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Einflüsse der Poetik auf Schillers "Wallenstein"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 22 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Tragodientheoretische Aspekte
2.1 Schillers Verstandnis vor der Poetik-Lekture
2.2 Tragodienmerkmale in der Poetik

3. Einfluss der Poetik auf Schillers Wallenstein
3.1 Handeln - zwischen Handlung und Charakteren
3.1.1 Verknupfung der Geschehnisse Peripetie und die Verkennung
3.1.2Mythos- Auslosemoment, Orakel,Liebe
3.2 Die tragische Wirkung - Dramatische Elemente und epischer Anteil

4. Zusammenfassung und weitere Aspekte

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wahrend Schillers historischer Beschaftigung, dem Dozieren in Universalgeschichte, der Abhandlung der Geschichte des Dreifiigjahrigen Kriegs kommt ihm der Wallenstein-Stoff unter. Es wird einige Jahre dauern bis er die Arbeit an der Tragodie aufnimmt. Er beschaftigt sich zuvor theoretisch mit der Tragodie, indem er dem Vergnugen am Tragischen naherzukommen versucht und das erhabene Gefuhl, das die Tragodie erzeugen kann, untersucht. Diese Beschaftigungen und sein bisheriges Werk lassen ihn fur den Wallenstein resumieren: „Mit einem Wort, es ist fast alles abgeschnitten, wodurch ich diesem Stoffe nach meiner gewohnten Art beikommen konnteu1 Er beginnt dennoch die Arbeit, die nicht so recht glucken will - aus verschiedensten Grunden. Es ist ein Brief von Goethe, der ihn auf die Poetik des Aristoteles hinweist. Welche Einflusse die intensive Lekture auf den Wallenstein hatte, soll in der Arbeit beleuchtet werden.

Dazu sollen zunachst die aristotelischen „Empfehlungen“ dargestellt und Schillers Positionierung dazu skizziert werden. Den grofieren Teil wird die Untersuchung des Wallensteins auf die Hauptmerkmale darstellen. Interessant sind diese Einflusse auch vor dem Hintergrund der lessingschen Aristoteles-Rezeption, ebenso vor dem Eingestandnis Schillers, seine vorherige Lesart beruhe auf einem Missverstandnis.

Es wird sich auch zeigen, dass es Schiller so gelingt, den unpoetisch historischen Stoff des Wallensteins zu einer Tragodie, die Jammer und Schaudern erzeugt, „zu veredeln“. Welche aristotelischen Hinweise im Speziellen dafur bedeutend werden, welche Schwierigkeiten diese in der Aktualisierung fur ein „modernes“ Drama hinsichtlich Stoff und Handlung/ Mythos verursachten, sollen in der Arbeit aufgezeigt werden.1 2

2. Tragodientheoretische Aspekte

2.1 Schillers Verstandnis vor derPoetik-Lekture

Die aristotelische Beschreibung der Tragodie wurde im Laufe der Rezeptionsgeschichte verschieden verstanden - abhangig von den jeweiligen Paradigmen ihrer Zeit. Lag noch vor dem goetheschen und schillerschen Verstandnis der Schwerpunkt auf einer moralischen Lauterung (sichtbar v. a. in Lessings Asthetik), so stimmen Goethe und Schiller in der Phase ihrer Aristotelesrezeption 1797 uberein, dass diese Rezeption auf einem Missverstandnis beruhe.3 So zeigt sich auch - noch weniger Jahre vor der intensiveren Auseinandersetzung mit der Poetik - in Schillers Abhandlungen Uber die tragische Kunst (und Vergnugen an tragischen Gegenstanden) ein an die Auffassungen des 18. Jahrhundert, speziell an die lessingsche Tragodien-Formel, nach der diese ein Gedicht sei, welches Mitleid erregt, angelegtes Verstandnis: ,,Wenn der Zweck der Tragodie ist, den mitleidigen Affekt zu erregen, ihre Form aber das Mittel ist, durch welches sie diesen Zweck erreicht, so muss Nachahmung einer ruhrenden Handlung der Inbegriff aller Bedingungen sein, unter welchen der mitleidige Affekt am starksten erregt wird.“4

Die Tragodie wird also hauptsachlich in einem Spannungsfeld zwischen Katharsis und Leidenschaften verstanden, jedoch nicht mehr derart stark als moralische Verbesserung des Menschen qua Mitleid-Schulung, sondern als ,,Disposition zur Moralitat“, um dem „Freiheits“- und „Spiel“-Aspekt besser gerecht zu werden und dem moralischen Zweckcharakter zu entgehen.5 Danach liege es in der Eigenart der Tragodie (bspw. durch die unmittelbare Darstellung des Stoffes im Gegenwartigen, also durch handelnde, wortliche Rede etc.5), indem sie auf unsere sinnlich-vernunftige Doppelnatur trifft, gemischte Gefuhle resp. das tragische Vergnugen zu bewirken, das sich durch das Leiden abheben und sich seiner vernunftigen Uberlegenheit versichern kann. Dennoch bleibt auch diese Bestimmung dem Gebiet der Moral verhaftet. Schiller entwickelt die Bestimmung weiter, indem er dieses erhabene Moment im Leiden des Mitleidens immer starker akzentuiert und in den Schriften Vom Erhabenen oder Uber das Pathetische vollends aufgibt zugunsten des nun zentralen Begriffs der Furcht.

Damit ist eine Asthetik entwickelt, die innerhalb der Poetik-Rezeption weiter modifiziert wird und weg vom Charakterdrama zum Handlungsdrama fuhrt. Schiller honoriert die Bereicherung, indem er statuiert: „Indessen bin ich sehr froh, dass ich ihn nicht fruher gelesen: ich hatte mich um ein grofies Vergnugen, und um alle Vorteile gebracht, die er mirjetzt leistet“6 und ,,Mich hat er mit meinem Wallenstein keineswegs unzufrieden gemacht“7. Wie weitreichend sich die Einflusse auswirken, soll nach einer Skizzierung der aristotelischen Tragodienmerkmale betrachtet werden.

2.2 Tragodienmerkmale in derPoetik

Interessanterweise liefert Aristoteles gleich am Anfang des 6. Kapitels eine Art Definition, die derart kompakt ist, dass aus ihr alles weitere expliziert werden kann, die jedoch - wie oben erwahnt - in sehr verschiedenen Interpretationen zeitigte, abhangig von hermeneutischen Paradigmen, die einschlagig in der Ubersetzung8 wurden.

,,Die Tragodie ist Nachahmung einer guten und in sich geschlossenen Handlung von bestimmter Grofie, in anziehend geformter Sprache, wobei diese formenden Mittel in den einzelnen Abschnitten je verschieden angewandt werden - Nachahmung von Handelnden und nicht durch Bericht, die Jammer und Schaudern hervorruft und hierdurch eine Reinigung von derartigen Erregungszustanden bewirkt.“9 Fur Lessing waren offensichtlich Jammer und Schaudern resp. Mitleid und Furcht und die Reinigung, d. h. die Wirkung der Handlung von dominantem Interesse. Anzunehmen ist, dass er den problematischen Genitiv (ton toiouton pathematon katharsin) in eine Richtung interpretiert hat, die Katharsis nicht als Aufhebung des durch die Handlung entstandenen Mitleids und der Furcht verstehen lasst, sondern eher als allgemeine moralische Reinigung durch das Mitleid zum Verstarken des Mitleids und der Verbesserung der Moralitat. Wie oben angedeutet ruckt Schiller davon ab, indem er von einem Wirkzusammenhang bis in die Lebensfuhrung der Rezipienten absieht und Furcht/ Schaudern resp. Mitleid/ Jammer starker als Funktionsmechanismen im Sinne einer Rezeptionspsychologie, die das Interesse, die Spannung oder allgemein das Vergnugen am tragischen Spiel in den Blick nimmt, versteht.

Kernpunkt der Definition ist die Mimesis der Handlung, die - wie Aristoteles weiter expliziert - durch Charaktere, Sprache, Erkenntnisfahigkeit, Inszenierung und Melodik gestaltet wird. Sprache und Melodik sind dabei die Mittel, mit denen nachgeahmt wird, die Inszenierung wird als die Art, wie nachgeahmt wird und Handlung (Mythos), Charaktere und Erkenntnisfahigkeit sind die Gegenstande der der Mimesis. Besonderer Stellenwert innerhalb dieser Gegenstande kommt der Handlung zu, denn es ,,konnte ohne Handlung keine Tragodie zustandekommen, wohl aber ohne Charaktere.“10 Dieser Punkt ist nicht zu unterschatzen und Aristoteles macht ihn sehr deutlich: ,,Denn die Tragodie ist nicht Nachahmung von Menschen, sondern von Handlungen und von Lebenswirklichkeit. (Auch Gluck und Ungluck beruhen auf Handlung, und das Lebensziel ist eine Art Handlung, keine bestimmte Beschaffenheit. Die Menschen haben wegen ihres Charakters eine bestimmte Beschaffenheit, und infolge ihrer Handlungen sind sie glucklich oder nicht.) Folglich handeln die Personen nicht, um die Charaktere nachzuahmen, sondern um der Handlungen willen beziehen sie Charaktere ein.u11 (Diese Einsicht wird - wie noch gezeigt werden muss - fur Schillers dramatisches Werk von grofier Bedeutung sein.) Aus der Handlung muss sich also alles entwickeln; sie soll geschlossen sein und eine bestimmte Grofie aufweisen, damit sie nicht zu klein, handlungsarm etc., aber auch nicht zu grofi, unuberschaubar ist.11 Die bekannte Einheit von Ort (gewahrleistet durch Teichoskopie), Zeit (moglichst innerhalb eines Tages) und Handlung ist damit angesprochen. Die Handlung ist dann geschlossen, wenn sie Notwendigkeit enthalt, d. h., wenn Anfang, Mitte und Ende ein richtiges Folgeverhaltnis aufweisen; die Begebenheiten sind demnach folgerichtig zu verknupfen. Die gute oder ernste Handlung der Tragodie schlagt bekanntermafien vom Gluck ins Ungluck um. Diese Peripetie entstehtjedoch nicht durch eine moralische Verfehlung, sondern durch ein Verkennen, Fehlgehen oder Irren: ,,So bleibt der Held ubrig, der zwischen den genannten Moglichkeiten steht. Dies ist bei jemandem der Fall, der nicht trotz seiner sittlichen Grofie und seines hervorragenden Gerechtigkeitsstreben, aber auch nicht wegen seiner Schlechtigkeit und Gemeinheit einen Umschlag ins Ungluck erlebt, sondern wegen eines Fehlers - bei einem von denen, die grofies Ansehen und Gluck geniefien.“12 Die Peripetie folgt somit auch nicht aus den Charakteren, sondern aus der Handlung resp. dem Handeln aus Unwissenheit. „Daher schliefit das Gedankengefuge der Poetik die moderne charakterpsychologische Motivation der tragischen Handlung, fur die vor allem Lessing eintritt, im Grande aus und lasst schon gar nicht die Moglichkeit zu, die tragische Handlung im Sinne des Gedankens von Schuld und Suhne mit einer ursprunglichen moralischen Verfehlung zu verrechnen.“13 Der Held erkennt also den Fehler resp. die Unkenntnis, was Aristoteles als Wiedererkennen (am besten durch Schlussfolgerung oder durch die Geschehnisse selbst als ,,Uberraschung aus dem Wahrscheinlichem“) beschreibt. Aus dem Ungluck14 und dem Wiedererkennen resultiert sodann Jammer und Schaudern. Die Charaktere, die tuchtig sein sollen und ,,grofies Ansehen und Gluck geniefien“, schmucken die Handlung und geben ihr individuelle Zuge. Sie sollen durch ihre Worte und Handlungen bestimmte Neigungen darstellen. Nur kann aus dem Charakter kein Jammer und Schaudern folgen. Vielmehr mussen die Charaktere die Notwendigkeit und Folgen der Handlung tragen: ,,Man muss auch bei den Charakteren - wie bei der Zusammenfugung der Geschehnisse - stets auf die Notwendigkeit oder Wahrscheinlichkeit bedacht sein, d. h. darauf, dass es notwendig oder wahrscheinlich ist, dass eine derartige Person derartiges sagt oder tut, und dass das eine mit Notwendigkeit oder Wahrscheinlichkeit auf das andere folgt.“15 Sowohl Mittel als auch Modus der Tragodie werden ebenfalls der Handlung untergeordnet und konnen seine Wirkung unterstutzen; die Sprache naturlich dadurch, dass sie im Gegensatz zum Epos nicht berichtet, sondern in wortlicher Rede handelt (eine Zwischenstellung nimmt sicherlich die Teichoskopie ein). Des Weiteren konnen diese Mittel variiert werden, durch verschiedene Versmafie, abwechslungsreiche und unbekannte Rede, Bilderreichtum wie Metaphern etc., erganzt durch Melodie und Rhythmus.

[...]


1 Oellers, Norbert (Hrsg.): Briefe II. 1795-1805, Bd. 12, In: Dann, Otto u. Heinz G. Ingenkamp [u.a.] (Hrsg.): Friedrich Schiller. Werke und Briefe in zwolfBanden. Frankfurt a. M: Klassiker-Verl. 2002,

2 246, An Korner, 28.11.1796.

3 Vgl. Briefe II (wie Anm. 1),S. 277, An Goethe, 5.5.1797: ,,Uberhaupt finde ich, nachdem ich diese Poetik nun selbst gelesen, wie ungeheuer man ihn missverstanden hat.“

4 Riedel, Wolfgang: Erzahlungen. Theoretische Schriften., Bd. 5, In: Alt, Peter-Andre u. Albert Meier [u.a.] (Hrsg.): Friedrich Schiller. Samtliche Werke in 5 Banden. Auf d. Grundl. d. Textedition v. Herbert G. Gopfert, Munchen: dtv 2004, S. 392f.: Uber die tragische Kunst.

5 Vgl. Reinhardt, Hartmut: Schillers 'Wallenstein' und Aristoteles. In: Martini, Fritz u. Walter Muller- Seidel [u.a.]: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft: internationales Organ fur neuere deutsche Literatur, Bd. 20, Tubingen: Kroner 1976, S. 297.

6 Vgl. Erzahlungen. Theoretische Schriften (wie Anm. 3), S. 388-392; dort sindmehrere Merkmale (formal, inhaltlich und die Wirkung betreffend) aufgezahlt.

7 Briefe II (wie Anm. 1), S. 275, AnGoethe, 5.5.1797.

8 Ebd., S. 283, An Korner (3.6.97).

9 Die Ubersetzung, die Schiller von Goethe erhielt, wurde nach Forschungsmeinung von Curtius angefertigt.

10 Fuhrmann, Manfred (Hrsg.): Aristoteles. Poetik. Griechisch/Deutsch, Ubers. v. M. Fuhrmann, [Nachdr.], bibliogr. erg. Ausg. 1994, Stuttgart: Reclam 2002. S.19, Kapitel 6.

11 Ebd., S. 21, Kapitel 6.

12 Ebd.

13 Ebd., S.39, Kapitel 13.

14 Reinhardt (wie Anm. 4), S. 310.

15,,Es sindja diese Gegebenheiten, auf Grund deren wir auch den Handlungen eine bestimmte Beschaffenheit zuschreiben, und infolge der Handlungen haben alle Menschen Gluck oder Ungluck.“ (Poetik [wie Anm. 9], S. 19, Kapitel 6).

Details

Seiten
22
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656429814
ISBN (Buch)
9783656434887
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v214593
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Philosophische Fakultät II, Germanistisches Institut, Literaturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
einflüsse poetik schillers wallenstein

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