Phantastische Literatur im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts. Untersuchungen zum Strukturwandel des Genres, seinen geistesgeschichtlichen Voraussetzungen und zur Tradition der „schwarzen Romantik“ insbesondere bei Gustav Meyrink, Alfred Kubin und Franz Kafka. München 1989, S. 86.

[4] Geyer, Andreas: Alfred Kubin. Träumer auf Lebenszeit. Wien 1995, S. 142.

Details

Seiten
20
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656426707
ISBN (Buch)
9783656434481
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v214380
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
2,3
Schlagworte
struktur funktion erotik/ sexualität alfred kubins seite

Autor

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