Lade Inhalt...

Vergleich von Samjatins "Wir" zu Orwells "1984"

Seminararbeit 2000 14 Seiten

Russistik / Slavistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hauptteil
2.1 Ziel / Ideologie
2.2 Lebensbedingungen
2.3 Medien und Propaganda
2.4 Überwachung / Kontrolle
2.5 Soziale Kontakte und Bindungen
2.6 Sprache

3 Fazit / Schlußteil

4 Literatur

1 Einleitung

Es hat viele Zweifel darüber gegeben, inwieweit Zamjatins Dystopie Wir George Or-well beim Schreiben seines Werkes 1984 beeinflußt hat. Daß Orwell sich jedoch von Zamjatin inspirieren ließ, ist sicher: ,,Orwell acknowledged two books as influences in the writing of 1984: Jack London's prediction of an anti-proletarian or fascist dictator-ship The Iron Heel, and Zamyatin's We." [1]

Da sich beide Romane nicht so sehr auf die technische Weiterentwicklung als viel-mehr auf psychologische Fragen konzentrieren, möchte ich im folgenden versuchen herauszustellen, wie der jeweilige Staat seine EinwohnerInnen unter Kontrolle hält und diese Methoden auch im Hinblick auf eine mögliche (Weiter-) Entwicklung von Zamjatins Idee durch Orwell miteinander vergleichen.

2 Hauptteil

2.1 Ziel / Ideologie

Beide Werke beschreiben einen totalitären Staat, der eine Schreckensherrschaft aus-übt. Unterschiedlich sind allerdings die Zielsetzungen dieser Staaten: In Wir soll ein Staat geschaffen werden, in dem alle Einwohner glücklich sind. Durch die Weiterent-wicklung der Naturwissenschaften mit ihrer unanfechtbaren Logik wird der Mensch auf seine rationale Seite reduziert, Gefühle, alles mathematisch-naturwissenschaft-lich nicht Berechenbare als unzivilisiert abgelehnt. ,,Liebe und Hunger regieren die Welt" (Samjatin, Wir, S. 23); diese Erkenntnis macht denjenigen, der beide bezwingt, zum absoluten Herrscher. Der Hunger wurde durch den 200jährigen Krieg (Naphta-Nahrung), die Liebe durch das ,,Lex sexualis" besiegt, welches sie zu einer ,,harmoni-schen, angenehm-nützlichen Funktion" (Samjatin, Wir, S. 25) macht.

Beim Aufbau des Staates wird davon ausgegangen, daß man zwischen Freiheit und Glück wählen muss, da jedes das jeweils andere ausschließt. Der Einzige Staat hat in logischer Konsequenz für seine Einwohner die Wahl für das Glück und damit ge-gen die Freiheit getroffen. Seine BewohnerInnen werden in ,,das segensreiche Joch der Vernunft" (Samjatin, Wir, S. 5) gezwungen. Alles ist eindeutig durch Gesetze ge-regelt, geplant und genormt (um Kinder bekommen zu dürfen, müssen die Nummern z. B. ebenfalls die Vater- bzw. Mutternorm erfüllen), nichts wird dem Zufall überlas-sen. Jede Nummer ist ein Rädchen im großen Getriebe der Staatsmaschine; daher wird eine absolute Gleichheit angestrebt.

Sogar die ethischen und moralischen Fragen wurden mathematisiert: Das ,,Ich" in der einen Waagschale hat dem ,,Wir" in der anderen Waagschale gegenüber offensicht-lich kein Gewicht und damit auch keinerlei Rechte. Da Freiheit zu Alkohol, Zigaretten und jeglicher Art von ungesundem Lebenswandel führt und in den Augen dieses Staates langsamen Selbstmord darstellt und damit die Summe aller Menschenleben erheblich verringert, muß der Einzelne zum Wohle des Staates in logischer Konse-quenz auf diese Freiheit verzichten.

In 1984 dahingegen wird das Ziel der Partei offiziell vor den Einwohnern verheimlicht: Das einzige Ziel ist pure Macht. Orwell sah dies als logisch-konsequente Weiterent-wicklung der schon zu seinen Lebzeiten herrschenden Verherrlichung der Macht an sich an (,,worship of power"): ,,Die beiden Ziele der Partei sind, die ganze Erdoberflä-che zu erobern und ein für allemal die Möglichkeit unabhängigen Denkens auszutil-gen" (Orwell, 1984, S. 178).

Die Erreichung dieser Ziele hieße, territorial, mental und sozial uneingeschränkte Macht zu besitzen. Die offizielle Begründung der Partei für ihre Handlungen lautet der in Zamjatins Werk angeführten verblüffend ähnlich: ,,Daß die Menschheit die Wahl hatte zwischen Freiheit oder Glück, und daß - für die große Masse der Men-schen - Glück besser war" (Orwell, 1984, S. 241).

Um das Ausmaß an Macht, das sie schon besitzt, zu erhalten und nach Möglichkeit auszubauen, ist der Partei jedes Mittel recht. Sie kontrolliert Gedanken und Gedächt-nis der Einwohner und damit die Wirklichkeit (inklusive der Geschichte) und die Mate-rie. Die Bestätigung dieser Macht findet die Partei im Leid der Menschen; weiterhin wird sie durch den künstlich niedrig gehaltenen Lebensstandard gesichert, da die Sorge um das Alltägliche das Denken der Menschen einnimmt.

Ein weiteres wichtiges Merkmal ist das völlige Fehlen von Gesetzen. Wo Gesetze fehlen, kann alles und nichts zur Verhaftung führen, für die sich der Staat, welcher selbst keinem Gesetz unterliegt, in keiner Weise rechtfertigen muß. In gewisser Wei-se wird der Staat dadurch, wie auch durch die Kontrolle der Wirklichkeit, unfehlbar.

Sehr deutlich wird der Unterschied in der Ideologie beider Staaten durch die jeweils erwähnte Gleichung 2+2: Der Einzige Staat, der sich ausschließlich auf die Naturwis-senschaften beruft, löst diese eindeutig mit 4; Orwells Partei hingegen verlangt von ihren Mitgliedern die Akzeptanz von 3, 4 oder 5 als Lösung, je nachdem, welche Ver-sion der Wirklichkeit der Staat gerade vertritt.

In beiden Romanen ist der vom Staat angestrebte ideale Einwohner einem Men-schen kaum noch ähnlich. Bei Zamjatin geschieht dies durch die konsequente Kon-zentration auf die Vernunft des Menschen. Die Gefahr, die er sieht, ist die Vergötte-rung der Wissenschaft. Bei Orwell ist es die Vergötterung der Macht und die der Sinnentleerung des Lebens, die er als Gefahr ansieht. Da die Gefahren, auf die bei-de Autoren hinweisen wollen, zwar ähnliche Auswirkungen haben, sich aber grundle-gend unterscheiden, kann Orwell hier bei der Schaffung seines Werkes nicht auf Zamjatin zurückgegriffen haben.

2.2 Lebensbedingungen

Die Lebensbedingungen in den beiden Staaten stellen zwei gegensätzliche Extreme dar. Bei Zamjatin gibt es: ,,Sicherheit, Komfort, Stabilität - nach herkömmlichen Be-griffen das Glück. Dafür verzichteten die Einwohner des Staates auf die Freiheit zu denken"[2].

[...]


[1] Christopher Small: The Road To Miniluv: George Orwell, the State, and God. Pittsburgh: 1975. S. 174

[2] Gabriele Leech-Anspach: Evgenij Zamjatin: Häretiker im Namen des Menschen. Wiesbaden: 1976. S. 84.

Details

Seiten
14
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638250818
ISBN (Buch)
9783638759441
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v21467
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Russistik
Note
1
Schlagworte
Vergleich Samjatins Orwells Proseminar Russische Science Fiction

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Vergleich von Samjatins "Wir" zu Orwells "1984"